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Titel
Der Kalte Krieg. Geschichte eines radikalen Zeitalters 1947-1991


Autor(en)
Stöver, Bernd
Erschienen
München 2007: C.H. Beck Verlag
Anzahl Seiten
528 S.
Preis
€ 24,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Wilfried Loth, Historisches Institut, Universität Duisburg-Essen

Den Kalten Krieg im Zusammenhang zu erzählen, ist nicht eben einfach – nicht nur, weil er über 40 Jahre andauerte, sondern auch, weil er so viele Dimensionen hatte, machtpolitische, ideologische, gesellschaftliche, waffentechnische, und weil er auf so vielen Schauplätzen ausgetragen wurde, tendenziell weltweit. Bernd Stöver wird der Herausforderung, die jede neue Gesamtdarstellung des Kalten Krieges bildet, grundsätzlich gerecht. Er begreift den Kalten Krieg als einen ebenso globalen wie multidimensionalen Konflikt, und er bemüht sich mit Erfolg, seine verschiedenen Dimensionen darzustellen, ohne den Zusammenhang aus den Augen zu verlieren. Das Thema wird geschickt portioniert, wobei bemerkenswert viele Buchtitel als Kapitelüberschriften auftauchen, von der „Teilung der Welt“ über „Entspannung und Abrüstung“ bis zum „Gorbatschow-Faktor“. Die Motive und Überzeugungen der unterschiedlichsten Akteure werden bei aller notwendigen Kürze weitgehend zuverlässig referiert, sodass der Leser in die Lage versetzt wird, sich selbst ein über die zeitgenössische Parteinahme hinausgehendes Bild vom Gang der Auseinandersetzung zu machen. Bei der Referierung von Aspekten und Operationen, die den Zeitgenossen verborgen geblieben waren, beschränkt sich Stöver nicht, wie vielfach üblich, auf die Anprangerung kommunistischer Gewalt. Auch die Schändlichkeiten auf der amerikanischen Seite werden in aller Deutlichkeit benannt.

Die besondere Stärke der Darstellung liegt in systematischen Querschnittbeschreibungen, die zusammen über die Hälfte des Textes ausmachen. Stöver berichtet zuverlässig über den Rüstungswettlauf, wobei der nahezu permanente technologische Vorsprung der USA ebenso deutlich wird wie die große Zahl der atomaren Pannen und der ungeheure finanzielle Aufwand, der zuletzt für die Sowjetunion nicht mehr tragbar war. Ebenso stellt er, zum Teil auf eigene Forschungen zurückgreifend, die verdeckten Operationen beider Seiten und die militanten Aktionen einzelner Gruppen dar, die den Konflikt von Zeit zu Zeit in den Bereich tatsächlicher kriegerischer Auseinandersetzung hinübergleiten ließen. Stöver schildert aber auch die bisweilen psychopathische Formen annehmende Furcht vor dem Gegner und die Friedensbewegungen, die verschiedenen Formen des Arrangements mit den Realitäten der Teilung und der atomaren Bedrohung sowie die Bemühungen, die Auseinandersetzung auf dem Feld der Kultur auszutragen. Ein Kapitel über Wirtschafts- und Sozialpolitik beschreibt das Ansteigen der Sozialleistungen infolge der Systemkonkurrenz, die Wanderungsbewegungen (im deutschen Fall keineswegs nur von Ost nach West!) und die Unterstützung für Entwicklungsländer, die zwar häufig nach entwicklungspolitisch problematischen Gesichtspunkten vergeben wurde, nach dem Wegfall der Systemkonkurrenz aber einen scharfen Einbruch erlebte.

Wenn man das Buch dennoch mit einem gewissen Unbehagen aus der Hand legt, so deswegen, weil Stöver sich konzeptionell nicht zu entscheiden weiß. Auf der einen Seite charakterisiert er den Kalten Krieg zu Recht als einen „Krieg der absolut gesetzten politischen Ideen, dessen Fronten durch klassische Machtansprüche, aber vor allem auch durch die gegenseitige Wahrnehmung gebildet wurden“ (S. 470). Entsprechend misst er der Entspannungspolitik einen hohen Anteil an seiner Überwindung bei, und auch der Friedensbewegung wird eine spezifische Rolle zugeschrieben. „Die Fronten lösten sich in dem Maße, in dem die Perzeption sich wandelte.“ (S. 470) Stöver steht damit weit mehr in der Tradition mancher als „postrevisionistisch“ etikettierter Darstellungen, als er einleitend behauptet.

Auf der anderen Seite verleitet ihn die Metapher des Kalten Krieges (die er durchaus als solche erkennt) bisweilen dazu, den Akteuren eine Ausschließlichkeit in der Konzentration auf die Bekämpfung des Gegners zuzusprechen, die mit der Vielfalt der tatsächlichen Motive, Bedürfnisse und Methoden nicht in Einklang zu bringen ist. Die Auseinandersetzung wird damit zu einem tatsächlichen Krieg, der nur deswegen lediglich „auf Ersatzfeldern“ (S. 463) geführt wird, weil die Gefahr der atomaren Vernichtung eine direkte militärische Auseinandersetzung der Supermächte nicht mehr zuließ. Mögliche Alternativen zu seinem Verlauf kommen nicht mehr in den Blick, und folglich unterbleibt auch jede Diskussion von Verantwortlichkeiten. Die Verlagerung des Konflikts in die Dritte Welt wird als „Preis“ bezeichnet, der für seine „Stillegung“ in Europa bezahlt werden musste (S. 144). Sein Ende erscheint als simple Folge des Ausfalls eines der beiden Hauptakteure: „Die Infragestellung und das Übertreten der bisherigen Regeln des Kalten Krieges durch einen der beiden Hauptbeteiligten hatte zwangsläufig die Zerstörung des Systems zur Folge“ (S. 466). Das ist ebenso verkürzt wie oberflächlich, kurz: eine systemtheoretische Pseudoerklärung.

Bei der Konzentration auf den „kriegerischen“ Aspekt der Auseinandersetzung unterlaufen Stöver auch einige sachliche Fehler. So hat Stalin in seiner Wahlrede vom 9. Februar 1946 keineswegs „von der Unvermeidlichkeit von Kriegen mit dem Kapitalismus“ (S. 73) gesprochen; das war auch nicht die These Lenins, der vielmehr Kriege zwischen den kapitalistischen Mächten prognostiziert hatte. Weder die Berlin-Blockade noch der Koreakrieg lassen sich beim gegenwärtigen Stand der Erkenntnisse über die Zielsetzungen sowjetischer Politik noch als Versuche bezeichnen, „klare Fronten für die kommende Auseinandersetzung zu schaffen“ (S. 89). Frankreich hat das Potsdamer Kommuniqué nicht einfach anerkannt (S. 45), sondern am 7. August 1945 eine Reihe von Vorbehalten geäußert, die zur Blockierung des Beschlusses über die Einrichtung deutscher Zentralverwaltungen führten. Die eigenständige Rolle Frankreichs und der anderen Europäer bei der Etablierung der beiden Blöcke kommt in dem Buch praktisch nicht vor, ihre Rolle bei der Aufrechterhaltung der Entspannung nur am Rande. Die KSZE wird nur unter dem Aspekt der Eröffnung einer weiteren „Front im Kalten Krieg“ (S. 403) präsentiert; dabei gerät die Eröffnung der Vorgespräche am 22. November 1972 unversehens zum Beginn der Konferenz. Insgesamt fällt das Bild des Kalten Krieges, das Stöver zeichnet, damit etwas widersprüchlich aus und letztlich doch einseitiger, als er sich vorgenommen hatte.

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