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H. Zander: Anthroposophie in Deutschland

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Dirk van Laak <dvanlaakt-online.de>
Autor(en):
Titel:Anthroposophie in Deutschland. Theosophische Weltanschauung und gesellschaftliche Praxis 1884-1945
Ort:Göttingen
Verlag:Vandenhoeck & Ruprecht
Jahr:
ISBN:978-3-525-55452-4
Umfang/Preis:Gebunden; 2 Bde., 1884 S.; € 246,00

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Robin Schmidt, Forschungsstelle Kulturimpuls, Dornach/Schweiz
E-Mail: <infokulturimpuls.org>

Waldorfschulen, Demeter-Milch, anthroposophische Medizin und Weleda sind selbstverständlicher Teil des Gegenwartslebens – aber noch wenig erforscht. Sie alle haben ihre Wurzeln im Werk Rudolf Steiners (1861-1925), in der Anthroposophie, die sich als Erkenntnisweg zum Geist und Erneuerung der Lebenspraxis versteht. Helmut Zander ist eine große Forschungslücke angegangen und hat mit einem zweibändigen, 1800 Seiten starken opus magnum die Theosophie und Anthroposophie in Deutschland erstmals umfassend in historische Zusammenhänge gestellt. Zugleich hat er in vielerlei Hinsicht Voraussetzungen für eine Geschichtsschreibung auf diesem Feld geschaffen. Beim Autor, dem Historiker und Theologen Helmut Zander, derzeit Privatdozent an der Humboldt-Universität zu Berlin und ein bekannter Kritiker der Anthroposophie, kann kein Verdacht aufkommen, das Werk wäre aus Sympathie zur Sache entstanden, und er würde sie gar schönschreiben wollen. Im Gegenteil, das Buch ist in mehrfacher Wortbedeutung kritisch, wenn nicht sogar eine der bislang fundamentalsten und umfassendsten Kritiken zur Anthroposophie aus historischer Perspektive.

Der Autor hat viel investiert: Einerseits sind in das Werk Dutzende Vorarbeiten, darunter eine seiner Promotionen und seine Habilitation von 2002 sowie vier weitere Jahre eingeflossen, sodass mehr als 15 Jahre Auseinandersetzung mit dem Thema das persönliche Kapital dieses Buches bilden.[1] Dazu betritt der Autor ein Gebiet, das in Deutschland vielfach entweder unterkühlt oder überhitzt behandelt wird: die Erforschung der Geschichte der Esoterik in Europa. Noch immer werden akademische Arbeiten auf diesem Gebiet in polemischer Absicht publiziert, um den Gegenstand zu delegitimieren, zu ridikulisieren oder als publizistisch-politisches Kapital für sich auszumünzen.[2] Das hat sich in internationaler Perspektive in den letzten zehn Jahren zwar deutlich geändert. Aber anders als in Frankreich, den Niederlanden, England oder den USA ist in Deutschland immer noch kein eigener Lehrstuhl vorhanden, der sich der seriösen historischen Erforschung von Esoterik widmet. Dabei ist längst deutlich, dass deren Geschichte in fast immer unterschätztem Maß die europäische Kultur gerade dort geprägt hat, wo man es am wenigsten vermutet: etwa in der Genese der Aufklärung, der Demokratie oder der ökologischen Bewegung, aber auch im Ursprung von völkischen Ideologien oder von Führerkulten.[3]

In seiner langen Entstehungszeit spiegelt das Werk Helmut Zanders auch diesen Wandel von einer gegenwartsbezogenen akademischen Kritik an Esoterik zu einer kulturgeschichtlichen bzw. religionsgeschichtlichen Analyse. Aber auch die rein historische Kritik bleibt, wie aus der Kirchengeschichte bekannt, für die Gegenwart delikat. Denn sie deckt auf, dass nicht alles, was Steiner geschrieben oder vorgetragen hat, im historischen Vakuum übersinnlicher Erkenntnis, sondern auch in und mit seiner damaligen Gegenwart entstanden oder – wie Helmut Zander zu beweisen versucht – lediglich Produkt der populären Bildung seiner Zeit ist. So zielt seine historische Analyse auch auf solche Anthroposophen von heute, die jedes Wort Steiners ungeprüft für reine Offenbarung nehmen. Aber nicht nur durch diese vornehmlich auf die Anthroposophie und ihren Umkreis bezogenen Punkte ist das Buch heute aktuell. Es ist auch ein Exempel im Diskurs um die Rolle von weltanschaulichen Minderheiten im Prozess kultureller Pluralisierung um 1900 sowie dem gesellschaftlichem Umgang mit abweichender, nicht-hegemonialer Kultur im 20. Jahrhundert.

