S. Weigel (Hrsg.): Märtyrer-Porträts

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Titel
Märtyrer-Porträts. Von Opfertod, Blutzeugen und heiligen Kriegern


Herausgeber
Weigel, Sigrid
Erschienen
Paderborn 2007: Wilhelm Fink Verlag
Anzahl Seiten
319 S., 91 Abb.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sabine Schrader, Institut für Romanistik, Technische Universität Dresden

„Lebensziel: Märtyrer – Erfahrung: keine“ betitelte die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ im Januar 2008 einen Artikel über potentielle Selbstmordattentäter im Irak.1 So fragwürdig der Titel anmuten mag, so interessant ist die Nachricht: Den US-Amerikanern war ein elektronisches Archiv mit einem Namensverzeichnis inklusive Kurzbiographien von über 600 Menschen in die Hände gefallen, die in den Irak gekommen waren, um dort den ğihād gegen die Ungläubigen weiterzuführen – auch als Selbstmordattentäter. Sigrid Weigel, die Direktorin des Berliner Zentrums für Literatur- und Kulturforschung, nimmt den 11. September 2001 und damit den Beginn einer neuen Konjunktur von Selbstmordattentaten zum Anlass, um „Schauplätze, Figuren, Umformungen“, „Kontinuitäten und Unterscheidungen von Märtyrerkulturen“ einer kulturwissenschaftlichen Analyse zu unterziehen (S. 11-38). Für Weigel sind die heiligen Kämpfer des Islams „Wiedergänger“ der abendländischen, christlichen Geschichte (S. 11), in der Märtyrerfigurationen aber ebenfalls längst nicht ausgestorben sind, wie es zahlreiche Porträts in diesem Band unter Beweis stellen. Die Idee zu dem Sammelband ist klug; Weigel reagiert auf ein Forschungsdefizit, sind doch bislang die Arbeiten zum Märtyrer theologisch2 oder in den letzten Jahren vor allem politisch motiviert gewesen – letzteres mit einer deutlichen Fokussierung auf den Islam.3 Es ist Weigels Verdienst, dass sie den Begriff des Märtyrers im Sinne eines ‚Opfers/Todes für’ aus der zeitlichen und räumlichen Alterität herausgeholt hat.

In 8 kurzen Essays und 52 noch kürzeren Porträts werden Märtyrerfigurationen vom Judentum über das Christentum und den Islam bis hin zur Psychoanalyse und Performancekunst aufgezeigt. Die Essays leiten jeweils die thematisch gegliederten Kapitel ein, in denen die Porträts erfasst werden: „Präfigurationen und Urszenen“, „Agon, Forum, Rituale – der Schauplatz des Martyriums“, „Heilige Krieger“, „Sakrale Topographien und Lieux de mémoire“, „Die Kunst des Märtyrers – Pathosformeln“, „Liebes-Opfer und der Eros der Märtyrerin“, „Todesarten“, „Opfer des Wissens und des Fortschritts“ sowie „Kollektive und ihre Opfer“. Die Essays und Porträts enden in der Regel mit weiterführender Literatur, und am Ende des Buchs findet man darüber hinaus eine gut sortierte Auswahlbibliografie. Über 90 Schwarz-Weiß-Abbildungen in leider nicht immer überzeugender Qualität ergänzen die Texte.

Weigel beleuchtet in der Einleitung die Geschichte und Funktion des Märtyrers – mit einem Schwerpunkt auf der christlich-abendländischen Tradition, in der Märtyrer zunächst Zeugen der Passion Christi und deren Deutung als Sühneopfer waren (S. 12). In der spätantiken Christenverfolgung wurden sie zu Opfern für das, was sie bezeugten. Erst mit den Kreuzzügen resultierte der Märtyrertod auch aus dem Kampf der Soldaten Christi. Bis dahin war der christliche Märtyrer eine Figur des Erleidens, während er im Islam vorrangig eine des Kampfes war. In Anlehnung an Walter Benjamins Aufsatz „Kritik der Gewalt“ (1921) hebt Weigel die Rolle des Märtyrers als Widerpart des Souveräns hervor. Anders als im agon (Wettkampf), dem der tragische Held zum Opfer fällt, setzt der Märtyrertod ungleiche Kräfte voraus. Er „verwandelt das Erleiden [...] in einen Tod, dem dabei ein höherer Sinn verliehen wird“ und der den Status eines Bekenntnisses gewinnt (S. 14). Er kann dabei zum Medium „kultureller Serienproduktion“ avancieren, indem über die mediale Vervielfältigung des Märtyrertodes der Einzelne im Nachhinein erhöht und daraufhin zum Vorbild werden kann. So dient das Martyrium oftmals auch als ein „kulturelles Deutungsmuster“ (S. 15), um dem individuellen oder kollektiven Tod im kollektiven Gedächtnis eine Bedeutung zu verleihen.

