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Neuere Geschichte

M. Biloa Onana: Der Sklavenaufstand von Haiti

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Katja Naumann <knaumannuni-leipzig.de>

Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums geschichte.transnational. geschichte-transnational.clio-online.net/

Autor(en):
Titel:Der Sklavenaufstand von Haiti. Ethnische Differenz und Geschlecht in der Literatur des 19. Jahrhunderts
Reihe:, Große Reihe Literatur-Kultur-Geschlecht, Studien zur Literatur- und Kulturgeschichte 53
Ort:Köln
Verlag:Böhlau Verlag Köln
Jahr:
ISBN:978-3-412-20453-2
Umfang/Preis:224 S.; € 32,90

Rezensiert für geschichte.transnational und H-Soz-u-Kult von:
Johanna Abel, Universität Potsdam
E-Mail: <johanna.abeluni-potsdam.de>

Mit dem „Sklavenaufstand von Haiti“ liegt nun ein längst fälliger Beitrag zu einer postkolonialen Germanistik vor. Aus der Perspektive der kulturwissenschaftlich orientierten Literaturwissenschaft beleuchtet die Monographie den Prozess der Haitianischen Revolution (1791-1804). Dabei verfolgt die Germanistin Marie Biloa Onana in ihrer Dissertation einen ausdrücklich komparatistischen Ansatz der Literaturgeschichte. Sie nimmt Deutungsmuster und Erzählstrategien der Literaturen Frankreichs, Deutschlands und Haitis zusammen in den Blick.

Die Schrift speist sich ein in eine Flut von Veröffentlichungen zur vorher kaum wahrgenommenen Rolle der Haitianischen Revolution seit dem 200jährigen Jahrestag der Unabhängigkeit der ersten postkolonialen Republik der westlichen Hemisphäre 2004. Die plötzliche Hinwendung der britischen und US-amerikanischen historischen Forschung zu diesem verleugneten Aspekt der transatlantischen Moderne [1] hatte unlängst sogar zur Ausrufung eines Haitian Turn geführt.[2] Dieses erste deutschsprachige Werk zum Thema eröffnet neue fachliche Anknüpfungsmöglichkeiten an den jüngsten Paradigmenwechsel in den aktuellen Debatten der Geschichts-, Kultur- und Literaturwissenschaften.

Nachdem in der Einleitung und im zweiten Kapitel der historische Kontext von Kolonialismus, Sklaverei und Aufklärung erläutert wurde, folgen drei Analyse-Kapitel, die nationalstaatlich unterteilt die Deutungsmuster des „undenkbaren Ereignisses“ in Frankreich, in der deutschen Erzählliteratur und aus haitianischer Sicht einer postkolonial ausgerichteten Hermeneutik unterziehen.

Die Nachwehen einer Verlustgeschichte: Der Block zu Frankreich behandelt die Darstellung der Haitianischen Revolution in der Geschichtsschreibung und der fiktionalen Literatur. Zum ersten Themenkomplex werden in drei Genres (historischer Abhandlung, Autobiographie und Verteidigungsschrift) mindestens fünf frankozentrische Deutungsmuster überzeugend voneinander unterschieden. Das erste vorgeschlagene Deutungsmuster reproduziert Haiti als Katastrophen- und Untergangsszenario nach der vergangenen ‚goldenen Zeit‘ der Insel (S. 53). Das zweite Deutungsmuster operiert ebenfalls mit einem Vorher/Nachher-Kontrast. Es bildet die haitianische Revolution als Verlustgeschichte des Mutterlandes ab, deren Übel jedoch durch eine Wiedergutmachungspolitik Frankreichs repariert werden könne, durch die Haiti ihm als Kolonie erhalten bleibe (S. 53). Ein drittes Deutungsmuster ist das der externen Urheber (S. 59). Mit ihm versuchen die verschiedenen Autoren die inneren politischen Kräfte der Insel zu ignorieren und die Verantwortung auf Verschwörungen ihrer jeweiligen Hauptfeinde abzuwälzen. Ein viertes Deutungsmuster legt das Hauptaugenmerk auf die politischen Anführer der Revolution als Karrieristen. Es stellt Toussaint L’Ouverture, Henri Christophe und Dessalines als Opportunisten dar (S. 57), welchen weniger an Befreiung als an persönlichem Machtgewinn gelegen gewesen sei. Während diese vier Deutungsvarianten als negative Darstellungen der Revolution aufgefasst werden können, schlägt sich das fünfte von Biloa aufgezeigte Deutungsmuster auf die Seite einer positiven Bilanz. Durch seinen Filter betrachtet wird Haiti zum utopischen Ort, auf den die eigenen, in Europa unrealisierbaren Ideale projiziert werden. Diese vereinzelten Gegenstimmen zum Angstgespenst Haiti [3] stellen den Triumph von Menschenrechten in den Mittelpunkt, der hier außerhalb Frankreichs Wirklichkeit zu werden schien (S. 61).