In 19 Kapiteln mit je durchschnittlich knapp 100 Seiten wird der ganze Kosmos anthroposophischer Tätigkeit abgeschritten: im ersten Band der historische Rahmen der verschiedenen Theosophischen Gesellschaften in Deutschland und deren internationaler Einbettung und Geschichte. Es folgt eine Analyse der Sozialstruktur und des Vereinslebens der deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft (der Vorgängerin der Anthroposophischen Gesellschaft) samt deren kultur- und sozialgeschichtlichen Kontextualisierung. In zwei weiteren Kapiteln wird Steiners Biographie vor der Jahrhundertwende, also vor seinem theosophischen Engagement, nachgezeichnet: als Goethe-Herausgeber, als Nietzsche-Rezipient sowie als Autor der „Philosophie der Freiheit“, auch hier durchweg im Versuch, Steiner kulturell einzubetten. Diese Analyse setzt sich fort in Kapiteln über Steiners Theosophie, seine Christologie und sein Wissenschaftsverständnis im Kontext der Zeit und im binnentheosophischen Diskurs.

Der zweite Band widmet sich zunächst der „ästhetischen“ Praxis der Anthroposophie: freimaurerische Arbeit, die Aufführung von Mysterien-Dramen, die anthroposophische Architektur und Eurythmie erhalten je ein Kapitel. Daran schließen fünf weitere Kapitel über die gesellschaftlichen Impulse an, die heute das öffentliche Bild der Anthroposophie weithin prägen: Pädagogik (Waldorf-/Rudolf Steiner-Schulen), Landwirtschaft (Demeter), Medizin und Pharmazie (Weleda, Wala), die Christengemeinschaft und vorneweg das politisch-gesellschaftliche Engagement Rudolf Steiners im revolutionierenden Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg („Dreigliederung des sozialen Organismus“). Abgeschlossen wird das Buch mit dem 19. Kapitel über „Pluralisierung und Minderheitenkultur“, in dem die zentralen Thesen kompakt zusammengefasst, und das Thema in den Forschungszusammenhang der Pluralisierung von Gesellschaften um 1900 gestellt wird.

Quellenmäßiges Neuland ist mit der Sicherung und Auswertungen von Archivgut (auch aus Moskau, Adyar/Indien, Dornach/Schweiz) sowie abgelegener Zeitschriften und grauer Literatur vor allem zum ersten Teil des Buches über die Geschichte der Theosophie in Deutschland erschlossen. Durch Tabellen, Übersichten und thematische Bibliographien ergänzt ist so ein solides Fundament geschaffen. Die gewaltige Stoffmasse von Steiners extensivem schriftlichen, künstlerischen und sozialen Werk bewältigt Zander – verkürzt gesprochen – durch zwei Mittel: einerseits durch eine wissenschaftsmethodische Vielfalt, um das komplexe Phänomen von verschiedenen Seiten einzukreisen (von soziographischen Untersuchungen über kulturgeschichtliche Kontextualisierungen bis hin zu editionsgeschichtlichen Exegesen von Steiners Werken) und andererseits durch kontrafaktische Abstraktionen gegenüber den Selbstinterpretationen und der breiten gesellschaftlichen Akzeptanz der Anthroposophie. Die methodische Vielfalt arbeitet wohltuend dem ersten Eindruck eines monolithischen, enzyklopädischen Kompendiums entgegen und stellt das Werk dadurch als Fragment in die postmoderne Gegenwart. Durchgehend dagegen ist der methodische Griff, die wohlwollende Akzeptanz, ja oft hagiographische Behandlung des Themas Anthroposophie antithetisch zu konstruieren.

