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Der Bombenkrieg 1939-1945 und die rheinisch-westfälischen Städte

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Landschaftsverband Rheinland, Amt für rheinische Landeskunde, Bonn
Datum, Ort:25.11.2005, Köln

Bericht von:
Helmut Rönz, Abteilung Stadtgeschichte, Amt für rheinische Landeskunde
E-Mail: <Helmut.Roenzlvr.de>

Im Jahr 2004 jährten sich zum 60. Male an vielen Orten des Rheinlands die verheerenden Luftangriffe des Zweiten Weltkriegs. Begriffe wie „Ruhrschlacht“ und „1000-Bomber-Angriff“ stehen paradigmatisch für die aufgrund der kriegswichtigen Montanindustrie heftigen Luftschlachten über Rhein und Ruhr. Die Darstellung des Luftkriegs zwischen 1939 und 1945 ist zudem durch die Veröffentlichung des Buchs von Jörg Friedrich „Der Brand“ überaus aktuell. Der Bombenkrieg rückte in einer Tagung des Amts für rheinische Landeskunde des Landschaftsverbandes Rheinland am 25. November 2004 als Forschungsobjekt der modernen Stadtgeschichte erstmals in den Mittelpunkt einer stadtgeschichtlichen Tagung. Dabei wurden sowohl genuin stadtgeschichtliche als auch militärstrategische und medienpolitische Facetten des Themas berücksichtigt. Für den Vormittag waren zwei längere Einleitungsvorträge vorgesehen und für den Nachmittag fünf Kurzreferate, die aufgrund ihrer Berichtsform zu einer ausgiebigen Diskussion einladen sollten. Die Diskussionsleitung übernahmen Frau Dr. Margret Wensky und Prof. Dr. Horst Matzerath.

Der Freiburger Militärhistoriker Horst Boog eröffnete mit seinem Vortrag „Der strategische Bombenkrieg der Alliierten gegen Deutschland 1939-1945 – Ein Überblick“ die Tagung thematisch. Er konzentrierte sich auf drei Grundfragen: nach den Luftkriegsdoktrinen der kriegsführenden Staaten, nach dem Beginn des Bombenkriegs sowie nach den Auswirkungen speziell des alliierten Bombenkriegs auf Deutschland. Der wichtigste Grund für die Errichtung einer Bomberflotte war für alle europäischen Mächte die Abschreckung, aber auch die Erfahrungen des Stellungskriegs von 1914-1918 ließen den Bomberbau als geboten erscheinen, erhoffte man sich doch von dieser modernen Waffe neue taktische und strategische Möglichkeiten. Diese lagen allerdings nicht nur im klassischen militärischen Bereich. So vertrat etwa der britische Chief of Staff, Lord Trenchard, die Ansicht, dass die moralische Wirkung strategischer Bombardements ungleich höher sei als die materielle. Entsprechend spielte das „Moral Bombing“ eine zentrale Rolle in den strategischen Überlegungen der Royal Airforce. Ähnliche Ansichten wie Trenchard vertraten in den 1920er und 1930er-Jahren auch führende Vertreter des italienischen und französischen Generalstabs. Die amerikanische Doktrin für die bis 1947 zu den beiden klassischen Teilstreitkräften gehörenden Luftstreitkräfte setzte andere Schwerpunkte, was im Verlauf des Zweiten Weltkriegs zu wiederholten Auseinandersetzungen zwischen den Verbündeten führen sollte. Ziel der amerikanischen Doktrin war es ebenfalls, wichtige zivile Bereiche im Land des Feindes auszuschalten, allerdings mit der Zielsetzung, das wirtschaftlich-industrielle Netz des Gegners zu zerschlagen und nicht die Zivilbevölkerung zu demoralisieren. Die Deutschen verfolgten wiederum drei Hauptziele: den Kampf um die Luftüberlegenheit, die Unterstützung des Heeres und der Marine sowie die Ausschaltung der Kraftquellen des Feindes, wobei den beiden ersten Zielen allein aus geostrategischen Gesichtspunkten das Hauptaugenmerk galt. Nicht nur deshalb, sondern auch aufgrund der knappen Ressourcen konzentrierte sich das Reich vor allem auf die Entwicklung präziser Navigations- und Zielverfahren sowie auf die Einübung des Sturzangriffsverfahrens, das genaue Angriffe förderte und sich für strategische Bombardierungen von Städten nicht eignete.
Zu Beginn des Krieges kam es zunächst nicht zu strategischen Bombenangriffen. Diese wurden erst im Verlauf der immer ideologischer und damit erbitterter geführten Auseinandersetzung geflogen. Der kleinste gemeinsame Nenner war schließlich der Terrorbombenkrieg, unter dem das Deutsche Reich am meisten litt, da es die Jagdabwehr zu spät mobilisiert hatte und nicht in der Lage war, den Alliierten materiell entgegenzutreten. Allerdings waren die Alliierten bemüht, die Angriffe nicht als unterschiedslose Terrorangriffe aussehen zu lassen.

