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Herzog Heinrich Julius von Braunschweig-Lüneburg (1564–1613): Politiker und Gelehrter mit europäischem Profil.

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Herzog August Bibliothek, Wolfenbüttel; Braunschweigischer Geschichtsverein
Datum, Ort:06.10.2013–09.10.2013, Wolfenbüttel

Bericht von:
Ulrike Gleixner, Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel
E-Mail: <gleixnerhab.de>

Anlässlich des 400. Todestages von Herzog Heinrich Julius von Braunschweig-Lüneburg (1564–1613) fanden in Zusammenarbeit von Herzog August Bibliothek und Braunschweigischem Geschichtsverein vom 6.10. bis 9.10. eine Festveranstaltung, ein Konzert und ein viertägiges internationales Symposium unter der Leitung von Werner Arnold, Brage Bei der Wieden und Ulrike Gleixner statt. Die Veranstalter nahmen das Datum zum Anlass, um nach Forschungsdesideraten für den Themenkomplex Herzog, Hof und Territorium in der Zeit um 1600 zu fragen. Da sich die historische Forschung in den letzten beiden Jahrzehnten von landeskundlichen Perspektiven eher abgewandt hat, handelt es sich hier teils um abgebrochene Forschungstraditionen. Mittels neuer Perspektiven und Fragestellungen stellt die Kontextualisierung höfisch-politischen Handelns jedoch gegenwärtig wieder eine lohnenswerte Herausforderung für die historischen Fachrichtungen dar. Zu diesem Aufgabenfeld gehört auch die Figur von Herzog Heinrich Julius, dem als Gelehrten, kultur- und bildungspolitisch aktiven Fürsten und als Berater am Kaiserhof in Wien eine überregionale und paradigmatische Bedeutung zukommt. Die eingeladenen Sprecherinnen und Sprecher wurden daher gebeten, ihre Vorträge insbesondere im Hinblick auf neue Forschungsmöglichkeiten und Desiderate der Forschung zuzuspitzen und gerade diese Aspekte in Ihren Beiträgen herauszuarbeiten.

Das Symposium wurde durch den Festvortrag von BRAGE BEI DER WIEDEN (Wolfenbüttel) eröffnet, der den Leichenzug zum Begräbnis des Herzogs mit 83 Holzschnitten aus dem Jahr 1613 auslegte, den der Formschneider und Drucker Elias Holwein anlässlich der Beisetzung gefertigt hatte. Die 83 Blätter waren zugleich in der Herzog August Bibliothek erstmalig ausgestellt. Das Besondere an dem ausgestellten Leichenzug ist, dass die gesamte Elite von Territorium und Hof, insgesamt 809 Personen in der ständischen Ordnung repräsentiert ist und die wichtigsten Personen, wie Räte, Hofprediger und Familie, sogar mit ihrem tatsächlichen Konterfei abgebildet wurden.

