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Neuere Geschichte

S. Conrad: Deutsche Kolonialgeschichte

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Katja Naumann <knaumannuni-leipzig.de>

Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums geschichte.transnational. geschichte-transnational.clio-online.net/

Autor(en):
Titel:Deutsche Kolonialgeschichte
Reihe:Beck Wissen
Ort:München
Verlag:C.H. Beck Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-406-56248-8
Umfang/Preis:128 S.; € 7,90

Rezensiert für geschichte.transnational und H-Soz-Kult von:
Silke Hensel, Historisches Seminar, Westfälische Wilhelms-Universität Münster
E-Mail: <shenseluni-muenster.de>

“Kolonialgeschichte hat Konjunktur”, so steht es im Klappentext des Buches. Dieser Trend schlug sich bereits in der Veröffentlichung einiger Überblickswerke [1] nieder, und es stellt sich die Frage, ob eine weitere Einführung nötig ist. Um es vorwegzunehmen: die hier zu besprechende Darstellung stellt eine willkommene Ergänzung dar. Sie zeichnet sich durch eine reflektierte und differenziert argumentierende Beleuchtung der Thematik aus der Perspektive neuerer theoretischer Ansätze der postcolonial studies aus und geht damit über die allein auf die deutsche Kolonialgeschichte bezogenen Aspekte hinaus.

Nach einem Überblick über die bisherige Forschung und einer Reflektion über die zentrale Begrifflichkeit des Kolonialismus behandelt Conrad die Entwicklung des deutschen Kolonialreiches, wobei er sich erfreulicherweise nicht mit der Frage nach den Bismarckschen Motiven für einen Umschwung seiner Haltung zur kolonialen Expansion aufhält, sondern stattdessen auf Kontinuitäten verweist. Neben den Faktoren und Motivlagen, die zur Expansion führten, behandelt Conrad hier knapp jede einzelne Kolonie (im zeitgenössischen Sprachgebrauch „Schutzgebiet“) und nimmt eine Periodisierung der deutschen Kolonialpolitik vor. Drei Phasen macht Conrad aus. Eine als Vorgeschichte gekennzeichnete Phase verweist darauf, dass Missionare, Geographen und einzelne Unternehmer (die „men on the spot“) mit ihren Aktivitäten die formelle Inbesitznahme vorbereiteten. Die zweite und dritte Phase umfassen die Zeit der formalen Herrschaft, wobei die administrative Neuordnung mit der Gründung des Reichskolonialamtes 1907 aus der Sicht des Autors einen hinreichenden Wandel bewirkte, um eine neue, dritte Phase einzuleiten.

Es folgt ein Kapitel zum kolonialen Staat, der eine eigene politische Form darstellte und sich vor allem durch die geringe bürokratische Durchdringung und mangelnde Legitimität der Kolonien auszeichnete. Und wenn man sich zu fragen beginnt, wie dann überhaupt Kolonien aufrechterhalten werden konnten, erläutert Conrad das dritte wichtige Merkmal des kolonialen Staates: seine Gewaltmäßigkeit. Der Widerstand der einheimischen Bevölkerungen gegen die deutsche Herrschaft und seine brutale Niederschlagung sind Zeugnis davon, dass die Kolonien ohne die Androhung und Ausübung von Gewalt keinen Bestand gehabt hätten.

Ein Hauptinteresse deutscher Kolonialpolitiker und Kolonisten bestand in der wirtschaftlichen Ausbeutung der Kolonien. Conrad unterscheidet drei Modelle der kolonialen Ökonomien: In Kamerun entstand eine Plantagenökonomie, die auf Monokulturen für den Export setzte. Dafür waren tiefe Eingriffe in die vormaligen Besitzverhältnisse notwendig und es kam zur massenhaften Zwangsrekrutierung von Arbeitskräften. Eine andere Form der landwirtschaftlichen Großbetriebe stellten die Farmen der deutschen Siedler in Südwest-Afrika dar. Ein drittes Modell der wirtschaftlichen Ausbeutung setzte auf den Handel. Zwar konnten Einzelne Gewinne aus diesen Unternehmungen erzielen, insgesamt erfüllten sich die Hoffnungen auf große wirtschaftliche Vorteile für Deutschland jedoch nicht.

