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„Digitalisierung im Archiv – Neue Wege der Bereitstellung des Archivguts“; 18. Archivwissenschaftliches Kolloquium

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Archivschule Marburg
Datum, Ort:26.11.2013–27.11.2013, Marburg

Bericht von:
Stephanie Oertel, Archivschule Marburg, Koordinierungsstelle Digitalisierung von archivalischen Quellen
E-Mail: <Stephanie.Oertelstaff.uni-marburg.de>

Das diesjährige Archivwissenschaftliche Kolloquium in Marburg fand im Rahmen des DFG-Pilotprojektes „Digitalisierung von archivalischen Quellen“ statt und wurde finanziell durch die DFG unterstützt. 170 Teilnehmer aus Deutschland wie auch aus Österreich, Schweden, Belgien, Frankreich, England, Polen und Australien nahmen aktiv an dem Kolloquium mit dem Schwerpunkt „Digitalisierung im Archiv – Neue Wege der Bereitstellung des Archivguts“ teil. Im Laufe der Veranstaltung wurden anhand von Digitalisierungsprojekten nationale und internationale Strategien aus dem Blickwinkel der Archive, der Forschung und den verwandten Kultureinrichtungen (Bibliotheken und Museen) näher beleuchtet, Unterschiede herausgearbeitet sowie Wünsche und spezifische Fragestellungen von Seiten der Forscher an die digitalisierenden Archive herangetragen.

Im Anschluss an die Begrüßung und den Eröffnungsvortrag, der den allgegenwärtigen „Digitalisierungsvirus“, die Benutzung digitaler Quellen durch die Forschung und den schleichenden wissenschaftlichen Wandel hin zur digitalen Wissenschaft näher beleuchtete, schloss sich eine Diskussion über den Sinn oder Unsinn der archivischen Tektonik in Onlineportalen zwischen Forschern und Archivaren an mit dem Ergebnis, dass die Einbindung der Kontextinformationen für die Forschung und den Erkenntnisgewinn allgemein unerlässlich ist.

Das Thema der ersten Sektion lautete: „Nationale und internationale Digitalisierungsstrategien“. Die Referenten berichteten aus eigenen Digitalisierungsprojekten und betonten die grundsätzliche Bedeutung der Entscheidung, für wen digitalisiert und welches Ziel dabei verfolgt wird. Bessere Recherchemöglichkeit und Bestandserhaltung wären nur zwei mögliche Ziele, mit denen eine Vorauswahl der Bestände getroffen werden kann, um diese im Anschluss zu digitalisieren und online zu stellen. Aus der Erfahrung mit den bereits jetzt verwaisten und nicht mehr nachnutzbaren Portalen heraus, sind die Einbindung von standardisierten Daten, wie bspw. Signatur, Name, Laufzeit und Kontextinformationen, neben dem technischen Support essentiell für die Nachhaltigkeit der Onlineportale.

Die anschließende zweite Sektion widmete sich ganz der wissenschaftlichen Nutzergruppe. „Wenn ich mir was wünschen dürfte“ lautete der Anfangstitel eines Vortrages. Je einfacher die Frage, umso schwerer die Antwort. Die vollständige Onlinestellung des gesamten Archivguts ist weder aus finanziellen noch aus datenschutzrelevanten Aspekten realisierbar. Aus diesem Grund sind übergeordnete Aspekte wie das Auffinden und die Zitierbarkeit der Quellen für die Forscher relevant in einem Portal, das attraktiv und nutzerfreundlich gestaltet ist.

Die letzte Sektion eröffnete einen Blick in andere digitalisierende Kultureinrichtungen. Vertreter aus Museen und Bibliotheken berichteten aus ihrer Praxis. Deutlich wurde, dass die Onlinepräsenz von Sammlungsstücken für die Sichtbarkeit der Einrichtung für Archive ebenso erstrebenswert ist wie für Museen. Doch auch in den verwandten Kultureinrichtungen sind noch lange nicht alle Einrichtungen auf einem Stand. Dies gilt vor allem für die kleineren Einrichtungen, die zunächst Finanzierungswege für Digitalisierungsmaßnahmen ermitteln und diese fest in den Haushalt integrieren müssen. Bei der Umsetzung der Maßnahme können alle Einrichtungen voneinander lernen und über Kooperationen Infrastrukturen gemeinsam nutzen. Die erzeugten digitalen Resultate lassen sich im Anschluss bei der Anwendung der Standards in regionale und überregionale Portale wie das Archivportal-D, einer Untergruppe der Deutschen Digitalen Bibliothek, das Archivportal Europa oder EUROPEANA für die Forschung freischalten.

