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H-Soz-Kult
 

Das Historische Buch 2006

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Thematischer Schwerpunkt 2007
Publikumspreis

Zeitgeschichte

Essay von Konrad H. Jarausch für H-Soz-Kult

1. Rang (42 Punkte, 9 Voten)

Frei, Norbert: 1945 und wir. Das Dritte Reich im Bewußtsein der Deutschen. München 2005.

Besonders positiv anzumerken ist die Thematisierung des Generationszusammenhangs in der öffentlichen Debatte wie der Auseinandersetzung der Forschung. Frei konstatiert einen Epochenwechsel mit dem kommenden Ende der Zeitzeugenschaft, der die lebendige Verbindung zur Vergangenheit beende und die dritte bzw. vierte Generation der Nachkommen vor neue Herausforderungen in der Bewahrung einer selbstkritischen Holocaust-Erinnerung stelle. Gleichzeitig betont er zu Recht die Rolle der Zeitgenossenschaft bei der frühen öffentlichen Kommentierung der NS-Verbrechen – die zeitliche und biografische Nähe verhinderte bei der Mehrheit der Bevölkerung eine kritische Diskussion. Konrad H. Jarausch für H-Soz-Kult

Das Buch beeindruckt durch die Stringenz, mit der es das Vergangenheitsverhältnis der Nachkriegszeit als eine Folge von "deutschen Lernprozessen" sichtbar macht. (...) Seine mit Scharfsinn und Schärfe betriebene Argumentation ist dabei, dem Verlust der Zeitgenossenschaft seine Chance abzuringen: eine Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, die sich von der bloßen, oft nur nachtretenden Kritik an der Bundesrepublik löst und sich sozusagen auf eigene Beine stellt. Frei führt selbst die Leitfigur dafür ein: Sie heißt "gelernte Zeitgenossenschaft".
Hermann Rudolph (Der Tagesspiegel, 30.05.2005)

Historiker sind nicht für Bequemlichkeiten zuständig, sie führen uns das Prekäre, das Unbehagliche vor Augen – jedenfalls wenn sie ihr Metier verstehen wie Norbert Frei. Er, der nach Jahren in Bochum jetzt in Jena lehrt, ist zurzeit sicherlich einer der deutungsmächtigsten deutschen Zeithistoriker. In seinem schmalen, aber gehaltvollen Band liefert er dafür einen neuen Beweis. (...) Norbert Frei trägt seinen Teil dazu bei, dass wir es uns nicht zu bequem machen. Seine Analysen sind messerscharf, seine Sprache ebenso luzide wie prägnant auf den Punkt.
Edgar Wolfrum (Die Zeit, 24.02.2005)
http://www.zeit.de/2005/09/P-Frei

Seine elegant formulierten Analysen zeigen eindringlich, wie elementar ein aufgeklärtes Geschichtsbewusstsein für den Abbau kollektiver Mythen ist – wozu die langlebige Vorstellung gehört, selbst das "erste Opfer" Hitlers gewesen zu sein.
Dietmar Süß (Süddeutsche Zeitung, 15.03.2005)
http://www.buecher.de/w1100485sz3406529542


 

2. Rang (39 Punkte, 8 Voten)

Nützenadel, Alexander: Stunde der Ökonomen. Wissenschaft, Politik und Expertenkultur in der Bundesrepublik 1949 - 1974. Göttingen 2005.

Die wissenschaftlichen Grundlagen der Wirtschaftspolitik in den 1950er und 1960er-Jahren werden in bemerkenswerter Deutlichkeit herausgearbeitet – und zwar so vernehmlich, dass der noch immer verbreitete Mythos vom "Deutungsmonopol" der Ordoliberalen nun langsam an sein Ende kommen dürfte. Zudem trägt Nützenadels Studie dazu bei, den gelegentlich etwas erregten Ton aus den Debatten über die "Verwissenschaftlichung der Politik" in den 1960er-Jahren zu nehmen. Für den Fall der Wirtschaftspolitik kann er jedenfalls empirisch bestens belegen, dass die Etikettierung der 1960er-Jahre als vermeintlich scharf abgegrenzte Epoche der "Verwissenschaftlichung" kaum weiterführt. Und im Verein mit der Geschichte des Bundeswirtschaftsministeriums ist die bundesrepublikanische Wirtschaftspolitik in der Ära Adenauer erst jetzt so gründlich erforscht, wie man dies eigentlich erwartet hätte. Tim Schanetzky für H-Soz-Kult

