E. M. Avrutin: The Velizh Affair

Cover
Titel
The Velizh Affair. Blood Libel in a Russian Town


Autor(en)
Avrutin, Eugene M.
Erschienen
Anzahl Seiten
242 S.
Preis
€ 37,70
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Anke Hilbrenner, Osteuropäische Geschichte, Institut für Geschichtswissenschaften, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Ritualmordanschuldigungen wirken in der Geschichte der Neuzeit stets wie Anachronismen. Die Vorwürfe, Juden würden christliche Kinder töten, um ihr Blut für Rituale, wie etwa die Herstellung von Mazzen (ungesäuerte Brote für die Pessachfeiern), zu nutzen, gemahnen einerseits an katholische Vorwürfe der Hostienschändung und andererseits an judenfeindlichen Aberglauben, der in einer sich zunehmend säkularisierenden und von Wissenschaft und Massenmedien geprägten Gesellschaft keinen Platz mehr hat. Wenn überhaupt, so scheint es, dann wäre dieser antisemitische Aberglaube im vermeintlich notorisch rückständigen östlichen Europa zu verorten.1

Die Ansicht, Ritualmordanschuldigungen seien nicht „modern“, ist durch die Forschung mittlerweile zurückgewiesen worden. Hillel J. Kieval zeigte anhand von vier Ritualmordvorwürfen, die zwischen 1882 und 1902 in Preußen bzw. im Habsburger Reich erhoben wurden, dass Ritualmordanklagen von der Moderne profitierten, weil etwa wissenschaftliche Methoden der Forensik das Othering der jüdischen Mitbürger erleichterten oder weil die mediale Repräsentation dazu führte, dass Vorwürfe und Szenarien sich wiederholten und einander verstärkten.2

Der in Eugene Avrutins Buch untersuchte Ritualmordvorwurf von Veliž (einer Kleinstadt im Gouvernement Vitebsk) bezog sich auf ein Gewaltverbrechen aus dem Jahr 1823, also 60 Jahre vor der von Kieval untersuchten Zeit. Auch die von Jonathan Frankel untersuchte Damascus-Affäre (1840) hatte sich noch nicht zugetragen.3 Tatsächlich war die Veliž-Affäre die erste Ritualmordanklage im Russischen Reich und auch der erste dieser Prozesse im 19. Jahrhundert, etwa 70 Jahre nachdem in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts einige solcher Vorwürfe in Polen gerichtlich untersucht worden waren. Die Besonderheit des Falls geht jedoch darüber hinaus. Am 22. April 1823 wurde der dreijährige Fedor in Veliž Opfer eines Gewaltverbrechens. Bald nachdem die Leiche des Jungen gefunden wurde, kamen Gerüchte auf, dass Mitglieder der örtlichen jüdischen Gemeinde diesen brutalen Mord verübt hätten. Die Untersuchung im Fall Veliž dauerte 12 Jahre. In dieser Zeit wurden etwa 50.000 Seiten mit Untersuchungsergebnissen, Eingaben, Briefen, Regierungskorrespondenzen, Memos und Notizen gefüllt. Allein der Bericht an den Senat umfasst über 400 Seiten. Eugene Avrutin führt aus, dass diese Fülle von Materialien bereits andere Wissenschaftler vor ihm fasziniert habe. So hatte etwa der berühmte Historiker Simon Dubnow in den Jahren der russländischen Revolution ein Archivkommission angeleitet, die über antijüdische Politik, Pogrome und Ritualmordanschuldigungen im vorrevolutionären Russischen Reich forschte und die Unterlagen untersuchte (S. ix–xvi). Julij Gessen hatte bereits 1904 eine Monographie über das „Drama von Veliž“ vorgelegt.4

Diese Fülle von Materialien, die auch die Grundlage für Avrutins Untersuchung bieten, ermöglichen eine Mikrogeschichte der Ereignisse, die zu dem Ritualmordvorwurf geführt haben, ebenso wie eine dichte Beschreibung der Geschichte der Untersuchung der Vorwürfe, der verschiedenen Phasen des Verfahrens und der Rechtsfindung.

Avrutin nutzt dafür nicht nur die Quellen selbst, sondern er schaut auch auf die historischen Kontexte der Ereignisse. So können das Verschwinden und das Auffinden des Leichnams des kleinen Jungen durch die Quellen detailliert rekonstruiert werden. Die Leser erfahren aber auch, dass in den russischen Provinzen des Russländischen Vielvölkerreichs im 19. Jahrhundert weniger als 50 Prozent der orthodoxen Kinder ihren fünften Geburtstag erlebten. Ein Drittel der Kinder kam bereits im ersten Lebensjahr zu Tode, die anderen starben an Krankheiten, aber auch aufgrund von Unfällen. Im Vergleich dazu war die jüdische Bevölkerung am wenigsten von Kindersterblichkeit betroffen. Diese Differenz prägte den Umgang der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen mit dem Thema Kindstod. Dieses Beispiel zeigt, dass die historische Tiefenbohrung am Beispiel von Veliž Rückschlüsse auf die verflochtene Geschichte von jüdischer und nicht-jüdischer Bevölkerung im Russischen Vielvölkerreich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zulässt.

