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A. Huber: Fremdsein im Krieg

 

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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit infoclio.ch (Redaktionelle Betreuung: Eliane Kurmann und Philippe Rogger). www.infoclio.ch/

Autor(en):
Titel:Fremdsein im Krieg. Die Schweiz als Ausgangs- und Zielort von Migration, 1914–1918
Reihe:Die Schweiz im Ersten Weltkrieg 2
Ort:Zürich
Verlag:Chronos Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-0340-1411-3
Umfang/Preis:336 S.; € 58,00

Béatrice Ziegler, Pädagogische Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz
E-Mail: <beatrice.zieglerfhnw.ch>

Anja Hubers Buch untersucht Migrationsströme von und in die Schweiz während des Ersten Weltkriegs sowie die Regulationssysteme, die sich in der Schweiz (wie anderswo) durchsetzten und dem Versuch dienten, die Migration zu steuern und zu beherrschen. Dabei stehen sowohl Ausländerinnen und Ausländer in der Schweiz im Fokus wie auch Schweizerinnen und Schweizer im Ausland. Die Autorin interessiert sich dafür, inwiefern der Krieg zum Auslöser und/oder Katalysator von Migrationen bzw. Migrationsregelungen wurde. Sie betont, dass Kriegsausbruch und -verlauf nicht nur das Leben von vielen Menschen einschneidend und häufig nachhaltig beeinflussten, sondern auch Regime veränderten, mit denen Migrantinnen und Migranten von staatlicher Seite begleitet und kontrolliert wurden. Die Dissertation ist die zweite in der Reihe «Die Schweiz im Ersten Weltkrieg», in der Arbeiten aus dem Sinergia-Projekt zu den transnationalen Perspektiven auf den Kleinstaat Schweiz im totalen Krieg publiziert werden.[1]

Anja Hubers Thema stellt nicht geringe Herausforderungen. So bedeutet die Anbindung der Darstellung der Migrationsströme und der Vielfalt von unterschiedlichen Migrantinnen und Migranten an die Migrationstheorie alleine schon die Auseinandersetzung mit einem weiten und intensiv bearbeiteten Forschungsfeld[2], ohne dass aber dort die Fokussierung auf die detaillierte Bearbeitung der Verhältnisse im Ersten Weltkrieg bereits Vorläufer hätten. Mit der auch quellenmässig schwierigen Untersuchung der Regulationen, mit denen die Schweizerinnen und Schweizer im Ausland wegen der kriegerischen Auseinandersetzung konfrontiert waren und die in vielen Fällen das Engagement der schweizerischen Diplomatie erforderten, betritt Anja Huber ein zweites Mal Neuland, ist doch die Geschichte der Beziehungen der Schweizerinnen und Schweizer im Ausland zur Schweiz kaum bzw. nur punktuell bekannt[3] und stellt für die Zeit des Ersten Weltkriegs eine Leerstelle dar. Zur Immigration und zum Aufenthalt von Ausländerinnen und Ausländern in der Schweiz im 19. und 20. Jahrhundert liegt mittlerweile einiges vor.[4] Gerade aber für den Ersten Weltkrieg ist die vorliegende Dissertation wiederum ein Pionierwerk, zum einen was die Arbeitsmigration angeht, zum andern insbesondere bezüglich des Aufenthalts von ausländischen Militärpersonen. Entsprechend weitgehend im Dunkeln lag bislang die Regulation des Aufenthalts dieser Gruppen durch den Bundesstaat und die Kantone in der Kriegszeit, während die Einwanderungspolitik der Schweiz seit dem Ersten Weltkrieg in den letzten Jahren Gegenstand gewichtiger Forschung war.[5]

Anja Huber stützt ihre Arbeit auf umfangreiche Quellenbestände insbesondere des Schweizerischen Bundesarchivs. Um der schweizerischen Perspektive ein Gegengewicht zu verschaffen und gleichzeitig auch die konkreten Fälle und Regulationen vollständiger beschreiben zu können, konsultierte sie auch Material des Hof-, Haus- und Staatsarchivs und des Kriegsarchivs in Wien sowie Materialien in den National Archives in London.

