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Moving Body Parts: Their Transcendence of Time and Space in Pre-Modern Europe

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Romedio Schmitz-Esser, Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität München; Urte Krass, Institut für Kunstgeschichte, Ludwig-Maximilians-Universität München; Münchner Forschungszentrum Fundamente der Moderne
Datum, Ort:11.04.2014–12.04.2014, München

Bericht von:
Alexander Veling, Institut für Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie, Ludwig-Maximilians-Universität München
Email: <Alexander.Velingcampus.lmu.de>

Eine wissenschaftliche Tagung über Tote und die folgende Mobilität ihrer Einzelbestandteile zu halten, ist wahrscheinlich nicht einfach, möchte man dabei Sachlichkeit bewahren. „Moving Body Parts“ ist ein geeignetes Thema, auch eine potentiell desinteressierte Mehrheit für historische Themen zu begeistern, allein schon das Programm, das einen sehr breiten Raum für Diskussionen freihielt, verdeutlichte aber, dass der Schwerpunkt des englischsprachigen Workshops auf etwas anderem lag. Zehn Vortragende aus fünf verschiedenen Ländern waren eingeladen, sechs Historiker/innen, zwei Kunsthistoriker/innen, eine Ethnologin und eine Literaturwissenschaftlerin.

Die Organisatoren Romedio Schmitz-Esser und Urte Krass wollten nicht nur Fächer-, sondern auch die Epochengrenzen überwinden, sich so von statischen Positionen lösen und hin zu einem kulturgeschichtlichen Blick bewegen, der unkonventionell versucht, das Konzept „Körper“ des Mittelalters und der Frühen Neuzeit möglichst facettenreich über die Mobilität einzelner Bestandteile in materieller, visueller und fiktiver Hinsicht zu beleuchten, und dadurch, zumindest in Ansätzen, verständlich zu machen. Die hierfür beleuchteten Fragestellungen wurden im Call for Papers formuliert[1]: Warum und wie wurden Körperteile bewegt, wie wurde dies visualisiert, welcher Art waren die visuellen und materiellen Transportmedien, welche Körperteile konnten überhaupt bewegt werden, und welchen Nutzen versprach man sich davon?

Nach der Begrüßung und thematischen Einführung durch die beiden Organisatoren begann der Workshop mit einer Programmänderung. „Body Parts in / as Pictures“ von KRISTIN MAREK (Karlsruhe) musste entfallen, daher hat ROMEDIO SCHMITZ-ESSER (München) den Vortragsteil des Workshops eröffnet, indem er das Phänomen der Bestattung mos teutonicus, eines im Hochmittelalter angewendeten Verfahrens der Trennung der Knochen von den Weichteilen Verstorbener durch Abkochen, um diese besser transportieren zu können, kritisch beleuchtete. Sein Fazit, die Sitte wäre nicht nur im römisch-deutschen Reich angewendet worden, die Bezeichnung somit irreführend und wohl vor allem abwertend genutzt worden, wurde intensiv und angenehm konstruktiv diskutiert.