Die kolonialen Gesellschaften waren geprägt von einer Spannung zwischen dem Differenzdenken einerseits, das sich vor allem in der Unterscheidung zwischen den vermeintlich einer höher stehenden „Rasse“ angehörigen Kolonialherren und den als „Naturvölker“ wahrgenommenen Afrikanern niederschlug. Andererseits spielte eine kulturmissionarische Ideologie, demzufolge die Afrikaner auf eine höhere Stufe der Zivilisation zu heben seien, eine wichtige Rolle. Koloniale Herrschaft stützte sich auf eine Politik der Differenz, in der die Lebenswelten von Deutschen Kolonialherren und den Kolonisierten getrennt bestehen sollten. Conrad meint hier einen Unterschied zu früheren Kolonialismen auszumachen, wenn er seit dem späten 18. Jahrhundert eine striktere Trennung zwischen Kolonisierern und Kolonisierten sieht. Dies bliebe allerdings angesichts der von ihm selbst dargestellten Konflikte, die sich um so genannte Mischehen zwischen Deutschen und Afrikanerinnen drehten, zu überprüfen. Eine Folge der kolonialen Politik der Differenz ergab sich aus der Einteilung der afrikanischen Bevölkerungsgruppen in feste Einheiten. So trugen die Kolonisierer zur Entstehung essenzialisierter ethnischer Gruppen bei, die z.B. in Ruanda 1994 eine Ursache des Völkermordes an den Tutsi darstellte. Dem Postulat einer strikten Trennung von Kolonisierern und Kolonisierten standen die von Missionaren unternommenen Bemühungen um die „Hebung“ der einheimischen Bevölkerungen gegenüber. Neben den religiösen Aktivitäten spielten hier die Missionsschulen eine wichtige Rolle.

Im letzten Drittel des Buches befasst Conrad sich mit den Rückwirkungen der kolonialen Expansion auf die deutsche Gesellschaft. Die Generierung von Wissen über die außereuropäischen Länder war nicht nur eine Voraussetzung ihrer Beherrschung, sondern gleichzeitig Produkt des kolonialen Kontextes. Einige Wissenschaften entstanden in engem Zusammenhang mit der kolonialen Expansion. Am offensichtlichsten ist dies bei der Ethnologie, aber auch die Geographie war eng verknüpft mit dem kolonialen Projekt. Zudem nutzten Wissenschaftler, wie etwa der Bakteriologe Robert Koch die Möglichkeiten, in den Kolonien groß angelegte Versuche an Menschen vorzunehmen, die in Deutschland verboten waren. Neben der Frage, ob die Kolonien als „Laboratorien der Moderne“ dienten, diskutiert Conrad eine weitere These der postcolonial studies, die von der „Kolonisierung der Imagination“ ausgeht. Weiterhin beleuchtet er jüngere Kontroversen im Hinblick auf die Bedeutung der Kolonialzeit für die weitere deutsche Geschichte. Es geht dabei einerseits um die Frage, inwieweit die deutsche Expansion gen Osten als Fortführung der kolonialen Überseeexpansion gesehen werden kann. Andererseits greift er die These vom Völkermord an den Herero als Vorgeschichte des Holocaust auf. Schließlich bindet der Autor die deutsche Kolonialgeschichte im engeren Sinne in einen breiteren globalgeschichtlichen Kontext und geht kurz auf die Erinnerung an die deutsche Herrschaft in Übersee ein.

Conrad verweist zwar mehrfach auf die Heterogenität derjenigen Bevölkerungen und Gesellschaften, die von den Deutschen kolonisiert wurden. Gegenüber der Darstellung zur deutschen Seite bleiben sie jedoch relativ blass und als Akteure treten Nicht-Deutsche fast ausschließlich dann auf, wenn sie sich gewaltsam gegen die deutschen Herrschaftsansprüche wehrten. Dann aber bleiben sie undifferenzierte Masse. Die Perspektive der postcolonial studies, europäische Geschichte und Kolonialgeschichte nicht als getrennte Entitäten zu betrachten, benennt der Autor zwar als eine der innovativsten Anregungen dieser Richtung (S. 86). Allerdings bleibt die Seite der Kolonisierten stark in Andeutungen und kurzen Bemerkungen verhaftet, wenn beispielsweise darauf verwiesen wird, dass sie mit dem im kolonialen Kontext produzierten Wissen durchaus kreativ umzugehen vermochten. Hier fehlen konkrete Beispiele.

Insofern spiegelt die Darstellung neben der Konjunktur der deutschen Kolonialgeschichte einen weiteren Trend in der deutschen Geschichtswissenschaft wider. Nachdem lange Zeit der Primat der Innenpolitik den historischen Blick beschränkte, wird neuerdings zwar angesichts der in aller Munde geführten Globalisierung auch von einem größeren Teil der mit Deutschland befassten Historikerzunft die Notwendigkeit einer transnationalen Perspektive anerkannt. Diese Perspektive beschränkt sich allerdings häufig darauf, nach den Einflüssen auf die deutsche Gesellschaft zu fragen. Dass ein Verständnis der Globalisierungsprozesse auch ein Verständnis außereuropäischer Gesellschaften ganz unabhängig von einer etwaigen Verbindung mit Deutschland oder Europa erfordert, ist hingegen noch weniger anerkannt. Das allerdings ist nicht dem vorliegenden Buch anzulasten, das wie gesagt eine gelungene, auf hohem Niveau aber trotzdem verständlich und gut lesbar geschriebene Einführung ist.

Anmerkung:
[1] Vgl. Horst Gründer, Geschichte der deutschen Kolonien, 5. Aufl., München 2005; Winfried Speitkamp, Deutsche Kolonialgeschichte, Stuttgart 2005.

ZitierweiseSilke Hensel: Rezension zu: Conrad, Sebastian: Deutsche Kolonialgeschichte. München 2008, in: H-Soz-Kult, 14.02.2009, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=11478>.

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