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Les défis de l'œuvre - Die Herausforderung des Werkes

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Steen Bille Jørgensen, Institut for Sprog, Litteratur og Kultur, Afdeling for Romansk Filologi, Århus Universitet; Axel Rüth, Romanisches Seminar, Universität zu Köln
Datum, Ort:12.11.2004–13.11.2004, Århus

Bericht von:
Isabella von Treskow, Institut für Romanistik, Universität Potsdam
E-Mail: <treskowrz.uni-potsdam.de>

"Die Herausforderungen des Werkes" war das prägnant formulierte Thema einer internationalen kultur- und literaturwissenschaftlichen Tagung, die am 12. und 13. November 2004 an der Universität Århus, Dänemark, stattfand, ausgerichtet von der Französischabteilung des Instituts für Sprache, Literatur und Kultur. Im Zentrum stand das "Werk", vornehmlich das literarische Werk, nach dem "linguistic" bzw. dem "culturel turn". Zielsetzung war, den Fragen nach der Brauchbarkeit des Begriffs, der Opposition von "Text" und "Werk", der Autonomie, der Geschlossenheit und der Offenheit des Werkes als Kategorien wissenschaftlicher Forschung nachzugehen und Material für eine interdisziplinär aufgeschlossene Ästhetik zusammenzutragen, die herkömmliche poetologische Methoden mit neuen kulturwissenschaftlichen Errungenschaften und Sichtweisen verbindet.

Nichts mag auf den ersten Blick anachronistischer erscheinen, als vom Werk zu sprechen. Hier setzte die Selbstreflexion der vierzehn Vorträge an, die entweder Literaturgeschichte und Wissenschaftsgeschichte ins Verhältnis brachten oder Revisionen theoretischer Konzepte an Einzelfällen exemplarisch vorführten. Auch über die Unterscheidung zwischen Werk im Sinne des Gesamtwerks eines Künstlers und Werk im Sinne des Einzelkunstwerks wurde vorgetragen und diskutiert. Problematisch erwies sich die Opposition zwischen Ablehnung des traditionellen Werkbegriffes, der ein "perfektes" Produkt bezeichnet, und der Verwendung des Begriffs in Fallanalysen und Interpretationen, die offenbar ungern ausschließlich auf "Text", "Schrift" und die jeweilige Gattungsbezeichnung zurückgreifen, sich vielmehr vorzugsweise mit den Kategorien auseinandersetzen, die Werken bzw. Texten gemeinhin zugeschrieben werden.

Andreas KABLITZ (Universität zu Köln) führte in die Tagung mit einem virtuosen, historisch weit ausgreifenden, dabei immer auf die Problematik der Valenz des Werkbegriffs konzentrierten Vortrag ein. Eine Schlüsselstellung für diese Frage hat Kablitz' Überlegungen zufolge die Beziehung zwischen der Vorstellung vom Werk und der Vorstellung vom Autor bzw. der Vorstellung vom Subjekt überhaupt. Kablitz führte die Entwicklung von einer im antiken Sinne "technischen" Beziehung im Mittelalter, als zwischen Kunst und Handwerk nicht prinzipiell unterschieden wurde, über die frühneuzeitliche und romantische Phase, in der das Werk Ausdruck der Einzigartigkeit, Kompetenz und Kreativität des Urhebers war, bis zur symbolischen Beziehung von Autor und "Schrift" (écriture) oder Text in der Moderne vor Augen, in der das Ich nur mehr über die Selbstrepräsentativität im Kunstprodukt existiere und das Werk eine Form der Autorepräsentation des Künstlers geworden sei. Wo das Kunstwerk in semiotischer Konsequenz als Treffpunkt von Zeichen, die auf andere Zeichen verweisen, verstanden würde, habe das herkömmliche Werkverständnis keinen Platz mehr, das Geschlossenheit und Vollkommenheit impliziere. Kablitz bekannte daher, für ihn sei "Werk" als Begriff einer zeitgemäßen Literaturwissenschaft unrettbar verloren, da es die Theorie nicht mehr gebe, innerhalb derer die Klassifikation "Werk" ihren Platz finde.

