Von der Konflikt- zur Verflechtungsgeschichte? Wirtschaft und Umwelt seit 1945

Von der Konflikt- zur Verflechtungsgeschichte? Wirtschaft und Umwelt seit 1945

Veranstalter
Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam
Veranstaltungsort
Zentrum für Zeithistorische Forschung
Ort
Potsdam
Land
Deutschland
Vom - Bis
29.09.2011 - 30.09.2011
Deadline
15.03.2011
Von
Ahrens, Ralf; Arndt, Melanie

Das Verhältnis von Wirtschaft und Umwelt hat sich in den Jahrzehnten nach 1945 qualitativ und quantitativ verändert: Rapides Wachstum auf der Grundlage fossiler Brennstoffe und beschleunigte, globale Stoffströme potenzierten seit den 1950er-Jahren die Emission von Schadstoffen und den Verschleiß endlicher Ressourcen. Seit den 1970er-Jahren avancierte der Umweltschutz zum Kernanliegen sozialer Bewegungen und zum eigenständigen Politikfeld. Schließlich mussten sich Unternehmen und Politik mit wachsendem Umweltbewusstsein in breiten Kreisen der Bevölkerung auseinandersetzen.

Dennoch wurden die Interaktionen zwischen Wirtschaft und Umwelt sowohl in der Umwelt- wie in der Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte lange vernachlässigt. Der Fokus der an Mensch-Umwelt-Beziehungen interessierten Umweltgeschichte richtete sich vornehmlich auf eine Geschichte der Verschmutzung und Verwertung der Natur, in der Unternehmen als bloße Schadensverursacher analysiert wurden. Dabei wurde die Bedeutung einer keineswegs statischen Natur als Determinante wirtschaftlicher Prozesse ebenso vernachlässigt wie unternehmerische Adaptionsstrategien im Umgang mit gewandelten Umweltbedingungen und dem einsetzenden Umweltbewusstsein. Doch spätestens eine Umweltgeschichte „in der Erweiterung“, die sich eher als Perspektive, als gesellschaftsgeschichtliches Querschnittsthema begreift, wird Unternehmen auf die Dauer nicht als externe Black Box der Umweltbeeinflussung behandeln können, sondern muss das Funktionieren dieser arbeitsteiligen Organisationen in übergreifende Erklärungsansätze einbinden.

Umgekehrt verbannte die Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte ökologische Faktoren oder die Rolle von Umweltbewegungen und -politik lange Zeit in den Datenkranz ökonomischer Aktivitäten. Inzwischen gewinnt die Beschäftigung mit Umweltfragen jedoch vor allem für Unternehmenshistoriker/innen sichtlich an Bedeutung. Die konzeptionelle Öffnung, die damit einhergeht, geschieht vor dem Hintergrund einer regen theoretischen Diskussion um Aufgaben und Methoden des Fachs und reicht bis zu Forderungen nach einer „ecocultural history of business“.

Es liegt daher nahe, nach den Perspektiven einer Umweltgeschichte als Verflechtungsgeschichte zu fragen, die alle beteiligten Akteure – Unternehmen, Umwelt- und Wirtschaftspolitik, Experten, Medien, soziale Bewegungen und Konsumenten – in ihren eigenen Handlungslogiken ernstnimmt. Der Titel des Workshops ist dabei in doppeltem Sinne zu verstehen: Er zielt einerseits auf das Potenzial der beiden Disziplinen zur Formulierung integrierender Fragestellungen und übergreifender methodischer Ansätze, andererseits auf sachthematische Überschneidungen und Differenzen. Dabei sollen insbesondere die folgenden Fragenkomplexe in den Blick genommen werden:

- Wie kann das Verdienst der Umweltgeschichte, die lange als vernachlässigbar angesehenen nicht-menschlichen „Akteure“ wie Landschaften, Klima und natürliche Ressourcen in das Zentrum der historischen Narrative zu rücken, für die Unternehmensgeschichte fruchtbar gemacht werden? Wie verortet sich dabei das klassische umwelthistorische Fragenset nach Umweltverschleiß und -verschmutzung, Umweltpolitik und Umweltbewegungen? Dabei ist auch danach zu fragen, wann und warum die „Agency“ der Natur als eigenständige Größe wahrgenommen wurde und wer – auch über die sozialen Bewegungen hinaus – Partei für diese ergriff und sie in die Unternehmen hineintrug. Wann wurden welche Umweltveränderungen als „schädigend“ oder zumindest als „kritisch“ wahrgenommen? Welche Argumente stützten diese Wahrnehmungen – messbare Umweltveränderungen oder transnational an Bedeutung gewinnende Diskurse beispielsweise um das Recht auf eine saubere Umwelt oder ökologische Nachhaltigkeit?

- Können Ansätze der Unternehmensgeschichte dazu beitragen, die als wesentlichen Motor umwelthistorischer Forschung gepriesene, aber gleichzeitig aufgrund der scheinbaren Beliebigkeit nicht unproblematische Methodenvielfalt – von Anleihen bei den Naturwissenschaften oder der Geographie bis hin zu kulturhistorischen Methoden – stringenter zu fassen? Ergeben sich daraus auch neue Anknüpfungspunkte zu einer notwendigen Historisierung der Begriffe „Umwelt“ und „Natur“?

- Welche neuen Rahmenbedingungen setzte der beschleunigte Wandel der Umwelt für unternehmerisches Handeln? Wie weit trägt der Ansatz einer „industrial ecology“ der Stoffströme, wo und wie lässt er sich verknüpfen mit einer akteurszentrierten Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte; welche Vor- und Nachteile hat die unternehmenshistorische Mikroperspektive hinsichtlich der Erfassung von Umweltveränderungen auf der Makroebene?

- Woher kommen die Impulse für den umweltbezogenen Wandel von Unternehmensstrategien und Unternehmensorganisation bzw. die Resistenz gegen einen solchen Wandel? Welche Rolle spielt externer Druck seitens Politik und sozialer Bewegungen? Welche Lerneffekte, Pfadabhängigkeiten und Wandlungsprozesse lassen sich in Unternehmen, Politik und Umweltbewegungen beobachten? Wie entstehen Bezugs- und Absatzmärkte für Unternehmen als Anbieter umweltfreundlicher Produkte und schadstoffbewältigender Dienstleistungen? Welche Schlussfolgerungen ergeben sich aus der Untersuchung solcher Unternehmen für die allgemeine Theorie- und Methodendiskussion der Unternehmensgeschichte und der Umweltgeschichte?

Erwünscht sind sowohl Beiträge aus laufenden Forschungsprojekten als auch allgemeinere konzeptionell-theoretische Überlegungen. Im Zentrum soll zwar die bundesdeutsche Entwicklung stehen, besonders willkommen sind jedoch Vorschläge mit international vergleichender Perspektive. Vorschläge für Vorträge (maximal 4000 Zeichen nebst einer kurzen bio-bibliografischen Notiz) senden Sie bitte bis zum 15. März 2011 an

ahrens@zzf-pdm.de und arndt@zzf-pdm.de.

Programm

Kontakt

Dr. Ralf Ahrens
Dr. Melanie Arndt
Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam e.V.
Am Neuen Markt 1
14467 Potsdam

http://www.zzf-pdm.de
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Deutsch
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