Das Historische Buch 2006
Julia Angster | Dr. Petra SchulteUniversität zu Köln, Historisches Seminar LebenslaufLebenslaufgeb. 1970 in Düsseldorf 1989: Abitur, Annette-von-Droste-Hülshoff-Gymnasium, Düsseldorf 1989-1995: Studium der Fächer Mittlere Geschichte, Neuere Geschichte, Politikwissenschaft und Publizistik in Münster und Rom 1996-2000: Wissenschaftliche Hilfskraft / Mitarbeiterin beim Münsteraner Sonderforschungsbereich 231 "Träger, Felder und Formen pragmatischer Schriftlichkeit im Mittelalter" (Teilprojekt A) 1997: Dreimonatiges Forschungsstipendium am Deutschen Historischen Institut in Rom 2000: Promotion in Münster; Thema der Arbeit: Scripturae publicae creditur. Das Vertrauen in Notariatsurkunden im kommunalen Italien des 12. und 13. Jahrhunderts Januar bis April 2000: Wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Münsteraner Sonderforschungsbereich 496 "Symbolische Kommunikation und gesellschaftliche Wertesysteme" (Teilprojekt A1) Seit Mai 2000: Wissenschaftliche Mitarbeiterin/Assistentin am Historischen Seminar in Köln; Thema des Habilitationsprojektes: Gerechtigkeit und Gehorsam. Politische Bindungskonzepte im spätmittelalterlichen Frankreich Zurückliegende ForschungsschwerpunkteDas Notariat im kommunalen Italien; Formen politischer Kommunikation im 12./13. Jahrhundert Aktuelle ForschungsschwerpunkteAllgemein: Rechtsgeschichte, Begriffsgeschichte, politische Ideengeschichte, Geschichte der Emotionalität Konkret: Gerechtigkeit, Gehorsam/Treue/Loyalität, Frankreich/Burgund im Spätmittelalter, Rezeption der italienischen Notariatskunst in Deutschland Wichtige Monographien oder HerausgeberschaftenScripturae publicae creditur. Das Vertrauen in Notariatsurkunden im kommunalen Italien des 12. und 13. Jahrhunderts (Bibliothek des Deutschen Historischen Instituts in Rom 101), Tübingen 2003. gemeinsam mit Marco Mostert , Irene van Renswoude (Hrsg.): Strategies of Writing. Texts and Trust in Medieval Europe. Papers from the Fifth Utrecht Symposium on Medieval Literacy, organized by the Pioneer Project Verschriftelijking in collaboration with the Historisches Seminar der Universität zu Köln, Utrecht 28-29 November 2002 (Utrecht Studies in Medieval Literacy 12) (in Druckvorbereitung). gemeinsam mit Gabriele Annas, Michael Rothmann (Hrsg.), Gerechtigkeit im gesellschaftlichen Diskurs des späteren Mittelalters (in Arbeit). Homepage: http://uk-online.uni-koeln.de/cgi-bin/show.pl/page?uni=1&i_nr=13&f_nr=4&id=327Fragen zur historischen Forschungslandschaft und zu aktuellen Debatten2. a) Wie kamen Sie zur Geschichtswissenschaft? Was hat Sie motiviert, Geschichte zu Ihrem Beruf zu machen? Von Klio geküsst oder vom Zufall verführt? Wer vermag darauf für sich schon eine Antwort zu geben? Sagen kann ich jedoch, dass mir die Arbeit gefällt, die auf dem Wechselspiel von wissenschaftlicher Präzision und schöpferischer Fantasie beruht. Beides ist erforderlich, um die Quellen zu verstehen und ihre Aussagen zu einem Bild zusammenzufügen. Das Finden und Durchdringen eines Themas - am Schreibtisch ebenso wie in der Diskussion mit Studierenden und Kolleg/inn/en - ist ein freier und kreativer Prozess. Das macht den Beruf für mich reizvoll. Allein der stete Rechtfertigungsdruck bleibt befremdlich. Eine Gesellschaft, die sich dem Nachdenken über Geschichte verschließt, beraubt sich nicht nur ihrer Kritik- und Urteilsfähigkeit, sondern letztlich auch ihrer "humanitas". 2. b) Die Geschichtswissenschaften haben in den zurückliegenden Jahrzehnten zahlreiche Erweiterungen und Neuorientierungen der Frageansätze und Forschungsperspektiven erfahren. Welche halten Sie für die interessanteste und folgenreichste? Politik, Verfassung, Gesellschaft, Mensch, Kultur, Kommunikation - und zurück! Jeder Paradigmenwechsel hat in der Geschichtswissenschaft Untersuchungen hervorgebracht, die wegweisend waren und sind. Wichtig in der historischen Forschung ist, dass die Quellen auf überzeugende Weise in ein neues Licht gerückt werden. Ist dies einmal gelungen, liest man ein Buch auch dann noch gerne, wenn es im Max Weberschen Sinne seinen Zweck erfüllt hat und wissenschaftlich als überholt gilt. Kurzum: Es sind weniger einzelne Forschungsrichtungen als vielmehr einzelne Studien, die ich für interessant und folgenreich halte. Die heutige Vielfalt schätze ich. Sie sollte jedoch nicht - und diese Tendenz besteht leider - in eine institutionalisierte Aufsplitterung des Faches münden. 2. c) Sehen Sie Forschungsfelder, denen man künftig mehr Aufmerksamkeit widmen sollte? Meines Erachtens sind Fragen der gesellschaftlichen und politischen Ethik neu zu diskutieren. 3. Stellen Sie bitte Ihren persönlichen Favoriten unter den historischen Büchern des Jahres 2005 kurz vor und erläutern Sie Ihre Wahl. (15-20 Zeilen.) Die Dissertation "Über den Umgang mit Lob und Tadel. Normative Adelsliteratur und politische Kommunikation im burgundischen Hofadel, 1430-1506" von Bernhard Sterchi zählt meines Erachtens zu den besten mediävistischen Büchern, die im Jahr 2005 erschienen sind. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass sie aus einem Forschungsfeld stammt, dass mich im Moment besonders interessiert. Dies sollte jedoch kein Grund sein, sie nicht zu nennen. Denn Sterchi hat eine überzeugende Arbeit geschrieben. Inhalt ist, wie er selbst zusammenfassend schreibt, der rhetorische "Umgang mit Werten" bzw. die Frage, wie "eine normative Theorie des Adels im ausgehenden 15. Jahrhundert Wirkung erzeugen konnte" (563). Vor diesem Hintergrund untersucht er zum einen das in den entsprechenden Traktaten gezeichnete Ideal und ferner dessen Niederschlag in den "Quellen politischer Sprache und Handlung" (26). In einzelnen Kapiteln wendet er sich der zeitgenössischen Rezeption der Adelsliteratur, der Definition des Adels, der Bedeutung des persönlichen Ansehens und dessen Kontrolle durch den Orden vom Goldenen Vlies zu. Sterchis Arbeit ist gut gegliedert, flüssig geschrieben und sicher in der Analyse – eine Bereicherung nicht nur für die Burgund-Forschung. Bernhard Sterchi, Über den Umgang mit Lob und Tadel. Normative Adelsliteratur und politische Kommunikation im burgundischen Hofadel, 1430-1506 (Burgundica 10), Turnhout 2005. |