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Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 61 (2010), 3

 

Informationen zu diesem Beitrag

Zeitschrift:Geschichte in Wissenschaft und Unterricht
Herausgeber:Joachim Rohlfes, Michael Sauer, Winfried Schulze
ISSN:0016-9056
Verlag,
Erscheinungsort:
Erhard Friedrich Verlag,
Seelze
Weitere Angaben:monatlich
Ausgabe:03/2010

Editorial von Christoph Cornelißen

Als der Freiburger Historiker Ernst Schulin im Jahr 1974 einen Band zur Universalgeschichte vorlegte, fiel das Echo eher verhalten aus. Ein Grund hierfür war, dass seinerzeit sowohl in Deutschland als auch im Ausland das Interesse eines großen Teils der universitären Historie von der Ergründung sozialhistorischer Themen sowie den damit einhergehenden Methodendebatten absorbiert wurde. Die Weltgeschichte dagegen galt als ein etwas angestaubtes Unternehmen, und zuweilen sah sie sich sogar dem Vorwurf mangelnder Seriosität ausgesetzt. Inzwischen hat sich der Wind deutlich gedreht. Unter den Oberbegriffen Welt- bzw. Globalgeschichte werden heute international die Potenziale einer transkulturellen Geschichtswissenschaft ausgelotet. Dass es sich hierbei nicht einfach um ein Fortschreiben der älteren Universal- oder auch Weltgeschichten handelt, zeigt die Abkehr von der älteren dichotomischen Gegenüberstellung eines aktiven, geschichtsprägenden Westens und eines passiven, bestenfalls nachholenden Ostens/Südens oder Orients. Von daher betrachtet versteht sich die neue Welt- und Globalgeschichte als ein "anti-eurozentrisches Projekt", wenn auch zugleich als eine Historiographie mit Augenmaß, wie der Konstanzer Historiker Jürgen Osterhammel zuletzt herausstellte. Unter den Begriffen Welt- und Globalgeschichte dürfe daher nicht eine genau abgrenzbare Subdisziplin oder auch Bindestrich-Geschichte begriffen werden, sondern es handele sich vielmehr um eine besondere Betrachtungsweise. Immer dann, wenn die "normale Geschichte" den ausgeleuchteten Raum über kulturelle Grenzen hinweg erweitere, werde sie letztlich zur Weltgeschichte. Ganz in diesem Sinne arbeiten seit den 1990er Jahren zahlreiche Welthistoriker nicht nur aus den USA und Europa, sondern ebenso aus Japan, China und weiteren Ländern daran, den bislang unbekannten Beziehungen über große Entfernungen auf den Grund zu gehen. Parallel dazu erkunden sie in global angelegten Vergleichen das Aufkommen und die Durchsetzung spezifischer Herrschaftsstrukturen, die Verbreitung von Wirtschaftsweisen oder kulturellen Erscheinungsformen. Außerdem schenken sie ihr Augenmerk der Etablierung von Netzwerken auf den unterschiedlichsten Gebieten menschlichen Handelns. Auch die in diesem Themenheft abgedruckten Beiträge zu einer "Globalgeschichte der Antike" fühlen sich diesen nur knapp umrissenen Ansätzen verpflichtet. So skizziert Raimund Schulz in seinem Aufsatz allgemeine Perspektiven einer Global- und Weltgeschichte dieser Epoche, wobei er für eine sinnvolle Einbettung mikrohistorischer Fragen in übergeordnete Analyseeinheiten plädiert. Hierfür erscheint ihm vor allem der strukturelle Fernvergleich des Imperium Romanum mit anderen "global" ausgerichteten Herrschaftssystemen der zeitgenössischen Welt als der geeignete Weg. Dass die Althistorie dem Vergleich des Römischen Reiches mit dem Chinesischen Kaiserreich bereits des längeren ihrer Aufmerksamkeit widmet, verdeutlicht der nachfolgende Aufsatz von Maria H. Dettenhofer. Obwohl zwischen beiden Kulturen keine direkten Kontakte bestanden, arbeitet die Autorin bemerkenswerte Parallelen in der Herrschaftsstruktur und der Gesellschaftsverfassung der beiden ?Supermächte? heraus. Der abschließende Beitrag von Björn Onken bietet auf der Basis eines Vergleichs des Römischen Reiches mit dem China der Han-Zeit ein praktisches Unterrichtsmodell für die Vermittlung interkultureller Kompetenzen. Ein solches Fallbeispiel bietet sich aber nicht nur an, weil es sehr gut Verbindungslinien zur aktuellen Lebenswelt der Schüler aufzeigt, sondern auch, weil neuere Arbeiten zur Weltgeschichte eine hervorragende Grundlage hierfür abgeben.

