M. Clauss: Athanasius der Große

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Titel
Athanasius der Große. Der unbeugsame Heilige


Autor(en)
Clauss, Manfred
Reihe
Historische Biographie
Erschienen
Anzahl Seiten
256 S.
Preis
€ 29,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Peter Gemeinhardt, Theologische Fakultät, Lehrstuhl für Kirchengeschichte, Universität Göttingen

Der Titel des vorliegenden Bandes lässt aufmerken: Ein Althistoriker nennt seinen Protagonisten einen „Großen“, ja „unbeugsamen Heiligen“. Als dieser gilt Athanasius von Alexandrien (ca. 295/300–373) in der christlichen Tradition. Aber wie passt das zu der – laut Klappentext – „ersten modernen Biographie“ dieses Bischofs?
Wie „unbeugsam“ zu verstehen ist, macht Clauss sogleich deutlich: Man könne „das Verhalten während seiner 45-jährigen Amtszeit auch konsequent nennen, oder stur“; er habe sich selbst stets „als einsamen, rechtgläubigen Fels in einem Meer von häretischen Arianern“ gesehen (S. 7). Entsprechend liegt der Schwerpunkt auf Athanasius‘ Rolle im „arianischen Streit“, in der theologischen und kirchenpolitischen Auseinandersetzung über die Frage, wie Gott zugleich einer und drei sein könne und ob man zwischen Vater, Sohn und Geist, um eine Trias von Göttern zu vermeiden, nicht eine Unterordnung annehmen müsse. Dieser Streit wurde um 320 n.Chr. durch den Presbyter Arius in Alexandrien ausgelöst, und Athanasius, seit 328 Bischof der ägyptischen Metropole, bezeichnete alle Gegner als „Arianer“, unabhängig davon, ob diese selbst auf Arius Bezug nahmen – was sie in aller Regel nicht taten. Während die jüngere Forschung dazu tendiert, von „Homöern“ zu sprechen1, behält Clauss die Rede von „Arianern“ bei, um Athanasius‘ polemische Sicht deutlich zu machen (S. 8, 166, 208). Das ist sinnvoll, wo er dessen eigene Sicht schildert, bisweilen gerät „arianisch“ aber auch zum deskriptiven Begriff (S. 141f. mit S. 241 Anm. 70). Clauss sieht das „Lebenswerk des Athanasius“ in seinem Kampf „gegen die Anhänger des Arius“ und definiert diesen als „das zentrale Thema seiner Biographie“ (S. 12).

Der Band umfasst 14 Kapitel, von denen die ersten drei einführender Natur sind, die nächsten zehn Athanasius‘ Amtszeit (328–373) nachzeichnen – über die Zeit vor der Bischofsweihe zu schreiben ist „ein leider etwas unergiebiges Unterfangen“ (S. 55) – und das letzte in knappen Strichen das „Nachleben“ schildert, allerdings kaum über die Spätantike hinaus reicht. Zwei Karten, Zeittafel, Verzeichnisse von Abkürzungen, Quellen und Literatur sowie Register runden den Band ab. Die Anmerkungen sind als Endnoten gedruckt, was das Nachschlagen mühsam macht. Dem Buch sind mehrere Abbildungen beigegeben, die jedoch nur vereinzelt erläutert werden.

Clauss führt in diesem Band aus, was er 2010 unter dem Titel „Der Kaiser und sein wahrer Gott“ skizziert hatte: Dieses Buch handelte „von intellektuellen Disputen, vor allem aber von Macht, von handfesten Auseinandersetzungen, von Prügeleien bis hin zu Mord und Totschlag“, und in jeden Streit vom 4. bis zum 6. Jahrhundert „war früher oder später mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit der Bischof von Alexandria verwickelt.“2 Nun heißt es, Athanasius sei „ein Muster für bischöfliche Arroganz, für die Unfähigkeit zum Kompromiss, Vertreter einer christlichen Gruppe, den man durchaus als Fundamentalisten bezeichnen kann“ (S. 223). Zwar vermerkt Clauss verschiedentlich, dass andere Beteiligte im Streit um die Trinität ähnlich agierten, aber Athanasius überragte sie durch „seine unbeirrbare Überzeugung, das Richtige zu tun“, die ihn „zum Bewahrer des Glaubens und damit zum Helden der Orthodoxie“ machte (S. 225). Dass es „beiden Seiten nicht nur um Rechthaberei, sondern um das Seelenheil“ ging (S. 28), geht bisweilen in den Schilderungen von Athanasius‘ impertinentem Auftreten unter. Clauss misst Athanasius nur moderate theologische Kompetenz bei und sieht im Beharren auf dem Nizänum das „ceterum censeo“ seiner späten Jahre (S. 39). Die Darstellung der Theologie des Athanasius (S. 170–192) erfolgt en bloc und wirkt, als sei sie mit Konflikten um Glaubensformeln, Synoden und Bischofsämter kaum verbunden.

