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Alte Geschichte

Th. Marksteiner: Trysa

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Udo Hartmann <hartmannugeschichte.hu-berlin.de>
Autor(en):
Titel:Trysa - eine zentrallykische Niederlassung im Wandel der Zeit. Siedlungs-, architektur- und kunstgeschichtliche Studien zur Kulturlandschaft Lykien
Reihe:Wiener Forschungen zur Archäologie 5
Ort:Wien
Verlag:Phoibos-Verlag
Jahr:
ISBN:3-901232-30-3
Umfang/Preis:292 S., 194 Abb., 193 Taf., 1 Faltplan; € 69,00

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Oliver Hülden, Anatolian Civilizations Institute, Koç University, Istanbul
E-Mail: <oliver.hueldenuni-tuebingen.de>

Thomas Marksteiner, der Jürgen Borchhardt unlängst als Direktor der Limyra-Grabung abgelöst hat, leistete in seiner Dissertation bereits einen grundlegenden Beitrag zur Siedlungsarchäologie Lykiens.[1] Mit der Untersuchung zu Trysa liegt nunmehr seine Habilitationsschrift und eine zweite Studie von ähnlicher Tragweite vor. Allerdings hat Marksteiner seinen siedlungsarchäologischen Ansatz diesmal um einen kunsthistorischen erweitert. Daher ist die Arbeit in zwei Blöcke geteilt, wobei der erste anhand des Ruinenbestandes von Trysa "die diachrone Entwicklung des Gemeinwesens vom lykischen Herrensitz zum Zentralort eines Landbezirks auf dem Territorium von Kyaneai und bis hin zum Niedergang in mittelbyzantinischer Zeit" nachzuzeichnen versucht (S. 13). Ausgehend vom archaischen Grabpfeiler von Trysa werden im zweiten Block grundsätzliche Überlegungen zu diesem Grabtyp und zur archaischen Plastik Lykiens angestellt.

Nach einem kurzen Abriss zur Entdeckungs- und Forschungsgeschichte sowie Angaben zur Topografie und historischen Geografie beginnt Marksteiner seinen Überblick über den Ruinenbestand mit den Wehranlagen (Kapitel 1 und 2). Die Analyse des Mauerwerks der befestigten Siedlung mit ihrer von einem bergfriedartigen Kernbau überragten Burg führt zu einer Datierung in die hochklassische Zeit. Marksteiner bezeichnet die Gesamtanlage als typische Erscheinung der dynastenzeitlichen Architektur und verweist auf vergleichbare Anlagen im südwestlichen Kleinasien. Diese unterscheiden sich deutlich von zeitgleichen griechischen Befestigungen, sind ebenfalls unter achämenidischer Herrschaft entstanden und daher wohl auf vergleichbare politische Strukturen zurückzuführen. Neben dem Ausbau der Befestigungen von Trysa im frühen 4. Jahrhundert v.Chr. lassen sich spätere Umbauten offenbar nur für die spätantik-byzantinische Zeit feststellen.

In den Kapiteln 3 bis 5 erfolgt die Betrachtung von gesicherten und potentiellen Kulteinrichtungen im Bereich der Burg. Während sich die ersten beiden Kapitel mit kubischen Felsabarbeitungen befassen, bei denen es sich womöglich um Felsaltäre handelt, ist der folgende Abschnitt einer ausführlichen Diskussion des so genannten Opferreliefs von Trysa gewidmet. Dabei bezieht Marksteiner die übrigen aus Lykien bekannten Opferdarstellungen, aber auch solche der griechischen und orientalischen Kunst in seine Überlegungen mit ein. Während man seinem Schluss zustimmen wird, dass das Relief von Trysa zwar aus griechisch beeinflussten Einzelelementen zusammengestellt, in seiner Komposition aber ungriechisch ist, vermag der Vergleich mit orientalischen Opferszenen, namentlich mit der späthethitischen Opferdarstellung aus Malatya und dem Relief von einem urartäischen Felsgrab bei Doğubayazit, kaum zu überzeugen, da die Übereinstimmungen m.E. lediglich thematischer Natur sind. Stichhaltig ist dagegen die Deutung des Reliefs im Kontext der politischen Selbstdarstellung des Dynasten von Trysa.

