1 / 1 Rezension

Neueste Geschichte

T. Scheidegger: "Petite Science"

 

Externe Angebote zu diesem Beitrag

Informationen zu diesem Beitrag

Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit infoclio.ch (Redaktionelle Betreuung: Eliane Kurmann und Philippe Rogger). www.infoclio.ch/

Autor(en):
Titel:"Petite Science". Außeruniversitäre Naturforschung in der Schweiz um 1900
Ort:Göttingen
Verlag:Wallstein Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-8353-1997-4
Umfang/Preis:707 S.; € 79,90

Melanie Salvisberg, Historisches Institut, Universität Bern
E-Mail: <melanie.salvisberghist.unibe.ch>

Mit Rucksack, Wanderschuhen und Lodenhut ausgerüstete Herren in Pumphosen auf der Suche nach einer seltenen Blume oder einem besonderen Käfer – dieses Bild dürfte um die Wende zum 20. Jahrhundert wohlbekannt gewesen sein, denn die botanische und zoologische Lokalforschung war zu dieser Zeit ein beliebtes Hobby mittelständischer Männer. Ziel und Zweck der Tätigkeit war dabei nicht vorrangig das Sammeln, sondern vielmehr die Inventarisierung sowie der Aufbau von Belegsammlungen der heimischen Tier- und Pflanzenwelt und damit die Erforschung der lokalen Natur. Diese ausseruniversitäre Naturforschung steht im Zentrum von Tobias Scheideggers Buch „Petite Science“. Der Buchtitel – eine den Quellen entnommene Selbstbezeichnung – eignet sich, wie der Autor überzeugend darlegt, auch als Begriff für den fraglichen Wissenschaftsmodus.

Scheidegger beabsichtigt eine panoramatische Darstellung der freizeitlichen Naturforschung: Sein Ziel ist es, die Funktionsweise der Petite Science zu untersuchen und aufzuzeigen, was sie als eigenständiger Wissenschaftsmodus auszeichnete. Er will ermitteln, wer die Akteure waren und aus welchen Motiven sie ihre Forschung betrieben, wie sie sich organisierten und welche ihre hauptsächlichen Wissenspraktiken waren. Zudem fragt er nach dem Unterschied zwischen der freizeitlichen und der universitären Naturforschung, dem Verhältnis beider Modi und wie sie sich gegenseitig prägten.

Mit dem über 700 Seiten starken Überblickswerk füllt Scheidegger eine Lücke: Im Gegensatz zu Grossbritannien und den USA – und anders als in Disziplinen wie der Geschichtswissenschaft oder der Archäologie – wurde die Laienpartizipation in der Naturkunde im deutschen und französischen Sprachraum noch kaum erforscht.

Das Buch beginnt mit einer Einleitung, die alle klassischen Elemente enthält und insbesondere mit den terminologischen Klärungen, einem ersten kurzen Portrait der Petite Science und den theoretischen und methodologischen Erwägungen einen guten Rahmen für den quellenbasierten Hauptteil bildet. Dieser gliedert sich in sieben gleichwertige Teile. Im ersten Hauptkapitel thematisiert Scheidegger die Sammlungsdinge und Objektpraktiken der Lokalforscher (Forscherinnen waren eine Ausnahme). Nach einer Typologie der verschiedenen Sammlungen – diese lassen sich in floristisch-faunistische Belegsammlungen, Liebhabersammlungen und taxonomische Vergleichssammlungen einteilen – folgt eine Darstellung der konkreten Objekte und ihre Handhabe. Den Weg vom Naturding zum Präparat und die festen Regeln einer Sammlung vermittelte unter anderem die Ratgeberliteratur, die um die Jahrhundertwende einen Boom erlebte.