Die weitestreichende These entfaltet das Buch, indem es für das Verhältnis zwischen dem Ordoliberalismus der Freiburger Schule - einem Kernelement des bundesdeutschen Gründungsmythos der Sozialen Marktwirtschaft - und dem Keynesianismus zu der These gelangt, daß die Idee einer aktiven staatlichen Konjunktur- und Wachstumssteuerung in der Bundesrepublik nicht erst in den sechziger Jahren, sondern bereits seit Mitte der fünfziger Jahre wachsenden Anklang fand. Diese Beobachtung harmoniert mit der grundlegenden Ausweitung des Sozialstaats seit der Rentenreform 1957 sowie mit Befunden allgemeiner soziokultureller Modernisierungsprozesse ebenfalls bereits seit den späten Fünfzigern. Langfristig offenbarten diese Entwicklungen und Entscheidungen freilich ihre Kosten, insbesondere die strukturelle finanzielle Überlastung des Gemeinwesens samt seiner Folgen. Vieles, was zeitgenössisch oder auch seitens der Geschichtsschreibung als "modern" gefeiert wurde, erscheint aus heutiger Perspektive antiquiert und irreführend, während manches als antiquiert Diskreditierte bei genauem Hinsehen erstaunlich aktuelle Potentiale offenbart.
Andreas Rödder (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.02.2006)
http://www.buecher.de/w1100485faz3525351496

Insgesamt ist Nützenadel somit der überzeugende Nachweis gelungen, dass sich in Wirtschaftspolitik und Wirtschaftswissenschaft simultan der Übergang zu einer an makroökonomischen Modellen orientierten Steuerungstheorie der Wirtschaft durchsetzte, ein Prozess, der in beiden gesellschaftlichen Bereichen Mitte der 1950er-Jahre begann und während der Großen Koalition in voller Blüte stand. [...] Das hohe gesellschaftliche Ansehen der Ökonomen - das angesichts ihres "Versagens" (Knut Borchardt) während der Weltwirtschaftskrise in der Tat in jeder Hinsicht erstaunlich ist - wird von Nützenadel sicher zu Recht auf deren gestiegenen Einfluss in der wissenschaftlichen Politikberatung zurückgeführt, welcher dann aber seinerseits mit dem Bedeutungsgewinn moderner Konjunkturpolitik begründet wird, einem Erfolg der Verwissenschaftlichung der Politik.
Jan-Otmar Hesse (sehepunkte 6 (2006), Nr. 1)
http://www.sehepunkte.de/2006/01/9056.html


 

3. Rang (36 Punkte, 11 Voten)

Metzler, Gabriele: Konzeptionen politischen Handelns von Adenauer bis Brandt. politische Planung in der pluralistischen Gesellschaft. Paderborn 2005.

Die Studie ist souverän geschrieben, argumentiert überzeugend sowie auf der Höhe des Forschungsstands und ist trotz der trockenen Thematik sehr gut lesbar. Sie lädt zu weiteren Fragen ein. Klaus Weinhauer für H-Soz-Kult

Der Tübinger Zeithistorikerin Gabriele Metzler gebührt das Verdienst, die Geschichte der politischen Planung in der Bundesrepublik zum ersten Male umfassend aufgearbeitet zu haben. Gestützt auf breites Quellenmaterial, zeigt sie in ihrer ebenso gründlichen wie lesbaren Studie, wie der Planungsgedanke in das politische Handeln Einzug hielt und es in den Griff nahm.
Frank Decker (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.03.2005)
http://www.faz.net/s/RubA330E54C3C12410780B68403A11F94...html


 

4. Rang (29 Punkte, 9 Voten)

Große Kracht, Klaus: Die zankende Zunft. historische Kontroversen in Deutschland nach 1945. Göttingen 2005.