Kapitel 6 beschäftigt sich mit einer geräumigen Terrassenanlage unterhalb der Burg. Nach einer ausführlichen Beschreibung datiert der Autor sie in das beginnende 4. Jahrhundert v.Chr., wofür architektonische Charakteristika den Ausschlag geben. Aus der flächenmäßigen Ausdehnung und Geschlossenheit, der auffälligen Bauqualität sowie aus dem Mangel an Wohnkomfort, den die Burg zu bieten scheint, folgert Marksteiner, dass dem Terrassenkomplex die Funktion eines Palastes zukam. Neben der bedeutendsten Grabanlage, dem Heroon, wurden demnach also die Befestigungen und der Palast in einem Zug errichtet. Marksteiner leitet daraus das Konzept einer einheitlich geplanten Residenzsiedlung ab, das vollkommen den Interessen des dynastischen Bauherrn untergeordnet war. An dieser Stelle treten deutlich die Grenzen von Oberflächenuntersuchungen zu Tage, die einer derartigen Funktionsanalyse im Grunde im Wege stehen. Die Deutung der komplexen Terrassenanlage als Palast ist nämlich keineswegs zwingend, sondern hängt wesentlich von dem subjektiven Urteil ab, ob die Burg dem Dynasten von Trysa genügend Wohnkomfort bot oder nicht.

Da Marksteiner von einem Palast ausgeht, schließt sich der Versuch an, die Anlage innerhalb der entsprechenden Architektur Lykiens und der benachbarten Kulturräume einzuordnen. Hierzu werden in einem umfassenden katalogartigen Überblick Vergleiche aus dem anatolischen, iranischen und syrisch-mesopotamischen Raum vom späten 2. Jahrtausend v.Chr. bis in die klassische Zeit herangezogen. Bedauerlicherweise eignet sich die weitgehend durch die Topografie vorgegebene und zudem stark additive Bauweise des Komplexes von Trysa kaum für typologische Vergleiche, was dem Autor freilich selbst bewusst ist (S. 96). Übereinstimmung herrscht insbesondere mit den Hanghäusern von Limyra, die jedoch als Wohnhäuser der dynastenzeitlichen Oberschicht interpretiert werden. Die mehrfach (S. 89, Anm. 357, S. 92f.) als Parallele angeführte angebliche Residenz auf dem Avşar Tepesi ist dagegen als Parallelbefund denkbar ungeeignet, da sie weder in baulicher Hinsicht vergleichbar ist, noch in ihrer Funktion als gesichert gelten kann.[2] Zumeist fehlende Gemeinsamkeiten mit den zum Vergleich herangezogenen Anlagen lassen Marksteiner am Ende sicherlich zu Recht auf einen regionalen Bautypus schließen. Die letztendliche Unterscheidung von zwei lykischen Residenztypen - der in die Burg integrierten, 'festen' Residenz und der innerhalb der ummauerten Siedlung befindlichen, unbefestigten Anlage (S. 93) - ist zwar konsequent, aber noch nicht hinreichend zu belegen.

Das 7. Kapitel umfasst die katalogartige Zusammenstellung der übrigen Wohnbauten innerhalb des Siedlungsareals. Hier werden auch erstmals hellenistische und kaiserzeitliche Baureste beschrieben. In dieser Zeit dürfte die Siedlung trotz ihres offensichtlichen Bedeutungsverlustes ihre größte Ausdehnung erreicht und einen überwiegend agrarischen Charakter besessen haben. Abgesehen von einer detaillierten Auseinandersetzung mit einem aus hellenistischer Zeit stammenden Tempel und einem ebenfalls nachklassischen Hallenbau fällt Kapitel 8 zu Bauten im Vorfeld von Trysa recht knapp aus. Als wesentliches Ergebnis ist die offensichtliche Verlagerung des politischen und kultischen Zentrums der Siedlung in die Ebene im Verlauf des Hellenismus festzuhalten. In Teilen als summarisch sind auch die Beschreibung und Auswertung der ausgedehnten Nekropole zu bezeichnen (Kapitel 9). Dies bezieht sich jedoch nur auf die etwa 50 Sarkophage, deren genauere chronologische Einordnung - etwa durch Vergleich der Tabula-Formen und Einbeziehung aller Inschriften - durchaus möglich gewesen wäre. Auf dem beigefügten Faltplan fällt mangels Bezeichnung zudem die Identifizierung der einzelnen Gräber schwer. Vorbildlich ist dagegen die Analyse der doppelgeschossigen Grabhäuser, an denen sich unterschiedlich stark das Vordringen griechischer Architekturformen bemerkbar macht. Offenkundig lassen sich zudem starke Bezüge zu vergleichbaren Bauten in Limyra herstellen. Die Überlegungen zum Heroon, die jedoch den Bildschmuck weitgehend ausklammern und sich auf die Interpretation der Einbauten, die bautypologische Einordnung sowie die Rekonstruktion und funktionale Deutung des "kultischen Raumes" beschränken, können in jeglicher Hinsicht nur als umfassend bezeichnet werden.

