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Theoretische und methodische Fragen

G. Koller: Geschichte digital

 

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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit infoclio.ch (Redaktionelle Betreuung: Eliane Kurmann und Philippe Rogger). www.infoclio.ch/

Autor(en):
Titel:Geschichte digital. Historische Welten neu vermessen
Ort:Stuttgart
Verlag:Kohlhammer Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-17-028929-1
Umfang/Preis:157 S.; € 24,00

Pascal Föhr, Staatsarchiv des Kantons Solothurn
E-Mail: <pfhistfoehr.ch>

Digital History ist zwar in aller Munde, aber viele Historikerinnen und Historiker wollen sich nicht eingehender damit beschäftigen, weil vieles an diesem Thema unklar, diffus und unbekannt erscheint. Dabei arbeiten die meisten Historiker bereits mit und in der Digital History, indem sie digitale Quellen verwenden und ihre Arbeiten mit digitalen Hilfsmitteln erstellen. Die seit Mitte der 1980er-Jahre erfolgte computertechnische Durchdringung der (westlichen) Gesellschaften und die seit Mitte der 1990er-Jahre stark fortschreitende digitale Vernetzung hat auch vor der Wissenschaft nicht Halt gemacht – im Gegenteil: Verschiedene Wissenschaftszweige waren und sind Beförderer dieser Entwicklung. Die Geisteswissenschaften – darunter auch die Geschichtswissenschaft – bekunden allerdings Mühe, ihre Methoden und Arbeitstechniken im Digitalen Zeitalter adäquat anzupassen.

Die vorliegende Überblicksdarstellung des Historikers Guido Koller bietet einen guten Einstieg in das Thema der digitalen Entwicklung in der Geschichtswissenschaft. Ausgehend vom Stand der Forschung zur Digital History zeigt Koller Perspektiven für deren Weiterentwicklung auf. Im abschließenden „Serviceteil“ seines Buches bietet Koller Informationen zu einer Auswahl wichtiger Infrastrukturen, Projekte, Plattformen, Anwendungen, Standards, Zeitschriften und Blogs. Allen drei Teilen des Buches ist eine kurze Einleitung vorangestellt, auf die je sieben relativ kurze Kapitel folgen. Koller zieht sein Fazit im letzten Kapitel des zweiten Teils.

In der Einleitung zu „Geschichte digital“ fordert Koller, dass Historikerinnen und Historiker den Umgang mit digitalen Dokumenten (und anderen Ressourcen) erlernen müssen, damit sie historische Welten mit digitalen Techniken und Methoden untersuchen und anschließend interpretieren können. Dem digitalen Wandel im Informationszeitalter unterliege auch die Geschichtswissenschaft. Unter Digital History versteht Koller den Gebrauch von digitalen Medien und computergestützten analytischen Verfahren für die Produktion und Vermittlung historischer Forschungsergebnisse (S. 11). Das Feld kann als Unterbereich der Digital Humanities aufgefasst werden, von denen es sich durch eigene „Erfahrungsbereiche“ und Herausforderungen unterscheidet.

Im ersten Teil wirft Guido Koller die Frage auf, ob und inwiefern die neuen digitalen Medien für die Historiographie "geschichtsmächtig" werden, da sie doch bisher bekannte Grenzen zwischen Raum und Zeit, privat und öffentlich, Produzent und Konsument überwinden würden. Um die neuartigen Quellen zu untersuchen und um die Echtheit des digitalen Materials überprüfen zu können, seien neue Kompetenz-Sets wie Programmieren, Data-Mining, Inhaltsmodellierung und Design (S. 18) nötig, die eine angemessene Auseinandersetzung mit diesen Ressourcen überhaupt ermöglichen. Warum die Digital History zur Nachzüglerin in den Digital Humanities geworden sei, ist Koller zufolge mit dem Mangel an digitalen Ressourcen und der fehlenden Akzeptanz von quantitativen Analysen zu erklären. Koller vertritt die Ansicht, dass, wenn die physischen Quellen digitalisiert und öffentlich zugänglich wären, Archive als „Zeitmaschinen“ nicht mehr gebraucht würden (S. 25). Zudem hätten digitale im Vergleich zu analogen Quellen den Mehrwert, dass sie einfacher zueinander in Beziehung gesetzt werden könnten. Digitale Geschichtswissenschaft werde dann „[…] zu einer Disziplin, welche Entwicklungen in temporären virtuellen Räumen und an spezifischen Orten diachron und synchron zu beschreiben, analysieren und zu verstehen versucht“ (S. 39). Ein neues Verständnis von Geschichte sei zu entwickeln und für dieses seien auch Praktiken und Grenzen einer digitalen Geschichtswissenschaft auszuloten. Dazu gehörten auch digitale Infrastrukturen für Forschende wie beispielsweise DARIAH oder ResearchGate[1], die den Zugang zu Forschungsdaten oder die Vernetzung unter Forschenden ermöglichen. Koller konstatiert, dass die digitale Geschichtswissenschaft im deutschsprachigen Raum der Digital History und den Digital Humanities im englischsprachigen Raum (noch immer) hinterherhinke. Die (deutschsprachige) Geschichtswissenschaft müsse sich schnell weiterentwickeln, wenn sie im digitalen Zeitalter gedeihen wolle.