Inhalt der Ausgabe 3/10

ABSTRACTS (S. 154)

EDITORIAL (S. 155)

BEITRÄGE

Raimund Schulz
Von Gades zum Ganges
Was verspricht eine neue "Welt-" und "Globalgeschichte" der Antike? (S. 156)

Maria H. Dettenhofer
Das Römische Reich und das China der Han-Zeit
Ein Strukturvergleich (S. 171)

Björn Onken
Begegnung zweier Großreiche
Kontakte zwischen dem Imperium Romanum und China in der Antike als Thema des Geschichtsunterrichts (S. 182)

INFORMATIONEN NEUE MEDIEN

Gregor Horstkemper/Alessandra Sorbello Staub
Von den Säulen des Herakles zu den Serern
Die antike Erlt jenseits der westlichen und östlichen Grenzenim Netz (S. 356

LITERATURBERICHT

Judith Michel/Joachim Scholtyseck
Kaiserreich, Teil II (S. 200)

NACHRICHTEN (S. 212)

Abstracts der Ausgabe 3/10

Raimund Schulz
Von Gades zum Ganges
Was verspricht eine neue "Welt-" und "Globalgeschichte" der Antike?
GWU 61, 2010, H. 3, S. 156-170

Der Beitrag geht der Frage nach, inwieweit Konzepte einer neuen Welt- und Globalgeschichte, die sich in erster Linie als Beziehungs- und Kulturtransfergeschichte versteht sowie dem Vergleich historischer Phänomene in verschiedenen Großräumen widmet, gewinnbringend auf die Antike anwendbar sind. Dabei wird herausgearbeitet, dass die Mobilität aristokratischer Eliten sowie spezialisierter "Experten" verbunden mit der Ausweitung des Fernhandels sowie begleitet von imperialen Reichsbildungen den geographischen Erfahrungshorizont der mediterranen Welt bereits in der Antike bis nach China ausweitete sowie transregionale Kulturtransferprozesse in Gang setzte, die nicht nur Handelsinteressen, sondern auch der Statussicherung politischer Eliten dienten.

Maria H. Dettenhofer
Das Römische Reich und das China der Han-Zeit
Ein Strukturvergleich
GWU 61, 2010, H. 3, S. 171-181

Zwei Großreiche, gewaltsam geeint und zentralistisch verwaltet, ökonomisch autark, Supermächte ihrer Zeit, kamen an den entgegengesetzten Enden des eurasischen Kontinents zeitgleich zu ihrer ersten kulturellen und politischen Blütezeit. Bei aller Verschiedenheit zwischen dem 'Reich der Mitte' und dem 'Orbis terrarum' fallen bei näherer Betrachtung eine Reihe verblüffender struktureller Ähnlichkeiten hinsichtlich der politisch- gesellschaftlichen Organisation der beiden Imperien auf. Beide bildeten einen Amtsadel und ersetzten damit den Erbadel. Die ethische Grundlage des Handelns dieser Bildungseliten bildeten philosophische Lehren, nicht Religionen. Die Verbindung zu den Göttern bzw. zum Himmel günstig zu erhalten, war in Rom Aufgabe des Pontifex maximus und Prinzeps, in China des Kaisers und 'Sohnes des Himmels'. In beiden Systemen unterlag die Macht des politischen Oberhaupts zwar keinerlei formalen Kontrollen, tatsächlich mussten sich sowohl ein römischer Prinzeps als auch ein chinesischer Kaiser permanent bewähren. Denn das moralische Recht des Tyrannenmordes existierte in beiden Kulturen, zwischen denen jedoch keine direkten Kontakte bestanden.

Björn Onken
Begegnung zweier Großreiche
Kontakte zwischen dem Imperium Romanum und China in der Antike als Thema des Geschichtsunterrichts
GWU 61, 2010, H. 3, S. 182-198

Infolge der Globalisierung gewinnen interkulturelle Kompetenzen, Multiperspektivität und das Thema China für die Lebenswelt der Schüler immer mehr an Bedeutung. Der Geschichtsunterricht kann durch Perspektivverschiebungen im Rahmen der Neuen Weltgeschichte auf diese Entwicklung reagieren. Ein mögliches Thema für die Umsetzung dieses didaktischen Konzeptes sind die Kontakte zwischen Rom und dem China in der Han-Zeit. Auf der Grundlage einer Darstellung der historischen Sachzusammenhänge werden anhand von Quellen Vorschläge zur Unterrichtsgestaltung gemacht und die damit verbundenen Möglichkeiten zur Kompetenzförderung aufgezeigt.

Kontakt:

Prof. Dr. Michael Sauer
Universität Göttingen
Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte
Didaktik der Geschichte
Waldweg 26
37073 Göttingen
Tel. 0551/39-13388
Fax 0551/39-13385

URL:http://www.friedrich-verlag.de/go/1865FC34B2E04B5C933603C8BB18D4B1
URL zur Zitation dieses Beitrageshttp://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/zeitschriften/ausgabe=5592

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