Wenig ergiebig ist das 10. Kapitel, das sich der Streukeramik widmet. Im Rahmen einer siedlungsarchäologischen Studie wäre eine stärkere Berücksichtigung dieser Fundgattung gewiß wünschenswert gewesen. Diese Nachlässigkeit ist allerdings nur teilweise dem Verfasser anzulasten, da Oberflächenkeramik in den Siedlungen des von Fels geprägten zentrallykischen Berglandes in wesentlich geringeren Mengen als andernorts zu Tage tritt. Dennoch zeigt sich hier, wie die Fundkeramik in den frühen Jahren der Lykien-Surveys vernachlässigt wurde. Den Abschluss des siedlungsarchäologischen Teils leiten zusammenfassende Bemerkungen zur Siedlungsgeschichte ein. Gegenüber dem von Marksteiner postulierten einheitlichen Ausbau von Trysa zur Residenzsiedlung im frühen 4. Jahrhundert v.Chr. bleiben die übrigen Epochen weitgehend im Dunkeln. So zeugt etwa allein der reliefgeschmückte Grabpfeiler von einer gewissen Bedeutung des Ortes in der Archaik. Im Hellenismus war Trysa dem Poliszentrum Kyaneai untergeordnet, und der unaufhaltsame Niedergang setzte wohl schon in der fortgeschrittenen Kaiserzeit ein. In der Spätantike bzw. in frühbyzantinischer Zeit entwickelte sich die offene dörfliche Gemeinde schließlich wieder in eine Höhensiedlung zurück, deren letzter Ausbau wohl im 8. Jahrhundert n.Chr. erfolgte.

Auf diese Skizzierung der Siedlungsgeschichte folgen Überlegungen zum historischen Umfeld Trysas im 4. Jahrhundert v.Chr. Marksteiner führt die Residenzgründung auf das Wirken der ostlykischen Dynastie in Zentrallykien zurück, das im Zusammenhang mit den Expansionsbestrebungen des Perikle von Limyra steht. Trysa habe die archaisch-klassische Siedlung auf dem Avşar Tepesi als Zentralort des Yavu-Berglandes abgelöst, um diese herausragende Stellung später selbst an Kyaneai abzugeben. Vermutlich unter einem untergeordneten Dynasten sei eine Eingliederung in den ostlykischen Machtblock erfolgt. Diese hier nur verkürzt wiedergegebene historisch-politische Entwicklung, die im Wesentlichen von der Forschung geteilt wird, trägt sicherlich die Züge eines Konstrukts und lässt noch viele Fragen offen. Sie bildet aber zweifellos einen recht stimmigen Hintergrund für das aus den archäologischen Befunden gewonnene Bild. Schließlich geht der Autor der Frage nach, inwiefern eine Anlehnung Ostlykiens an die attische griechische Kultur bei diesen Prozessen eine Rolle spielte und ob sich daraus ein regelrechter ostlykischer Kulturkreis ableiten lässt. Marksteiner befürwortet dies, ohne sich aber festlegen zu wollen, ob diese Hinwendung zum Griechentum politischem Kalkül oder tatsächlicher Aufgeschlossenheit gegenüber der griechischen Kulturleistung entsprang.

Der zweite Teil des Buches befasst sich, wie gesagt, mit kunsthistorischen Fragstellungen, deren Ausgangspunkt der archaische Grabpfeiler von Trysa bildet. Auf dessen Entdeckungs- und Forschungsgeschichte und die Beschreibung seiner Architektur sowie seiner Reliefs folgt ein Abschnitt, der sich mit den Pfeilern als Grabtyp beschäftigt und mit einem Katalog der bisher bekannten ca. 50 Exemplare beginnt. Keinen Zweifel lässt Marksteiner zu Recht an der Funktion der Pfeiler als Gräber der dynastischen Elite, obgleich ihm die Probleme dieser Interpretation durchaus bewusst sind. Für die späten Pfeiler nimmt er einen Funktionswandel hin zu einer Art Stelen an. Im Übrigen referiert er die gängigen Forschungsmeinungen zu ihrer Genese, ohne sich aber selbst für eine dieser Auffassungen zu entscheiden.

