C. Crotti: Lehrerinnen - frühe Professionalisierung

Titel
Lehrerinnen - frühe Professionalisierung. Professionsgeschichte der Volksschullehrerinnen in der Schweiz im 19. Jahrhundert


Autor(en)
Crotti, Claudia
Erschienen
Anzahl Seiten
Preis
Rezensiert für die Historische Bildungsforschung Online bei H-Soz-Kult von:
Rebekka Horlacher, Pädagogisches Institut, Universität Zürich

Die Lehrer- und Lehrerinnenbildung in der Schweiz befindet sich zur Zeit in einem Wandel. Die seminaristische Ausbildung wurde vor einigen Jahren zugunsten der Ausbildung in Pädagogischen Hochschulen, die Teil der Fachhochschulen sind, aufgegeben. Dieser Umstand ist für Claudia Crotti Anlass, einen Blick zurück auf die Geschichte des Berufs zu werfen. Dabei wird schon bald sichtbar, dass es die oder eine Geschichte des Berufs nicht gibt. Dies nicht nur wegen der föderalistischen schweizerischen Bildungslandschaft, sondern auch aufgrund grundsätzlich anderer historischer Entwicklungslinien der männlichen und der weiblichen Lehrpersonen. Crotti konzentriert sich in ihrer Untersuchung ausschliesslich auf die Ausbildung von Volksschullehrerinnen im 19. Jahrhundert, welcher in der bisherigen Schulgeschichtsschreibung nur wenig Beachtung geschenkt worden ist und wählt zu diesem Zweck die Kantone Bern, Tessin, Waadt und Zug aus (S. 12). Die Auswahl soll die Vielfältigkeit der Schweiz exemplarisch erfassen: Bern und Zug als deutschsprachige Kantone, wobei der eine, Bern, protestantisch geprägt ist und Zug katholisch, die Waadt als Beispiel für die französischsprachige und das Tessin für die italienischsprachige Schweiz. Konkret umfasst der Zeitraum die "Professionsgeschichte der Lehrerinnen … von ihren institutionellen Anfängen bis zur Gründung des 'Schweizerischen Lehrerinnenvereins'", das heisst von 1830 bis 1893. Crotti unterscheidet drei Phasen: eine "Initiierungsphase" (1830–1853, Kapitel 3 und 4), in der "vier unterschiedliche Modelle der Lehrerinnenausbildung entwickelt und umgesetzt" werden (staatliches Lehrerinnenseminar, Fortbildungsklasse an Mädchenschulen, Methodenkurs und Lehrerinnenbildungskurs im Kloster), eine "Stagnationsphase" (1854–1873, Kapitel 5 und 6) und eine "Konsolidierungsphase" (1874–1893, Kapitel 7 und 8). Das Datenmaterial umfasst verschiedene Quellentypen, es kommen sowohl handschriftliche Quellen als auch Amtsdruckschriften der Kantone sowie Zeitschriften zur Verwendung (S. 19). Der historischen Rekonstruktion ist ein theoretischer Teil vorangestellt, der in vier Schritten argumentiert (Kapitel 1 und 2). Zuerst werden die zentralen Begriffe wie "Profession" und "Geschlecht" theoretisch aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet (Kapitel 1). In einem zweiten Schritt wird geklärt, inwiefern in Bezug auf den Lehrberuf überhaupt von Professionalisierung gesprochen werden kann. In einem dritten Schritt wird der Begriff "gender" analysiert, "um abschliessend das Verhältnis von Profession und Geschlecht zu fokussieren. Dieser theoriegeleiteten Auseinandersetzung folgt eine historisch orientierte Aufarbeitung des Schulwesens und der Lehrerinnenbilung vor dem angesetzten Untersuchungszeitraum" (S. 20).