Die Vorwürfe des Ritualmords in Veliž wurden vor allem anhand von Zeugenaussagen erhoben. Zwei der Zeuginnen waren Maria Terenteeva und Anna Eremeeva, die als Bettlerinnen eine marginale gesellschaftliche Position in der Stadt einnahmen. Doch trotz ihrer sozialen Außenseiterrolle hatten ihre Zeugenaussagen, mit denen zum Teil aus religiöser Motivation einige in der Stadt bekannte Jüdinnen und Juden des Ritualmords bezichtigt wurden, Gewicht. Anna Eremeeva beschwor sogar in einem Schreiben den durchreisenden Zaren Alexander I., den Vorwürfen nachzugehen. Diese Perspektive erhellt Avrutin anhand der ausführlichen Dokumentation der Zeugenaussagen. Aber auch die schriftlichen Eingaben der jüdischen Beschuldigten und ihrer Familien sind erhalten. Hier wird vor allem deutlich, dass die jüdischen Untertanen durchaus an Recht und Gerechtigkeit appellierten, auch wenn der Fall Veliž zeigt, dass dieses Recht nicht immer gewährt wurde.

Ein wichtiger Akteur war der leitende Ermittler Vassilij Ivanovič Strachov, der ein Jahr nach dem Mord vom Generalgouverneur mit der Wiederaufnahme des Falls beauftragt worden war. Er nahm die Ritualmordvorwürfe, die die Zeuginnen erhoben, ernst und verhaftete zunächst einige und später immer mehr jüdische Beschuldigte. Nachdem über vierzig „Verdächtige“ verhaftet worden waren, verstarb Strachov im Jahr 1829, noch bevor er die Untersuchung zu Ende führen konnte. Verantwortlich für die Auflösung des Falls war schließlich der hohe Staatsbeamte Admiral Graf Nikolaj Mordvinov, der für den Senat im Jahr 1834 den Fall aufgrund der Akten begutachtete und die Beschuldigten schließlich freisprach. Mordvinov hatte eine Ausbildung in England erhalten und im Russischen Reich eine steile Karriere gemacht. Er stellte fest, dass die Untersuchung und Verurteilung der Ereignisse hauptsächlich auf den Zeugenaussagen von Terenteeva und Eremeeva beruhte, die widersprüchlich und unglaubwürdig waren. Er fand außerdem heraus, dass die Zeugenaussagen nicht mit den Obduktionsbefunden übereinstimmten. Kein forensischer Befund passte zu den erhobenen Anklagen gegenüber den Jüdinnen und Juden. Fast zwölf Jahre nach den Ereignissen selbst wurden also alle Ritualmordvorwürfe fallen gelassen. Die Synagogen und andere jüdische Einrichtungen durften wieder in Betrieb genommen werden. Die Hauptzeuginnen wurden nach Sibirien verbannt. Allerdings waren zwischen 1826 bis 1829 44 Jüdinnen und Juden in Veliž aufgrund der Anschuldigungen inhaftiert worden. Einige der Beschuldigten waren während der Untersuchung gestorben. Auch wenn die Anschuldigungen gegenüber den angeklagten Jüdinnen und Juden in Veliž aufgehoben wurden, hielt Nikolaus I. es ausdrücklich nicht für ausgeschlossen, dass Ritualmorde existierten und eröffnete damit die Möglichkeit, weitere Ritualmordanschuldigungen zu erheben, was in den folgenden Jahren im Russischen Reich auch immer wieder geschehen sollte.

Die quellennahe und breit kontextualisierte Untersuchung des Ritualmordprozesses von Veliž ist eine Mikrostudie, die zugleich den Blick auf die jüdische Erfahrung im Russischen Reich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts öffnet. Allerdings ist die Darstellung möglicherweise aufgrund der Quellenfülle manches Mal sehr detailreich und bleibt in Teilen deskriptiv. Das gilt vor allem für die Zeugenaussagen, mit denen ein ums andere Mal die Vorwürfe des Ritualmords befeuert und erneuert werden. Die Aussagen steigern sich dabei zu immer neuen und immer absurderen Vorwürfen, die der Autor ausführlich aus der Perspektive der Zeuginnen widergibt. Diese Passagen stehen unverbunden und wirken ihrerseits wie Anachronismen neben der tiefen analytischen Untersuchung eines Ritualmordvorwurfs im Russischen Reich im Aufbruch in die Moderne, die Avrutin mit diesem Buch vorlegt.

Anmerkungen:
1 Die Tatsache, dass im Jahr 1913 in Kyiv ein fingierter Ritualmordvorwurf gegen Mendel Bejlis zu einem Prozess führte, wirkt wie ein Beleg dafür. Auch wenn Bejlis freigesprochen wurde, so sah das Gericht es dennoch als bewiesen an, dass das getötete Kind Opfer eines Ritualmords geworden war und versah so den Aberglauben mit juristischer Glaubwürdigkeit. Vgl. ausführlich zum Bejlis-Fall: Robert Weinberg, Blood Libel in Late Imperial Russia. The Ritual Murder Trial of Mendel Beilis, Bloomington 2013.
2 Hillel J. Kieval, Blood Inscriptions. Science, Modernity, and Ritual Murder at Europe’s Fin de Siècle, Philadelphia 2022.
3 Jonathan Frankel, The Damascus Affair. “Ritual Murder”, Politics and the Jews in 1840, Cambridge 1997.
4 Julij I. Gessen, Veližkaja drama: iz istorii obvinenija evreev v ritual’nych prestublenijach: samyj izvestnyj process posle dela Bejlisa, Moskva 2016 (Original St. Petersburg 1904).