Als Beispiel sei Zanders zentrale These genannt, dass Anthroposophie eigentlich Theosophie unter anderem Namen sei. Organisationsgeschichtlich ist es offenkundig, dass die Anthroposophische Gesellschaft aus der deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft hervorgegangen ist. Im Selbstverständnis von Anthroposophen ist die Theosophische Gesellschaft jedoch gerade das zu Überwindende – sie ist das, woran sich die spezifisch anthroposophische Identität durch Abgrenzung gebildet hat. Fast ganz ausgeblendet bleibt so in der ganzen Darstellung der zentrale historische Bezugspunkt von Anthroposophen: die Neugründung ihrer Gesellschaft Ende 1923, die gleichzeitige Gründung der „Freien Hochschule für Geisteswissenschaft“ und der für die Anthroposophie damit verbundene intendierte Paradigmenwechsel hin zu Dialog, Forschung, Öffentlichkeit und kollegialer Leitung. Zanders Methode bringt dadurch zwar eine wenig wahrgenommene Seite ans Licht, nämlich das oft unterschätzte Erbe der Anthroposophie an der Theosophie. Historisch legitim scheint mir diese Blickweise allerdings kaum: das wäre – zumindest für das Binnenverständnis – gerade so, als ob Deutschland heute als Kaiserreich unter anderem Namen deklariert, darauf reduziert und dann vollständig daraus erklärt werden sollte.

Mängel zeigt das opus magnum ganz naturgemäß durch seine Fokussierung auf die Entstehungsgeschichte bis 1925 (Steiners Tod) und ist so vorwiegend eine historische Einbettung von Steiners Lebenswerk. Nur partiell wird die Darstellung auch bis in die Mitte des Jahrhunderts fortgeführt, mit gelegentlichen Ausblicken in die Gegenwart. Angesichts der kaum vorhandenen Literatur für die Zeit nach 1925 ist dies nahezu unvermeidlich, obwohl es gerade die späteren Entwicklungen waren, die zu der relativ breiten Integration und Akzeptanz anthroposophischer Ansätze in der Gegenwartskultur führten. Es fehlen aber auch ganze Bereiche, wie etwa die anthroposophische Behindertenpädagogik, die nur einmal kurz erwähnt wird. Da die historische Kontextualisierung im Vordergrund steht, sticht manchmal die mangelnde Kontextualisierung innerhalb Steiners Werk selbst ins Auge. Helmut Zander beschränkt sich bei der Analyse der Texte Steiners meist auf Kritik auf der Wortebene. Inhaltliche Kontinuitäten unter anderer Terminologie bleiben dadurch unbemerkt und reduzieren die Komplexität. Das ist verzeihlich, denn es hätte den Einstieg in werkimmanente Interpretationen gefordert. Aber es finden sich auch echte Schnitzer, die das Vertrauen in die Gediegenheit der Arbeit untergraben können: Im Eifer seiner Kritik an Steiner wird so beispielsweise aus einer Stelle in einem Steiner-Vortrag, bei der Steiner seine Mitarbeiter anprangert, dass sie „verlogen“ vorgehen würden, durch Auslassung so zitiert, als ob Steiner seine Mitarbeiter anregen würde, in dieser ‚verlogenen’ Weise vorzugehen.[4]

Ein Leser, der das Phänomen Theosophie und Anthroposophie nicht kennt und auch keine grobe historische Orientierung in ihrer Geschichte mitbringt, wird das Buch schwer nutzen können, wenn er nicht aus den über viele hundert Seiten entwickelten Teilaspekten sich selbst allmählich eine Chronologie und Synopse der parallel verlaufenden Vorgänge schafft. Selbst wenn dies geleistet würde, muss dazu in Betracht gezogen werden, dass sich die Darstellung an bisherigen, die positiven Seiten hervorhebenden Darstellungen (wie etwa Christoph Lindenbergs zweibändiger Steiner-Biographie [5]) abarbeitet. Für die Erzeugung eines Bildes – und das ist die Dialektik von Zanders Methodik – bleiben diese früheren Darstellungen unverzichtbar, auch wenn sie vielleicht heutigen akademischen Ansprüchen nicht genügen sollten, da man sonst nur schwer rekonstruieren könnte, worum es eigentlich geht. Darüber hinaus setzen andere Kapitel, wie etwa das über Waldorfpädagogik, die Kenntnis des Diskurses der vergangenen zehn Jahre voraus, so dass viel erwartet wird, um in diesem Geflecht von zeitgeschichtlicher Kontextualisierung, gegenläufiger Theoriebildung und Zanders eigener Diskurspositionierung den historischen Zugriff zu gewinnen.

Klar ist trotz dieser Kritikpunkte, dass diese Publikation ein zentraler Bezugspunkt sein wird, wenn künftig über die Geschichte der Theosophie und Anthroposophie in Deutschland geforscht wird. Alle Kapitel sind reich an Anregungen und bieten Fragestellungen für Dutzende von Forschungsvorhaben, die die überaus ideenreich, teils historisch profund, teils assoziativ angerissenen geschichtlichen Kontexte der Anthroposophie ausarbeiten oder in Abgrenzung konträre Blicke entwerfen könnten.

