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Osteuropa 56 (2006), 8

 

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Zeitschrift:Osteuropa
Herausgeber:Herausgegeben von der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde
ISSN:0030-6428
Verlag,
Erscheinungsort:
BWV Berliner Wissenschaftsverlag,
Berlin
Preis:18.-€
Weitere Angaben:monatlich
Ausgabe:08/2006 - Themenheft: Dmitrij Schostakowitsch: Grauen und Grandezza des 20. Jahrhunderts
ISBN:3-8305-1214-7

Das Heft finden Sie unter:
osteuropa.dgo-online.org/312.0.html

Editorial
Hörprobe 3

Dorothea Redepenning
Chronist seiner Zeit
Dmitrij Schostakowitsch zwischen Ethik und Ästhetik 5

David Fanning
Widerspenstiger Revolutionär?
Dmitrij Schostakowitsch zum 100. Geburtstag 25

Kerstin Holm
Das Schreckliche ist des Schönen Anfang
Was SchostakowitschRußland heute bedeutet 35

Dokumentation
Schluß mit dem Schostakowitsch-Kult!
Ein Pamphlet 46

Leonid Gakkel'
Das Komplementärgesetz
Schostakowitsch und Prokofev 49

Bernd Feuchtner
Lieder der Nacht, Nächte der Angst
Angst in der Musik von Dmitrij Schostakowitsch 61

Andreas Wehrmeyer
"Mir scheint, ich bin ein Jude"
Zum "Jüdischen" im Werk von Schostakowitsch 75

Jascha Nemtsov
"Um mich kreist der Tod"
Schostakowitschs Sonate für Violine und Klavier 93

Beilage: CD: Sonate für Violine und Klavier, op. 134,
mit Kolja Blacher und Jascha Nemtsov

Levon Hakobian
"Ich hab euch niemals geliebt, ihr Götter!"
Schostakowitsch und die proletarische Musik 109

Wolfgang Mende
"Lebendige Waffe im Kampf"
Schostakowitsch und die Kulturrevolution 119

Stefan Weiss
1948 und kein Ende
Schostakowitsch als Bühnenheld 137

Svetlana Savenko
Fruchtbare Spannung
Schostakowitsch und Igor Stravinskij 157

Dorothea Redepenning
Ärgernisse, Abgründe, Absurditäten
Fragwürdige Bücher zu Schostakowitsch

Dorothea Redepenning
Chronist seiner Zeit
Dmitrij Schostakowitsch zwischen Ethik und Ästhetik
Kein anderer Komponist des 20. Jahrhunderts wurde so politisch gedeutet wie Dmitrij Schostakowitsch. Nur allzu häufig wird er jedoch ausschließlich an außermusikalischen Kriterien gemessen. Dieser Zugang ist problematisch. Schostakowitsch machte sich zwar die Rolle des Chronisten zu eigen, der Wahrheit und Moral bewahrt. Doch wie die Analyse der mittleren Symphonien zeigt, sind es vor allem in klingenden Traditionen verwurzelte Konnotationen, die auf das Spannungsfeld zwischen Ethik und Ästhetik verweisen, in dem sich Schostakowitschbewegte.

David Fanning
Widerspenstiger Revolutionär?
Dmitrij Schostakowitsch zum 100. Geburtstag
Das Interesse an Dmitrij Schostakowitsch ist im Jahr seines hundertsten Geburtstags explosionsartig gewachsen. Gleichwohl ist es weiter schwierig, einige zentrale Fragen zu seinem Leben und seinem Werk zu beantworten. Was macht Šostakovic(s Musik für Konzertbesucher so populär? Warum ruft seine Musik so unterschiedliche Reaktionen hervor? Wie stark war sein Stil vom kommunistischen Regime beeinflußt? Sind die "Memoiren" echt? Die Antworten sollten Schostakowitschs breite Begabung und die Bedeutung der musikalischen Interpretation berücksichtigen und unbedingt vermeiden, konkrete politische Positionen in sein Werk hineinzulesen.