Narzissmus in deutschen Landen: Der zweite Analyse-Block zur deutschen Literatur weist im Groben ähnliche Interpretationszüge auf. Er unterscheidet sich aber durch eine Außenperspektive ohne direkten Kolonialbesitz in der Region. Diese bringt eine anders gelagerte Semantik des Kolonialismus mit sich. Haiti wird „in den Kontext der politischen Revolutionsdebatte allgemein gestellt“ und als „gesamteuropäisches Passepartout-Thema“ behandelt (S. 149, 199). Dabei richtet sich die Aufmerksamkeit weniger auf das Partikulare der Beseitigung des Kolonial- und Sklavereisystems auf der Antilleninsel, sondern auf „Formen der Ungerechtigkeit und Unterdrückung im eigenen Land“ (S. 160). Zwei Haupttendenzen lassen sich in der literarischen Darstellung der haitianischen Revolution in der Goethezeit ausmachen. Erstens wird die Haitianische Revolution nicht nur als historisches sondern auch als exotisches Ereignis abgebildet, in dem eine gezielte Überbetonung des Bizarren und Fremden im Mittelpunkt steht. Zweitens findet eine Verschiebung auf die Gewaltfrage statt. Die vorherrschende Darstellungsstrategie besteht in der Ausschlachtung der Gewaltexzesse und etabliert Haiti im weißen kollektiven Gedächtnis als Ort des Grauens. Die Schwarzen Aufständischen werden darin als Inbild des Bösen fixiert. Biloa deutet an, dass die stereotype Verhandlung Haitis mit zur späteren Afrikapolitik des Kaiserreichs beigetragen haben könnte (S. 199). Zusammenfassend schlägt sie drei Lesarten für die Darstellungen der vier deutschen Autor/innen vor: Der Sklavenaufstand werde erstens als Bestandteil eines Emanzipationsprogramms der Aufklärung bewertet und sei insofern nur über die Vermittlung europäischer Bildungsideale zustande gekommen. Zweitens werde der Schauplatz des historischen Haiti als Mittel zum Zwecke einer literarischen Mehrwertgewinnung in Werken eingesetzt, um Katastrophenatmosphären von Liebe, Misstrauen und Verrat dramaturgisch zu nähren. Und schließlich liegt als Variante des Kolonialdiskurses auch die facettenreiche Abbildung der sozialen Ursachen und politischen Folgen der Revolution im Stile eines ethnografischen Quasi-Realismus vor.

Haitianische Autoethnografie: Im dritten nationalliterarischen Block geht es um Darstellungsweisen in der haitianischen Literatur des 19. Jahrhunderts. Die Analyse beschränkt sich wie im Kapitel zur französischen Fiktionalliteratur auf den Debütroman Victor Hugos auch hier auf nur ein Werk. Dabei handelt es sich um Bergeauds Stella von 1859, der als der erste Roman der Literaturgeschichte Haitis gilt. Biloa macht die Bedeutung des Gegenentwurfs der Revolution aus der antillianischen Innenperspektive sehr deutlich. Sie liefert eine ergiebige Tiefeninterpretation der Um- und Neuschreibung der haitianischen Revolutionserzählung mit den genuinen Mitteln der Allegorie. Umso mehr dürstet es den Lesenden nach weiteren Beispielen der haitianischen Selbstdarstellung. Die Werke anderer haitianischer Autoren wie Bauvais Lespinasse mit seinem Theaterstück Le Chevalier de Mauduit (1836) und Ignace Nau mit Isalina ou une scène créole (1836) böten ergänzende Entwürfe zur ambivalenten Selbstaneignung der haitianischen Geschichte.

„Interpretationskampf“ um Haiti (S. 149): Bemerkenswert ist Biloa Onanas engagiert postkolonialer Ansatz. Gerade in der germanistischen Binnenanalyse gewinnen die üblichen Einschätzungen an Schärfe und kosmopolitischer Bedeutung. Durch ihre Anknüpfung einiger Klassiker der postkolonialen Theorie, wie u.a. Fanon, Bhaba, Said, Memmi, Todorov und Coronil zu europäischen Alteritätskonstruktionen, an deutsche Literaten_innen des Biedermeier wird die historisch-ökonomische und kulturelle Verflechtungsgeschichte der deutschen Kolonialimagination sichtbarer als zuvor. Diese außergewöhnliche Leistung kann auch durch einzelne Kritikpunkte nicht geschmälert werden.

