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Zeitschrift des Forschungsverbundes SED-Staat (2008), 23

 

Informationen zu diesem Beitrag

Zeitschrift:Zeitschrift des Forschungsverbundes SED-Staat
Herausgeber:Forschungsverbund SED-Staat
ISSN:0948-9878
Verlag,
Erscheinungsort:
André Gursky,
Halle an der Saale
Preis:12 € pro Heft, im Jahresabonnement 8,40 € pro Heft
Weitere Angaben:halbjährlich
Ausgabe:23/2008 - Die Waffen der Diplomatie
ISBN:3-929389-57-6

Editorial

„Während unseres Aufenthaltes in Libyen erhielten wir einen tiefen und nachhaltigen Eindruck, wie die Staatsführung den Ölreichtum zu einer grundlegenden Umwandlung des Landes und des Lebens seiner Bewohner nutzt.“ Im letzen Kapitel seiner Autobiographie Aus meinem Leben schwärmt Erich Honecker von seinen Begegnungen in Afrika und anderswo. Die dazugehörige Überschrift klingt verheißungsvoll: „Zwischen Manila und Havanna“. Honecker schwamm Ende der siebziger Jahre auf außenpolitischem Erfolgskurs und genoß seine Staatsbesuche, die ihn weit weg führten von der heimischen Wirtschaftsmisere und den bürokratischen Alltagsgeschäften. 1980 hatten 131 Staaten die DDR diplomatisch anerkannt – genügend Raum für eine eigene Diplomatie, sollte man meinen. Doch welchen Spielraum hatte die DDR überhaupt als diplomatischer Akteur? Die Bilder vom frohgelaunten Honecker im Sommeranzug konnten die meisten seiner Gastgeber jedenfalls nicht darüber hinwegtäuschen, daß da ein Duodezfürst vor ihnen stand. Die DDR blieb außenpolitisch das, was sie innenpolitisch war: ein schwacher, abhängiger Staat mit eingeschränkter Souveränität. DDR-Diplomatie und Diplomatie in der DDR sind Schwerpunkt dieser Ausgabe.

Als am 12. Oktober 1949 das Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten gebildet wurde, wurde der CDU-Politiker Georg Dertinger zwar der erste Minister im Amt, starker Mann im Hintergrund aber war von Anfang an Staatssekretär Anton Ackermann, der im Politbüro der SED saß. Damit befaßt sich Matthias Dornfeldt. Natürlich mußten sich alle DDR-Diplomaten dem Führungsanspruch der SED unterwerfen. Kenntnisse auf diplomatischem Gebiet und gute Umgangsformen waren dabei zunächst weniger gefragt als die Treue zur Arbeiterklasse, die feste Verbundenheit mit dem Arbeiter-und-Bauern-Staat. Denn Diplomatie war nach marxistisch-leninistischem Verständnis in erster Linie eine Fortsetzung des internationalen Klassenkampfes mit anderen Mitteln.

Jedenfalls waren Erfolge in der Außenpolitik für die SED auch innenpolitisch von Nutzen. Aus jeder Botschaftseröffnung in Ost-Berlin ließ sich Legitimationszuwachs herleiten. Mancher Genosse von der Spree sah schon früh die Alpen Österreichs glüh’n. Wie intensiv sich die DDR jahrelang um die diplomatische Anerkennung durch Österreich bemühte, zeigt Enrico Seewald in seinem Beitrag. Wien zögerte lange, bis durch Willy Brandt Bewegung in die Ostpolitik kam und im Mai 1973 auch Friedrich Bauer als erster österreichischer Botschafter in Ost-Berlin ankam. Er residierte anfangs im Hotel „Berolina“. Zwar wurde dieser Gast seit Jahren erwartet, an eine Residenz für die Exzellenz hatten die Herren der Planwirtschaft aber trotzdem nicht gedacht.

In den frühen DDR-Jahren stellten sogar die wenigen Residenzen der befreundeten Staaten für die DDR-Polizei ein Problem dar. Schnell stieß die Volkspolizei an ihre personellen Grenzen. Enrico Seewald schildert das in einem weiteren Beitrag. Der Volkspolizist repräsentiere bei der Bewachung einer diplomatischen Vertretung die DDR, hieß es in einer frühen Polizeirichtlinie – das war die Theorie. In der Praxis fand die Volkspolizei kaum genügend Leute mit akzeptablem Schulabschluß, mit Parteizugehörigkeit, ohne „Republikflüchtige“ in der Verwandtschaft, ohne Westkontakte und Alkoholprobleme – die Kaderdecke schmolz dahin wie der Alpenschnee in der Frühlingssonne. Innenminister Dickel hatte alle Mühe, die Kampf- und Einsatzbereitschaft im „Wachkommando Missionsschutz“ herzustellen.