Über die Wirkung der alliierten Bombenangriffe auf deutsche Ziele ist bereits viel diskutiert worden. Die Angriffe waren effektiver als jene meinen, die darin eher eine Stärkung der Moral in der Zivilbevölkerung zu erkennen glauben. Sie erreichten nicht nur eine Schwächung der Produktion durch gezielte Zerstörung der Industrieanlagen, sondern auch durch Flächenbombardements der Städte, die den Verlust von Milliarden Arbeitsstunden zur Folge hatten, etwa durch Fernbleiben der Arbeiter während eines Alarms oder durch Aufräumarbeiten. Zudem minderten die Angriffe die Offensivkraft der Luftwaffe, die mehr Jäger auf Kosten der Bomberflotte produzieren musste. Allerdings wurde in der Tat durch die Praxis bewiesen, dass zielorientierte Angriffe, etwa auf Schlüsselindustrien, Erfolg versprechender für den Kriegsverlauf waren als die britischen Flächenbombardements.
Im Anschluss referierte Dietmar Süß, München, den aktuellen Forschungsstand zum Luftkrieg. Dabei richtete er seinen Blick weniger auf die militärischen Vorgänge als auf die Perzeption und Deutungsmuster des Bombenkriegs. Süß ging von vier unterschiedlich zu bewertenden Erzählweisen aus: der Luftkrieg als Geschichte des Untergangs, der Luftkrieg als Geschichte großer Schlachten, der Luftkrieg als Geschichte des „kleinen Mannes“ und der Luftkrieg als Testfall der Problemlösungsfähigkeit moderner Gesellschaften.
Für den ersten Bereich steht das Buch Jörg Friedrichs, aber auch Frank Kurowskis „Dokumentation des Luftkriegs“ von 1977 sowie die Edition „Dokumente deutscher Kriegsschäden“, die im Vertriebenenministerium angelegt, aber vom Zentralverband der Fliegergeschädigten betreut wurde. Dabei lassen sich nach Süß Kontinuitätslinien von den 1950er Jahren bis zu Jörg Friedrich ziehen: Der Nationalsozialismus spielt nur eine untergeordnete Rolle, zumeist wurden die Verhältnisse auf die Kommunen reduziert. Schließlich war die Geschichte des Luftkriegs als im Kern barbarischer angloamerikanischer Akt des Vernichtungskampfs eine deutsche Opfer- und Verlustgeschichte. Aus ideologischen Gründen war diese Version auch in der DDR zentraler und staatlich sanktionierter Topos, da sich Faschismus und westlicher Kapitalismus für die kommunistische Geschichtsschreibung moralisch nicht unterschieden.
Für den zweiten Aspekt, die Geschichte der Schlachten, verweist Süß vor allem auf die Arbeiten des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes (MGFA) und von Helmut Schnatz, der in seiner Studie über die Tieffliegerangriffe auf Dresden den Versuch unternahm, in nüchternem Duktus auf Grundlage des vorhandenen Archivmaterials Stadt- mit Luftkriegsgeschichte zu verbinden.
Der Luftkrieg als Geschichte des „kleinen Mannes“ findet sich vor allem in den zahlreichen Erinnerungsberichten wieder, die z.B. von ehemaligen Flakhelfern sowie ausgebombten Frauen, Arbeitern und Kindern handeln. Sie beschäftigen sich aber auch mit rassistischer Ausgrenzung im Alltag des Bombenkriegs und der Hierarchisierung des Bunkerlebens.
Einer der ersten Historiker, der in seiner Geschichte des Bombenkriegs den Versuch unternahm, die sozial- und herrschaftsgeschichtliche Dimension des Luftkriegs mit zu berücksichtigen, war Olaf Groehlers. Dieser Ansatz, der mittlerweile auch von der traditionellen NS-Forschung übernommen wurde, birgt neue, nicht zu unterschätzende Fragestellungen nach der Problemlösungsfähigkeit sowohl des NS-Systems als auch der anderen vom Krieg betroffenen Gesellschaftssysteme und fordert zu einem Vergleich auf. Zudem werden Fragen nach Ressourcenverteilung, Ausgrenzungsmechanismen, letztlich nach der sogenannten „zweiten Machtergreifung“ (Rebentisch) aufgeworfen. Diese Grundfragen bergen eine ganze Reihe von Forschungsansätzen, etwa nach dem Verhältnis von Zentrum und Peripherie (auch Partei und Staat) oder nach gesellschaftlicher Wirkung des Luftkriegs (Verschmelzung von Stadt- und Lagergesellschaft). Zudem machte Süß noch einen weiteren Zugang zu einer modernen Luftkriegsgeschichte aus, den allerdings die klassische Militärgeschichte bereits aufgegriffen hatte, indem er nach der internationalen Dimension des totalen Kriegs als gesellschaftlichem Vergleich in all seinen Facetten fragte.