Derek SCHILLING (Rutgers University, USA) setzte unter dem vieldeutigen Titel "Le dèsœuvrement culturaliste" zu einer scharfen Kritik kulturwissenschaftlichen Umgangs mit Literatur, ja Kunstwerken generell an, die nicht vor Selbstkritik Halt machte. Der Hauptvorwurf bestand in der Marginalisierung und Entwertung der "jouissance esthétique" durch die Kulturwissenschaften. Wo der Ausgangspunkt nur mehr Repräsentation, nur Materialisation und Dokumentation sei, man die Eigenschaften des Werkes auf Illustration und Information reduziere, finde eine Nivellierung aller Schriftprodukte statt, die das besondere ästhetische Moment des Kunstwerks verdränge. Schilling plädierte demgemäß für die Rettung des Werkbegriffs zur Rettung der ästhetischen Wertschätzung, die durch Begriffe wie Kommunikation, Text und Dokument nicht erfasst werden könne.

Um die Rehabilitation der Topologie für die Interpretation des klassischen Werkes, eine Revitalisierung der Baumgartenschen Ästhetik und das Konzept der "interfaces" von Régis Debray ging es im Vortrag von Carsten MEINER (Københavns Universitet). Er bot eine Kombination aus herkömmlicher Werkinterpretation mit neuen, die Grenzen des Werks auflösenden Methoden. Im Vordergrund stand die Aufhebung der Trennung in Materielles und Spirituelles, in Äußeres und Inneres, und die Wahrnehmung von Beziehungen, durch die Ideen sich konkretisieren würden, vorgeführt am Beispiel des Topos "carrosse" in "Miss Jenny" von Mme Riccoboni, "Le Philosophe anglais" des Abbé Prévost und "La paysanne parvenue" von Mouhy. Meiner erörterte die "materielle" Verankerung des Topos in der Technik- und Institutionengeschichte ebenso wie die narrative Funktion desselben in den genannten Werken der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Erst die Koppelung des - mit Baumgarten zu sprechen - Klaren (Topos) mit dem Konfusen (narrative Funktion) ermöglichten die sinnliche Erkenntnis bzw. Wahrnehmung.

Michel COLLOMB (Université de Montpellier) erörterte neue Literaturkonzepte am Beispiel der französischen Literatur der Gegenwart, insbesondere den "souci de la société" und die Verkürzung der Distanz zwischen Autor und Gesellschaft. Nach einem Abriss der westlichen Literaturgeschichte, in Abgrenzung auch zum Journalismus, begleitet von Hinweisen auf die verschiedenen methodischen Neuerungen der Nachkriegszeit und Einwänden gegen die französische Soziokritik der 1970er Jahre (Régine Robin, Pierre Barbéris), die zwar methodisch sehr interessant gewesen sei, jedoch wenige innovative Literaturinterpretationen hervorgebracht habe, nannte Collomb die historisch-soziale Dimension als eminentes Anliegen einer neuen Generation von Autoren, z.B. Houellebecq, Ernaux, DeLillo, Schlink, Guibert, Echenoz, NDiaye. Das aktuelle Interesse an der Gesellschaft, teilweise geradezu ethnologisch inspiriert, gehe mit einer Problematisierung der Beziehung zwischen Einzelnem und Gesellschaft, Autor und Welt einher, die durch deutliche Rückgriffe auf die Soziologie geprägt sei. Als Beispiel nannte Collomb die Integration der Bourdieuschen Soziologie in Annie Ernaux' "Passion simple". Stilistisch sei ein Neo-Realismus en vogue, gepaart durch den Griff zu "einfachen Formen" (A. Jolles) und - als Neuerung - das Eindringen von nicht-fiktionellen Formen in die Fiktion, etwa Fotografien in den Roman, z.B. bei Sebald. Mit Blick auch auf die Performanzen einer Sophie Calle beschied Collomb der Gegenwartsliteratur, die Infragestellung der Idee der Autonomie des Kunstwerks durch ein Aufbrechen der Grenzen z.B. von Ethnologie, Soziologie und Literatur zu betreiben. Vertreten wurde hier also die Wahrnehmung eines neuen Werkkonzepts seitens der Künstler, die sich ihrerseits von der Vorstellung des klassischen "geschlossenen" Werkes verabschiedet hätten.