In den vergangenen Jahren ist eine Vielzahl von Studien über Historikerkontroversen nach dem Zweiten Weltkrieg erschienen. Zur "Fischer-Kontroverse" liegt inzwischen eine Reihe von Jubiläumsaufsätzen vor, und der "Historikerstreit" ist sogar Gegenstand einiger längerer Publikationen geworden. Fast fühlt man sich an Karl Valentin erinnert: "Es ist zwar schon alles gesagt, aber noch nicht von jedem." Große Krachts Studie hat hingegen auch Neues zu bieten, denn "Die zankende Zunft" ist die erste Untersuchung, die wichtige Historikerdebatten nach 1945 in eine Erzählung zu integrieren versucht. Gleichzeitig erweitert Große Kracht den Fokus: Es geht ihm nicht in erster Linie um eine detaillierte Rekonstruktion der von den Historikern jeweils vorgebrachten Argumente, sondern mehr um die Einbettung der Kontroversen in den breiteren Kontext. [...]Prägnant und zuverlässig schildert Große Kracht die Entwicklung der Geschichtswissenschaft in Ost- und Westdeutschland in den ersten eineinhalb Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg. [...]"Die zankende Zunft" ist ein rundum empfehlenswertes Buch. Klaus Große Kracht argumentiert stets fair und prägnant, und sein Konzept, die streitenden Historiker so viel wie möglich selbst sprechen zu lassen, anstatt ihnen nachträglich Noten zu erteilen, geht auf. Ebenso gelingt es dem Autor, die Kontroversen in ihrem breiteren Kontext zu präsentieren. Wer komplizierte Debatten wie die "Fischer-Kontroverse" in allen argumentativen Verästelungen nachvollziehen will, kommt wohl nicht ganz auf seine oder ihre Kosten. Aber wer eine zuverlässige Einführung in historische Kontroversen der letzten 60 Jahre sucht, ist bei Große Kracht in jedem Falle richtig. Philipp Stelzel für H-Soz-Kult

[...] es gelingt dem stets um ausgewogene Urteile bemühten Autor nicht nur, eine nützliche Einführung in einer für die heutige Studentengeneration verträglichen Portionierung vorzulegen, er bietet obendrein eine in dieser Form neue Studie über die Verzahnung zwischen "zankender" Historikerzunft und politischer Kultur, die den schwierigen Weg der Geschichtswissenschaft zur public science nach der "deutschen Katastrophe" reflektiert.
Manfred Kittel (sehepunkte 6 (2006), Nr. 2)
http://www.sehepunkte.de/2006/02/9120.html

Intelligente, zügig geschriebene Darstellung [...] verdienstvolle Publikation[...]. Volker Ullrich (Die Zeit, 21.07.2005) http://www.zeit.de/2005/30/P-Gro_a7e_Kracht?page=all


 

5. Rang (28 Punkte, 8 Voten)

Herzog, Dagmar: Sex after fascism. memory and morality in twentieth-century Germany. Princeton, NJ 2005.

Herzogs Buch handelt somit von den ideologischen Auseinandersetzungen um Stellung und Bedeutung der deutschen Sexualität von 1933 bis in die späten 1970er Jahre – mit einem kurzen Ausblick auf die Jahre nach 1989. Die politischen Vorschriften, Moralkodices und Meinungen von Ideologen, Regierungsvertretern, von professionellen Deutern und Sexologen, von Journalisten, Kirchenvätern und zuweilen auch von interviewten Zeitzeugen werden ineinander verschachtelt und zu einer lesenswerten Diskursgeschichte verwoben. Sven Reichardt für H-Soz-Kult