Ein erster Themenblock nahm den „Landesherrn im Kontext der Reichspolitik“ in den Blick. ARND REITEMEIER (Göttingen) skizzierte das Territorium um 1600. Er stellte die Bedeutung der Opposition der wirtschaftlich starken Städte gegen das Fürstenhaus weit über etwaige Konfliktlinien zwischen Landesadel und Dynastie. Die Fürstentümer waren insbesondere durch die Reichssteuer für die Türkenkriege finanziell stark in Anspruch genommen. Als offene Forschungsfrage bleibt die nicht hinreichend untersuchte Landes- und Hofökonomie. VÁCLAV BUZEK (Budweis) widmete sich den Jahren, die Herzog Heinrich Julius am Prager Kaiserhof verbrachte, wo er auch verstarb. War der Herzog zunächst nach Prag gereist um den Kaiser um Unterstützung in seinem Kampf gegen die aufsässige Stadt Braunschweig zu gewinnen, wurde er wohl wegen seiner besonderen juristischen Kenntnisse nach weiteren Besuchen zum kaiserlichen Berater. Zuletzt war er sogar Vorsitzender des Geheimen Rates am Kaiserhof und übernahm auch diplomatische Aufgaben. Da Heinrich Julius nicht nur regierender Reichsfürst eines protestantischen Territoriums war, sondern auch Administrator des Bistums Halberstadt, hatte er in Prag bald auch zu katholischen Adelskreisen Zutritt und war auch im böhmischen Adel insgesamt gut vernetzt. Weitere Forschungsergebnisse wären durch eine Netzwerkanalayse zu erwarten, die die Korrespondenzen des böhmischen Adels mit einbezieht und so den Herzog in einem Geflecht von Adeligen sichtbar machen könnte. HOLGER GRÄF (Marburg) stellte die Frage nach der Existenz eines eigenen Typus des norddeutschen Fürsten. Im Vergleich zwischen Moritz von Hessen-Kassel, Heinrich Julius von Braunschweig-Lüneburg und Wilhelm von Bayern kam er zu dem Ergebnis, dass der gelehrte und kunstsinnige Fürst um 1600 kein norddeutsches Phänomen war. Kunst, Musik, Kultur und Bildung wurden von den im Vergleich stehenden Fürsten in ähnlicher Weise gefördert. Der konfessionelle Unterschied spielte für dieses Handeln keine Rolle. MATTHIAS MEINHARDT (Wolfenbüttel/Halle) hob schließlich auf die Imagebildung des Fürsten durch die Funeralliteratur ab. Die erste Historisierung nach dem Tod eines Fürsten nahmen die Hofprediger vor, die ihre Darstellungen jedoch mit dem Hof, der Witwe und dem Nachfolger abstimmen mussten. So rang die Geistlichkeit in gewisser Weise mit dem Hof um die Normsetzungskompetenz.

Die zweite Sektion hatte das Thema „Stadtrepublikanismus und Fürstensouveränität“. HENNING STEINFÜHRER (Braunschweig) widmete sich dem Konflikt zwischen dem Herzog und der Stadt Braunschweig, die ihm den Untertaneneid und Steuerzahlungen verwehrte. Der Konflikt radikalisierte sich bis hin zur kriegerischen Auseinandersetzung, da beide Parteien nicht aufeinander zugehen konnten. Lohnende Forschungsfragen sind, inwiefern um 1600 zwei politische Konzepte, städtische Freiheit und Fürstenmacht, aufeinander stoßen und welche Rolle den Juristen und ihrer Rhetorik auf beiden Seiten zukam. BRAGE BEI DER WIEDEN (Wolfenbüttel) widmete sich dem Thema Herzog und Landstände und stellte fest, dass dieser Themenkomplex trotz einer Fülle an Quellen bislang kaum erforscht sei. Einen lohnenswerten Untersuchungsgegenstand bilden die Konfliktlagen beider Seiten mit den angestrebten Lösungswegen bis hin zu der Frage, wie der politische Alltag des Fürsten überhaupt aussah. CHRISTIAN LIPPELT (Wolfenbüttel) widmete sich den Amtshaushalten und sah insgesamt Forschungspotential für die Gruppe der Amtsleute, etwa ihren Bildungshintergrund und ihre Heiratskreise.

Die dritte Sektion behandelte „Repräsentatives Bauen und Kunst“. BARBARA UPPENKAMP (Hamburg) stellte fest, dass genauere Untersuchungen zum Ausbau der Residenzlandschaft fehlen, die tatsächlich Planungen und Architekturzeichnungen mit einbeziehen. Diese würden vermutlich den kulturellen Transfer (über Dänemark als Herkunftsland der Fürstin und Prag als Handlungsort des Fürsten) durch Baumeister und den konkreten Einfluss des Fürsten auf die Bauprojekte beantworten. Eine vergleichende Studie zu mehreren Fürstentümern wäre hier sinnvoll. JOCHEN LUCKHARDT (Braunschweig) zeigte, wie die Kontextualisierung von erhaltenen Miniaturen, auf denen die Kinder des herzoglichen Paares abgebildet sind und die sich in den Beständen des englischen Hofes befanden, ein Forschungszugang zu überregionalen Netzwerken von Herzog und Herzogin sein könnten (England/Dänemark). Er verband dies mit der noch offenen Forschungsfrage nach den Intentionen beim Verschenken dieser kleinformatigen Bilder. ANJA ŠEVCÍK (Prag) beschäftigte sich mit Transferleistungen von Künstlern zwischen Prag und Braunschweig-Wolfenbüttel. Die Karrieremuster deutscher Künstler am Prager Hof bilden auch weiterhin eine lohnende Forschungsaufgabe. MATTHIAS BOLLMEYER (Jever) stellte lateinische Gelegenheitsdichtung für den Herzog und seine Familie vor. Inwiefern die Dichtung in tatsächliche Handlungszusammenhänge eingebunden ist, ist noch nicht ausreichend untersucht. Hier könnte das Konzept ‚Text als Handlung‘ weiterführen.

