Cover
Titel
Hysterical Men. War, Psychiatry, and the Politics of Trauma in Germany, 1890-1930


Autor(en)
Lerner, Paul
Reihe
Cornell Studies in the History of Psychiatry
Erschienen
Anzahl Seiten
326 S.
Preis
$ 39.95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Hans-Georg Hofer, Institut für Geschichte der Medizin, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

Können deutsche Soldaten hysterisch sein? Diese Frage wäre zu Beginn des Ersten Weltkriegs von führenden deutschen Psychiatern mit Entrüstung verneint worden. Denn 1914 war das Jahr der Mobilisierung der nationalen Nervenstärke, und hysterische Männer in Uniform existierten bloß in der flutartig einsetzenden psychiatrischen Diffamierungsliteratur, die den Kriegsgegner als verweichlicht und krank darzustellen suchte. Zwei Jahre später hingegen erhoben die deutschen Psychiater die Hysterie zum bevorzugten Erklärungskonzept für die epidemieartig auftretenden psychischen Erkrankungen der eigenen Soldaten. Wie lässt sich diese erstaunliche Wendung erklären?

Paul Lerner hat in den letzten Jahren durch mehrere Aufsätze zur deutschen Psychiatrie des Ersten Weltkriegs und durch die Mitherausgabe eines viel beachteten Sammelbandes zur Geschichte des Traumas in der Moderne auf sich aufmerksam gemacht.1 Man durfte schon gespannt auf die Synthese seiner Forschungsarbeiten in Form einer Monografie sein. Von einer Geschichte der männlichen Hysterie ist anfangs weniger die Rede, mehr von einem Deutungsproblem, das ältere deutschsprachige Arbeiten zur Psychiatriegeschichte aufgeworfen hatten. Denn wer bislang an die Psychiater des Ersten Weltkriegs dachte, der hatte sogleich die „Maschinengewehre hinter der Front“ im Ohr, jenes auf Freud zurückgehende Diktum von 1920, das die Psychiater als kriegstreiberische Akteure und brutale Therapeuten beschrieb. 1996 kam dieses Diktum als Buchtitel einer knappen Überblicksdarstellung der deutschen Militärpsychiatrie erneut in Umlauf.2 Damit verbunden war eine Sichtweise, die in den Psychiatern des Ersten Weltkriegs unheilvolle Schrittmacher der späteren NS-Vernichtungsaktionen erblickte.

Dieser linearen und simplifizierenden Sichtweise setzt Lerners Studie eine historische Kontextualisierung psychiatrischer Theoriebildung und Praktiken im Umfeld des Ersten Weltkriegs entgegen, die sowohl die strukturellen Rahmenbedingungen des Krieges als auch die interessengeleiteten Motive der Psychiater berücksichtigt. Lerner begreift die Psychiatrie im Zusammenhang mit den ökonomischen und sozialen Modernisierungsprozessen an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Zentral ist für ihn der Begriff der Rationalisierung; Lerner meint damit jene von Max Weber beschriebenen wissenschaftlichen und administrativen Prozesse, in deren Mittelpunkt das effiziente Ordnen und Systematisieren der Wirklichkeit steht. Ein auf Effizienzsteigerung abzielendes und nationalistisch aufgeladenes Denken habe zu einer „rationalized psychiatry“ geführt, die ihr Handeln in enger Abstimmung mit militärischen und politischen Zielen umzusetzen suchte.

Die Studie ist in drei Teile gegliedert. Der erste Teil (S. 15-60) gibt einen konzisen Überblick über die Psychiatrie der Wilhelminischen Ära. Lerner skizziert den wissenschaftlichen und sozialen Aufstieg der Psychiater und stellt deren Krankheitskonzepte vor, die am Ende des 19. Jahrhunderts als Begleiterscheinungen des modernen Lebens beschrieben wurden: Neurasthenie, Hysterie und traumatische Neurose. Manches kennt man hier schon aus den Arbeiten von Esther Fischer-Homberger (nicht Fischer-Homburger, wie es durchgehend im Buch heißt). Darauf aufbauend beschreibt Lerner, dass seit den späten 1880er-Jahren die „Rentenkampfneurosen“ im Mittelpunkt hitziger psychiatrischer Debatten standen. In dessen Verlauf erlangten nicht nur psychologische Deutungen von Nervenerkrankungen immer größere Bedeutung, sondern auch das Verantwortungsgefühl der Psychiater gegenüber dem Staat verfestigte sich zusehends. Etwas verwunderlich ist, dass in diesem Teil der Hinweis auf Martin Lengwilers Studie zur Geschichte der deutschen Militärpsychiatrie vor 1914 fehlt.3 Eine Auseinandersetzung mit Lengwilers These, wonach die Hysteriediagnose schon vor dem Krieg in der deutschen Militärpsychiatrie akzeptiert und mit einer Politik der wohlwollenden Rentenvergabe verbunden war, wäre in diesem Zusammenhang durchaus lohnend gewesen.