Den zweiten Vortrag lieferte IMMO WARNTJES (Belfast): Sein Thema war in gewisser Weise mit dem ersten verwandt, weil es vor allem Bestattungen der mittelalterlichen Oberschicht behandelte. Seine Hauptthese war, dass die getrennte Bestattung des Herzens, vor allem der entsprechende Niederlegungsort, anders als der Bestattungsort des Rests des Körpers, das Ergebnis einer individuellen, vor dem Tod getroffenen Entscheidung gewesen sein konnte, und somit letztendlich auf einen im Lauf des Mittelalters aufkommenden Individualismus hinweist, zumindest was die eigene Bestattung anbelangt. ESTELLA WEISS-KREJCI (Wien) setzte ihren inhaltlichen Schwerpunkt auf die Herzbestattungen der Frühen Neuzeit, ging unter anderem auf die prominenten Herzurnen ein, begann ihren Vortrag mit ethnologischen Beispielen für Entfleischung und bot somit den Blick auf einen größeren, anthropologischen Kontext des Phänomens. KAY PETER JANKRIFT (München) verließ das Themenfeld der Bestattung und diskutierte in seinem Vortrag das sogenannte „Beinwunder“ durch die Heiligen Cosmas und Damian, während das mobile Körperteil hier das Bein eines toten Mohren darstellte, das durch die beiden Ärzte der Legende nach einem lebenden Patienten anstelle seines eigenen kranken Beins transplantiert wurde. Eine Besonderheit des Vortrags stellten medizin-ethische Fragestellungen dar, mit denen der Fall konfrontiert wurde. Eine weitere Ebene der Mobilität öffnete SERGIUS KODERA (St. Pölten) in seinem Vortrag. Hier ging es nicht nur um die Mobilität einer abnehmenden Anzahl von Körperteilen verurteilter Verbrecher vom Stadtgefängnis hin zur endgültigen Hinrichtung durch das neuzeitliche Neapel, sondern auch die Mobilität ihrer Körperteile von den einzelnen Abtrennungsstätten zum Haus des Universalgelehrten Giambattista della Porta, und von dort auf die heute erhaltenen Zeichnungen.

Den Abendvortrag hielt ANN MARIE RASMUSSEN (Durham, North Carolina) über eine außergewöhnliche Fundgattung von Pilgerabzeichen des 15. und frühen 16. Jahrhunderts in Form von Vulven und Penissen. So lockte der Titel „Wandering Genitalia“ auch einige zusätzliche Zuhörer. Die 300 bekannten Objekte der Gattung wurden vor allem in den Niederlanden und in England gefunden, ihre merkwürdige Ikonographie bleibt aber nach wie vor unverständlich, so regte der Vortrag auch zu einiger Diskussion an. Ein auffälliger Aspekt ist beispielsweise die Betonung der Mobilität in der Ikonographie durch Flügel, Schuhe, Schiffe, usw. Die Interpretationsansätze bewegten sich vor allem um karnevalistische Ansätze und Fruchtbarkeitsaspekte, während Erotik im heutigen Sinne als Erklärungsmodell durchwegs abgelehnt wurde.

Den Samstag leitete HESTER SCHADEE (München) ein, die eine intellektuelle Debatte des Humanismus beleuchtete. Die körperliche Anwesenheit antiker Autoren durch das Medium ihrer Texte ist einer der abstraktesten Zugänge zur körperlichen Mobilität in der Vormoderne, die Parallelität von Text, Körper und Reliquie, und das Bild der Wiederauferstehung antiker Autoren durch die Erschließung ihrer Texte aber auch eine der schönsten, im Workshop verwendeten Metaphern. NORIA LITAKER (Philadelphia) widmete sich den sogenannten Katakomben-Heiligen, die sich in vielen bayerischen Kirchen finden, unter anderem in Sankt Peter in München, und stellte diese in den politischen Kontext der Gegen-Reformation. Die Skelette sollten eine enge Verbindung zur frühchristlichen Kirchen verdeutlichen, und somit den Katholizismus legitimieren. MASZA SITEK (Krakau) zeichnete den Weg nach, den der Kopf des Heiligen Adalbert nahm, bis er zu seinem heutigen Platz im Prager Dom gelangte. HENRIKE HAUG (Berlin) schloss den Vortragsteil der Tagung, indem sie die politische Dimension von Reliquien am Beispiel des hochmittelalterlichen Pisas herausarbeitete, dessen politisches Schicksal eng in Verbindung mit der Präsenz und vor allem des Verlusts von Reliquien, und somit der körperlichen Präsenz Heiliger, gesehen wurde.