Wenn es freilich der Bundesrepublik im internationalen Klassenkampf eins auszuwischen galt, wurde auf Fragen der Etikette gerne verzichtet. Cord Eberspächer und Gerhard Wiechmann schlagen ein längst vergessenes Kapitel aus den Annalen des Kalten Krieges auf, der in den sechziger Jahren auch auf dem heißen Kontinent ausgetragen wurde. Dort konnte die DDR insbesondere in jenen Ländern Erfolge verbuchen, die den Judenstaat im Nahen Osten wieder von der Landkarte tilgen wollten. Kommunistische und muslimische Antizionisten reichten sich in den siebziger Jahren die Hände zur Bruderhilfe.

Einer, der die außenpolitische Offensive der DDR in Afrika nicht überlebte, war Werner Lamberz. Ein schlecht gewartetes Fluggerät und unqualifizierte Piloten waren die Ursache – Verschwörungstheoretiker verbreiten andere Absturzgründe. Der KGB, die Stasi oder andere finstere Mächte sollen am Werk gewesen sein, um „Honeckers Kronprinzen“ zu beseitigen. Wenn wahr wäre, was in linken Kreisen geglaubt wird, dann starb mit Lamberz die Hoffnung auf eine bessere DDR. Vom Ölreichtum Libyens jedenfalls erhoffte sich die SED-Führung die Deckung jener Lücken, die der DDR nach der Kürzung der sowjetischen Öllieferungen entstanden waren. Erich Honecker schloß deswegen Muammar Gaddafi nicht nur voller Inbrunst in die Arme, sondern auch ins Herz. Das MfS drückte beide Augen zu, als libysche „Diplomaten“ von dort aus den Nahost-Krieg nach Mitteleuropa trugen. Die Spur der Bombenleger, denen 1986 in der West-Berliner Diskothek „La Belle“ drei Menschen zum Opfer fielen, führte direkt in die libysche Botschaft nach Ost-Berlin.

Das Innenleben einer anderen befreundeten Botschaft beschreibt Jorge Luis García Vázquez, der in den achtziger Jahren als kubanischer Dolmetscher in der DDR das weitgesteckte Feld des deutsch-kubanischen Bruderbundes erlebte. Zuerst auf der Sonnenseite und dann – nachdem er nicht mehr spurte – in einer Stasi-Zelle, mit Freiflugticket zurück in die Karibik. Wie schön das Kubabild in den DDR-Medien ausfiel, analysiert Konstantin Prignitz. Denn auch die DDR-Presse und der Rundfunk berichteten nur das Beste über Kuba und seinen Máximo Líder. Nicht schlecht lasen sich auch viele Nachrichten, die aus der amerikanischen Botschaft in Moskau über Stalins Schauprozesse nach Washington gelangten. Otto Wenzels vergleichende Betrachtung legt offen, wie unterschiedlich die Ereignisse in der deutschen und in der amerikanischen Botschaft interpretiert wurden.

Mit diplomatischen Gepflogenheiten hatten die Agenten, deren Tätigkeit sich Bertil Häggman widmet, nichts im Sinn. Häggman stellt dar, wie das MfS seit 1958 in Skandinavien aktiv war. Weitere Beiträge dieser Ausgabe behandeln die Selbstorganisation der kirchlichen Basisgruppen und Ansätze einer Zivilgesellschaft in der DDR (Christoph Wunnicke) sowie das längst vergessene Wirken des SED-Verwaltungskaders Anton Plenikowski, der aus dem Hintergrund den Aufbau des kommunistischen Staats- und Justizapparates steuerte (Angela Schmole). Um einen Ewiggestrigen der DDR-Unrechtsjustiz geht es nun zum dritten, aber nicht zum letzen Mal, wenn vom furchtbaren Juristen Carlos Foth zu berichten ist (Jochen Staadt). Tilmann Fichter und Siegward Lönnendonker erinnern an die Gründung und die Anfangsjahre des Instituts für Politische Wissenschaft in West-Berlin, für das mehrere emigrierte Gegner des Nationalsozialismus Pate gestanden haben. Wesentliche Hoffnung dieser Remigranten war es, daß in Deutschland ein demokratischer Rechtsstaat Wurzeln schlagen möge, auf daß niemand mehr furchtbare Richter fürchten müsse. Als das Institut seine Arbeit aufnahm, stand außer Frage, welche Art Justiz in der jungen DDR Angst und Schrecken verbreitete. Ausdrücklich sahen die Gründerväter der Demokratiewissenschaft, welche den Nationalsozialismus bekämpft hatten, auch in der kommunistischen Diktatur Gefährdungspotentiale für eine offene und pluralistische Gesellschaft.

i.A. Thomas Gerlach und Jochen Staadt

Schwerpunkt:

Matthias Dornfeldt
„An der politischen Frontlinie zu den Feinden des Sozialismus“. Die DDR und die Diplomatie.