Da in den drei großen monotheistischen Religionen (Christentum, Judentum, Islam) die Märtyrerkultur eine zentrale Rolle einnimmt, kann diese zu einem Schlüssel des transkulturellen Vergleichs werden, der Erkenntnisse über die Verteilung von Macht, über das Verhältnis von Religion und Politik, über Konzepte von Subjekt und Gesellschaft liefert. Andererseits kann es nicht darum gehen, einen Archetyp herauszukristallisieren, und so bedarf es der sensiblen Analyse, um Unterschiede und Ähnlichkeiten beschreiben zu können. Folgerichtig betont Weigel in ihrer Einleitung, dass die Kulturwissenschaften vor der Aufgabe stehen, die Mechanismen sowie die Funktionen der Märtyrerverehrungen und deren Verbreitung kritisch aufzuarbeiten.

Die Essays und Porträts zeigen die Facetten der Märtyrerfiguration und bringen in ihrer Vielfalt äußerst spannende, manchmal vertraute, oft aber auch überraschende Aspekte zu Tage. Die Texte sind in den meisten Fällen gut geschrieben, so dass der Band tatsächlich zur vergleichenden und vertiefenden Lektüre einlädt. Man erfährt zum Beispiel einiges über Wafa Idris – die erste Frau, die 2002 ein Selbstmordattentat ausgeführt hat –, über Charlotte Stieglitz’ „Sterben für die Literatur“, über Nikolaj Ostrovskijs sozialistischen Märtyrerhelden in „Wie der Stahl gehärtet wurde“ (1934), über die japanischen Kamikazeflieger als „Wiedergänger der Samurai“, über die Figur des Märtyrer-Regisseurs, mit der Pier Paolo Pasolini 1970 versuchte, die Freiheit des Autorenkinos zu verteidigen, und über die Inszenierung als Märtyrer des sich im Hungerstreik befindenden RAF-Angehörigen Holger Meins. Die Leser/innen gewinnen Einblicke in das Martyrium von Al-Husain als Gründungsereignis der shī‘a, in die Darstellung des Heiligen Georgs, des Kults um Sebastian und in den Tod Lucretias als Gründungsopfer für Rom.

Auch wenn Weigel das Spektrum der Beiträge auf diejenigen Phänomene beschränkt wissen will, die in der Überlieferung als Märtyrer wahrgenommen wurden (S. 23), scheinen manche Porträts etwas zu bemüht in das Märtyrermodell eingepasst zu werden. So bleibt zum Beispiel offen, ob die Performance „Balcan Baroque“ (1997) von Marina Abramović, mit der die Künstlerin während der Biennale in Venedig an den Krieg in Jugoslawien erinnerte, indem sie auf einem Berg blutiger (Rinder-)Knochen saß, klagende Lieder sang und das Blut von den Knochen schrubbte, tatsächlich ein Martyrium in Szene setzte – oder vielleicht doch (nur) sehr beklemmend den Krieg. Aber gerade an diesem Beispiel zeigt sich, wie schwierig es sein kann, die Grenzen des Märtyrerkults klar zu ziehen.

Das breit angelegte Buch birgt auch ein konzeptionelles Problem in sich: Trotz der zahlreichen interessanten Artikel haben die Leser/innen es mit einer bunten Sammlung von Einzelphänomen zu tun. Die Einleitung ist zwar sehr anregend, aber zu knapp, um eine wirkliche Synthese zu bieten; das gleiche gilt für die Essays, die den einzelnen Kapiteln vorangeschickt werden. Stellenweise ist es fraglich, warum ihrem Gegenstand mehr Platz eingeräumt wurde als einem der Porträts, denn nicht immer bieten sie einen Überblick oder wirken schwergewichtiger als die anderen Darstellungen. Es ist sicher auch der Kürze der Texte geschuldet, dass viele der Beiträger/innen in ihrer Analyse vor allem werkimmanent vorgehen. So wünscht man sich einen Nachfolgeband (vielleicht auch in Form einer Monographie), der die vielen Ideen und Ansätze miteinander zu verbinden vermag.

Anmerkungen:
1 Rüb, Matthias, Lebensziel: Märtyrer – Erfahrung: keine, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.1.2008, online unter URL: <http://www.faz.net/s/RubDDBDABB9457A437BAA85A49C26FB23A0/Doc~E73F1046003274ACA9F3BE08115A6361A~
ATpl~Ecommon~Scontent.html> (10.4.2008).
2 Erwähnt sei hier die Märtyrersammlung der katholischen Kirche: Moll, Helmut (Hrsg.), Zeugen für Christus. Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts, 2 Bde., Paderborn 1999, 4., vermehrte und aktualisierte Aufl. 2006.
3 Vgl. beispielsweise Croitoru, Joseph, Der Märtyrer als Waffe. Die historischen Wurzeln des Selbstmordattentats, München 2003, Tb.-Ausg. 2006.