Die Zerstörung des Menschlichen. Das Archiv und der Zeuge

Die Zerstörung des Menschlichen. Das Archiv und der Zeuge

Veranstalter
Theodor-Heuss-Akademie, Gummersbach; in Kooperation mit dem Institut für Philosophie der Universität Bonn
Veranstaltungsort
Ort
Gummersbach
Land
Deutschland
Vom - Bis
26.06.2013 - 28.06.2013
Deadline
19.06.2013
Von
Nisaar Ulama

In seinem Forschungsprojekt Homo sacer stellt der italienische Gegenwartsphilosoph Giorgio Agamben die These auf, daß das dominierende Phänomen des 20. Jahrhunderts die Rückführung des Menschen auf einen biologischen Nullwert ist: Das nackte Leben wird zum eigentlichen Gegenstand der Moderne. Sie zeichnet sich durch immer ausgreifendere politische Machttechniken des Verfügens über Leben und Tod, als absolute Vereinnahmung des Subjekts durch Macht aus. Diese Biopolitik (Michel Foucault) bestimmt durch Macht und Kontrolle, ob und wie das einfache, nackte Leben als ein gelungenes Leben in ein Gemeinwesen überführt werden kann.

Ihre Kontrollmacht gehorcht dem Prinzip des Ausnahmezustandes. Denn das einfache, nackte Leben ist das rechtlich ungeschützte, nur dem Souverän verfügbare Leben.

Die Deklaration des Ausnahmezustands wird aus einem Notstand heraus als Recht begründet, ist aber selbst als Rechtsnorm unterbestimmt.

Diese Unterbestimmtheit ist die Voraussetzung, den Ausnahmezustand als eine zur Regel gewordene weitere Machttechnik einzusetzen.

Am deutlichsten tritt die Verknüpfung »Ausnahmezustand, Macht und nacktem Leben« als Kennzeichen der Moderne in den Konzentrations- und Vernichtungslagern der Nationalsozialisten zu Tage.

In Was von Auschwitz bleibt. Das Archiv und der Zeuge versucht Agamben, Sinn und Möglichkeit des Zeugnisses zu erklären. Ausgangspunkt ist die Frage nach der Instanz des Zeugen. Wie können diese für die Vernichteten sprechen? Wie können Sie Zeugnis über die Vernichtung ablegen, obwohl sie diese Erfahrung selbst nicht gemacht haben?

Auch in den gegenwärtigen Flüchtlingslagern sei es in Griechenland, Italien oder Frankreich wie in Asylbewerber-"Heimen" sind Techniken der Biopolitik und des Ausnahmezustandes virulent, die Menschen auf ihr nacktes Leben reduzieren und damit reiner Willkürherrschaft unterwerfen.

Diese Grenzerfahrungen berühren unmittelbar die menschliche Existenz. Es sind die Menschen, die auf einen biologischen Nullwert reduziert werden, indem sie auf die Grenze gestellt wurden. Dort, wo Recht und Tat, Regel und Ausnahme, Leben und Tod ununterscheidbar werden.

Aber wie kann ein Mensch, der alles verloren hat, außer seinem Leben, noch Zeugnis vom Humanen ablegen?

Die Tagung setzt sich zum Ziel, die Voraussetzungen dieser politischen Machttechniken, die zur Ausgrenzung, Wegsperrung und Tötung vieler Menschen führen und geführt haben, zu analysieren. Die Tagung wird epistemologisch wie wissenssoziologisch zu ergründen versuchen, wie in der Grauzone des Nichtmenschlichen Zeugnis vom Humanen abgelegt werden kann.

Programm

Mittwoch, 26.06.

bis
14.30 Anreise

15.00 Tagungsbeginn
Einführung in das Tagungsthema – Volker Böhnigk (Bonn)

18.00 Abendessen

19.00
Rahmenvortrag: Ingrid Müller-Münch (Köln), Arbeitsthema: "Zeugen in NS-Prozessen und was sich seit 2009 geändert hat"

20.30
Rahmenvortrag: Hyun Kang Kim (Bonn), Die Ausnahme bei Carl Schmitt und die Kritik der Gewalt bei Benjamin

Donnerstag, 27.06.

ab
8.00 Frühstücksbüffett

9.00
Fortsetzung der Tagung

11.15 Rahmenvortrag: Markus Jurk (Frankfurt), Arbeitsthema: Topologische Ordnungen bei Carl Schmitt, Michel Foucault und Giorgio Agamben

12.30 Mittagessen

14.00 Rahmenvortrag: Erik-Meyer (Gießen), Crowdsourced Memory: Archiv & Zeuge im Web 2.0

15.30
Fortsetzung der Tagung

18.30 Abendessen

19.30 Rahmenvortrag: Nisaar Ulama (Berlin), Das Bild als Zeuge

Abendprogramm

Freitag, 28.06.

ab
8.00 Frühstücksbüffett

9.00
Rahmenvortrag: Ewald Grothe (Gummersbach), Das Archiv als Gedächtnis- und Erinnerungsort

11.00 Arbeitsgruppen

Topologie des Raums
Leitung: Markus Jurk (Frankfurt a.M.)

Gedächtnis und Erinnerung
Leitung: Nicolai Besl / Jan Paffrath (Bonn)

Biopolitik: Die Grenze
Leitung: Hyun Kang Kim (Bonn)

12.30 Mittagessen

14.00 Fortsetzung Arbeitsgruppen

15.15 Präsentation der Ergebnisse der Arbeitsgruppen
Abschlußdiskussion / Tagungsauswertung

16.00 Tagungsende

Kontakt

Volker Boehnigk

Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, Institut für Philosophie
Am Hof 1, 53113 Bonn

boehnigk@aol.com

https://shop.freiheit.org/#!/events/id/yhr63
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