Enrico Seewald
Im Windschatten der Ostpolitik. Die Aufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen der DDR und Österreich.

Enrico Seewald
Wachkommando Missionsschutz. Die „Herstellung der Kampf- und Arbeitsbereitschaft“ vor den Botschaften in Ost-Berlin.

Cord Eberspächer, Gerhard Wiechmann
Systemkonflikt in Afrika. Deutsch-deutsche Auseinander¬setzungen am Beispiel Guineas 1969–1972.

Jochen Staadt
„Bruder Gaddafi“, Petrodollars und eine Moschee für Leipzig. Die folgenschweren Beziehungen der DDR zu Libyen.

Konstantin Prignitz
Der Mythos der „Revolución Cubana“. Das Kubabild der DDR-Medien.

Jorge Luis García Vázquez
Ein Hort der Geheimpolizei. Die kubanische Botschaft in der DDR – Ereignisse und Erfahrungen aus den
achtziger Jahren.

Otto Wenzel
Diplomatische Fehlwahrnehmung. Stalins Schauprozesse in Berichten der deutschen und amerikanischen Botschaften.

Beiträge

Bertil Häggman
How East Germany Operated in Scandinavia 1958–1989. Intelligence, Party Contacts, Schooling and ‘Active Measures’.

Christoph Wunnicke
Fernziel Zivilgesellschaft. Die Selbstorganisation der kirchlichen Basisgruppen in der DDR.

Tilman Fichter, Siegward Lönnendonker
Die Remigration der Politischen Wissenschaft. Historisch-empirische Politikforschung in Berlin.

Angela Schmole
AV 10/71 – Ein Mann im Hintergrund. Der Nachlaß Anton Plenikowskis im MfS-Archiv.

Aktuelles

Tobias Voigt
Rufmord. Anmerkung zu einer mißratenen Werbekampagne.

Jochen Staadt
„Juristische Aggression“. Betr.: ZdF 22, Gegendarstellung des ehemaligen DDR-Staatsanwaltes Carlos Foth.

Buch und Diskussion

Stefan Wolle
Auf der Suche nach der verlorenen Arbeiterklasse. Anmerkun¬gen zu Christoph Kleßmann: Arbeiter im ‚Arbeiterstaat‘ DDR.

Hans-Lothar Fischer
Geld, Transaktionskosten und Wohlstand im Sozialismus. Anmerkungen zu J. R. Zatlin: The Currency of Socialism.

Rezensionen

Catherine Merridale: Iwans Krieg. Die Rote Armee 1939–1945. Von Ute Schmidt

Alexander Solschenizyn: Meine amerikanischen Jahre. Von Volker Strebel

Bernd Greiner: Krieg ohne Fronten. Die USA in Vietnam. Von Michael Ploetz

Mike Schmeitzner (Hrsg.): Totalitarismuskritik von links. Deutsche Diskurse im 20. Jahrhundert. Von Michael Kubina

Christel Panzig (Hrsg.): Wegzeichen – Zeitzeichen. Deutsche und Russen im Alltag in einer mitteldeutschen Region von 1945 bis 1993.
Von Peter Erler

Lars Karl (Hrsg.): Leinwand zwischen Tauwetter und Frost – Der osteuropäische Dokumentarfilm im Kalten Krieg. Von Tobias Voigt

Harald Hauswald, Lutz Rathenow: Ost-Berlin. Leben vor dem Mauerfall.
Dies.: Gewendet. Leben nach dem Mauerfall. Von Thomas Gerlach

Georg Herbstritt: Bundesbürger im Dienst der DDR-Spionage. Eine analytische Studie. Von Enrico Seewald

Francesca Weil: Zielgruppe Ärzteschaft. Ärzte als inoffizielle Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR. Von Christian Schulze

Steffen Reichert: Unter Kontrolle. Die Martin-Luther-Universität und das Ministerium für Staatssicherheit 1968–1989. Von Otto Wenzel

Tobias Kaiser: Karl Griewank (1900–1953) – ein deutscher Historiker im „Zeitalter der Extreme“. Von Andreas Petersen

Werner Theuer, Bernd Florath: Robert Havemann Bibliographie. Von Volker Strebel

Michael Buckmiller, Klaus Meschkat (Hrsg.): Biographisches Handbuch zur Geschichte der Kommunistischen Internationale. Ein deutsch-russisches Forschungsprojekt. Von Peter Erler

Sonstiges

Autorinnen und Autoren dieser Ausgabe

Veranstaltungen und Veröffentlichungen des Forschungsverbundes

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