Culture and practice of elections. A history of modern democracy / Kultur und Praxis der Wahlen. Eine Geschichte der modernen Demokratie

Culture and practice of elections. A history of modern democracy / Kultur und Praxis der Wahlen. Eine Geschichte der modernen Demokratie

Veranstalter
Hubertus Buchstein, Hedwig Richter, in Kooperation mit Alfried Krupp Wissenschaftskolleg Greifswald, Universität Greifswald
Veranstaltungsort
Alfried Krupp Wissenschaftskolleg Greifswald
Ort
Greifswald
Land
Deutschland
Vom - Bis
15.05.2014 - 17.05.2014
Deadline
19.04.2013
Website
Von
Hubertus Buchstein, Hedwig Richter

Im Nahen Osten gehen Menschen auf die Straße und riskieren ihr Leben für mehr Partizipation. Militäreinsätze in Afghanistan oder Mali sollen dazu beitragen, Demokratien zu festigen. Politi-sche Wahlen gelten dabei als ein zentrales Ziel dieser Bemühungen. Doch was genau ist der Sinn des Wählens? Warum sind Wahlen so attraktiv? Zur Beantwortung dieser Frage reicht die klassische Definition der Wahlfunktion nicht aus: „Elections are institutionalized procedures for the choosing of office holders“ (Stein Rokkan). Um die Erfolgsgeschichte und die variierenden, oft schillernden Bedeutungen von Wahlen zu verstehen, gilt es, neben dem politologischen Zugang die historische Dimension zu berücksichtigen und mit einem ethnologischen Blick neue Fragen zu stellen. Ein solcher Zugang lässt den scheinbar selbstverständlichen Gegenstand „Wahlen“ fremd und erklärungsbedürftig erscheinen und fragt nach Praktiken, Materialität, Gefühlen, Symbolen und Diskursen. Da das Interesse dabei dem Massenwahlrecht als Grundlage moderner Demokratien gilt, soll sich der Fokus auf das 19. und 20. Jahrhundert richten.
Bei der Frage nach Bedeutung und Funktion von Wahlen ergeben sich drei Themenfelder:

1 Materialität
Ein ethnologisch motivierter Blick schaut auch auf Dinge, auf Stimmzettel, Urne oder die Art der Wahlkabine. Ab wann gab es diese Dinge, warum wurden sie eingeführt? Warum werden Wahlen weltweit mit einer festgelegten materiellen Ausstattung von Stimmzettel, Urne und Wahlkabine durchgeführt, in deren Zentrum die Geheimhaltung steht? Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Normierung der Wahlen und der zeitgleich stattfindenden Homogenisierung der Gesellschaften in den sich entwickelnden Nationalstaaten des 19. Jahrhunderts? Hier ergeben sich auch Fragen zu aktuellen Entwicklungen: Kann ein Wahlcomputer die Geheimhaltung ebenso garantieren? Soll Geheimhaltung in Zukunft noch eine Rolle spielen?

2 Wahlsetting
Das Wahllokal, der Weg zur Urne oder der Wochentag der Wahlen sind von großer Bedeutung. Wer kontrollierte die Straßen: ein Mob, lokale Milizen, das Militär der Zentralgewalt? Welchen performativen Gehalt beinhaltet das Wahlsetting? Wer wurde integriert, wer exkludiert (eine der zentralen Fragen bei allen Wahlen)? Ist der Gang zum Wahllokal ein demonstrativer Akt der Herrschaftlegitimation und damit eine Unterwerfung unter die Obrigkeit? Oder demonstrieren die Bürger am Wahltag ihren staatsbürgerlichen Stolz und zelebrieren die gleichmacherische Funktion des Massenwahlrechts? Welche „verschwiegene Dramaturgie“ (Claus Offe) steht dahinter? Im Hinblick auf die Registratur fragt sich, in welchem Zusammenhang die zeitlich parallelen Entwicklungen von Wahlen einerseits und Statistik und Bürokratie andererseits stehen. Auch hier ergeben sich aktuelle Fragen: Löst die Liquid Democracy unser bisheriges an Geheimhaltung, Rationalität und Individualität geknüpftes Demokratie-Verständnis auf? Was bedeutet es, wenn die für frühere Wahlen so wichtige Performanz wegfällt: der gemeinsame, gleichmachende, demonstrative Weg ins Wahllokal?

3 Gefühle, Gewalt und Rationalität
Im Verlauf des 19. Jahrhunderts lässt sich beobachten, dass bei den Wahlen Gewalt eine immer geringere Rolle spielte. Dafür setzt sich in den Diskursen das Ideal des vernunftbegabten, auto-nomen Wählers durch, der ohne Einfluss anderer Instanzen wie der Kirche oder der Dorfge-meinschaft seine Entscheidung trifft. Protest wurde in die Bahnen der korrekten Partizipation gelenkt. Immer stärker dominierten auch in dieser Hinsicht nationale homogene Standards. Es ist wenig verwunderlich, dass sich mit der Idee des Nationalstaats, der Bürokratie und der Demokratie auch die einheitliche rational orientierte Wahlpraxis ausbreitete (in Form des Australian Ballot) und Teil der „Global Uniformity” (Christopher Bayly) wurde. In den zeitgenössischen Diskursen wurde um 1900 die Institution der Wahlen zunehmend mit Zivilität gleichgesetzt. Inwiefern kann das Verschwinden an impulsiven Gefühlsäußerungen und gewalttätigen Praktiken auch als Verlust unkontrollierter Partizipation bzw. als Disziplinierung des Individuums interpretiert werden? Wird eine E-Demokratie die letzten Gefühle aus den Partizipationsverfahren eliminieren? Welche Rolle spielen Wahlvorgänge in den aktuellen pessimistischen Diagnosen einer Postdemokratie?

Die Tagung wird in deutscher und englischer Sprache stattfinden; die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollten beide Sprachen zumindest passiv verstehen können.

Wir bitten ein Exposé (max. 1 Seite) bis zum 19. April 2013 einzureichen bei Dr. Hedwig Richter, hedwig.richter@uni-greifswald.de. Die Tagung findet am Alfried-Krupp-Wissenschaftskolleg in Kooperation mit der Universität Greifswald statt.

Programm

Kontakt

Hedwig Richter

Historisches Seminar
Universität Greifswald

hedwig.richter@uni-greifswald.de


Redaktion
Veröffentlicht am
Beiträger
Klassifikation
Weitere Informationen
Land Veranstaltung
Sprach(en) der Veranstaltung
Englisch, Deutsch
Sprache der Ankündigung