Die unterschiedlichen Themen, die in der Forschung aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet werden, führten die Autorin zu einer Strukturierung, die die Darstellung themenspezifischer Untersuchungsergebnisse in deren Forschungskontext möglich machen und darüber hinaus erlauben soll, dieselben zu einem Bild des Umgangs der Schweiz mit Migration im Ersten Weltkrieg bündeln zu können. Nach einführenden Kapiteln zur Theorie der Migration in der Kriegssituation und zur Geschichte der Migration und der Migrationskontrolle vor dem Ersten Weltkrieg, behandelt sie also Arbeits-, Militärmigration, Zwangsmigration als Flucht und als militärisch bedingte Form in eigenen Kapiteln. Ein zusammenfassendes Schlusskapitel strukturiert wiederum die Bilanz. Diese Gliederung hat den Vorteil, dass die einzelnen Migrationsformen auf der Basis des im Prinzip gleich archivierten Materials und im Kontext der meist ebenfalls gleich strukturierten Literatur diskutiert werden und sich die Erkenntnisse in die entsprechenden Diskussionszusammenhänge einfügen lassen. Umso anspruchsvoller gestaltet sich dann aber die bilanzierende Strukturierung der Resultate zu dem, was Anja Huber die «Migrationstopographie der Schweiz im Krieg» nennt, sowie die sehr unspezifisch betitelte „Zusammenfassung und Schlussgedanken“ über die Massnahmen und die Haltung der schweizerischen Behörden zur Migration. Es ist im Rahmen dieser Besprechung nicht möglich, die Leistung der Studie mit der Diskussion einzelner Kapitel gebührend zu würdigen. Es steht ausser Zweifel, dass die Arbeit für jedes einzelne der untersuchten Themen einen Meilenstein darstellt, an dem sich weitere Arbeiten orientieren werden.

Anlass zu Diskussionen sollten jedoch folgende Punkte geben: In einem ersten Schritt erläutert die Autorin die Kategorien von Migrantinnen und Migranten, derer sich die Migrationstheorie bedient, und zeigt aufgrund ihres Materials, wie schnell die Zuteilung einzelner Personen oder Personengruppen zu einer Kategorie obsolet werden kann, etwa – um ein Beispiel zu nennen – wenn ein Arbeitsmigrant sich entscheidet, trotz Stellungsbefehl des Heimatlandes in der Schweiz zu bleiben und damit zum Refraktär wird. Wenn sie aus dieser Feststellung in einem zweiten Schritt allerdings ableitet, dass die Kategorisierungen aufgrund der schnell erfolgenden Wechsel für die jüngste Migrationsgeschichte nur eine geringe Relevanz haben, unterschätzt sie deren strukturierende Funktion auch beim Verständnis der Migrationsregulation. Im Weiteren bezieht Anja Huber die Schweizer Tourismusbranche in den Überblick über die Migration vor dem Ersten Weltkrieg mit ein. Hier hätte geklärt werden können, dass der knappe Überblick über die Geschichte des Tourismus zeigen soll, dass sich mit ihm eine spezifische Wirtschaftsbranche entwickelte, die sich während des Ersten Weltkriegs aus Mangel an Touristen politisch zugunsten der Aufnahme von Fremden einmischte, um ihre Häuser wieder gewinnbringend füllen zu können. Dies auch, um die kategoriale Verschiedenheit von Migration und Tourismus deutlich zu machen.

Abgesehen von solchen kleinen Unebenheiten besticht die Arbeit als Erzählung zum «Fremdsein im Krieg» – insbesondere auch deswegen, weil Anja Huber die Aussagekraft von einzelnen Quellenbeständen und den darauf gestützten Aussagen und Erzählungen immer wieder überprüft. So gelingt es der Autorin in beeindruckender Weise, aufgrund sehr verschiedener und verschieden dichter Bestände einen systematisierenden Überblick über «die Schweiz als Ausgangs- und Zielort von Migration» im Ersten Weltkrieg zu liefern, in dem ihr auch die Illustration der These gelingt, dass der Krieg in vielen Fällen Katalysator im Migrationsgeschehen war.