Die Floren- und Faunenkataloge, die das wichtigste Erkenntnisinteresse der Petite Science darstellten, werden im zweiten Kapitel beleuchtet. Scheidegger erläutert etwa ihren typischen Aufbau, ihre mediale Struktur und ihre sozialen Effekte. Die Lokalforscher hofften, dass ihre (meist lückenhaften) Kataloge als Datenrohstoff für zukünftige Forschungen Verwendung finden würden; eigenständige theoretische Ansätze verfolgten sie nur selten.

Im dritten Kapitel stehen die Sozialbeziehungen innerhalb der Petite Science im Vordergrund. Für das Funktionieren dieses Wissenschaftsmodus’ war es essentiell, dass die Lokalforscher sowohl untereinander als auch mit den Hochschulen gut vernetzt waren. Lesezirkel, Tauschkreise oder kollektive Sammelprojekte ermöglichten den Austausch und stärkten die Gemeinschaft. Netzwerke entstanden und festigten sich zudem durch den kommerziellen Handel oder die freundschaftliche Gabe von Naturdingen.

Wie im vierten Kapitel anhand eines Wissenschaftsstreits zwischen den Botanikern Christian Brügger und August Gremli dargestellt wird, waren die Beziehungen jedoch teilweise auch durch Konflikte getrübt. Brügger erkannte Pflanzenbastarde als eigenständige botanische Kategorie an und entwickelte eine eigene Benennungspraxis, wofür er von Gremli heftig angegriffen wurde, da er damit die vorherrschenden Ordnungskonzepte in Frage stellte.

Das fünfte Kapitel durchleuchtet schliesslich die institutionelle Rahmung der Petite Science. Dafür untersucht Scheidegger die Tätigkeiten fünf ausgewählter Persönlichkeiten, die in ihren Kleinstädten (beispielsweise Solothurn, Frauenfeld oder Chur) gleichzeitig die Kantonalsektionen der Naturforschenden Gesellschaft präsidierten, die Naturkundemuseen leiteten und als Naturkundelehrer an Mittelschulen unterrichteten. Durch diese Schnittstellenpositionen konnten sich die sogenannten Zentrumsakteure nicht nur als angesehene öffentliche Persönlichkeiten etablieren, sondern auch die naturkundlichen Aktivitäten ihrer Städte und Kantone massgeblich prägen. In grösseren Städten mit eigener Universität und reichen Hochschulsammlungen gab es keine solchen Schnittstellenpositionen und die Petite Science war nicht im selben Mass ein eigenständiges Wissensmilieu.

Im sechsten Hauptkapitel beschreibt der Autor die Auswirkungen der Lokalforschung auf die Wahrnehmung der Landschaft. Er zeigt, wie die Landschaft ein Objekt der Erkenntnis und gleichzeitig ein Ort der Geselligkeit war. Die Freizeitforscher waren sowohl durch den öffentlichen Verkehr und die Infrastruktur als auch mental durch die Prägung landschaftlicher Vorstellungsräume aktiv an der Herstellung der modernen Freizeitlandschaft beteiligt. Die Petite Science war zudem mit der Entstehung des Naturschutzes verbunden, denn die „naturkundliche[n] Lokalforscher waren in den Jahrzehnten um die Jahrhundertwende aufmerksame Kronzeugen, sorgfältige Chronisten und pionierhafte Kritiker der sich verschärfenden Umweltzerstörung und des damit einhergehenden Artensterbens“ (S. 474). Die Forscher waren häufig die treibende Kraft in den Kantonalsektionen der Schweizerischen Naturschutzkommission und die Petite Science somit verantwortlich für die rasche Verbreitung des frühen Naturschutzes in der Schweiz.

Wie sich die in heimischen Studierstuben betriebene Freizeitwissenschaft zunehmend als Heimatwissenschaft etablierte, wird im letzten Hauptkapitel thematisiert. Dazu wird nicht nur das Studierzimmer und dessen Funktion in der Selbstdarstellung der Protagonisten vorgestellt, sondern auch die Konzeption von „Heimat“ innerhalb der Petite Science. Anhand des Schulhauses in Liestal mit seinem Schulgarten inklusive Alpinum und Schulteich illustriert Scheidegger den Wandel der naturhistorischen Lokalwissenschaft zu einer Heimatwissenschaft.