Mit einem Kapitel über die psychiatrische Mobilisierung der nationalen Nervenstärke zu Kriegsbeginn leitet Lerner zum zweiten Teil der Arbeit über (S. 61-192). Es ist dies das Kernstück der Studie und Lerner geht hier weit über das hinaus, was bisher zur Geschichte der deutschen Kriegspsychiatrie publiziert wurde. Mittels neuer Quellenfunde in Archiven sowie einer umsichtigen Aus- und Neubewertung der zeitgenössischen Fachliteratur schafft Lerner ein solides empirisches Fundament, das seine Argumentation stets untermauert, nie aber zum Selbstzweck der Darstellung wird. Klare Schwerpunktsetzungen, drängende Fragestellungen und eine virtuose Gedankenführung kennzeichnen diesen Hauptteil. Ein Höhepunkt ist die Analyse des „Falls“ der traumatischen Neurose sowie der „Sieg“ der Hysterie auf der Münchener Kriegstagung der Psychiater im September 1916. Lerner kann zeigen, wie psychiatrische Wissensproduktion und die Gestaltung therapeutischer Praktiken an einzelne Akteure, professionelle Netzwerke, politische Strukturen und militärische Erfordernisse gebunden sind. Von besonderer Bedeutung ist die Rolle, die der Hamburger Psychiater Max Nonne einnahm. Mit seiner hypnotischen Therapie, die er an mitgebrachten Patienten vor den Augen der versammelten Konferenz durchführte, gab er der psychologischen Richtung – und damit der Hysteriediagnose – das entscheidende Argument in die Hand: Die Kriegsnervenkranken seien mit Hilfe suggestiver Behandlungstechniken prinzipiell heilbar. Lerner zeigt hier eindrücklich, dass der Krieg nicht die Neuentdeckung, sondern vielmehr die Wiederentdeckung psychiatrischer Konzepte und therapeutischer Praktiken brachte. Und noch etwas anderes zeigt der Hauptteil des Buches: In diesem Krieg bildeten Magie und Moderne, Scharlatanerie und Wissenschaft zwei Seiten derselben Medaille. Nonnes „Zauberheilungen“ in einer „entzauberten Welt“ führten die zuvor als unwissenschaftlich verworfene Hypnose als modernste Variante im rationalisierten therapeutischen Arsenal der Psychiater vor. Da trotz aller Anstrengungen viele Soldaten von ihren Symptomen nicht oder nur temporär befreit werden konnten, wurden ab 1916 spezielle Nervenstationen errichtet, in deren Umfeld die Patienten zu landwirtschaftlichen, administrativen und industriellen Arbeiten herangezogen wurden. In einem totalen Krieg, der die Mobilisierung aller Kräfte zum Zwecke des Kriegserfolges bündelte, war auch der Patientenalltag von Produktivitätsdenken bestimmt.

