Informationen zu diesem Beitrag
| Zeitschrift: | Zeitschrift des Forschungsverbundes SED-Staat |
| Herausgeber: | Forschungsverbund SED-Staat |
| ISSN: | 0948-9878 |
| Verlag, Erscheinungsort: | André Gursky, Halle an der Saale |
| Preis: | 12 Euro, im Abonnement: 8,40 (halbjährlich) |
| Weitere Angaben: | halbjährlich |
| Ausgabe: | 16/2004 - Projekt Spaltung - Schwerpunkt: Der Mauerbau, Berliner Geschehnisse vor und nach dem Mauerbau |
Editorial
Der Schwerpunkt dieser Ausgabe liegt in Erinnerung an die fünfzehn Jahre zurückliegenden Ereignisse vom November 1989 auf Aspekten der Teilungsgeschichte. Im Mittelpunkt stehen dabei Berliner Geschehnisse vor und nach dem Mauerbau, es geht aber auch um die Folgen der vierzigjährigen DDR-Existenz. Michael Kubina rekonstruiert eine Episode aus der Frühzeit der Sektorenstadt: Wie könnte man, so die Überlegung der Machthaber in Ost-Berlin und Moskau, die im Westen starke SPD unter Kurt Schumacher zersetzen? Sollte man der KPD in der Westzone ein neues, gemäßigtes Etikett verpassen, um die Basis der SPD anzulocken? Sollte man die SPD in der SBZ wieder zulassen, um im Gegenzug die SED im Westen zu etablieren? Stalin gab seinen Leuten in Ost-Berlin den Rat, man müsse mit List agieren. Die List der SED-Führung war allerdings nicht sonderlich einfallsreich. Sie versuchten die Wiederauflage einer untergegangenen Partei. Der Name USPD hatte für viele linke Zeitgenossen noch ei-nen guten, unabhängigen Klang – und ein paar integre Genossen als Galionsfiguren würden sich doch wohl finden lassen? So kam es zur kurzen Wiedergeburt einer SED-abhängigen USPD.
Am 13. August 1961, so erzählt der Lyriker Heinz Kahlau, saß er mit Kollegen im Schriftstellerheim in der Sonne, als „schwitzende Komponisten in voller Uniform“ aus einem Geländewagen sprangen und riefen: „Jetzt müßt ihr Texte schreiben, wir müssen neue Lieder machen!“ Gesagt, getan, getextet: „Im Sommer 61 / Am dreizehnten August / Da schlossen wir die Grenze / Und keiner hat’s gewußt / Klappe zu, Affe tot!“ Der infantile Agitprop-Frohsinn hat sich nur auf die wenigsten DDR-Bürger übertragen. Doch zweifelsohne wandte sich eine junge Generation von DDR-Lyrikern – unter ihnen neben Kahlau Volker Braun, Jens Gerlach, Günter Kunert – nach 1961 verstärkt dem eigenen Staat zu. Jan Robert Weber geht der Frage nach, ob der 13. August 1961 tatsächlich zum Gründungstag für eine neue „sozialistische deutsche Nationalkultur“ geworden ist, wie sie Walter Ulbricht schon 1956 auf dem IV. Deutschen Schriftstel-lerkongreß in Auftrag gab.
Daß an der Mauer längst nicht nur der „Affe tot“ war, entging auch Heinz Kahlau nicht. Er schrieb später vor allem Liebesgedichte. Elf Tage nachdem Kahlau von seiner Sommerfrische aufgeschreckt worden war, lief beim DDR-Innenministerium folgende Nachricht ein: „Nachdem die Person in die Spree gesprungen war, wurden von den Genossen Warnschüsse abgegeben und danach Sperrfeuer gegeben.“ Zwei Tage zuvor, am 22. August, hatte das Politbüro den Schießbefehl verabschiedet – erstes Opfer: Günter Litfin, 24 Jahre alt. Wer waren die Mauerbauer hinter Ulbricht und Honecker? Jochen Staadt nimmt die „Befehlskette“ in den Blick und die Biographien der Männer, die als „Herrn der Lage“ siebzehn Millionen Menschen hinter Mauer und Stacheldraht gesperrt haben. Der Cheflogistiker des Berliner Mauerbaus, Willi Seifert, hatte sein Handwerk im KZ Buchenwald gelernt.
Durch Verhandlungen der beiden deutschen Seiten und durch Vereinbarungen der vier Mächte wurde die Mauer zumindest von West nach Ost durchlässig. West-Berliner Bürger haben von 1972 bis 1989 über vierzig Millionen Besuchsanträge gestellt, um Verwandte und Freunde im Ostteil der Stadt oder in der DDR treffen zu können oder einfach nur einmal als Touristen vorbeizuschauen im Arbeiter- und Bauern-Staat. Steffen Alisch befaßt sich mit einer Einrichtung, auf die man in ferner Zukunft einmal als besonderes Kuriosum der Berlin Teilung zurückblicken wird: den „Passierscheinstellen“ und „Besucherbüros“, die West-Berliner aufsuchen mußten, um sich Besuche im Ostteil der Stadt genehmigen zu lassen.