Im Schlusskapitel reflektiert Scheidegger erneut, inwieweit ausseruniversitäre Naturforschung ein eigenständiger Modus der naturwissenschaftlichen Forschung war. Er stellt fest, dass diesbezüglich eine Unterscheidung zwischen zwei Forschertypen – den taxonomischen Spezialisten einerseits und den Lokalforschern andererseits – gemacht werden muss. Insbesondere durch die Forschungsaktivitäten letzterer sowie durch ihr soziales Funktionieren erhielt die Petite Science den Charakter eines eigenständigen Wissenschaftsmodus. Scheidegger prüft auch, ob das in der Bezeichnung „Petite Science“ enthaltene Attribut des „Kleinen“ zutrifft und kommt zum Schluss, dass dies in vielerlei Hinsicht gerechtfertigt war: Sowohl die Ressourcen, der theoretische Horizont als auch die Erkenntnisziele waren relativ eingeschränkt und kleinräumig. Die Selbstinszenierung der Petite Science als bescheidene Hilfswissenschaft war damit nicht nur rhetorische Schutzstrategie, sondern auch Realität. Scheidegger streicht jedoch heraus, dass die Forschungsresultate der Petite Science zumindest teilweise auch anschlussfähig waren, was die Beziehungen zwischen den Freizeitforschern und den Universitäten belegen. Die Bestandserfassungen und Belegsammlungen sind heute nicht nur aus wissenschaftsgeschichtlicher Perspektive interessant, sondern können auch illustrieren, wie sich die Biodiversität oder das Klima im Verlauf des 20. Jahrhunderts verändert haben.

Dem Schlusskapitel folgen unter anderem eine ausführliche Bibliografie – welche die Unmenge an verwendeten Quellen verdeutlicht –, eine chronologische Zusammenstellung von deutschsprachigen Titeln naturkundlicher Anleitungsliteratur sowie ein Personenregister, das jeweils auch die Lebensdaten, Wohn- und Wirkungsort, Beruf und die naturkundlichen Aktivitäten enthält. In all diesen Elementen spiegelt sich die beeindruckende Detailliertheit der Studie wider. Scheidegger behandelt die freizeitliche Naturforschung in einer ausserordentlichen Tiefe und stellt ein facettenreiches und rundes Gesamtbild her. Das reich bebilderte Buch gibt auch Einblick in umrundende Themen wie beispielsweise die Geschichte des Naturkundeunterrichts oder der Naturkundemuseen. Besonders aufschlussreich sind die Ausführungen zur Rolle der Petite Science in der Etablierung des Naturschutzgedankens.

Auffallend sind die klare Strukturierung und das ausgezeichnete Ineinandergreifen der unterschiedlichen Perspektiven. In zahlreichen Überleitungen und Fazits gibt Scheidegger Vor- und Rückblicke, legt die Kernargumente dar und ordnet die Erkenntnisse in den Kontext ein, was zum stets bestens erkennbaren roten Faden und zur guten Lesbarkeit der durchdachten Studie beiträgt. Gleichzeitig erweist sich dieser Vorteil bei der Lektüre des umfangreichen Werks zuweilen auch als Schwäche; es treten einige Wiederholungen auf und stellenweise wären Straffungen wünschenswert gewesen. Insgesamt ist Tobias Scheidegger eine hervorragende Studie gelungen, die substanzielle neue Erkenntnisse liefert und die bisherige Forschung massgeblich erweitert.

ZitierweiseMelanie Salvisberg: Rezension zu: Scheidegger, Tobias: "Petite Science". Außeruniversitäre Naturforschung in der Schweiz um 1900. Göttingen 2017, in: H-Soz-Kult, 16.02.2018, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2018-1-096>.
 
1 / 1 Rezension