Die vierte Sektion war überschrieben mit „Gelehrter und Dramatiker“. CARSTEN NAHRENDORF (Wolfenbüttel) wandte sich den Widmungsreden des Gelehrten und Helmstedter Professors Johannes Caselius für Heinrich Julius zu. Auch hier bleibt die Frage, ob sich diese in Handlungszusammenhänge einbetten lassen oder ob sie eher einer Topik des Fürstenlobes folgen. FLORENT GABAUDE (Limoges) stellte Herzog Heinrich Julius als Dramatiker vor. Seine zehn Dramen hatten einen zeitgeschichtlichen Bezug. Sie sind teilweise derb, überzogen grotesk und misogyn und in der Morallehre sozialdisziplinierend ausgerichtet. Ehebruch, Trunkenheit, Ungehorsam und Gewalt führen in den existentiellen Ruin. Die interessante Frage nach der Aufführungspraxis am Hof ist noch offen. PETRA FEUERSTEIN-HERZ (Wolfenbüttel) fragte nach dem Interesse des Herzogs an der Alchemie. Er besaß sowohl am Wolfenbütteler Hof als auch in der Prager Residenz ein Laboratorium und beschäftigte Alchemisten. Ein Rezeptbuch des Herzogs aus eigener Feder belegt seine paracelsistisch motivierten alchemischen Praktiken. Der ganze Komplex der Alchemie in Verbindung mit dem Herzog ist noch wenig untersucht.

Die fünfte Sektion behandelte die „Höfische Kultur und die Wissenschaften“. MERIO SCATTOLA (Padua) wandte sich der politischen Theorie im Umkreis des Herzogs zu und behandelte hier insbesondere die politische Theorie der Caselianer (der Schüler- und Gelehrtengruppe um Johannes Caselius) an der Universität Helmstedt. Sie traten vehement für die Einheit der praktischen Philosophie ein. Ethik kann sich ihnen zufolge nur in Handeln ausdrücken, das dann zur guten Politik führt. Die Zielsetzung der Gesellschaft war die Ausübung der Tugend, die von der moralischen Beschaffenheit des Individuums abhängt. Zu fragen wäre, inwiefern diese politische Theorie in die politische Praxis des Herzogtums einging. MARA WADE (Champaign) zeigte den Kulturtransfer auf, der über die Herzogin Elisabeth von Dänemark als Gattin des Wolfenbütteler Herzogs erfolgte. Es wurde festgestellt, dass eine stärkere Einbeziehung von Herzoginnen in die Forschung zur Hofkultur unbedingt vonnöten ist. Dabei sind die Netzwerke und familiären Beziehungen der Herzoginnen zentral. Auch ihre Stiftungspraxis und ihre ökonomisch oft erfolgreiche Hofhaltung als Witwen sind noch weitgehend unerforscht. ARNE SPOHR (Bowling Green) stellte Herzog Heinrich Julius als Musikmäzen vor und forderte eine stärkere überregionale Netzwerkforschung zu Musikern und dem durch diese Gruppe geleisteten Kulturtransfer zwischen England und den nördlichen Ländern des Kontinents. Häufig fehle es an der Kontextualisierung von Einzelbefunden.