Zu Beginn des zweiten Teils seines Buches wiederholt Koller die Forderung nach Innovationen und neuen Modellen für die digitale Kollaboration und Publikation sowie nach neuen Kompetenz-Sets und genuin digitalen Toolkits für die Geisteswissenschaften. Neue Publikationsformen wie Blogs würden die digitale Öffentlichkeit an der Forschungsarbeit teilhaben lassen und auch die Interaktion zwischen Autoren und Leserinnen befördern. Diese Partizipation von „Amateuren“ ermögliche ganz neue Arten von Kollaborationen, zumeist in open source communities. Neue Perspektiven sollen sich auch durch die neuen technischen Möglichkeiten eröffnen, wie Raum und Zeit analytisch miteinander in Beziehung gesetzt werden.

Beispielsweise können in Deep Maps geographische Räume dynamisch mit chronologischen Entwicklungen oder lokalen Ereignissen verbunden werden. Im Gegensatz hierzu würden Zeit und Ort im Internet, das einen ortsunabhängigen, virtuellen dritten Ort außerhalb der Zeitdimension schaffe, aufgelöst. Das Internet sei quasi ein immer präsenter Ort, der stets für Kommunikation und Information zur Verfügung stehe und eine Realität medial konstruiere. Durch die Übertragung von sozialen Beziehungen ins Internet entständen und vollzögen sich darin Geschichten. Diese Vermischung von Realität und Virtualität stelle die Geschichtswissenschaft vor große Herausforderungen.

Eine andere Art von Herausforderung sei die immer größer werdende Anzahl von zu bewältigenden Texten. Die neuen Analyseformen des Distant Reading, worunter Guido Koller ein selektives, gezieltes, delegiertes oder vermitteltes Lesen versteht (S. 81), können das Close beziehungsweise Deep Reading ergänzen. Algorithmen könnten für das Auffinden von Textpassagen verwendet werden, die es anschließend genauer zu lesen gelte. Koller führt aus, dass die verwendeten Codes, in denen die Realität abgebildet wird, von den Forschenden verstanden werden müssten und dass Technik ein Mechanismus zur bewussten Distanzierung von Geschichte sei. Sie bilde „[…] kontextfreie Symbole, welche es ermöglichen, selektive Prozesse in einem komplexen Gesellschaftssystem stattfinden lassen zu können, ohne dass Subjektivität und Geschichtlichkeit mit vollzogen werden muss“ (S. 90). Für die Forschenden bedeute dies, neuartige quantitative Analysen qualitativ auszuwerten, also digital vermessene historische Welten analog zu interpretieren. Das dafür nötige theoretische Gerüst fehle allerdings sowohl in den Digital Humanities als auch in der Digital History, deren Definition, Methoden und Techniken sich zurzeit noch sehr dynamisch änderten. Um diese dynamischen Entwicklungen und das sich schnell erweiternde Wissen in der Digital History zumindest zeitweise zu stabilisieren, möchte Koller auf das altbewährte Medium Buch zurückgreifen.

Auf vergleichsweise wenigen Buchseiten die wichtigsten Problembereiche der Digital History zu skizzieren und mögliche Entwicklungsperspektiven aufzuzeigen, ist das große Verdienst des Buches von Guido Koller. Die Entstehung und Weiterentwicklung digitaler Ressourcen stellen die Geschichtswissenschaften vor neue Herausforderungen, die von Historikerinnen und Historikern bewältigt werden müssen. Kollers Forderungen nach neuen Infrastrukturen, Techniken und Kompetenzen sind deshalb vorbehaltlos zu unterstützen. Zu bedauern ist, dass das zweite Kapitel zu „Perspektiven“, in dem ausführlicher innovative Ansätze und Ideen für die Entwicklung der Digital History hätten besprochen werden können, etwas zu kurz geraten ist. Auch inhaltlich gibt es Vorbehalte, deren drei wichtigste im Folgenden genannt seien: Koller fordert eigene Programmiersprachen für die Digital History (S. 18). Erfahrungsgemäß enden Eigenentwicklungen allerdings meist als „Insellösungen“, die schnell in Vergessenheit geraten und nicht nachhaltig sind. Kollers Vision, nach einer Digitalisierung aller physischen Quellen würden die Archive als „Zeitmaschinen“ nicht mehr gebraucht (S. 25), ist zumindest fraglich: Weil einerseits nicht alle Ressourcen digitalisiert werden (können), andererseits physische Eigenschaften der Quellen wichtig bleiben und zudem ein Teil der digitalisierten und digitalen Objekte aus Datenschutzgründen im Web nicht zur Verfügung gestellt werden dürfen, werden die Archive wohl auf absehbare Zeit weiterhin „Gatekeeper“ für die Forschung bleiben. Kollers Wunsch nach einer „Stabilisierung“ von Wissen in Buchform (S. 96) wird schließlich den Eigenschaften von digitalen Ressourcen nicht gerecht, die adäquat nur in digitaler Form aufbereitet und präsentiert werden können. Trotz dieser Detailkritik bleibt jedoch festzuhalten, dass Koller mit „Geschichte digital“ nicht nur eine gute Übersicht über den Stand der Digital History liefert und neugierig macht auf die Ergebnisse bestehender und angedachter Projekte, sondern durchaus auch Unterstützung bei der Konzipierung eigener digitaler Vorhaben bietet. Das Buch ist daher als Einstieg in die Digital History sehr zu empfehlen.

Anmerkung:
[1] DARIAH: Digital Research Infrastructure for the Arts and Humanities, www.dariah.eu (01.03.2019); ResearchGate, www.researchgate.net (01.03.2019).

ZitierweisePascal Föhr: Rezension zu: Koller, Guido: Geschichte digital. Historische Welten neu vermessen. Stuttgart 2016, in: H-Soz-Kult, 21.03.2019, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2019-1-190>.
 
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