Das Nachmittagsprogramm wurde durch ein Referat von Norbert Krüger, Essen, zum Bombenkrieg auf Essen eröffnet. Die Stadt war eines der Hauptziele der alliierten Bomberkommandos im Rheinland und wurde während des gesamten Krieges angegriffen – zunächst allerdings weitgehend erfolglos. Das Bomberkommando erlitt starke Verluste, die in keinem Verhältnis zum Ergebnis standen. Erst ab März 1943 waren die Alliierten aufgrund technischer Entwicklungen im Stande, eine Wende im Bombenkrieg herbeizuführen. Von diesem Zeitpunkt an erfolgte die breite Vernichtung der Wohnviertel sowie der Infrastruktur. Allerdings waren die zivilen Verlustzahlen an der Ruhr nie so hoch wie Aufwand und Absicht des Bomberkommandos vermuten lassen. Deshalb wurde auch das Ziel der Brechung des Widerstandswillens in der Bevölkerung nicht erreicht, allerdings wurde der Ruf nach Vergeltung aber auch nach Frieden, insofern sich dieser in einer Diktatur äußern konnte, immer lauter.

Armin Nolzen, Warburg, widmete sich der Menschenführung im Bombenkrieg, speziell den Tätigkeiten der NSDAP vor, während und nach Luftangriffen. Nolzens Grundthese war, dass die NSDAP, die zu Beginn des Krieges fünf Millionen Mitglieder hatte, nicht zuletzt durch die alliierten Luftangriffe immer wichtiger wurde. Bereits seit 1937 beteiligte sich die Partei mit ihren Untergliederungen detailliert an den Vorbereitungen eines zukünftigen Krieges. Laut erstem Arbeitsplan der NSDAP vom 16. Mai 1938 oblag der Partei die politische und seelische Betreuung des Volks nach Luftangriffen. Dem entsprachen die Aufgliederung der Arbeitsbereiche in allen Einzelheiten bis 1939 und die enger werdende Zusammenarbeit mit den verantwortlichen Dienststellen der Reichsministerien. Zu den materiellen Aufgabenbereichen gehörten die Kinderlandverschickung, der zivile Luftschutz und erste Hilfsmaßnahmen. Nachdem die Heftigkeit der Angriffe zugenommen hatte, kamen die Betreuung der Opfer, die Feuerwehr und die Verantwortung über die Luftschutzkeller hinzu. So gelang es der Partei zunächst, mittels des Luftkriegs neue Machtpositionen im Volk zu erlangen, indem sie eng an die Behörden und Ministerien angebunden wurde. Nolzen nennt dies in Abgrenzung zu Dieter Rebentisch eine Intensivierung der arbeitsteiligen Korporation, die zur Stabilisierung des NS-Regimes beitrug. Von einem Versagen der kommunalen Parteigliederungen, etwa durch Kompetenzstreitigkeiten, kann weniger die Rede sein, eher von einem Vordringen in alle gesellschaftlichen Funktionsbereiche und soziale Klassen durch Mobilisierung immer größerer Teile der Bevölkerung. Vor diesem Hintergrund ist zumindest für die Zeit des Bombenkriegs die Frage virulent, ob noch von einem polykratischen Staat die Rede sein kann, oder ob dieser Begriff nicht vielmehr vor dem Hintergrund neuerer Forschungen wenn nicht relativiert, so doch weiterentwickelt werden muss.

