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Geschichte allgemein

S. Stöckel u.a. (Hrsg.): Das Medium Wissenschaftszeitschrift

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Christoph Classen <classenzzf-pdm.de>
Titel:Das Medium Wissenschaftszeitschrift seit dem 19. Jahrhundert. Verwissenschaftlichung der Gesellschaft – Vergesellschaftung von Wissenschaft
Reihe:Wissenschaft, Politik und Gesellschaft 5
Herausgeber:Stöckel, Siegrid; Lisner, Wiebke; Rüve, Gerlind
Ort:Stuttgart
Verlag:Franz Steiner Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-515-09342-2
Umfang/Preis:254 S.; € 34,00

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Matthias Middell, Global and European Studies Institute, Universität Leipzig
E-Mail: <middelluni-leipzig.de>

Der vorliegende Sammelband, Produkt des Schwerpunktprogramms 1143 „Wissenschaft, Politik und Gesellschaft. Deutschland im internationalen Zusammenhang im späten 19. und 20. Jahrhundert“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft, geht von der Hypothese aus, dass wissenschaftliche Fachzeitschriften bisher kaum systematisch erforscht seien, sondern nur als vielfach genutzte empirische Materialien in der wissenschaftsgeschichtlichen Forschung gedient hätten. Dies kann man zwar mit Blick auf die Literatur, die teilweise auch in diesem Band zitiert wird, für eine etwas gewagte Rechtfertigung des Projekts halten, aber immerhin legen die Herausgeberinnen die Messlatte für ihr eigenes Unternehmen sichtbar hoch. Allerdings ist der Band wiederum nicht Ergebnis eines eigenständigen systematischen Projektes, sondern Resultat eines Workshops, der der Anlage von Schwerpunktprogrammen entspringt, welche die Teilprojekte von Zeit zu Zeit zu projektübergreifenden Veranstaltungen bewegen (müssen). Entsprechend ist der Ausgangspunkt eine „geteilte Beobachtung“ des eingangs genannten Defizits und der Wunsch, „die verschiedenen Forschungen zu Fachzeitschriften zusammenzuführen, um die Rolle und Funktion dieses Mediums für die Kommunikation von Wissenschaft und (Fach- bzw. Teil-) Öffentlichkeit im historischen Wandel zu untersuchen und zu verorten“ (S. 7).

Wie es aber bei Sammelbänden allzu oft zu gehen pflegt, ist für die Zusammenführung in erster Linie der Buchbinder zuständig. Das Verorten ist in der Einleitung zu erwarten, für die in diesem Fall Siegrid Stöckel vom Institut für Geschichte, Ethik und Philosophie der Medizinischen Hochschule Hannover verantwortlich zeichnet, die in ihrer eigenen Forschung deutsche und britische Wochenzeitschriften der Zwischenkriegszeit untersucht. Zunächst konstatiert sie, dass die Medienwissenschaften zum Thema erstaunlich wenig zu bieten haben. Der folgende Durchgang durch die Wissenschaftshistoriografie erwähnt Institutionalisierung und Professionalisierung seit dem 19. Jahrhundert sowie den Zusammenhang von wissenschaftlichen Gruppen bzw. Disziplinen und Verlagen, ohne sich jedoch in Details der konkreten Forschungslage zu verlieren. Schließlich kommt die Verfasserin zu jenem Teilbereich der Forschung, der diesem Band auch seinen Untertitel gibt – dem Verhältnis von Fachöffentlichkeit und gesellschaftlicher Öffentlichkeit. Sie deutet die Zunahme von Fachzeitschriften gerade nicht als Beleg für eine wachsende Verwissenschaftlichung der Gesellschaft, sondern als Zeichen der Abschließung eines gesellschaftlichen Subsystems Wissenschaft, das zeitweise keiner öffentlichen Regelung unterlag, was wiederum die zusätzliche Dimension der Wissenschaftspopularisierung öffnete. Hier hätte man sich nun eine historische Problematisierung der inzwischen hochvirulenten Spannung von Verwissenschaftlichung der Gesellschaft und Professionalisierung vorstellen können. Die „Flughöhe“ der Einleitung vermeidet jedoch beinahe jeden Kontakt mit einzelnen historischen Epochen oder empirischen Befunden, um schließlich in die obligate Vorstellung der folgenden Einzelbeiträge zu münden, die unter den Stichworten von „Vielfältigkeit“ und „Verschiedenartigkeit“ der untersuchten Zeitschriften (S. 19) ebenfalls nicht zur Zentrierung des Bandes auf ein gemeinsames Problem beiträgt.

Der Beitrag zur „Historischen Zeitschrift“ (Martin Nissen) bestätigt den Übergang vom bildungsbürgerlichen Lesepublikum zur Fachöffentlichkeit. Es folgen Analysen medizinischer Wochenzeitschriften (Gerlind Rüve; Wiebke Lisner und Sigrid Stöckel – mit drei Beiträgen der Schwerpunkt des Bandes) sowie thematisch hier anschließend die Behandlung des Index Medicus (Torger Möller) als Verzeichnis der medizinischen Fachliteratur. Danach wendet sich der Band Zeitschriften für Landfrauen (Anke Sawahn) und der Verwissenschaftlichung der Landwirtschaftszeitschriften (Frank Uekötter) zu. Die Zeitschrift „Rechentechnik/Datenverarbeitung“ gilt als Beispiel für die Rationalisierungsdebatte in der DDR und anhand der Zeitschriften „Bild der Wissenschaft“ und „Scientific American“ behandelt Ina Heumann die Popularisierung im deutsch-amerikanischen Vergleich, während Martina Franzen die Gatekeeperfunktion von „Science“ und „Nature“ betrachtet.

Alle diese Beiträge sind grundsolide gearbeitet, oftmals sind sie Beiprodukte einer langjährigen Beschäftigung mit dem jeweiligen wissenschaftlichen Feld, in dem die einzelnen Zeitschriften mehr oder minder zentral sind. Ob damit eine systematische Behandlung der wissenschaftlichen Zeitschriften erreicht wird, lässt sich allerdings bezweifeln. Vielmehr haben wir eine weitere Anzahl wenig aufeinander bezugnehmender Einzelfallanalysen vor uns; für die Spezialisten im jeweiligen Themenfeld nützlich, aufs Ganze gesehen in wissenschaftlichen Zeitschriften vielleicht besser aufgehoben als in einem Sammelband. Über den Schlussabsatz der Einleitung darf der Leser dann allerdings angesichts der durchscheinenden Ironie eine Weile grübeln: „Schließlich unterliegt das Genre Wissenschaftszeitschrift nicht nur dem Einfluss der Herausgeber, Autoren und professionellen Teilöffentlichkeiten, sondern es ist seinerseits eingebunden in Metaordnungen wissenschaftlicher Datenbanken und last, but not least in Zitationssysteme, die zunehmend über den wissenschaftlichen Wert der publizierten Aussagen entscheiden. Auch aus diesem Grund sei der vorliegende Band der öffentlichen Aufmerksamkeit empfohlen.“ (S. 23)

ZitierweiseMatthias Middell: Rezension zu: Stöckel, Siegrid; Lisner, Wiebke; Rüve, Gerlind (Hrsg.): Das Medium Wissenschaftszeitschrift seit dem 19. Jahrhundert. Verwissenschaftlichung der Gesellschaft – Vergesellschaftung von Wissenschaft. Stuttgart 2009, in: H-Soz-u-Kult, 26.06.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-2-202>.

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