Kerstin Holm
Das Schreckliche ist des Schönen Anfang
Was Schostakowitsch Rußland heute bedeutet
Die Statur von Dmitrij Schostakowitsch als Jahrhundertkomponist macht ihn für seine Heimat auch zur Last: Die neue Komponistengeneration muß einen kulturellen Vatermord begehen, um zu sich zu finden, glaubt der Petersburger Boris Filanovskij. Schostakowitsch Musik der Stalinzeit, gezeichnet von musiksprachlichen Defekten, wird ausgerechnet dadurch zum vollwertigen Kulturdenkmal ihrer Epoche -- für freiheitsliebende Vergangenheitsbewältiger nicht der erfreulichste Befund.

Leonid Gakkel'
Das Komplementärgesetz
Schostakowitschund Prokofev
Sergej Prokofev und Schostakowitsch hatten sich nichts zu sagen, und sie konnten einander nicht hören. Das ganze Wesen Prokof'evs läuft Schostakowitsch ästhetisch und strukturell zuwider. Gleichwohl gibt es auch Berührungspunkte. Prokofev und Schostakowitschgehören zusammen wie die materielle und die geistige Welt. Mit den beiden sollte man es daher halten wie mit Goethe und Schiller: Statt darüber zu diskutieren, wer besser und bedeutender sei, sollte man sich daran erfreuen, daß Deutschland zwei so große Dichter besitzt und die Welt zwei derartige Komponisten.

Bernd Feuchtner
Lieder der Nacht, Nächte der Angst
Angst in der Musik von Dmitrij Schostakowitsch
In der Stalinzeit fiel der Musik das Privileg zu, Dinge zu sagen, die nicht ausgesprochen werden konnten. Dmitrij Schostakowitsch entwickelte geradezu ein System verborgener Bedeutungen, die in seine Musik einen doppelten Boden einzogen, den nur durchschauen konnte, wer ähnlich empfand und diese Sprache verstand. Er gab den Ängsten Ausdruck, unter denen eine ganze Epoche litt und die besonders nachts auftraten.

Andreas Wehrmeyer
"Mir scheint, ich bin ein Jude"
Zum "Jüdischen" im Werk von Schostakowitsch
In dem Maße, in dem heute die Bereitschaft besteht, der Musik von Dmitrij Schostakowitsch pauschal regimekritische Potentiale zu unterstellen, erschließt sich vermeintlich umstandslos die Verwendung jüdischer musikalischer Idiome: als Ausdruck der Identifikation mit dem Schicksal der Juden, als Chiffre des Unterdrücktseins. Tatsächlich aber liegen die Verhältnisse komplizierter: Derlei konkrete Bedeutungen sind kaum offensichtlich und können nur durch die Hörer imaginiert werden.

Jascha Nemtsov
"Um mich kreist der Tod"
Schostakowitschs Sonate für Violine und Klavier
Kaum ein anderes bedeutendes Werk Dmitrij Schostakowitschs führte in den letzten Jahrzehnten ein derartiges Schattendasein wie seine Sonate für Violine und Klavier op. 134 von 1968. Kritikern erscheint sie als "wenig gelungen", Interpreten brandmarken sie als "undankbar" und "sperrig". Damit wird diese Komposition gründlich verkannt. Die musikalische Welt der Sonate spiegelt Schostakowitschs Auseinandersetzung mit dem Thema Tod wider. Dabei fanden unter anderem Zwölftonreihen Eingang in die Komposition -- sie sind jedoch nur ein Element des Klangporträts des Todes, das Schostakowitsch in seinem Spätwerk entwickelte.

Levon Hakobian
"Ich hab euch niemals geliebt, ihr Götter!"
Schostakowitsch und die proletarische Musik
Schostakowitschs Kontakte zur "proletarischen" Musik der 1920er Jahre finden in der Zweiten Symphonie zum 10. Jahrestag der Oktoberrevolution ihren Ausdruck. Auch seine abschätzige Äußerung zur "leichten" Musik steht im Einklang mit der Ideologie des Proletkult. Gleichzeitig verachtete er die Musik "proletarischer" Komponisten und war erleichtert, als 1932 ihr Verband (RAMP) aufgelöst wurde. 25 Jahre später wendet er sich in der Elften Symphonie erneut der Ästhetik der "proletarischen" Musik zu. Zudem bearbeitet er zwei Chöre des führenden "proleta­rischen" Komponisten Aleksandr Davidenko. Vermutlich ist das Interesse des reifen Schostakowitsch an der Musik, von der er sich früher distanziert hatte, eine Umwertung ideologischer Werte, die für viele Intellektuelle der "Tauwetterperiode" typisch sind.