Anmerkungen:
[1] Die Schweiz im Ersten Weltkrieg: Transnationale Perspektiven auf einen Kleinstaat im totalen Krieg. Sinergia 141906. <p3.snf.ch/Project–1 41906> (10.06.2018).
[2] Sie stützt sich dabei sinnvollerweise vor allem auf die Arbeiten am Institut für Migration und Interkulturelle Studien (IMIS), insbesondere die Übersichtswerke der Historiker Klaus J. Bade und Jochen Oltmer sowie des Soziologen Petrus Han. Erwähnt seien Klaus J. Bade, Europa in Bewegung. Migration vom späten 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, München 2002; Ders. u.a. (Hrsg.), Enzyklopädie Migration in Europa. Vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Paderborn 2007; Jochen Oltmer, Migration im 19. und 20. Jahrhundert, Oldenburg 2009; Petrus Han, Soziologie der Migration. Erklärungsmodelle, Fakten, Politische Konsequenzen, Perspektiven, Stuttgart 2005; Ders., Theorien zur internationalen Migration. Ausgewählte interdisziplinäre Migrationstheorien und deren zentrale Aussagen, Stuttgart 2006.
[3] Vgl. den nicht mehr ganz neuen Problemaufriss von Gérald Arlettaz, La Nouvelle Société Helvétique et les Suisses à l’étranger (1014–1 924). Aspects de la construction d’un nationalisme de type ethnique (S.37-–64), in der im Wesentlichen von ihm betreuten Publikation: Schweizerisches Bundesarchiv (Hrsg.), Die Auslandschweizer im 20. Jahrhundert, Bern 2002. Auch der folgende Tagungsband zeigt, dass die Forschung über Einzelstudien, die keineswegs für einen Überblick genügen, nach wie vor nicht hinausgekommen ist: Brigitte Studer u.a. (Hrsg.), Die Schweiz anderswo: AuslandschweizerInnen – SchweizerInnen im Ausland = La Suisse ailleurs : les Suisses de l'étranger – les Suisses à l'étranger, Zürich 2015.
[4] Als Pionierwerk kann dabei gelten: Gérald Arlettaz / Silvia Arlettaz: La Suisse et les étrangers. Immigration et formation nationale (1848–1933), Lausanne 2004. Und speziell für die italienische Einwanderung: Ernst Halter, Das Jahrhundert der Italiener in der Schweiz, Zürich 2003. Nach wie vor gewichtig: Hans-Rudolf Wicker u.a. (Hrsg.), Migration und die Schweiz. Ergebnisse des nationalen Forschungsprogramms «Migration und interkulturelle Beziehungen», Zürich 2003.
[5] Es seien hier neben denjenigen von Arlettaz lediglich als Auswahl die folgenden Arbeiten angesprochen: Patrick Kury, Über Fremde reden: Überfremdungsdiskurs und Ausgrenzung in der Schweiz 1900–1945, Zürich 2003; Simon Erlanger / Patrick Kury / Barbara Lüthi, Grenzen setzen. Vom Umgang mit Fremden in der Schweiz und den USA (1890–1950), Köln 2005; Regula Argast, Staatsbürgerschaft und Nation. Ausschließung und Integration in der Schweiz 1848–1933, Göttingen 2007; Uriel Gast, Von der Kontrolle zur Abwehr. Die Eidgenössische Fremdenpolizei im Spannungsfeld von Politik und Wirtschaft 1915–1933, Zürich 1996; Brigitte Studer, Gérald Arlettaz / Regula Argast, Das Schweizer Bürgerrecht. Erwerb, Verlust, Entzug von 1848 bis zur Gegenwart, Zürich 2008; sowie den bereits genannten Band von Wicker u.a. (2003).

ZitierweiseBéatrice Ziegler: Rezension zu: Huber, Anja: Fremdsein im Krieg. Die Schweiz als Ausgangs- und Zielort von Migration, 1914–1918. Zürich 2018, in: H-Soz-Kult, 17.09.2018, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2018-3-149>.
 
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