Um Grenzauflösung ging es auch im Vortrag von Hans Peter LUND (Københavns Universitet), insbesondere um den dynamischen Status des Werks erstens angesichts aller Vorformen (Entwürfe, Skizzen etc.), zweitens im kollektiven Diskurs, drittens auch Aussagen anderer, darunter intentionale "Werkaussagen". Lund stärkte noch einmal die Position derjenigen, die für die Offenheit des Werks nicht nur im Futur des Textes, mithin in Richtung der Sinngebung im Akt der Rezeption, sondern auch in Richtung der Vergangenheit werben, und belegte dies Anliegen mit Beispielen von Entwürfen und "avant-textes", die wiederum nicht zwingend in abgeschlossene Texte überführt werden.

Zoltàn VARGA (Universität Pécs) ging in dieser Hinsicht einen Schritt weiter und widmete sich ausschließlich dem Fragment, dem Fundstück, das nie zur Veröffentlichung gedacht war. Varga schlug vor, mittels der "Nicht-Werke" wie solchen Fragmenten auf das Werk zu blicken und so einen präziseren Umgang mit der heuristischen Kategorie des Werkbegriffs zu entwickeln. Ausgehend von Umberto Eco und Gérard Genette erörterte Varga einleuchtend, wie sich der Terminus "Autor" unter der Bedingung ändere, dass der Urheber des Textes diesen nicht mehr autorisiere. Aufgeworfen wurde auch die literaturwissenschaftlich wenig prominente Frage der ethischen Dimension der Leserrolle und des moralischen Dilemmas, in die sich die unautorisierten, "unvorhergesehenen" Leser begeben: Wie liest man intime Texte? Wie konstituiert man eine Beziehung vom Fundstück zum publizierten "Werk"? Wann ist eine Publikation des Fundstücks zulässig? Wann kann ein Fragment-Ensemble Werkqualität beanspruchen?

Ebenfalls von außen, nämlich von der Kunst her, näherte sich Alexandre CASTANT (Ecole des Beaux Arts de Bourges) dem Werkganzen, erörterte die "Herausforderung" der Bildlichkeit (visualité) des fiktionalen Werkes und zeigte verschiedene sozusagen bildgebende Techniken des Schreibens bei André Pieyre de Mandiargues auf. Nicht nur um die Kunst der Darstellung gehe es hier, sondern v.a. um die Bedeutung des Blickes für die Erfassung des verbal Darzustellenden, um die Plastizität der Worte, um die Sinnentleerung von Worten, um den Rausch, den Worte zu erzeugen vermögen, und literaturtheoretisch um den Übergang vom Werk zur Aktivität des Autors.

Auf das Aufbrechen des Werkes nach außen antwortete Laurent JENNY (Université de Genève) mit dem Beispiel eines Aufbrechens nach innen. Jenny wies an Marcel Prousts "Recherche du temps perdu" in Bezug auf das vielfach verwendete und sinntragende Stilmittel des Vergleichs auf eine dritte ästhetische Schiene zwischen Linearität und Variation hin, die er neu als "variance" titulierte. Variance bezeichnet eine Technik, in der nicht ein zentrales Motiv in immer neuen Varianten eingesetzt werde, sondern in dem sich eine deutliche Entfernung vom Ursprungsmotiv ereigne, in der auch das prinzipiell Unabgeschlossene seinen Ausdruck finde. Es stünden einander daher die Poetik und die Autorintention entgegen, denn Marcel Proust habe als Schriftsteller das Unabgeschlossene abgelehnt, aber gerade seine letzten Korrekturen am Text beweisen, wie er bereits Abgeschlossenes noch einmal aufgebrochen habe. Proust sei gewissermaßen nicht Zeitgenosse seiner eigenen Ästhetik gewesen, schloss Jenny pointiert.

Reidar DUE (Magdalen College Oxford) überraschte positiv mit einer Neuinterpretation des Verhältnisses von Subjekt, Ort und Erzählung bei Gide, in der es auch um die Möglichkeit des Subjekts ging, sich über die Sprechinstanz des Textes zu finden. Due zeigte, wie in Romanen von Gide die Orte weder Teil der Handlung sind, noch Teil der Motivation, noch Symbolisierungen, sondern hier eine Chronotypie dominiere, die die Repräsentation des Psychischen erlaube. Gide gestalte die Romanfigur nicht mehr realistisch-psychologisch, sondern mache den Ort zum Träger psychologischer Interessen. Ziel dieser ästhetischen Ersetzung sei der Versuch, die Spannungen im Inneren des Subjekts zu harmonisieren. Dies wiederum erschien Due paradigmatisch für das Streben nach Autonomie und Geschlossenheit des Werks und als Vorgriff auf die Ästhetik von Perec, Simon und Duras.

