Titel
Wege ins Ungewisse. Reisen in der Fruehen Neuzeit 1500-1800


Autor(en)
Graef, Holger Thomas; Ralf Proeve
Erschienen
Frankfurt am Main 1997: S. Fischer
Anzahl Seiten
277 S. mit 58 Abb.
Preis
39,80 DM
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Stefan Kroll, Philosophische Fakultaet Fachbereich Geschichtswissenschaften, Universität Rostock Historisches Institut

Es ist noch nicht allzu viel, was bisher ueber das Reisen in der fruehen Neuzeit bekannt ist. Zumeist sind es Berichte ueber Bildungs- oder Vergnuegungsreisen von Angehoerigen der gesellschaftlichen Oberschichten, die Auskunft geben ueber das Unterwegssein in einer Zeit, in der Eisenbahn, Flugzeug und Auto noch unbekannt waren. Das Bild der Verkehrswege wurde jedoch von anderen gepraegt. So waren es vor allem Kaufleute, Wanderhaendler, Seefahrer, Handwerksgesellen, Schausteller, Fluechtlinge, Gelegenheitsarbeiter, desertierte Soldaten und die vielen Bettler, die auf den Land- und Wasserstrassen dominierten. Nur die wenigsten von ihnen haben der Nachwelt schriftliche oder bildliche Auskuenfte ueber ihre Erlebnisse und Erfahrungen hinterlassen. Die Autoren des vorzustellenden Buches, beide wissenschaftliche Assistenten am Institut fuer Geschichtswissenschaften der Humboldt-Universitaet zu Berlin, haben sich bemueht, moeglichst viel von diesem Material ans Tageslicht zu foerdern und daraus ein "Sachlesebuch ueber das Unterwegssein von Menschen in der Fruehen Neuzeit" zu machen. Neben den Reiseberichten, die ein breites Spektrum von Reisenden repraesentieren und die wichtigste Quellengruppe darstellen, wurden auch Gesetzestexte, Verordnungen, Steuerregister, Tagebuecher und andere mehr ausgewertet. Ausserdem werden insgesamt 58 zeitgenoessische bildliche Illustrationen als Quellen herangezogen.

Grundsaetzlich interessierten sich die Verfasser weniger fuer schoengeistige Eroerterungen, sondern vielmehr fuer Aussagen zu den alltaeglichen Umstaenden sowie den materiellen, strukturellen, sozialen, rechtlichen und organisatorischen Voraussetzungen und Problemen des Reisens. Die bildlichen Darstellungen sind ebenso wie die z. T. sehr ausfuehrlichen, ins Neuhochdeutsch uebertragenen Textzitate in die Darstellung integriert.

Neben der Einleitung und dem Ausblick zum Schluss besteht der Band aus insgesamt acht Kapiteln. Das erste ist den unterschiedlichen Benutzern der Verkehrswege und den vielfaeltigen Motiven fuer das Reisen gewidmet. Die Vorbereitung einer Reise besass ebenso wie die Zusammenstellung der Ausruestung in der fruehen Neuzeit eine erheblich groessere Bedeutung als in der Gegenwart. So stehen denn auch Bewaeltigungsstrategien und Hilfsmittel im Mittelpunkt des zweiten Kapitels. Anschliessend werden die verschiedenen Verkehrswege sowie die wichtigsten Transport- und Verkehrsmittel vorgestellt. Auch der Frage, wie und wo man uebernachtete, ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Hier wird besonders auf die Wandlungsprozesse eingegangen, die sich im Verlauf der drei Jahrhunderte zwischen Reformation und Franzoesischer Revolution ereigneten. Etwas knapp ist der Abschnitt ueber diejenigen Menschen gehalten, die sich auf vielfaeltige Weise ihren Lebensunterhalt im Transport- und Verkehrsgewerbe verdienten. Um so ausfuehrlicher und anschaulicher wird dagegen auf die zahlreichen Hindernisse und Gefahren des Unterwegsseins eingegangen (Kapitel 7). Dafuer waren nicht nur klimatische und topographische Gegebenheiten ausschlaggebend, sondern ebenso die vielfaeltigen Maengel der fruehneuzeitlichen Infrastruktur. Ferner bestand stets eine potentielle Gefaehrdung durch Diebe, Raeuber, Wegelagerer und auch Mitreisende. Das letzte thematische Kapitel nimmt sich schliesslich dem Wandel im Raum- und Zeitempfinden der Menschen an. Ueberhaupt versuchen die Autoren stets, die sich im Verlauf der fruehen Neuzeit vollziehenden mentalen und vor allem strukturellen Umbrueche zu beruecksichtigen. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass die behandelte Epoche wichtige Weichenstellungen und Verbesserungen gebracht habe, die insbesondere auf einer staerkeren Rationalisierung und einer verbesserten Organisierung basierten.

Das Buch ist gut lesbar, phasenweise sogar geradezu spannend geschrieben. Dennoch sind auch einige kritische Bemerkungen anzubringen. Im Vergleich zu den Reisen ueber Land kommen dem Rezensenten die Fahrten mit Schiff, Boot, Faehre und Floss insgesamt etwas zu kurz. Offensichtlich lag dies allerdings vor allem daran, dass sich hierzu nur in geringerem Umfang geeignetes Quellenmaterial zusammentragen liess. Der Ansatz, zeitgenoessische bildliche Darstellungen gleichberechtigt neben Textquellen in die Darstellung einzubinden, ist prinzipiell zu begruessen. Leider sind jedoch die Vorlagen vielfach zu stark verkleinert worden, so dass sie den angestrebten Zweck nicht immer erfuellen koennen. Manche Details und Erlaeuterungen sind nur schwer erkennbar. Ausserdem erfolgt in der Regel keine umfassende Interpretation der Bildquellen. Schliesslich ist anzumerken, dass bei einem Sachlesebuch sicherlich auf Fussnoten verzichtet werden kann. Dennoch waere es hilfreich und ohne grossen Aufwand realisierbar gewesen, zu den zahlreichen Quellenzitaten neben der Herkunft auch die konkreten Seitenzahlen aufzufuehren.

Diese Einwaende sollen nicht darueber hinwegtaeuschen, dass der vorgelegte Band den gestellten Anspruechen im uebrigen voll und ganz gerecht wird. Darueber hinaus sollte er als Anregung genommen werden, das thematische Spektrum der traditionellen Verkehrsgeschichte in der fruehen Neuzeit zu erweitern. Es ist deutlich geworden, dass es in weiten Bereichen an einem soliden, auf breiter Quellengrundlage erforschten Kenntnisstand mangelt.

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