Der Ertrag der Tagung lässt sich in der Weise skizzieren, dass die großen Themenkomplexe Herzog, Hof- und Landesökonomie, die konkrete Praxis der Reichs- und Landespolitik in Prag und im Territorium, die kulturellen und künstlerischen Austauschbeziehungen zu anderen europäischen Höfen wie der beständige Transfer von Ideen, Dingen und Personen zwischen den Machtzentren der Frühen Neuzeit ein umfassendes Potential für weitere Forschung bieten – an Quellen mangelt es nicht. In der Abschlussdiskussion wurde es als sehr lohnenswert erachtet, Territorium und Hof um 1600 in einem größeren, mehrgliedrigen Forschungsvorhaben zu bearbeiten. Es ist geplant, die Vorträge in einem Sammelband zu publizieren.

Konferenzübersicht:

Festvortrag
Brage Bei der Wieden (Wolfenbüttel): Die Repräsentation von Herzog, Hof und Herrschaft im Trauerzug von 1613

Führung: Altstadt und Hauptkirche (Jochen Bepler)

Konzert: Capella de la Torre: Ein Förderer der höfischen Musik – Herzog Heinrich Julius (Einführung Arne Spohr)

Landesherr und Reichspolitik
(Moderation Ulrike Gleixner)

Arnd Reitemeier (Göttingen): Das Herzogtum Braunschweig-Wolfenbüttel und seine politische Position in (Nord-) Deutschland

Václav Buzek (Budweis): Heinrich Julius von Braunschweig-Wolfenbüttel am Prager Kaiserhof

Holger Th. Gräf (Marburg): Gab es den typischen norddeutschen protestantischen Fürsten um 1600?

Matthias Meinhardt (Wolfenbüttel / Halle): Imagebildung und Normsetzung. Die Funeralliteratur auf Herzog Heinrich Julius von Braunschweig Wolfenbüttel

Stadtrepublikanismus und Fürstensouveränität
(Moderation Werner Arnold)

Henning Steinführer (Braunschweig): Herzogtum ohne Hauptstadt. Die Auseinandersetzungen zwischen den Herzögen und der Stadt Braunschweig um 1600

Brage Bei der Wieden (Wolfenbüttel): Heinrich Julius im Konflikt mit den Landständen

Christian Lippelt (Wolfenbüttel): Amtshaushalte – Grundlage des frühneuzeitlichen Fürstenstaates am Beispiel Braunschweig-Wolfenbüttels

Repräsentatives Bauen und Kunst
(Moderation Brage Bei der Wieden)

Barbara Uppenkamp (Hamburg): Heinrich Julius als Bauherr

Jochen Luckhardt (Braunschweig): Herzog Heinrich Julius im Bildnis. Tradition und Innovation

Anja K. Ševcík (Prag): Deutsche Künstler im rudolfinischen Prag

Matthias Bollmeyer (Jever): Lateinische Gelegenheitsgedichte für Herzog Heinrich Julius von Braunschweig-Lüneburg und seine Familie

Gelehrter und Dramatiker
(Moderation Ulrike Gleixner)

Carsten Nahrendorf (Wolfenbüttel): Caselius an Heinrich Julius. Zum Quellenwert von Humanistenbriefen und Vorreden

Florent Gabaude (Limoges): Die Dramen des Herzogs Heinrich Julius am Schnittpunkt von Historie und literarischer Überlieferung

Petra Feuerstein-Herz (Wolfenbüttel): Heinrich Julius und die Alchemie – Spurensuche in Wolfenbüttel und Prag

Höfische Kultur und Wissenschaften
(Moderation Werner Arnold)

Merio Scattola (Padua): Politische Theoriebildung im Umkreis von Herzog Heinrich Julius

Mara Wade (Champaign): Kulturtransfer durch Herzogin Elisabeth von Dänemark

Arne Spohr (Bowling Green): „Ein besonderer Liebhaber, Defensor, Patron und Befürderer der edlen Music“: Herzog Heinrich Julius als Musikmäzen

Ulrike Gleixner (Wolfenbüttel): Ausblick und Schlussdiskussion

ZitierweiseTagungsbericht Herzog Heinrich Julius von Braunschweig-Lüneburg (1564–1613): Politiker und Gelehrter mit europäischem Profil. 06.10.2013–09.10.2013, Wolfenbüttel, in: H-Soz-Kult, 03.01.2014, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=5159>.

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