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Aneignung des Fremden: Differenzerfahrungen von Diplomaten in Europa (1500-1648)

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Historisches Seminar der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, Lehrstuhl Frühe Neuzeit (Prof. Dr. Maximilian Lanzinner, Dr. Michael Rohrschneider, PD Dr. Arno Strohmeyer) mit Unterstützung der Fritz Thyssen Stiftung
Datum, Ort:17.03.2005–19.03.2005, Bonn/Königswinter

Bericht von:
Magnus Ulrich Ferber, Augsburg
E-Mail: <ferber01gmx.de>

Diplomatiegeschichte besitzt anthropologische Dimensionen. Fragt man nämlich das überlieferte Aktenmaterial nach diesen ab, so wird man zumindest zwischen den Zeilen, wenn nicht gar an der einen oder anderen Stelle explizit fündig. So gingen auf dieser mit Unterstützung der Fritz-Thyssen-Stiftung ausgerichteten Fachtagung Frühneuzeitforscher der Frage nach, wie sich Menschen das Fremde aneignen, und spürten am Beispiel von Diplomaten im Europa der Frühen Neuzeit kulturellen Differenzerfahrungen und ihrer Bewältigung nach. Dabei befanden sich unter den Referenten Historiker, Kirchenhistoriker, Romanisten, Orientalisten und Turkologen; vertreten waren auch drei traditionsreiche Forschungsunternehmen, die sich seit langer Zeit mit der Edition diplomatiegeschichtlicher Quellen beschäftigen: die Nuntiaturberichte, die Deutschen Reichstagsakten und die Acta Pacis Westphalicae.

Diplomaten zählten im 16. und 17. Jahrhundert neben humanistischen Gelehrten, Reisenden und Studenten zu dem sehr kleinen Teil der Bevölkerung, der mit dem "Fremden" kontinuierlich konfrontiert war und tiefgehende kulturelle Brüche bewältigen musste. Da ihre Tätigkeit oftmals mehrere Jahre, manchmal sogar Jahrzehnte umfasste, lassen sich an ihrem Beispiel die Wahrnehmung des "Anderen" und die Konstruktion des "Eigenen" über einen längeren Zeitraum hinweg untersuchen, als dies bei den anderen Personengruppen mit interkulturellen Erfahrungen meist der Fall ist. Ein weiterer Grund dafür, dass sich insbesondere Diplomaten zur Untersuchung von Fremdwahrnehmungen vortrefflich eignen, liegt darin, dass sie nicht nur ethnische, kulturelle, sprachliche, politisch-institutionelle, klimatische und konfessionelle Differenzen überwinden, sondern bei ihrer Arbeit zudem eine Vielzahl unterschiedlicher Aufgaben bewältigen mussten (z.B. Verhandlungen, Informationsbeschaffung, Repräsentation, Kulturtransfer).

Arno Strohmeyer (Bonn) umriss in seinem einleitenden Referat die charakteristischen Merkmale des Untersuchungsgegenstandes und nannte, ausgehend vom Forschungsstand, drei zu erschließende Themenkomplexe: "Assimilation und Identität" (daraus resultierend das "Eigene" und das "Fremde" als untrennbares Kontrastpaar), "Wahrnehmungen des Anderen" (z.B. die Entwicklung von Stereotypen, Feindbildern und Fremdbildern) sowie "Transfer und Verbreitung" (Rezeption) dieser Wahrnehmungen. Eine um diese Dimensionen erweiterte Diplomatiegeschichte dürfe sich nicht nur am Staat und dessen Außenbeziehungen als Analysekategorie orientieren, sondern müsse auch kulturelle Praktiken der Inklusion und der Exklusion untersuchen, womit sie einen Beitrag zur Erschließung des umfassenderen Forschungsfeldes "(europäische) politische Kultur" leisten könne. Die Dichotomie von "Eigenem" und "Fremdem" zählte er zu den Merkmalen dieser Kultur.

Die erste Sektion stellte den Themenkomplex "Nuntiaturen und römische Kurie" in den Mittelpunkt. Wolfgang Reinhard (Freiburg/Br.) zeigte in seinem Vortrag über "Historische Anthropologie frühneuzeitlicher Diplomatie. Ein Versuch über Nuntiaturberichte 1592-1621", dass Voraussetzung aller Fremdwahrnehmung die Eigenwahrnehmung sei und dass sich in der Erfahrung von Differenz vor allem Projektionen der Wahrnehmenden widerspiegelten. Dabei führte er vor, dass die Nuntiaturberichte weniger über die von den Nuntien erfahrene fremde Kultur Auskunft geben als vielmehr über deren Art der Fremdwahrnehmung und somit über sie selbst. Als Hauptfragestellung ergebe sich deshalb diejenige nach der je typischen Borniertheit der jeweiligen Diplomaten. Diesen Befund konnte Stefan Samerski (München) in seinem Vortrag "Römische Ordnung und kirchenrechtliches Chaos in Deutschland: Atilio Amalteo als Nuntius in Köln (1606-1610)" bestätigen: Amalteo habe die politische Lage im Reich wegen seiner juristischen Vorbildung streng nach kirchenrechtlichen Maßstäben beurteilt und das Kirchenrecht auch in protestantischen Gebieten als die Grundlage der öffentlichen Ordnung angesehen, so dass ihm die Situation in Deutschland zu Beginn des 17. Jahrhunderts chaotisch habe erscheinen müssen. Einen anderen Blickwinkel auf die Kurie nahm Bettina Scherbaum (München) ein. Sie stellte die bayerischen Gesandten am päpstlichen Hof von 1605 bis 1765 in den Mittelpunkt, die aus den römischen Familien Crivelli und Scarlatti stammten. Als gebürtige Römer seien sie mit dem Umgang mit der Kurie und ihrer Umgebung vertraut gewesen - und unter anderem auch deshalb ausgewählt worden; anders als andere Gesandten seien sie also mit dem Phänomen der Fremdheit somit nicht an ihrem Tätigkeitsort, sondern in der Zusammenarbeit mit ihrem Auftraggeber konfrontiert worden.