Man würde wohl Helmut Zander in seiner Kritik an Anthroposophie auch missverstehen, wenn man das Werk als eine enthusiastische, mit der Deutungsmacht der Wissenschaft auftretende akribische Sammlung der moralischen Defekte, der wissenschaftlichen Fehlleistungen, der Nachweise für eine mangelnde Bildung Steiners auffassen würde. Das kann man, und wer das Material sucht, um Steiner und die Anthroposophie zu diskreditieren, wird hier durchaus fündig. Ich verstehe die Publikation dagegen als einen profunden Beitrag zur Forschung in Form einer groß angelegten Antithese, die dadurch den historiographischen Raum überhaupt erst eröffnen will. Denn wenn Geschichte die Konstruktion eines Gegenstandes in der Differenz von Einmaligkeit und Diffusion in der Zeit ist, war man auf diesem Gebiet bisher auf Darstellungen der Einmaligkeit angewiesen. Mit Helmut Zanders Arbeit sind die Tore für dessen Diffusion in der Zeitgeschichte gezeigt. Die beiden Bedingungen für die Konstruktion der Differenz – und dadurch einer Geschichtsschreibung – wären so erst jetzt vorhanden. Das Werk hat so das Potential, die Initialzündung für ein neues akademisches Diskursfeld zu sein.

Anmerkungen:
[1] Die Habilitation von 2002 ist Teil des besprochenen Werks. Die Promotion: Zander, Helmut, Reinkarnation und Christentum. Rudolf Steiners Theorie der Wiederverkörperung im Dialog mit der Theologie, Paderborn 1995, außerdem ders., Geschichte der Seelenwanderung in Europa. Alternative religiöse Traditionen von der Antike bis heute, Darmstadt 1999.
[2] Natürlich ist das Gebiet auch in Deutschland nicht unerforscht. Nur ist es vielfach in andere Disziplinen, meist Literaturwissenschaft, Kulturgeschichte/Sozialgeschichte oder Religionsgeschichte eingebettet und so vielfach nicht als solches wahrnehmbar. Die neuerdings gegründete „European Society for the Study of Western Esotericism“ schafft jetzt ein Netzwerk und einen Diskursrahmen für eine gegenstandsadäquate Methodik. Einen ersten Überblick über Institutionen, Studiengänge und Publikationen bietet die Internetseite www.esswe.org. Positionen zur Debatte in Deutschland z.B. in: zeitenblicke 5 (2006),1, [04.04.2006], URL: www.zeitenblicke.de/2006/1.
[3] Diese Rezeptionsrituale von Esoterik in der Wissenschaft mit deren Stigmatisierungen (gesellschaftliche Gefahr, Immoralität, Irrationalität) und die damit verbundene Konstruktion von Alterität hat u.a. Wouter J. Hanegraaf erforscht, vgl. ders., Forbidden Knowledge. Anti-Esoteric Polemics and Academic Research, in: Aries 5 (2005), 2, 225-254 und ders., New Age Religion and Western Culture. Esotericism in the Mirror of Secular Thought, Leiden 1996. Diese sind aber nicht nur Geschichte, sondern werden bis heute gerne repetiert.
[4] Vgl.: Zitat Steiner wie bei Zander S. 1187: „Wenn die Leute zuerst Eurythmie sehen und nichts hören von Anthroposophie, da gefällt ihnen die Eurythmie. Dann vielleicht kommen sie später, und weil ihnen die Eurythmie gefallen hat und sie erfahren, dass hinter der Eurythmie die Anthroposophie steht, dann gefällt ihnen die Anthroposophie auch.“ Der entsprechende Passus ist aber gerahmt von Steiners Aussage einleitend: „Man wird nicht sagen: Wenn die Leute zuerst Eurythmie sehen […]“ und Steiner endet mit den Worten: „Wir müssen den Mut haben, solch ein Vorgehen verlogen zu finden.“ Also eine vollständige Umkehrung des Sinnes.
[5] Lindenberg, Christoph, Rudolf Steiner 1861-1925. Eine Biographie, Stuttgart 1997.

ZitierweiseRobin Schmidt: Rezension zu: Zander, Helmut: Anthroposophie in Deutschland. Theosophische Weltanschauung und gesellschaftliche Praxis 1884-1945. Göttingen 2007, in: H-Soz-u-Kult, 06.11.2007, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-4-106>.

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