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Die Geisteswissenschaften in den deutschen Feuilletons (03.05.-08.05.2007)

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Wissenschaftsjahr 2007

"Die Geisteswissenschaften in den deutschen Feuilletons" ist eine wöchentliche Presseschau, die der Perlentaucher in Kooperation mit dem Wissenschaftsjahr 2007 "Die Geisteswissenschaften. ABC der Menscheit" herausgibt. H-Soz-u-Kult veröffentlicht als Medienpartner der Initiative eine Auswahl der Beiträge für den Bereich der Geschichtswissenschaften.

Weitere Perlen aus den Feuilletons finden Sie auf der Website "ABC der Menscheit" <www.abc-der-menschheit.de/>

Im Blickpunkt

Wie in der Wissenschaft das Neue in die Welt kommt

Die NZZ druckt einen Vortrag des Wissenschaftshistorikers und Philosophen Hans-Jörg Rheinberger ab, in dem dieser über die Logik der Entdeckung des Neuen in der Wissenschaft nachdenkt. Der Ort, an dem dies geschieht, sind die von ihm so genannten Experimentalsysteme - und die gibt es nicht nur in den Natur- sondern auch in den Geisteswissenschaften. Allerdings haben sie da, so Rheinberger, eine ganz spezifische Form: "Ich möchte aber behaupten, dass die wichtigste Quelle des Neuen - nicht im Sinne des Konstatierens von Fakten, sondern im Bereich der Interpretation - für den Historiker wie in den Geisteswissenschaften wohl überhaupt das Schreiben selbst ist. (...) Das Schreiben, so behaupte ich, ist selbst ein Experimentalsystem. Es ist eine Versuchsanordnung. (...) Es gibt den Gedanken eine materielle Verfassung - und zwar eine, die das Entstehen von Neuem ermöglicht."
NZZ, 5.5.2007
www.nzz.ch/2007/05/05/li/articleELG88.html

Themen der Woche

Weniger publizieren!

In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung plädieren der Soziologe Hartmut Rosa und der Chefredakteur des Online-Magazins "sciencegarden" für wissenschaftliche Publikationsaskese, d.h. die Veröffentlichung von nicht mehr als drei Fachaufsätzen im Jahr. Die Devise "publish or perish" habe längst katastrophale Folgen: "Wir haben keine Zeit mehr, durchdachte Aufsätze zu schreiben, es fehlen die Ressourcen und Kriterien für fundierte Gutachten, und wir studieren nicht mehr zielgerichtet und systematisch, was unsere Kollegen produzieren. Der einzige Trost: dass sich Letzteres in vielen Fällen auch gar nicht lohnen würde, schließlich sehen sich ja alle gezwungen, halbfertige Projektideen und grob skizzierte Rohfassungen zu veröffentlichen."

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 6.5.2007
www.faz.net/p/Rub439E4093E0144AF78E405530AD1C696A/Dx2~E248F87B5D13CD9FACD8FD45D3A51B64F~ATpl~Ecommon~Scontent.html

Glückwünsche für Götz Aly

Der Historiker Götz Aly, der bahnbrechende Werke zum Nationaloszialismus veröffentlichte, aber nie einen Lehrstuhl an einer Universität erhielt, feiert seinen sechzigsten Geburtstag. In der FR gratuliert Arno Widmann: "Götz Alys Bücher machen deutlich, wie sehr es dem Nationalsozialismus um die Vernichtung ging. Juden, Behinderte, Homosexuelle sollten "ausgerottet" werden. Götz Aly hat die Techniken der Vernichtung untersucht und ihre Ökonomie. Er hat die Ideologie, die dieses Programm legitimieren sollte, ebenso kritisch analysiert wie deren Vor- und Nachgeschichte. Er hat uns gelehrt, dass es nicht nur Täter, Opfer und Zuschauer gab. Es gab auch Profiteure."
Die Gratulation in der FAZ kommt von Lorenz Jäger: " Aly also ging stets neue Wege, und meist fand er nicht das im pseudoreligiösen Tonfall vorgebrachte 'Unerklärliche', sondern eine überraschend-erschreckend plausible Ratio am Werk."