Der folgende Abschnitt besteht aus einem Katalog sämtlicher archaischer Skulpturen aus Lykien. Im Anschluss werden die einzelnen Darstellungen - Löwenbilder, Kriegerszenen, darunter der so genannte Schildtriumph, die Jagd auf Steinbock und Hirsch, Palästra-, Audienz-, und Gelageszenen sowie Reiterdarstellungen - einer eingehenden ikonografischen, stilistischen und hermeneutischen Analyse unterzogen. Während die Bedeutung der einzelnen Motive häufig unklar bleibt, lassen sich die Szenen insgesamt zweifellos dem Kontext höfischer Repräsentation bzw. aristokratischer Tugenden unterordnen. Marksteiner kommt ferner zu dem Ergebnis, dass die frühesten lykischen Bildwerke im Stil und teils im Motivbestand ostgriechisch sind, inhaltlich aber vor einem allgemein orientalischen Hintergrund mit ausgesprochen lokalem Charakter zu betrachten sind. Dementsprechend wird auch eine lokale Werkstatt angenommen, die freilich nicht ohne griechische Schulung oder Beteiligung gewirkt haben kann. Obgleich Marksteiner das orientalische bzw. autochthone Element gegenüber dem griechischen stärker hervorhebt, weist er stets auf die Schwierigkeiten bei der Suche nach den konkreten Abhängigkeitsverhältnissen hin.[3] Anhand stilistischer Vergleiche gelangt er im Folgenden zu einer überzeugenden Einordnung der Grabpfeilerreliefs in die Zeit zwischen der fortgeschrittenen 2. Hälfte des 6. Jahrhunderts und etwa 510 v.Chr. Damit bekräftigt er die Datierung dieser Reliefs in die Zeit nach der persischen Eroberung Lykiens. Insgesamt spricht sich Marksteiner für das "Bestehen einer über Lykien hinausgehenden kulturellen Koiné im südwestlichen Kleinasien der spätarchaischen Periode" aus, wobei vermutlich die "strukturelle Verwandtschaft im Aufbau von Gesellschaften die Entwicklung vergleichbarer Bildformeln begünstigt" hat (S. 290). Zum Abschluss unterstreicht er die Kreativität des archaisch-lykischen Kunstschaffens und spricht sich für eine lykische Kunst aus, die sich kontinuierlich entwickelt habe und als deren frühestes Stadium die archaischen Pfeilerreliefs zu gelten hätten.

Einmal mehr hat Thomas Marksteiner mit seinem gelungenen Spagat zwischen Siedlungs- und Kunstarchäologie der Forschung zu Lykien entscheidende Impulse gegeben. Er hat ein Buch geschrieben, das erfahrenen Lykienforscher/innen von hohem Wert und bleibendem Nutzen sein wird, das mit der Forschung zu Lykien weniger Vertrauten aber bisweilen viele Vorkenntnisse oder die Bereitschaft abverlangt, sich gründlich in die Thematik einzuarbeiten. Neben seinem fundierten Inhalt besticht das Werk zuletzt durch einen reichen und qualitätvollen Abbildungs- und Tafelteil.

Anmerkungen:
[1] Marksteiner, Thomas, Die befestigte Siedlung von Limyra. Studien zur vorrömischen Wehrarchitektur und Siedlungsentwicklung in Lykien unter besonderer Berücksichtigung der klassischen Periode, Wien 1997.
[2] Vgl. Thomsen, Andreas, Die lykische Dynastensiedlung auf dem Avşar Tepesi, Bonn 2002, S. 104-107, 241-246. Laut Thomsen soll es sich sogar um zwei Residenzen gehandelt haben, die einander ablösten. Weder die eine noch die andere kann freilich als nachgewiesen gelten.
[3] Ergänzend mag hier die Untersuchung von Christin Rudolph herangezogen werden, die den ostgriechischen Einfluss auf die lykische Kunst der Archaik stärker in den Vordergrund stellt; vgl. Rudolph, Christin, Das Harpyien-Monument von Xanthos. Seine Bedeutung innerhalb der spätarchaischen Plastik, Oxford 2003.

ZitierweiseOliver Hülden: Rezension zu: Marksteiner, Thomas: Trysa - eine zentrallykische Niederlassung im Wandel der Zeit. Siedlungs-, architektur- und kunstgeschichtliche Studien zur Kulturlandschaft Lykien. Wien 2002, in: H-Soz-Kult, 03.05.2006, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2006-2-081>.

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