Athanasius war in seiner gesamten Amtszeit, beginnend mit seiner Bischofswahl, umstritten; ob man „Feinde zu haben“ als „ein allgemein christliches Phänomen“ (S. 62) ansehen kann, sei dahin gestellt. Clauss beschreibt anschaulich, wie es zu fünf Exilierungen kommen konnte und dass sich Athanasius kaiserlichen und synodalen Absetzungsurteilen zum Trotz (S. 98 und öfter) und unter Ignoranz der in Alexandrien installierten Bischöfe stets als Amtsinhaber ansah (S. 82, 87). Diese Geschichte von einem unparteiischen Standpunkt aus zu schreiben ist anerkanntermaßen schwierig, weil auf Athanasius‘ Schriften wiederum die spätantiken Kirchengeschichtswerke beruhen; dass er die von ihm referierten Dokumente „sicher auch manipuliert hat“ (S. 74; vgl. S. 81), wäre im Detail zu diskutieren. Letztlich bleibt auch Clauss nichts anderes übrig, als der Athanasius‘ Darstellung des „Propagandakrieg[s]“ (S. 99) zu vertrauen. Im Jahr 356 sollte Athanasius verhaftet werden; ihm gelang die Flucht, seine Anhänger waren jedoch Repressalien ausgesetzt, was Clauss zu einer Kritik an seiner fehlenden Martyriumsbereitschaft bringt: „Nur einem herzlosen heutigen Historiker drängt sich da die Frage auf, weshalb sich Athanasius nicht stellte, um seine Gemeindeglieder vor solchem Unrecht zu bewahren. Er wäre ins Exil geschickt worden, wenn auch sicherlich nicht mehr in den Luxus der Weltstadt Rom.“ (S. 143) Richtig ist, dass Athanasius „sich selbst als Märtyrer sah“ (S. 151) – dass man dafür ein Blut-Zeuge sein musste, bestritt er freilich (S. 154–156), und tatsächlich war dies eine der vielen offenen Fragen des 4. Jahrhunderts.3

Die Konzentration auf den „arianischen Streit“ führt dazu, dass andere Themen in den Hintergrund treten: Von Athanasius‘ Osterfestbriefen ist meist nur die Rede, wo sie für diesen Konflikt relevant sind (zum Beispiel S. 87f.). Auch das Mönchtum begegnet vor allem unter der Fragestellung, wie der Bischof seine hierarchische Gewalt auch über Mönche etablieren konnte (S. 123–127 sowie 196f. zum Brief an Dracontius); zur Vita Antonii wird unkommentiert Harnack zitiert, dem zufolge dieser Text „die Hauptschuld an dem Einzug der Dämonen, Mirakel u(nd) alles Spukes in die Kirche“ trage (zitiert nach S. 124), was nicht dem heutigen Stand der Forschung, jedoch Clauss‘ Athanasius-Bild entspricht. Athanasius‘ Briefe an Jungfrauen spielen ebenfalls keine Rolle.

So informativ, pointiert und thesenfreudig das vorliegende Buch ist, so einseitig ist es in anderer Hinsicht. Man mag diskutieren, ob über eine Person, von der jegliche Ego-Dokumente wie (persönliche) Briefe fehlen, überhaupt eine Biographie geschrieben werden kann; die meines Erachtens derzeit beste Gesamtdarstellung von David Gwynn[4] ist hier zurückhaltender. Die „Unbeugsamkeit“ des Bischofs macht Clauss deutlich; eine Antwort auf die Frage, warum Athanasius der Nachwelt in Ost und West so rasch als „der Große“ und als „Heiliger“ galt, bleibt der Autor freilich schuldig.

Anmerkungen:
1 Vgl. Hanns Christof Brennecke, „Arianismus“. Inszenierungen eines Konstrukts, Erlangen 2014.
2 Manfred Clauss, Der Kaiser und sein wahrer Gott. Der spätantike Streit um die Natur Christi, Darmstadt 2010, S. 10 und S. 95. Wörtlich begegnet Athanasius als „politisch skrupellos agierender politischer Kopf“ (aaO., S. 53; Clauss, Athanasius, S. 50). Manche Passagen (aaO., S. 65f., S. 72f.) sind identisch mit Clauss, Der Kaiser, 5S. 2–55.
3 Vgl. Peter Gemeinhardt, ‚Vita Antonii‘ oder ‚Passio Antonii‘? Biographisches Genre und martyrologische Topik in der ersten Asketenvita, in: ders., Die Kirche und ihre Heiligen, Tübingen 2014, S. 327–360.

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