Die Aufarbeitung der Lehrerinnenbildung vor der Restauration (1815–1832) zeigt ein differenziertes Bild. Sowohl die regionale als auch die konfessionelle Zugehörigkeit prägten die Ausgestaltung (Kapitel 2). Unübersehbar sei jedoch, dass die Lehrerin als Figur eine lange Tradition kenne, erste Zeugnisse im Kanton Bern reichten bis ins Jahr 1389 zurück (S. 62). Der weltliche Lehrerinnentyp, der sich in den reformierten Kantonen etabliert habe, weise eine starke Verankerung in Privatinstitutionen auf und oft werde innerhalb der Familie auf den Beruf vorbereitet, während der geistliche Lehrerinnentyp katholisch geprägt sei, sich auf höhere Bildung konzentriere und sich in einem weitverzweigten und institutionell abgesicherten Bildungssystem bewege (S. 73).
Die Notwendigkeit einer institutionell abgesicherten Lehrer- und Lehrerinnenausbildung wird spätestens seit der Helvetik (1798–1803) sowohl von öffentlicher als auch von privater Seite gefordert. Erste Versuche der Helvetischen Regierung enden aus politischen Gründen nach nur kurzer Zeit und so wurde die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft (SGG) in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein wichtiger Antriebsfaktor für die Gründung von Ausbildungsstätten für Lehrer und Lehrerinnen. In der "Initiierungsphase" (1830–1853) lassen sich sowohl öffentlichrechtliche als auch privatrechtliche Institutionen finden, die sich um die Ausbildung von Lehrerinnen kümmern (S. 120). Die verschiedenen Institutionen werden sowohl in ihrem zeitgeschichtlichen Kontext als auch in Bezug auf ihren Entstehungskontext und auf die Ausgestaltung des Ausbildungsganges ausführlich dargestellt (S. 103–230). Dabei wird etwa untersucht, aus welchen sozialen Kontexten die ersten Lehramtskandidatinnen stammten. Es zeigt sich auch, so Crotti, dass die Institutionen in der ersten Phase der Lehrerinnenbildung noch auf einer unsicheren Basis standen: sie kämpften immer wieder um ihr Fortbestehen, einige mussten auch nach kurzer Zeit wieder schliessen (Delémont, Kanton Bern). Auffällig sei zudem die starke Abhängigkeit bzw. Prägung der Institutionen durch die politischen Machtverhältnisse. Da einige Seminarien direkt der Regierung unterstellt waren, hatte ein Machtwechsel jeweils grossen Einfluss auf die Seminarien. "Erst mit der Einführung des Mehrparteiensystems in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sind diese Institutionen einem direkten staatlichen Zugriff entzogen" (S. 230).

Die zweite Phase, die "Stagnationsphase" (1854–1873), werde dadurch bestimmt, dass die "Aufbruchseuphorie" der "Gründerzeit" erlahme und erste Diskussionen über die Berechtigung von weiblichen Lehrkräften laut würden. Die Frage nach dem richtigen Verhältnis von weiblichen und männlichen Lehrkräften wird zuerst in den 1860er-Jahren an den Schulsynoden des Kantons Bern gestellt (S. 234), wobei diese auf "Vorläuferdebatten" in den 1840er-Jahren zurückgreifen können. Anlass dazu sei die im schweizerischen Vergleich umfangreiche Förderung der Lehrerinnenbildung in Bern, was zu einer starken Präsenz der Lehrerinnen auf dem Arbeitsmarkt führte. Diese Debatten ziehen in der Folge weitere Kreise und wurden etwa auch in der SGG diskutiert (S. 256 ff.).
Im Kontext der "Stagnationsphase" wird der Blick von der Diskursebene auf die institutionelle Ebene verschoben und der Frage nachgegangen, weshalb nun der Aufschwung der "Initiierungsphase" stockt (S. 277). Crotti macht dafür sowohl "innerinstitutionelle" als auch "ausserinstitutionelle" Gründe fest. Es zeige sich auch, dass die Gründe für die Erlahmung in den einzelnen Institutionen unterschiedlich seien. Während sich etwa in Hindelbank (Kanton Bern) die Personalunion von Seminardirektor und Pfarramt als ungünstig erweise (S. 278 ff.), gibt es in Menzingen (Kanton Zug) Kompetenzstreitigkeiten zwischen dem Pater und den Lehrschwestern (S. 288 ff.). Im Jura (Kanton Bern) hingegen liege das Problem bei den grösseren politischen und konfessionellen Auseinandersetzungen und kristallisiere sich an der Frage nach der Beteiligung der Lehrschwestern am Unterricht, was eine Re-Institutionalisierung des staatlichen Lehrerseminars in Delémont zur Folge hatte (S. 302 ff.). Aber auch die privaten Institutionen im Kanton Bern blieben von diesen Veränderungen nicht verschont (S. 320 ff.). Gegenteilig sei die Entwicklung in der Westschweiz und im Tessin. Hier sei keine Stagnation festzustellen, sondern eine zunehmende Institutionalisierung des Lehrerinnen- und Lehrerseminars (S. 332 ff.).