Wolfgang Mende
"Lebendige Waffe im Kampf"
Schostakowitsch und die Kulturrevolution
Dmitrij Schostakowitsch gilt heute vielen als getarnter Dissident. Für die Jahre 1928--1931/32 ist dies nicht überzeugend. In diesem Lebensabschnitt unterstützte er durch seine Kompositionen für Ballett, Music-hall, Theater und Film wie auch durch seine öffentlichen Äußerungen in weitem Maße die politisch-gesellschaftlichen Ziele der Kulturrevolution. Eine Analyse des Balletts Der Bolzen (1930/31) vor dem zeitgenössischen Rezeptionshintergrund zeigt, daß die in der Handlung angelegte Legitimation politischer Gewalt durch den unterhaltsamen und satirischen Charakter der Musik nicht desavouiert, sondern eher gefördert wird.

Stefan Weiss
1948 und kein Ende
Schostakowitsch als Bühnenheld
Schostakowitschs konfliktreiches Verhältnis zu Stalin hat Autoren unterschiedlicher Zeiten und Regionen zu Bühnenwerken über dieses Thema inspiriert. Die Schauspiele Il'ja Golovin von Sergej Michalkov (1949) und Master Class von David Pownall (1981) sowie die Oper Dmitri oder Der Künstler und die Macht von Hans-Klaus Jungheinrich und Luca Lombardi
(2000) verarbeiten in ganz unterschiedlicher Weise Personen- und Zeitgeschichte und vermitteln dabei Aufschlüsse über die
Schostakowitsch-Rezep­tion ihrer jeweiligen Entstehungskontexte.

Svetlana Savenko
Fruchtbare Spannung
Schostakowitsch und Igor' Stravinskij
Schostakowitsch und Stravinskij gelten gemeinhin als Vertreter einer völlig konträren Musikauffassung. Das Verhältnis zwischen den beiden Komponisten ist jedoch komplexer, als es auf den ersten Blick scheint. Šostakovic( verfolgte das Wirken seines älteren Kollegen zeit seines Lebens aufmerksam und brachte ihm als Musiker, nicht jedoch als Denker gleichbleibende Bewunderung entgegen. Umgekehrt wich Stravinskijs ambivalente Haltung dem anderen gegenüber im Laufe der Zeit einer zunehmend scharfen Kritik an Schostakowitsch als sowjetischem "Staatskomponisten" und an dessen "rückständiger", "primitiver" Ästhetik.

Dorothea Redepenning
Ärgernisse, Abgründe, Absurditäten
Fragwürdige Bücher zu Schostakowitsch
Dmitrij Schostakowitschs Werk regt nicht nur zu musikalischen
Interpretationen an. Auch auf dem Buchmarkt gibt es neue
Veröffentlichungen. Nicht jede dieser Publikationen garantiert
Erkenntnisgewinn. Fast zwei Jahrzehnte währende Debatten über die Authentizität der von Solomon Volkov herausgegebenen "Memoiren" haben in der deutschen Neuausgabe des Buches keinen Niederschlag gefunden.
Volkovs neue Monographie über Stalin und Schostakowitsch ist ein methodisches und musikwissenschaftliches Ärgernis. Doch auch der akademische Betrieb produziert Arbeiten, die sich etwa der Groteske in Schostakowitschs Werk zu widmen vorgeben, in denen aber alleine das handwerkliche und wissenschaftliche Selbstverständnis grotesk ist.

Kontakt:

Redaktion „Osteuropa“
Dr. Manfred Sapper, Dr. Volker Weichsel, Dr. Andrea Huterer, Olga Radetzkaja, Margrit Breuer

Schaperstraße 30
10719 Berlin
Tel. 030/30 10 45 - 81 / 82
Fax 030/21 47 84 14
E-mail: osteuropadgo-online.org

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