Zur Abschlussdiskussion nahm je ein Vertreter aus allen drei Sektionen am Tisch Platz, um gemeinsam das Ziel und einen möglichen Weg zur flächendeckenden Bereitstellung von digitalisiertem Kulturgut zu besprechen. In der Diskussion wurden Aspekte der vorausgegangenen Vorträge wieder aufgenommen. Noch einmal gingen die Vertreter auf die Bedeutung von digitalem Archivgut für die Forschung, die Zugänglichkeit, Bestandserhaltung und Semantic im Web ein. Herausgearbeitet wurde, dass eine nationale interdisziplinäre Digitalisierungsstrategie von allen drei Vertretern als nicht realisierbar betrachtet wird. Die Forscher äußerten sich dazu, dass auch zukünftig der Weg in das Archiv notwendig ist und sie die fachliche Kompetenz im digitalen Zeitalter umso mehr zu schätzen wüssten. In den Archiven werden den Wissenschaftlern die entsprechenden Quellen zu den spezifischen Fragestellungen empfohlen und Kontextinformationen bereitgestellt. Aus diesem Grund sollten die Archivarinnen und Archivare die Priorisierung ihrer Bestände vornehmen und entscheiden, welche Bestände zeitnah digitalisiert und der Wissenschaft für aktuelle und zukünftige Forschungsschwerpunkte online zugänglich gemacht werden sollten. Ein reger Austausch zwischen der Forschung und den Archiven wurde dabei begrüßt.

Das Kolloquium zeigte, wie wichtig der Austausch unter den Kultureinrichtungen ist. Neben allen Unterschieden zwischen den Institutionen befindet sich doch das gemeinsame Bestreben, nachhaltig historische Quellen für die Nutzung online zur Verfügung zu stellen. Dabei sind die bereits bekannten Standards nicht nur auf den Weg zu bringen, sondern auch in den jeweiligen Einrichtungen anzuwenden, damit aktuelle Forschungen vorangetrieben werden und neue Forschungsbereiche sich erschließen.

Konferenzübersicht:

Eröffnungsvortrag:
Rüdiger Hohls (Clio-online, Humboldt-Universität zu Berlin), Digitale Geschichte – Gegenwart oder Zukunft der Vergangenheit

Sektion 1: Nationale und internationale Digitalisierungsstrategien
Moderation: Frank M. Bischoff (Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf)

Andreas Berger (Historisches Archiv der Stadt Köln), Digitalisierung eines ganzen Archivs? Strategien zur Auswahl, Priorisierung und Durchführung von Massendigitalisierungen am Beispiel Köln.

Irmgard Christa Becker (Archivschule Marburg), Priorisierung ist von den Zielen der Digitalisierung abhängig! Ergebnisse des Workshops am 6. Mai 2013

Barbara Reed (School of Information Management, Monash Universität, Australien), Rekonzeptualisierter Zugang: Erhaltung digitaler Unterlagen für die Zukunft

Rolf Källman (Nationale Koordinierungsstelle für die Digitalisierung, Langzeitarchivierung und den digitalen Zugang zum kulturellen Erbe in Schweden – Digisam, Schwedisches Reichsarchiv, Stockholm), Digisam – auf dem Weg zu einem koordinierten nationalen digitalen Kulturerbe in Schweden

Sektion 2: Nutzerperspektiven
Moderation: Dominik Haffer (Archivschule Marburg)

Rainer Hering (Archivausschuss der German Studies Association, Schleswig), The View from Outside: Amerikanische Erwartungen an das digitale Angebot deutscher Archive

Andrea H. Schneider (Gesellschaft für Unternehmensgeschichte e.V., Frankfurt am Main), Nutzen und Gefahren des digitalen Dokuments. Erfahrungsbericht aus Sicht der Unternehmensgeschichte.

Elke Bauer (Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung – Institut der Leibniz-Gemeinschaft, Marburg), Analoge Bildarchive auf dem Weg ins digitale Zeitalter – Chancen und Herausforderungen für die Bereitstellung und Benutzung bildhafter Materialien

Susan Splinter (Deutsche Gesellschaft für Geschichte der Medizin, Naturwissenschaft und Technik, Schriftführerin, München), Instrumente, Skizzen, Briefe…das besondere Handwerkzeug eines Wissenschaftshistorikers?

Sylvia Necker (Leibniz-Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung e.V. (IRS), Erkner), Wenn ich mir was wünschen dürfte. Wunsch(t)raum Archiv für NutzerInnen im digitalen Zeitalter

Peter Wörster (Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung - Institut der Leibniz-Gemeinschaft, Dokumentensammlung, Marburg), HerBalt, Hereditas Baltica – „virtueller Lesesaal für baltisches Archivgut“. Ein länderverbindendes Digitalisierungsprojekt

Sektion 3: Verwandte Kultureinrichtungen
Moderation: Stephanie Oertel (Archivschule Marburg)

Reinhard Altenhöner (Deutsche Digitale Bibliothek am Standort der Deutschen Nationalbibliothek, Frankfurt am Main), Digitalisierung und die DDB: Standards und Perspektiven

Stefan Rohde-Enslin (Institut für Museumsforschung, Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Berlin), „Mit langem Atem zu gutem Ende“ Erfahrungen bei museum-digital

Martin Liebetruth (Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek, Göttinger Digitalisierungs Zentrum (GDZ)), Scanner, Standards, Strategien – Erfahrungen aus dem Göttinger Digitalisierungs Zentrum (GDZ)

Podiumsdiskussion:
Moderation: Gerald Maier (Landesarchiv Baden-Württemberg, Stuttgart)

Teilnehmer: Andreas Berger, Rüdiger Hohls, Stefan Rohde-Enslin

ZitierweiseTagungsbericht „Digitalisierung im Archiv – Neue Wege der Bereitstellung des Archivguts“; 18. Archivwissenschaftliches Kolloquium. 26.11.2013–27.11.2013, Marburg, in: H-Soz-u-Kult, 13.02.2014, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=5228>.

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