Über die Einheit des Werks in der modernen Dichtung sprach Adam ÆGIDIUS (Århus Universitet). Ægidius ging es dabei primär um eine Kategorisierung des Werkes im Sektor der Dichtung hinsichtlich der Begriffe Text und Gattung. Zunächst hielt er fest, daß Dichtung nicht auf die Gedichte reduziert werden könne. Dann führte er aus, dass die Sammlung als ganze, begleitet durch Paratexte, sich bestimmend auf das Gedicht auswirke, während doch das Gedicht normalerweise ohne Rücksicht auf diesen Gesamtcharakter als autonome Einheit verfasst werde, ohne ein Werk zu sein. Trotz Vollständigkeit und Abgeschlossenheit bilde eine Sammlung keine Gattung und kein Werk, ein wesentlicher Unterschied zur Prosa. Anders ist es bei der lyrischen Epik, die als Werk konzipiert sei, und auch bei autofiktionalen Texten, die als Segmente eines Ensembles Einheiten bildeten, die sich zu einem uneinheitlichen Werk verbänden. Autonomie und Werkcharakter fallen also nicht in eins, ebenso wenig Werkcharakter und Einheitlichkeit. Die Problematisierung der Werkfrage für die Dichtung erschien als eine notwendige Ergänzung der Diskussion um den Status von Selbständigkeit und Abgeschlossenheit und um die Frage der Einordnung ins Feld der literarischen Produktion von Texten und - Werken.

Wenn man einen Titel zum Vortrag von Jean-Yves POUILLOUX (Université de Pau) hätte erfinden wollen, so wäre es "Der Traum vom Schatten des Werks". Seiner Behauptung zufolge existiert das Werk schon vor dem Schreiben, sei nie abgeschlossen, selbst nach einer wie auch immer vollzogenen Form der Beendigung, bleibe immer etwas, wonach sich der Autor sehne. Ein Traum. Nach einem Ausflug in die Geschichte des Werkes, vom organischen, geschlossenen, integrativen Werk, dem ein theologisches Konzept unterliege, zum modernen disparaten und entwerteten Werk, entwickelte er eine Theorie auf der Basis der Phänomenologie von Maurice Merleau-Ponty und Claude Lefort, nach der das Wort aus der Stille komme und nicht eine wie auch immer gedachte Abgeschlossenheit den Werkcharakter ausmache, sondern die Einzigartigkeit der Stimme, die im Werk wirke. Allerdings sei sie darin nicht objektivierbar, nicht spiegelbildlich rekonstruierbar. Zwischen materieller Präsenz und "tonalité" als der Zeichen, durch die sich das Subjekt in Sprache einschreibe, liegt demnach ein Schatten. Pouilloux schlug vor, phänomenologisch-existentialistisch dann vom Werk zu sprechen, wenn eine "Wahrheit des Seins" darin aufscheine, deren Authentizität nicht durch die Form, sondern durch die Tonalität wahrnehmbar werde.

Steen Bille JØRGENSEN (Århus Universitet) betrieb die Revision gängiger Literaturtheorien bzw. literaturtheoretischer Standards, wie des des aufgebrochenen Textes der Moderne und Postmoderne. Vor allem war ihm daran gelegen, die vom Autor an den Leser delegierte Sinnerstellung bzw. die bewusste Integration von Leerstellen, welche Wolfgang Iser im "Akt des Lesens" beschrieben hat, nicht erst als Errungenschaft des 20. Jahrhunderts zu begreifen, sondern schon in frühere Zeiten zu verlegen. Umgekehrt ging er auf die Abschließung (clôture) des Textes oder Werkes ein, die durchaus auch in der postmodernen Literatur ihren (allerdings neuen) Platz hätte. Als Gewährsleute dienten ihm Annie Saumon ("La terre est à nous", 1987) und Honoré de Balzac ("Eugénie Grandet", 1834). Für Saumon sei die "clôture" die Bedingung innerer Aufsplitterung, und Balzac habe seinerseits im als "klassisch" bezeichneten Werk eine Fragmentierung intendiert, die offensichtlich die Verwirrung des Lesers hervorriefe, der erste Schritt zur Deutung im Lektürevorgang. Der Ereignischarakter des Werkes ist in dieser theoretischen Herangehensweise keine Neuerung der Moderne; Rhythmik, Lektürepausen etc. machen auch aus der scheinbaren Einfachheit narrativ abgeschlossener Werke - die durchaus klassische sein können - "offene" Texte.