Im dritten Teil, der "Konsolidierungsphase" der Lehrerinnenbildung stehen zwei Kontroversen im Vordergrund: die Lehrschwesterndebatte und das eidgenössische Schulgesetz. Ausführlich wird die Verankerung des Schulartikels in der Bundesverfassungsrevision (1874) diskutiert (S. 348 ff.). Damit wird das bis anhin rein kantonal geregelte Schulsystem – Ausnahme sind die Universitäten und die polytechnische Schule – in gewissen Punkten zentral geregelt. Der Unterricht wird obligatorisch und unentgeltlich, begründet wurde diese Neuerung mit einem Bedarf an einem bestimmten Mass an Bildung sowohl für das Militär als auch für die direkte Demokratie (S. 352). Intensive Auseinandersetzungen entbrannten zudem um die Lehrschwesterfrage. Diese Frage sei eng mit dem Kulturkampf verbunden gewesen, wobei das einige Jahre zuvor (1871) verkündete Unfehlbarkeitsdogma des Papstes einer sachlichen Auseinandersetzung über die Qualität der kirchlichen Lehrerinnenbildungsanstalten nicht förderlich gewesen sei. Es habe sich aber gezeigt, dass auf kantonaler Ebene die eidgenössischen Auseinandersetzungen wenig zur Kenntnis genommen wurden bzw. wenig Einfluss auf die konkrete Weiterentwicklung der kirchlichen Aussbildungsorte für Lehrerinnen hatten (S. 379). Vor Ort, im Kanton, war die pragmatische Haltung offenbar die dominante, die Frage war hier wohl mehr, ob die Lehrerinnen für fähig gehalten wurden – lernen die Kinder, was sie lernen sollen? – und weniger die gesamteuropäischen Machtverhältnisse.
Die Auseinandersetzungen auf nationaler Ebene stärkten die Lehrerinnen als Akteurinnen im Bildungswesen. Ihre Präsenz im Beruf nahm stetig zu und sie begannen sich, ähnlich wie in Lehrerkreisen, als Verein zu organisieren (S. 391 ff.).

Im letzten Kapitel werden die systematischen Begriffsbestimmungen des Anfangs nochmals mit den empirischen Daten zusammengeführt. "Insgesamt, so zeigt die Rekonstruktion zur Lehrerinnenbildung im 19. Jahrhundert, weist diese eine eigenständige, facettenreiche Geschichte auf, die in vielen Bezügen eine andere ist, als jene der Lehrer" (S. 431). Crotti rekapituliert anschliessend an dieses Fazit ihre empirisch-historischen Daten in Bezug auf die zu Beginn erörterten Begrifflichkeiten "Profession" bzw. "Professionalisierung", "Beruf" bzw. "Verberuflichung" und "Geschlecht" und fasst die wichtigsten historischen Daten zusammen. Die Arbeit schliesst mit einigen Tabellen zur quantitativen Entwicklung der Lehrerinnen und der Ausbildungsinstitutionen und einem kombinierten Personen- und Sachregister.

Claudia Crotti hat eine materialreiche und umfassende Arbeit zur Geschichte der Lehrerinnenausbildung in der Schweiz vorgelegt. Sie ist zudem erfreulicherweise nicht auf einen Schweizer Kanton beschränkt, sondern versucht die Vielfältigkeit der Schweiz sowohl in sprachlicher, als auch in kultureller, geographischer, ökonomischer und religiöser Hinsicht durch eine kluge Auswahl der untersuchten Beispiele zu erfassen. Etwas unklar bleibt jedoch der "Mehrwert", den eine solche historisch-empirisch angelegte Untersuchung durch die zu Beginn gemachten Begriffsklärungen erhält. War es das Ziel, die Begrifflichkeit historisch auf ihre Verwendbarkeit zu überprüfen? Dann hätte dies meines Erachtens in der historischen Darstellung stärker explizit gemacht werden müssen. War es ein methodisches Anliegen? Dann hätte die Bedeutung deutlicher dargelegt werden müssen. So erscheint es mir eher, als ob die Studie aus zwei Teilen bestünde, aus einem begriffstheoretischen und aus einem historischen. Wie die beiden zusammenhängen, bleibt unklar und wird auch nur in allgemeinen Überlegungen formuliert, die den "Gewinn" dieses Vorgehens nicht darzulegen vermögen. Mit diesem ersten Kritikpunkt hängt wohl auch der zweite zusammen: Die Studie droht in der eigenen Materialfülle zu ertrinken. Historische Sachverhalte werden minutiös rekonstruiert und sind dadurch eine willkommene Arbeitserleichterung für zukünftige Forschung. Als Leser oder Leserin vermisst man jedoch eine klare Leitlinie oder Fragestellung, auf die hin das Material fokussiert wird. Die theoretischen Begriffsbestimmungen mögen diesen Roten Faden nicht zu bieten und das Beschreiben des historisch Rekonstruierten vermag auf die Dauer die Aufmerksamkeit nicht zu fesseln. Trotzdem gibt die Studie Einblick in spannende Sachverhalte und Zusammenhänge, die über das eigentliche Thema, die Ausbildung von Lehrerinnen in der Schweiz im 19. Jahrhundert, hinausreichen.

Diese Rezension wurde angeregt und betreut von:
Dr. Rita Casale, Universität Zürich, Pädagogisches Institut, rcasale@paed.unizh.ch

Redaktion
Veröffentlicht am
Redaktionell betreut durch
Kooperation
Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit der Historischen Bildungsforschung Online. (Redaktionelle Betreuung: Philipp Eigenmann, Michael Geiss und Elija Horn). https://bildungsgeschichte.de/
Klassifikation
Region(en)
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Sprache der Publikation
Sprache der Rezension