FR, 3.5.2007
www.fr-online.de/in_und_ausland/kultur_und_medien/feuilleton/?em_cnt=1127199
FAZ, 3.5.2007

Bücher und Rezensionen

Christine Pries begrüßt in der FR eine neue Suhrkamp-Buchreihe, die sich ausdrücklich an Studenten wendet: "Die neue Reihe 'Suhrkamp Studienbibliothek' präsentiert klassische theoretische Texte in einem Band mit einem ausführlichen Kommentar, der nicht nur einzelne Stellen erläutern, sondern den Text umfassend historisch-systematisch einbetten und die Positionen der Forschung vorstellen soll. Glossar und biographischer Abriss wollen den Laien an die Thematik heranführen, eine kommentierte Auswahlbiographie zum Weiterlesen einladen."

FR, 7.5.2007
www.fr-online.de/in_und_ausland/kultur_und_medien/literatur/?em_cnt=1129794

Mit gewissem zeitlichem Abstand zur Veröffentlichung setzt sich in der FAZ der Ratzinger-kritische Religionswissenschaftler Karl-Heinz Ohlig mit dessen Jesus-Buch auseinander. Sehr problematisch findet er Ratzingers ahistorische Perspektive: "Salopp ließe sich dazu bemerken: Wie man in die Bibel hineinruft, so schallt es heraus. Ein solches Vorgehen mag für die Rezeption Jesu in verschiedenen Kulturkreisen unvermeidlich sein, aber es beantwortet nicht die wissenschaftliche Frage nach dem historischen Jesus. Deswegen wehrt sich Ratzinger, trotz auch positiver Bezugnahmen und der im Ganzen geäußerten Wertschätzung, gegen Ergebnisse der historisch-kritischen Exegese."

FAZ, 7.5.2007

In der FR stellt Rolf Wiggershaus gleich zwei Neuerscheinungen zum Philosophen Ernst Bloch vor. Der eine Band sammelt Blochs in der Frankfurter Zeitung erschienene Artikel, der andere eine Bildmonographie. Nichts aufregend Neues, konstatiert Wiggershaus, aber eine "nützliche Ergänzung" des Vorhandenen.

FR, 4.5.2007
www.fr-online.de/in_und_ausland/kultur_und_medien/feuilleton/?em_cnt=1128004

Konferenzen und Tagungen

Philologie der Philologie

In der SZ berichtet Volker Breidecker über eine Osnabrücker Tagung, auf der sich Philologen mit der Geschichte der Philologie beschäftigten. Das Fazit fällt positiv aus: "Den Philologien, die seit Jahren vornehmlich an ihrer Selbstabschaffung arbeiten, ist die kritische Perspektive auf die eigene Fachgeschichte - zumal mit den Instrumentarien, welche die Disziplinen selbst bereitstellen - keine Selbstverständlichkeit. Häufig wird der wissenschaftsgeschichtliche Antrieb als ein selbstbezügliches Unterfangen - Philologie der Philologie - belächelt. Gerade da erbrachte die Osnabrücker Tagung manchen Nachweis für die Fähigkeit der Philologien, sich in historischer Selbstbesinnung und kritischer Selbstreflexion von innen heraus zu erneuern und Dialoge aufzunehmen."
SZ, 4.5.2007

Willensfreiheit und Strafrecht

Einer Frankfurter Diskussion zum Thema Neurobiologie, Willensfreiheit und Strafrecht hat sich für die SZ Rainer Maria Kiesow angehört. Gar nicht zufrieden ist er mit dem Resultat, zu dem die Mehrheit der Diskutierenden kam, darunter die Hirnforscher Wolf Singer, Jürgen Roth, der Philosoph Klaus-Jürgen Grün und sein Doktorand, der auch anderweitig bekannte Michel Friedman. Aus der Verneinung der Willensfreiheit wurde auf die Abschaffung des Strafrechts geschlossen. Kiesow gibt zu bedenken: "Ob es humaner ist, Gesetzesbrecher in die Fänge des medizinal-therapeutischen Komplexes zu geben als ins Gefängnis zu stecken, ist sehr die Frage. Einem Sein kann man nicht entrinnen, die Therapie wird zum fragelosen, rettungslosen Dasein. Michel Foucault, Pierre Legendre und ihre Analysen der therapeutischen Menschenzurichtungsmaschinenparks - Fehlanzeige, genauso wie der alte Materialismusstreit."
SZ, 3.5.2007

Kontakt:

Die Geisteswissenschaften in den deutschen Feuilletons.
Eine Kooperation von Perlentaucher, H-Soz-Kult und dem Jahr der Geisteswissenschaften.

Redaktionsbüro Jahr der Geisteswissenschaften
Quartier 207 / Friedrichstraße 78
10117 Berlin

Telefon: 030 / 700186-740
Fax: 030 / 700186-710

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