Die 44-jährige US-Historikerin Dagmar Herzog, Professorin an der City University of New York, legt mit ihrer Sexual-Geschichte Deutschlands von der Weimarer Republik bis zur Gegenwart eine bahnbrechende Untersuchung vor. [...] Dagmar Herzogs materialreiche und wissenschaftlich gut fundierte Untersuchung überrascht und provoziert, überzeugt aber immer wieder durch die unprätentiöse Aufbereitung ausgeblendeter Fakten und Zusammenhänge. Differenziert und dennoch klar zeigt die amerikanische Historikerin, wie Menschen, die über Sex sprechen, zugleich immer auch über ganz anderes reden und dabei viel von sich offenbaren.
Urs Rauber (NZZ am Sonntag, 22.01.2006)

Herzog provides an innovative perspective on the history both of sexuality and of Nazism. Her broader argument that in this as in other times and places sex was "an extraordinarily significant locus for politics.... and as such a central element in strategies of rule" (p. 8) is convincing. And this book also contributes to today's debates on how the Holocaust should be remembered and memorialized. On this subject, Herzog is right on target. As recent works such as Peter Novick's The Holocaust in American Life emphasize, the Holocaust functions in our own era as a giant screen upon which we project our personal and political obsessions. And some of these are sexual.
Ann Taylor Allen. (H-German, January, 2006)
http://www.h-net.org/reviews/showrev.cgi?path=36061145897125


 

5. Rang (28 Punkte, 7 Voten)

Goschler, Constantin: Schuld und Schulden. die Politik der Wiedergutmachung für NS-Verfolgte seit 1945. Göttingen 2005.

Mit dem Komplex von Schuld und Schulden, Geschichte und Gerechtigkeit, politischer Moral und moralischer Ökonomie hat sich Constantin Goschler in seiner Gesamtdarstellung der Politik der Wiedergutmachung für NS-Verfolgte seit 1945 (die auch die DDR mit einbezieht) eindrucksvoll beschäftigt. Er spürt den diversen kulturellen Bedeutungen und politischen Konzepten von Wiedergutmachung nach, reflektiert deren gesellschaftspolitische Funktionen und zeigt deren Wandlungen entsprechend den politischen Konstellationen – eine perspektivenreiche kulturhistorisch sensibilisierte Politikgeschichte der Wiedergutmachung.
Jörg Später (Süddeutsche Zeitung, 27.12.2005)
http://www.buecher.de/w1100485sz389244868X

Constantin Goschler ist ein ausgewiesener Kenner der Materie, der schon früh mehrfach Arbeiten zum Thema vorgelegt hat, auf die er in diesem Buch in verschiedenen Teilen zurückgreift. Insofern ist die vorliegende Darstellung so etwas wie eine abschließende Synthese.
Rolf Steininger (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.12.2005)
http://www.faz.net/s/RubA330E54C3C12410780B68403A11F948...html

Wer die profunde Studie Goschlers gelesen hat, wird den Wandel der politischen Kultur zu schätzen wissen, der sich in den verschlungenen Wegen der Wiedergutmachung spiegelt. Zugleich schärft die Lektüre den Blick auf die Verteilungskriterien und die moralisch höchst prekäre Frage der Verteilungsgerechtigkeit. Clemens Vollnhals für H-Soz-Kult

So ist die Lektüre dem Wiedergutmachungsforscher ebenso wie dem historisch interessierten Laien empfohlen. Gerade in letzterer Hinsicht sind die nach jedem großen Kapitel eingefügten und hervorragend geschriebenen "Zwischenbilanzen" hilfreich. Zudem hebt sich der Autor mit seiner differenzierten Betrachtungsweise wohltuend ab von all jenen, die in ihren Beiträgen ein allzu schnelles Urteil über die deutsche Wiedergutmachung fällen: Die "Frage nach Erfolg und Misserfolg, von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit der Wiedergutmachung" stellt sich für Constantin Goschler nicht einfach, sondern "immer wieder neu und anders".
Tobias Winstel (sehepunkte 5 (2005), Nr. 10)
http://www.sehepunkte.de/2005/10/8094.html