Die deutsche Teilung endete am 9. November 1989, ihre Folgen wirken fort. Die materielle Basis ist zwar inzwischen annähernd gleich, dennoch wird immer noch über die unterschiedlichen Befindlichkeiten der Deutschen in Ost und West lamentiert. Wie kommt es, daß wir – wie es die Mehrheit der DDR-Bürger 1990 durch ihre Wahlentscheidung wollte – in einem wiedervereinigten Land leben, aber offenbar immer noch in zwei Teilgesellschaften? Klaus Schroeder zieht eine kritische Bilanz der vergangenen vierzehn Jahre.
Worin glichen die nationalsozialistischen Konzentrationslager den späteren sowjetischen Internierungslagern, worin unterschieden sie sich? Gerhard Finn, Jahrgang 1932, selbst Überlebender des sowjetischen Speziallagers Buchenwald, hat sich auf den schwierigen Weg des Vergleichs begeben. Die Auseinandersetzung mit Unrecht und Leid, die Häftlinge in den sowjetischen Speziallagern erlebt haben, war in der DDR ta-buisiert und in der alten Bundesrepublik um des lieben Friedens willen kein großes Thema. Die Haftopfer wurden mit dem Hinweis zum Schweigen gebracht, irgend et-was wird schon dran gewesen sein, wenn einer oder eine von der Besatzungsmacht in ein ehemaliges KZ gesperrt wurde. Gerhard Finn nimmt ausdrücklich keine Gleichsetzung vor, er vergleicht die inhumane Realität des Lageralltags, die vor und nach 1945 in Buchenwald praktizierten menschenverachtenden Haftbedingungen. Seine Polemik wird und soll zu Kontroversen anregen.
Eine ähnlich schwierige Fragestellung behandelt Justus Vesting. Ist der Begriff Zwangsarbeit auf die NS-Zeit beschränkt? Vesting untersucht die Arbeitsbedingungen von DDR-Strafgefangenen und Bausoldaten im Chemiedreieck Bitterfeld. Sollte man – um sich nicht dem Verdacht der Verharmlosung oder des unzulässigen Vergleichs auszusetzen – eher von Pflichtarbeit reden? Vesting kommt zu dem Ergebnis, daß Herabsetzung, Diskriminierung und unmenschliche Arbeitsbedingungen nur als Zwangsarbeit adäquat zu charakterisieren sind.
Warum die Rote Armee bei ihrem Einmarsch in Berlin die Festungs-Pionierschule der Wehrmacht in Berlin-Karlshorst zu ihrem Hauptquartier erkor, ist leicht zu erklären: Den vom Osten einziehenden Truppen fiel der Gebäudekomplex bereits am 23. April 1945 kampflos in die Hände. Danach gestalteten die sowjetischen Truppen den gesamten Stadtteil nach ihren Bedürfnissen um. Wie hat das Karlshorst geprägt? Auf Spurensuche im „Berliner Kreml“ begibt sich Hans Michael Schulze. Um Stadtgeschichte geht es auch in Peter Erlers Beitrag, der die Baugeschichte des MfS-Sperrgebietes in Berlin-Hohenschönhausen behandelt. Otto Wenzel stellt die Protokollordnung der DDR vor. Für die DDR-Bausoldaten, die im Mittelpunkt eines kleinen Kongresses standen, an dem Christian Sachse teilnahm, galten freilich ganz andere Ordnungsvorstellungen. Weit jenseits des deutsch-deutschen Horizontes und doch mit verwandten Problemen befaßt ist man auf der koreanischen Halbinsel. Moon-Soon Song, der einige Monate als Gastwissenschaftler beim Forschungsverbund SED-Staat den Chancen und Fehlern der deutschen Wiedervereinigung nachgegangen ist, berichtet über die aktuelle Situation in seinem geteilten Land. Oleksandr Nowomirowitsch Koroljow, Leiter einer ukrainischen „Memorial“-Gruppe äußert sich über die Aufarbeitung der ukrainischen Nationalgeschichte während der sowjetischen Herrschaft. Dem sowjetischen Hegemonialanspruch mußte 1968 der Prager Frühling und einer seiner Protagonisten, Ota Šik, weichen. Aus dem Reich unserer Erinnerungen wird niemand den jüngst verstorbenen Prager Reformer vertreiben können. Ihm und dem geistesverwandten DDR-Oppositionellen Wolfgang Ullmann sei aus traurigem Anlaß gedacht.
i.A. Thomas Gerlach und Jochen Staadt
Editorial
Schwerpunkt
Jochen Staadt
Die Mauerbauer. Am „Tag X“ waren Männer mit einer totalitären Prägung Herr der Lage.