Die zweite Sektion konzentrierte sich auf den habsburgischen Kaiserhof. Christopher F. Laferl (Salzburg) nahm zunächst die Differenzerfahrungen der spanischen Gesandten Valdés, Salinas und Luna am Hofe Kaiser Ferdinands I. unter die Lupe: Auffällig sei dabei, dass sich im Zeitraum zwischen 1520 und 1550 die Fremdwahrnehmungen insbesondere in der Frage der Konfession veränderten. Während Valdés als Erasmus-Anhänger die Ursachen der Reformation in Anbetracht kirchlicher Missstände noch habe nachvollziehen können und ihren Erfolg in Spanien für möglich gehalten habe, hätten sich in den folgenden Jahren konfessionelle und nationale Zuschreibungen vermischt, so dass schließlich die Reformation als ein typisch deutsches Phänomen angesehen worden sei. Christine Roll (Konstanz) untersuchte dagegen "Fremdwahrnehmungen in den habsburgisch-russischen Beziehungen (17. Jahrhundert)". Es habe sich dabei um einen Sonderfall gehandelt, da es lange Zeit gar keine dauerhaften diplomatischen Beziehungen zwischen Habsburg und Russland gegeben habe. Die kaiserlichen Diplomaten, die nach Moskau aufbrachen, hätten sich zunächst nicht von Stereotypen leiten lassen, wenngleich sie an der kulturellen Überlegenheit des Westens festhielten. Blieb jedoch der erwünschte Erfolg einer Gesandtschaft aus, hätten die Gesandten doch wieder auf weitverbreitete Stereotypen über Russland zurückgegriffen, um ihren Misserfolg bei den Verhandlungen zu rechtfertigen.

Die dritte Sektion befasste sich mit dem Themenkomplex "Reichstag und Westfälischer Friedenskongress". Josef Leeb (Oberpöring) legte sein Augenmerk auf drei mögliche Quellen der Verwendung von Stereotypen und Feindbildern während des Augsburger Reichstages von 1582: auf die Anwesenheit von Ausländern in der Stadt, auf die interessengeleitete Verwendung von Stereotypen in den Verhandlungen, etwa in Bezug auf die Türken, und auf die absichtliche Herbeiführung von Differenzen unter den Gesandtschaften am Beispiel der Haltung des päpstlichen Legaten gegenüber den geistlichen Ständen. Michael Rohrschneider (Bonn) thematisierte die Fremdheitserfahrung des spanischen Gesandten Peñaranda beim Westfälischen Friedenskongress, die sich insbesondere darin niedergeschlagen habe, dass er häufig über das Klima in Westfalen geklagt und dieses für seinen schlechten Gesundheitszustand verantwortlich gemacht habe. Ein Blick auf seine Korrespondenz zeige jedoch, dass diese Klagen in einer auffälligen Korrelation zum diplomatischen Wirken des Gesandten gestanden hätten. Guido Braun (Paris) beschäftigte sich mit der Sprachenvielfalt als Fremderfahrung auf dem Westfälischen Friedenskongress. Dabei hielt er fest, dass die meisten Gesandten an Mehrsprachigkeit gewöhnt gewesen seien und die Frage nach der Verhandlungssprache in den Vorgesprächen eine eher untergeordnete Rolle gespielt habe; auch in den bilateralen Verhandlungen habe sich der Friedenswille der Beteiligten in einer raschen Einigung in der Frage nach der Vertragssprache abgezeichnet.