Nicht die interne Text- oder Werkstruktur, sondern noch einmal das Verhältnis zwischen Werk und Gesellschaft, ja das Triple-Arrangement von Werk-Gruppe-Gesellschaft untersuchte Nikolaj LÜBECKER (Københavns Universitet) am Beispiel der französischen Surrealisten. Im Zuge einer ausgeprägten Kritik von Peter Bürgers Avantgarde-Interpretationen und unter Integration der neueren Ausführungen von Benoît Denis zu Literatur und politischem Engagement hob er die Reibungen hervor, die zwischen der Gesellschaftstheorie, der Theorie der Funktion des Werks in der Gesellschaft und dem Werkmythos der Avantgarde sowie der Spannungen innerhalb der Gruppe der Surrealisten um André Breton und Louis Aragon bestanden haben, welche sich unausweichlich auch in den literarischen Produkten niederschlage.

Im Endvortrag formulierte Axel RÜTH (Universität zu Köln) eine Kritik der Kritik des Werkes. Die Frage nach dem Wertverlust des "Werkes" beantwortete er mit einer Analyse von Roland Barthes' "De l'œuvre au texte" (1973) und einem Seitenblick auf die Intentionen von Barthes zur Ersetzung des Werkbegriffes durch den Textbegriff, die auch auf die Ambitionen des außeruniversitär operierenden Philosophen gegen die Hegemonie der Sorbonne zurückzuführen seien. Kunst- bzw. Literaturtheorie als Politikum und die Karriere der Textidee hätten auf die Wahrnehmung künstlerischer Hervorbringungen wesentlich abgefärbt. Das Problem des "Werks" stellt sich laut Rüth als metasprachliches Problem heraus. Im Spannungsfeld von gelingender und misslingender Kommunikation führt demzufolge der Text ein anderes Dasein als das Werk, da er sich hermeneutischer Aufschlüsselung widersetze. Rüth kam damit wieder zur Position von Derek Schilling zurück, indem er für die, die den Terminus "Werk" ablehnen, konstatierte, sie verweigerten sich auch der Idee der ästhetischen Erfahrung.

Der Horizont, in dem das Werk und sein Nachfolger, der Text, stehen, ist weit, wie die Tagungsbeiträge zeigen. Teils will man die Einzigartigkeit der ästhetischen Erfahrung retten, indem man den Werkbegriff rettet, teils geht es um die Rettung einzelner als typisch empfundener Werkattribute wie Repräsentation, Abgeschlossenheit, Offenheit oder Sinnreservoir, ohne dass man noch die Vorstellung des Werkes bemühen zu müssen glaubt. Dabei handelt es sich weniger um ein poetologisches, als um ein metatheoretisches Problem, wie die regen Diskussionen bewiesen. Vorträge und Diskussionsbeiträge verrieten demgemäß ebensoviel über die Adaption neuerer Methoden für ein aktuelles Literaturverständnis, für Interpretation und Analyse, wie über die Sondierungen eines kultur- und literaturwissenschaftlichen Denkens, das nach neu konzipierten Zusammenhängen und Möglichkeiten der Homogenisierung sucht, von der Postmoderne und Dekonstruktivismus einst weggestrebt waren. In Vollkommenheitsansprüche gedenkt man dabei nicht zurück zu verfallen, obwohl auch hierin keine letzte Einigkeit erzielt wurde: Das "Werk" stellt daher weiterhin eine Herausforderung dar, während der "Text" der Joker neuer kulturwissenschaftlicher Theorien zu sein scheint. Die Veröffentlichung der Vorträge ist geplant. Sie wird einen wichtigen Anstoß zur weiteren Vertiefung der Thematik geben.

ZitierweiseTagungsbericht Les défis de l'œuvre - Die Herausforderung des Werkes. 12.11.2004–13.11.2004, Århus, in: H-Soz-Kult, 14.01.2005, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=678>.

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