Der dritte Teil des Buches (S. 193-248) beschäftigt sich mit der unmittelbaren Nachkriegszeit sowie mit dem anhaltenden „Kampf“ der Psychiater gegen die Rentenneurosen der Veteranen. Anhand von ärztlichen Gutachten und Krankengeschichten gelingen Lerner neue Einblicke in das fragile politische und kulturelle Gefüge der Weimarer Republik. Die anhaltenden Unsicherheiten in der Begutachtung von Männern, bei denen keine organische Schädigung des Nervensystems nachzuweisen war, bedeuteten die Fortsetzung psychiatrischer Kontroversen über das Wesen der Hysterie. War es der Krieg oder die pathologische Konstitution der Veteranen, die ihre Körper zittern ließen? Den interessengeleiteten Narrativen der Veteranen, die verbissen um die Anerkennung einer Rente kämpften und dafür auf die schockierenden Erfahrungen des Krieges verwiesen, stand eine konsequente Abwehrhaltung der Psychiater entgegen, welche die ökonomische und kollektive Gesundung des Staates vor Augen hatten. In diesem Kampf um die „Wahrheit“ des Krieges prallten unterschiedliche Erinnerungs- und Deutungsdiskurse aufeinander und mündeten in „politics of trauma“, deren Verlaufslinien von Lerner eingehend besprochen werden.

Am Ende streift Lerner in seiner zweiseitigen Zusammenfassung nochmals die Frage der psychiatrischen Kontinuitäten zum Nationalsozialismus, und bei diesem Problem (das man das ganze Buch hindurch kaum vermisst hat) fühlt man sich doch etwas alleine gelassen. Sicher, dass von den Psychiatern des Ersten Weltkriegs keine direkte Linie zu den medizinischen Verbrechen der NS-Ärzte zu ziehen ist, wird nach der Lektüre von Hysterical Men sehr deutlich. Auch von den vereinfachenden Qualifizierungen der Psychiater als kriegstreiberische und inhumane Täterfiguren wird man sich endgültig verabschieden müssen. Doch geht es in diesem Fall um mehr als nur um das alte Grundproblem historischer Forschung, die ihren Untersuchungszeitraum beginnen und enden lassen und dafür plausible Kriterien entwickeln muss. Es geht um die Frage, welche psychiatrischen Wissensbestände und Praktiken des Ersten Weltkriegs bereitgestellt und von den Psychiatern im Vorfeld und während des Zweiten Weltkriegs aufgegriffen wurden. Nicht wenige, ist man nach dem bisherigen, unzureichenden Forschungsstand geneigt zu sagen. Welche aber genau? Lerner sagt hierzu nicht viel, was prinzipiell völlig in Ordnung ist, da er über die Psychiatrie des Ersten Weltkriegs schreibt. Etwas missverständlich ist jedoch, dass er an manchen Stellen selbst mit linear-retrospektiven Formulierungen spielt. So heißt es etwa im Hinblick auf die psychiatrische Diagnosepolitik des Ersten Weltkriegs: „But long before doctors mobilized“ (S. 1). Da Lerner zudem die NS-Wehrpsychiatrie gar nicht in seine Studie einbezogen hat, vermag man seiner distanzierten Position zur Kontinuitätsthese nur bedingt folgen.

Was bleibt als Fazit? Hysterical Men ist eine in vielerlei Hinsicht überzeugende Studie zur Geschichte der deutschen Psychiatrie in der Wilhelminischen Ära, während des Ersten Weltkriegs und in der Weimarer Republik. Lerners Ansatz, die Kriegspsychiatrie jenseits moralischer Bewertungen im Kontext der allgemeinen Modernisierungsprozesse dieser Epochen zu betrachten, ist überaus gelungen. Der sichere Umgang mit den Quellen, die methodische Stringenz, das sorgfältige Abwägen der eigenen Argumentation und nicht zuletzt die fesselnde Darstellung zeichnen dieses Buch aus. Auch die Ausstattung ist mit gut ausgewählten Illustrationen und einem Register vorbildlich. Für alle weiteren Untersuchungen zur Geschichte der deutschen Psychiatrie im Umfeld des Ersten Weltkriegs wird Lerners Studie ohne Zweifel die Referenz sein.

Anmerkungen:
1 Micale, Mark S.; Lerner, Paul (Hgg.), Traumatic Pasts. History, Psychiatry, and Trauma in the Modern Age, 1870-1930, Cambridge 2001.
2 Riedesser, Peter; Verderber, Axel, „Maschinengewehre hinter der Front.“ Zur Geschichte der deutschen Militärpsychiatrie, Frankfurt am Main 1996.
3 Lengwiler, Martin, Zwischen Klinik und Kaserne. Die Geschichte der Militärpsychiatrie in Deutschland und der Schweiz 1870 bis 1914, Zürich 2000.

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