Der progressive Ansatz, den Wissenstransfer zur Fiktionalisierung der Haitianischen Revolution von drei verschiedenen Polen aus zu betrachten, lässt eine transnationale Literaturgeschichtsschreibung erwarten. Die Monographie öffnet sich methodisch jedoch noch nicht ganz einer histoire croisée.
Obwohl der Frankreich-Block national gewählt ist, funktionieren die in ihm untersuchten Schriften nur transnational und zentrumsquerend. Sie dienen nicht allein den Interessen Frankreichs, sondern sind Produkt einer dynamischen Kooperation kolonialer Einflusssphären. Dies zeigt sich in der Textauswahl beispielsweise an der zuerst sehr erfolgreich auf Englisch erschienenen Reisebriefsammlung „Voyages à Saint-Domingue“ (London 1797) von F.A.S. Wimpffen (S. 4, 54) und an der vom britischen Pflanzer auf Jamaika, Bryan Edwards, verfassten und ins französische übersetzten Abhandlung „L’histoire de Saint-Domingue“ (1802), die zu den „meistgelesenen und meinungsbildenden Texten“ in Frankreich gehörte (S. 5, 56). Aus einem Verständnis der Multirelationalität und des interkolonialem Austauschs in der Karibik heraus betrachtet,[4] hätten kleinere Inkohärenzen wie diese in der Bewertung europäischer Kolonialinteressen gar nicht auf dieser Publikation lasten müssen.

Darüber hinaus wirft der Titel der Arbeit Fragen auf. Durch die Wortwahl „Sklavenaufstand“ anstatt „Revolution“ wird den einschneidenden von Haiti ausgehenden Veränderungen mit weltweiter Wirkungsgeschichte der Status der Revolution abgeschrieben.[5] Sollte dies eine Verlagsentscheidung sein, wird damit indirekt das Schweigen zu Haiti [6] weiter transportiert.
Die gerade aus historiographischer Perspektive auffällige begriffliche Unschärfe des Geschehens wird auch durch die Autorin im Laufe der Arbeit nicht ausgeräumt und oszilliert zwischen den als Synonymen gebrauchten Revolution, Sklavenaufstand, Ereignis und Aktionen.

Auch für Gattungstheoretiker/innen einer hegemoniekritischen Literaturwissenschaft liest sich Biloas Terminologie zuweilen diffus. Ohne distanznehmende Referenz auf die Begriffsgeschichte führt sie die fiktionale Literatur zur Sklavereithematik mit dem deutschen Begriff „Negersklavenwerke“ synonym zu_ littérature négrophile_ ein (S. 8, 97). Diese ständig frequentierte Begrifflichkeit überrascht, denn andererseits findet Biloa auch analytisch exaktere und weniger Kolonialrassismus perpetuierende Begriffe wie „fiktionale Antisklaverei-Literatur“ (S. 154), „abolitionistische“ Literatur und „Narrative zum Sklavenaufstand von Saint-Domingue“ (S. 161). Die Beibehaltung einer traditionell unreflektierten literaturwissenschaftlichen Metasprache stellt sich im Angesicht ihres entkolonialisierenden Ansatzes teilweise als kontraproduktiv heraus.

Nichtsdestotrotz bleibt die empathische Arbeit zu diesem umkämpften Themengebiet ein solider literaturgeschichtlicher Beitrag, der mit ausführlichen und detailreichen Textinterpretationen vergessener oder missachteter Werke und Momenten subtilen Humors punkten kann. Zur weiteren Erschließung wertvoller Textkorpora ist Biloas grundsätzliche Erarbeitung von Inhalt und Figuren in all ihrer Komplexität ein schon lange notwendiger Schritt auf dem Weg zu einer differenzierten deutschsprachigen Auseinandersetzung mit dem für den Westen hochtraumatischen Ereignis der Haitianischen Revolution.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Sibylle Fischer, Modernity Disavowed. Haiti and the Cultures of Slavery in the Age of Revolution, Durham 2004.
[2] Vgl. Chris Bongie, Friends and Enemies. The Scribal Politics of Post/Colonial Literature, Liverpool 2008; Fischer, Modernity Disavowed.
[3] Vgl. hierzu Consuelo Naranjo Orovio, Los rostros del miedo: el rumor de Haití en Cuba (siglo XIX), in: Ottmar Ette / Gesine Müller (Hrsg.), Caleidoscopios coloniales. Transferencias culturales en el Caribe del Siglo XIX/Kaléidoscopes coloniaux. Transfers culturels dans les Caraïbes au XIXe siècle, Frankfurt am Main 2010, S. 283-304.
[4] So kürzlich vorgeschlagen von Gesine Müller, Die koloniale Karibik. Transferprozesse in hispanophonen und frankophonen Literaturen, Berlin 2012, S. 4f.
[5] Biloa Onana betitelte ihre Promotion an anderer Stelle mit „Die haitianische Revolution und die Sklavenfrage in der deutschen, französischen und haitianischen Literatur des 19. Jahrhunderts: eine postkoloniale Analyse“, siehe <www.culture.hu-berlin.de/hb/node/26> (02.08.2012).
[6] Vgl. Michel-Rolph Trouillot, Silencing the Past. Power and the Production of History, Boston 1995; Fischer, Modernity Disavowed.

ZitierweiseJohanna Abel: Rezension zu: Biloa Onana, Marie: Der Sklavenaufstand von Haiti. Ethnische Differenz und Geschlecht in der Literatur des 19. Jahrhunderts. Köln 2010, in: H-Soz-u-Kult, 30.11.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=13474>.

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