Der Dortmunder Historiker Gerhard E. Solbach betrachtete eine Folge des Bombenkriegs, die bisher nur selten im Mittelpunkt der Forschung stand, nämlich die Evakuierungen und Kinderlandverschickungen (KLV). Bereits am 27. September 1940 wurde durch einen „Führerbefehl“ die Landverschickung von Kindern aus luftkriegsgefährdeten Gebieten angeordnet. Dabei unterschied man drei Klassen (Mütter mit Kleinkindern, Kinder bis zu zehn Jahren und Kinder über zehn Jahre), die in unterschiedlichen Unterkünften beherbergt wurden. Von der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) durchgeführt, basierte die KLV zunächst auf Freiwilligkeit, wurde allerdings ab 1943 vor dem Hintergrund der Ruhrschlacht und der dadurch bedingten Evakuierung der Schulsysteme – es galt nach wie vor die Schulpflicht – mit einem Zwang verbunden. So wurden bis Ende des Krieges insgesamt drei Millionen Kinder zwischen zehn und 18 Jahren in die 9000 KLV-Lager verschickt. Für das Leben in den Lagern und den Pflegefamilien sind völlig unterschiedliche Beobachtungen zu konstatieren. Das Spektrum reichte von nationalsozialistischer Indoktrination bis hin zu fürsorglicher Betreuung durch gänzlich unpolitische Lehrer (meist reaktivierte Pensionäre), von tyrannischer, zuweilen brutaler Lagerführung bis kameradschaftlicher Mitmenschlichkeit. Im Verlauf des Kriegs rückte der Aspekt der Fürsorge und des Schutzes zwangsläufig gegenüber dem Aspekt der ideologischen Vereinahmung in den Vordergrund, ohne dass das erste Ziel aufgegeben wurde.

Den Problemen eines Kommunalarchivars mit dem Bombenkrieg als stadtgeschichtlichem Thema widmete sich Gehard Aders-Albert, Latrape/Köln. Anschaulich schilderte der ehemalige Archivleiter für das rechtsrheinische Köln die Grenzen der stadt- und regionalgeschichtlichen Bombenkriegsforschung. Es liegt vor allem ein Quellenproblem vor, das die breite Erforschung der Auswirkungen des Luftkriegs auf eine Stadt anhand von Kommunalakten behindert.

Abschließend betrachtete Sönke Neitzel, Mainz, die Rezeption des Bombenkriegs in den Medien, speziell in westdeutschen Fernsehdokumentationen und stellte fest, dass bislang nur ein bestimmter Teil des Bombenkriegs wahrgenommen wurde. Geht man von drei thematischen Blöcken aus (Strategie, operativ-technische Umsetzung, Ebene der Betroffenen), so war es bis auf eine Ausnahme im Jahr 1985 (ARD) nur die dritte Ebene, die in den Mittelpunkt der Dokumentation gestellt wurde. Dies führte dazu, dass sich bis Jörg Friedrichs „Der Brand“ Darstellungen im Nebel von Zeitzeugenaussagen und zusammengestückelten Bildern bewegten. Diese konnten allerdings nur Erlebnisse, jedoch keine historischen Kontexte verdeutlichen. Die Gründe dafür lagen möglicherweise in der Beratungsresistenz der Autoren, aber auch in der Furcht vor dem Feuilleton sowie dem „unreifen“ Publikum, welches bei alternativer Berichterstattung womöglich zu falschen Schlussfolgerungen geneigt wäre. Jede Darstellung des Bombenkriegs auf deutsche Städte musste reflexartig an Bombardierungen von Warschau, Rotterdam, Coventry und London erinnern. Dies war aus Sicht der Opfer legitim, stellte jedoch den strategischen Rahmen auf den Kopf und ließ den militärgeschichtlichen Forschungsstand unberücksichtigt. Eine kritische und fundierte Hinterfragung des alliierten Luftkriegs auf deutsche Städte unterblieb. Erst nach der von Jörg Friedrich entfachten Diskussion wagte man, den seit Jahrzehnten vorhandenen Erkenntnisstand in die Fernsehdokumentationen einzubinden. Beispielhaft waren dabei eine ZDF-Dokumentation vom 4. Februar 2003 sowie eine ähnliche Dokumentation in der Sendung „Spiegel TV-Reportage“ vom 4. April des gleichen Jahres.

Die Tagung beleuchtete den Bombenkrieg auf die rheinisch-westfälischen Städte aus verschiedenen Blickwinkeln und zeigte besonders für die Stadtgeschichtsforschung offene Fragen und neue Forschungsansätze auf. Kein Ereignis der letzten Jahrhunderte hatte eine derart einschneidende Wirkung auf die Städtelandschaften, den Städtebau, die Infrastruktur und die urbane Wirtschaft wie der Bombenkrieg zwischen 1939 und 1945 sowie der anschließende Wiederaufbau.

ZitierweiseTagungsbericht Der Bombenkrieg 1939-1945 und die rheinisch-westfälischen Städte. 25.11.2005, Köln, in: H-Soz-Kult, 03.02.2005, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=682>.

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