Der Workshop schloss mit einem kurzen inhaltlichen Fazit seitens der Veranstalter. Zwei Aspekte standen im Zentrum der Tagung, die in den bisherigen Forschungen wenig Würdigung fanden, einmal der Aspekt der Mobilität von Körperteilen in vormoderner Zeit, und die Frage nach den dahinterstehenden Motiven. Die vielleicht größte Stärke des Workshops waren dabei die ausgiebigen und intensiven, aufeinander aufbauenden, fundierten Diskussionen, die es ermöglicht haben, die Fragestellungen, unter denen der Workshop stattfand, anhand der einzelnen Beiträge und Perspektiven gemeinsam zu erörtern. Die rege Diskussionsteilnahme war ein Beleg dafür, dass das Konzept der Veranstalter aufgegangen ist. Letztendlich fiel auf, dass die Vorstellungen, einzelne Körperteile von Heiligen könnten Wunder wirken, oder der Verlust von Reliquien sei für den politischen Niedergang einer Stadt verantwortlich, sehr weit von unserem Verständnis von „Körper“ entfernt sind, während wir auch Metaphern für Körper und Körperteile sowie deren Mobilität in Bildern, Texten und Gegenständen relativ unsensibel wahrnehmen. Andere Ideen, unter anderem die getrennte Bestattung des Herzens, werden heute noch weitergetragen, zuletzt beispielsweise bei der Bestattung Ottos von Habsburg im Jahr 2011. Die Herzbestattung, die der Mehrheit der Bevölkerung sicher als merkwürdiges Relikt vergangener Zeiten erscheint, verweist aber auch auf eine christlich-europäische Tradition, die in gewissen Bereichen eine Kontinuitätslinie bis mindestens ins Mittelalter aufzeigt.

Dass Körperteile Toter mit Bedeutung beladen sind, und sogar als Akteure auftreten können, scheint im ersten Moment eine Denkweise zu sein, die heute verloren gegangen ist. Würde man einen Fingerknochen Michael Jacksons auf Ebay versteigern, kann man allerdings davon ausgehen, dass der Kaufpreis in keinem Verhältnis zu dem stehen wird, was man als rein materiellen Wert der chemischen Bestandteile des Knochens veranschlagen würde. Vielleicht ist gerade eine explizite Selbstreflexion durch den Vergleich heutiger kultureller Normen mit denen des Mittelalters und der Frühen Neuzeit eine Blickrichtung, der man sich anschließend an diese Tagung verstärkt widmen sollte. Das Themenfeld weiter zu vertiefen wird sich in jedem Fall lohnen, nicht nur wegen des zu erwartenden Interesses einer Öffentlichkeit, sondern vor allem, weil es eine zentrale philosophische Frage behandelt, nämlich die des Verhältnisses von Geist und Körper, deren beantwortendes Konzept letztendlich alle Lebensbereiche eines Kulturraums und einer Epoche indirekt oder direkt beeinflusst.

Konferenzübersicht:

Romedio Schmitz-Esser (München) / Urte Krass (München): Introduction

Romedio Schmitz-Esser (München): Cooking Your King. Moving Body Parts „al’allemande“

Immo Warntjes (Belfast): Moving Hearts and the Rise of Individualism in the 13th Century

Estella Weiss-Krejci (Wien): Heart Burials in Medieval and Early Modern Europe

Kay Peter Jankrift (München): Dead Leg Walking. A Miraculous Transplantation and its Medico-Ethical Dimension

Sergius Kodera (St. Pölten): Giovan Battista Della Porta’s Shady Hands and Feet of Executed Criminals

Ann Marie Rasmussen (Durham): Wandering Genitalia

Hester Schadee (München): Reviving the Corpse of Quintilian: Humanist Texts and the Language of Relics

Noria Litaker (Philadelphia): Migrating Martyrs: The Visual Presentation of Whole-Body Roman Catacomb Saints in Counter-Reformation Bavaria

Masza Sitek (Krakau): The Triple Movement of St Adalbert’s Head

Henrike Haug (Berlin): Moving the Saints through Texts

Anmerkung:
[1] Romedio Schmitz-Esser: CfP: Moving Body Parts: Their Transcendence of Time and Space in Pre-Modern Europe, in: H-Soz-u-Kult, <hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/termine/id=23781> (13.05.2014).

ZitierweiseTagungsbericht Moving Body Parts: Their Transcendence of Time and Space in Pre-Modern Europe. 11.04.2014–12.04.2014, München, in: H-Soz-u-Kult, 12.06.2014, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=5420>.

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