Steffen Alisch
"Es ist darauf zu achten, daß alle warm angezogen sind!“ Passierscheinstellen und Besucherbüros in West-Berlin.
Jan Robert Weber
Gescheitert an der „Baukunst langem Unbau“. Junge Lyriker in der DDR und die Berliner Mauer.
Michael Kubina
Die kurzlebige Wiedergeburt der USPD. Wie der sowjetische Geheimdienst und die SED eine „Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands“ gründeten.
Hans-Michael Schulze
Spuren vom „Berliner Kreml“. Wie die Sowjets fast fünfzig Jahre lang Berlin-Karlshorst geprägt haben.
Ralf Gründer
Aus der Sicht der „Grenzsicherungsorgane“. Die Berliner Mauer und die innerdeutsche Grenze – Ein Projekt.
Klaus Schroeder
Legenden und Fakten. 14 Jahre nach der Vereinigung.
Beiträge
Justus Vesting
„Das sind ja nur Strafgefangene“. Zwangsarbeit im Chemiedreieck der DDR.
Otto Wenzel
Ein verwirrter Gast. Breschnew plädierte 1973 für „BRD-Zone“ in den von Israel besetzten Gebieten.
Peter Erler
Die Spuren des „sowjetischen Fleischwolfs“. Geschichtsaufarbeitung in der Ukraine.
Peter Erler
Ein Geheimdienst erweitert seine materielle Basis. Zur Baugeschichte und Strukturentwicklung des MfS-Sperrgebietes in Berlin-Hohenschönhausen.
Otto Wenzel
Die Protokollordnung der DDR. Ein Beitrag zur offiziellen und informellen Hierarchie des SED-Staates.
Gerhard Finn
Vergleich, nicht Gleichsetzung.
Aktuelles
Christian Sachse
Der Runde Tisch. Zum Gedenken an Wolfgang Ullmann.
Volker Strebel
Ökonomie im Dienste des Menschen. Zum Tode von Ota Šik.
Christian Sachse
Zivilcourage und Kompromiß. Bausoldatenkongreß in Potsdam.
Moon-Soon Song
Die Hoffnung auf Frieden. Zur politischen Lage in Korea.
Rezensionen
Wolfgang Engler: Die Ostdeutschen als Avantgarde. Essay. Von Lutz Rathenow
Matthias Uhl/A. Wagner (Hrsg.): Ulbricht, Chruschtschow und die Mauer. Dokumentation. Von Jochen Staadt
Andreas H. Buchwald: Soldaten unterm Spaten. Ein Abenteuer wider Willen. Von Christian Sachse
Bernd Eisenfeld/Ilko-Sascha Kowalczuk/
Ehrhart Neubert: Die verdrängte Revolution. Der Platz des 17. Juni 1953 in der deutschen Geschichte. Von Klaus Schroeder
Siegfried Suckut/Jürgen Weber (Hrsg.): Stasi-Akten zwischen Politik und Zeitgeschichte. Eine Zwischenbilanz.
Von Klaus Schroeder
Bundesministerium des Innern/ Bundesarchiv (Hrsg.):
Dokumente zur Deutschlandpolitik. VI. Reihe/Bd. 2. 1. Januar 1971 – 31. Dezember 1972. Von Steffen Alisch
Rainer Eppelmann u.a. (Hrsg.): Bilanz und Perspektiven der DDR-Forschung. Von Friederike Sattler
Reinhard Müller: Herbert Wehner – Moskau 1937.
Von Manfred Wilke
Tomasz Kizny: Gulag. Von Manfred Wilke
Stefan Doernberg: Fronteinsatz. Erinnerungen. Von Thomas Gerlach
Alexander Jakowlew: Die Abgründe meines Jahrhunderts. Eine Autobiographie. Von Otto Wenzel
Matthias Braun: Die Zeitschrift „Sinn und Form“. Von Dagmar Buchbinder
Sabine Pamperrien: Versuch am untauglichen Objekt. Von Hannes Schwenger
Siegfried Lokatis: Der rote Faden. Von Hannes Schwenger
Hannah Arendt: Der Liebesbegriff bei Augustin. Von Christian Sachse
Petra Galle: RIAS Berlin und Berliner Rundfunk. Von Stefan Wolle
Siegfried Burmester: Ein Leben zwischen Irrtum und Hoffnung. Eine politische Biographie. Von Hannes Schwenger
Helmut Bohn: Verschlungene Spuren. Eine Biographie. Von Otto Wenzel
Sonstiges
Autorinnen und Autoren dieser Ausgabe
Veröffentlichungen des Forschungsverbundes
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