Zur vierten Sektion über "Französische Diplomatie und Diplomaten" leitete Anuschka Tischer (Marburg) mit ihrem Vortrag über "Fremdwahrnehmung und Stereotypenbildung in der französischen Gesandtschaft auf dem Westfälischen Friedenskongress" über. Bemerkenswert sei, dass die Gesandten in ihren Relationen auf die pauschale Anwendung von Stereotypen auf die Deutschen verzichtet hätten, da die französische Diplomatie durchaus zwischen Kaiser und Reichsständen zu unterscheiden gewusst habe. Das Misstrauen gegen Schweden dagegen habe während der Verhandlungen zugenommen, ohne dass die Franzosen diesbezüglich vorgeprägt gewesen seien. Gegenüber den Niederländern, deren republikanische Gesinnung den Gesandten fremd geblieben sei, sei es zu negativen Fremdzuschreibungen gekommen, doch bleibe festzuhalten, dass die eigene Bündnispolitik solche Überlegungen dauerhaft überlagert habe. Friedrich Beiderbeck (Potsdam) thematisierte Feindbilder der französischen Diplomatie unter Heinrich IV. vor dem Hintergrund der vermeintlichen habsburgischen Umklammerung. Dabei zeige sich, dass der französische Hof seine Vorbehalte gegen den Kaiser in dynastischen Feindbildern ausdrückte, während sein Vertreter bei den protestantischen Reichsständen, Jacques Bongars, eine stark konfessionell geprägte Abgrenzungspolitik vertrat, mit der Absicht, jene Reichsstände enger an Frankreich zu binden. Deutlicher akzentuiert sei dagegen das Feindbild gegenüber Spanien gewesen, in dem auch nationale Stereotypen, insbesondere gegründet auf der "leyenda negra", zum Ausdruck gekommen seien. Eine andere Form des Umgangs mit Fremdwahrnehmung stellte Thomas Lau (Fribourg) in seinem Vortrag über "Fremderfahrung und Kulturtransfer - die französischen Ambassadeure in der Eidgenossenschaft in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts" in den Mittelpunkt. Es lasse sich feststellen, dass die französischen Botschafter in der Schweiz durch Vermittlung der französischen Kultur versucht hätten, die Differenz zu den Eidgenossen zu minimieren, um diese enger an Frankreich zu binden. Doch habe gerade die stark aristokratisch geprägte Hofhaltung der französischen Botschafter im ansonsten genossenschaftlichen Solothurn der habsburgischen Diplomatie einen Anknüpfungspunkt geboten, die Unterschiede zwischen der Schweiz und Frankreich deutlich zu machen.

Die letzte Sektion beschäftigte sich mit dem Osmanischen Reich. Ernst Petritsch (Wien) untersuchte die "Fremderfahrungen kaiserlicher Gesandtschaften ins Osmanische Reich (16./17. Jh.)". Er betonte zunächst die schwierigen Arbeitsbedingungen an der Hohen Pforte, wo die Gesandten stets damit rechnen mussten, entweder unter Hausarrest gestellt oder gar ins Gefängnis geworfen zu werden. Es zeige sich, dass das Wissen über das Osmanische Reich in Europa anfangs sehr gering und von apokalyptischen Vorstellungen geprägt gewesen sei. Erst Reiseberichte, die von Gesandtschaftsteilnehmern verfasst worden seien, hätten diese Situation geändert, wobei diese zuweilen davon motiviert gewesen seien, den Christen die Lebensformen der Muslime als vorbildlich vor Augen zu stellen. Markus Köhbach (Wien) beleuchtete anhand der osmanischen Gesandtschaftsberichte aus Wien die Gegenseite. Obwohl das Gesandtschaftswesen der Hohen Pforte noch nicht so weit entwickelt gewesen sei wie das christlicher Herrscher, zeigten gerade die Vorverhandlungen, dass etwa über die Verwendung von Symbolen ähnliche Vorstellungen bestanden hätten, so dass es hier Verständigungsmöglichkeiten gegeben habe. Abschließend berichtete Suraiya Faroqhi (München) von einer osmanischen Gesandtschaft ins Safawidenreich in den 1720er Jahren. Kulturelle Differenz sei für die Beteiligten in diesem Falle weniger anhand nationaler Unterschiede zwischen Türken und Persern greifbar gewesen als anhand des Gegensatzes zwischen Schiiten und Sunniten.

Dieses letzte Beispiel verdeutlichte zudem noch einmal den Tenor der gesamten Tagung, wie schwer es ist, in den behandelten Fällen zwischen kultureller Differenzerfahrung und ihrer diplomatischen Instrumentalisierung zu unterscheiden, was deutlich werden ließ, wie wichtig sowohl eine diplomatie- wie eine kulturgeschichtliche Perspektive zur vollständigen Erfassung des Gehalts von diplomatischem Aktenmaterial für den Forscher ist. Die Beiträge werden in einem Sammelband der "Schriftenreihe der Vereinigung zur Erforschung der Neueren Geschichte" publiziert.

Kontakt:

PD Dr. Arno Strohmeyer
Historisches Seminar der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Konviktstr. 11
53113 Bonn
Tel.: +49 228 73 5178
Mail: arno.strohmeyeruni-bonn.de

Dr. Michael Rohrschneider
Konstantinstr. 45
53179 Bonn
Tel.: +49 228 24 26 045
Mail: michael.rohrschneidergmx.net

ZitierweiseTagungsbericht Aneignung des Fremden: Differenzerfahrungen von Diplomaten in Europa (1500-1648). 17.03.2005–19.03.2005, Bonn/Königswinter, in: H-Soz-u-Kult, 21.04.2005, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=758>.

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