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Diderot und die Macht – Diderot et le pouvoir

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Isabelle Deflers, Historisches Seminar, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Datum, Ort:28.10.2013, Freiburg im Breisgau

Bericht von:
Andreas Eder / Konrad Hauber / Anna Pevoski, Historisches Seminar, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
E-Mail: <andreas.ederpluto.uni-freiburg.de>; <konrad.haubergeschichte.uni-freiburg.de>; <anna_pevoskit-online.de>

Denis Diderot, der in diesem Jahr seinen 300. Geburtstag feiert, wird als Philosoph, Erzähler, Essayist und nicht zuletzt als Herausgeber der Encyclopédie gewürdigt. Als politischer Denker hingegen steht er oft im Schatten anderer französischer Aufklärer wie etwa Montesquieu und Rousseau, was vor allem daran liegen mag, dass Diderot keine systematische politische Schrift hinterlassen hat. Erst durch die Entdeckung seines Nachlasses sowie die Neuinterpretation publizierter Schriften wurden Ansätze von Diderots politischem Denken überhaupt bekannt. Darum lautete das Desiderat der Freiburger Tagung, Diderots Haltung zu Macht und Politik mithilfe der sich interdisziplinär ergänzenden Perspektiven von Geschichts- und Literaturwissenschaft herauszuarbeiten.

GERHARDT STENGER (Nantes) widmete sich in seinem Vortrag Diderots Beitrag zu Raynals Geschichte beider Indien. Diderot habe als wichtigster Mitarbeiter bei Raynals Histoire philosophique et politique des établissements et du commerce des Européens dans les deux Indes dem Werk den letzten Schliff gegeben und es durch seinen aufklärerischen Antikolonialismus deutlich radikalisiert. In klaren Worten habe Diderot eine als despotisch wahrgenommene Herrschaft in Europa und Unterdrückung in den Kolonien kritisiert. Diese Haltung sei zum einen in Diderots Reise nach Russland an den Hof Katharinas II. begründet, die ihm jegliche Illusionen bezüglich einer Reformierbarkeit monarchischer Herrschaft genommen habe, und liege andererseits am Sturz des reformfreudigen Ministers Turgot, der ihn aller Hoffnungen auf Veränderungen in Frankreich beraubte. Diderot, der die koloniale Fremdherrschaft als Sklaverei anklagte, forderte die von ihm teils primitivistisch wegen ihrer Naturnähe und ihrer Unberührtheit mit christlichen Gewissensvorstellungen gelobten Kolonisierten zu Flucht und Widerstand gegen die Kolonialisten auf. Die Lage in den Kolonien zu untersuchen, habe zugleich dazu gedient, Kritik an den europäischen Verhältnissen zu üben. Diderot, der von den Nachrichten der Amerikanischen Unabhängigkeitserklärung bestärkt wurde, habe naturrechtlich konstatiert, dass ein unglückliches Volk sich seines Herrschers zu entledigen habe, weswegen Frankreich dem amerikanischen Vorbild nacheifern sollte. Damit sei der Philosoph nicht mehr Berater der Herrschaft, wie mit Katharina II., sondern trete dem Monarchen, in diesem Fall Ludwig XVI., direkt als Herausforderer gegenüber.

Um das europäische Staatensystem 1713-1786 und Diderots Haltung zu selbigem drehte sich der anschließende Vortrag von SVEN EXTERNBRINK (Heidelberg). Diderot habe als erste große Kriege den Polnischen Erbfolgekrieg 1733-1738 und den Österreichischen Erbfolgekrieg 1740-1748 erlebt. Weder diese beiden Konflikte noch der Siebenjährige Krieg 1756-1763 schlügen sich ausführlich in Diderots Werk nieder. Da er keine historiographischen Schriften zum Zeitgeschehen verfasst habe, sondern eher abstrakt philosophisch argumentiert habe, entstünde vordergründig der Anschein, Diderot hätte sich nicht sonderlich für Tagespolitik interessiert. Dass er diese aber sehr wohl wahrgenommen habe, bewiesen seine redaktionellen Tätigkeiten bei der Encyclopédie. Als Beispiel könne der von Jaucourt stammende Artikel über den Krieg angeführt werden, in welchem dieser scharfe Kritik an der Sinnlosigkeit des Krieges übe. Diderot sei der Ansicht gewesen, dass der Mensch durch Gesellschaft und Religion korrumpiert würde und deswegen wieder zu seiner wahren positiven Natur zurückkehren müsse. Jedoch ziehe Diderot bei aller Kritik eine positive Bilanz des Wandels der Kriege. Nach dem Siebenjährigen Krieg sah er gewaltsame zwischenstaatliche Konflikte zunehmend aus Europa verbannt und erwartete, dass dynastische Auseinandersetzungen durch internationale Handelskriege ersetzt werden würden. Hierin könne man durchaus eine europäische Reaktion auf die zunehmende Globalität europäischen politischen Handelns in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts sehen. Dass Diderot nun keinerlei theoretische Beiträge zur Durchsetzung des Friedens in der internationalen Politik geliefert hat, liege weniger daran, dass er kein Systematiker gewesen sei, sondern auch an seiner Weigerung, Kriege überhaupt als politische Option zu betrachten. Diderots pazifistisches Denken stünde somit in der Tradition des Humanismus, der bei ihm aber von jeglichen theologischen Wurzeln gelöst sei und nunmehr anthropologisch begründet werde.

Über Diderots Auseinandersetzung mit Tahiti, die Europa im Spiegel einer außereuropäischen Gesellschaft zeige, referierte anschließend THEO JUNG (Freiburg). In Diderots Supplément au voyage de Bougainville von 1772 ließe sich einerseits eine Konfrontation mit einer fremden Gesellschaft als Auseinandersetzung mit der eigenen erkennen, zum anderen zeige sich darin exemplarisch eine für Diderots Werk typische Untrennbarkeit von Form und Inhalt. In der Vorgeschichte zu jener Schrift zeigte Jung die durch erste Berichte von Bougainvilles Entdeckung Tahitis genährte Faszination für jene Insel beim Pariser Publikum. Diderot griff dieses Interesse in einem fiktiven Supplement zu Bougainvilles Bericht auf, das er durch einen Dialog zweier Leser einrahmte. In der insularen Gesellschaft gebe es Diderot zufolge weder Scham noch Schuldgefühle und sie könne deswegen als Gegensatz zur französischen Gesellschaft mit ihren Regulierungen religiöser und moralischer Art gesehen werden. Dennoch verfalle Diderot letztlich nicht in einen rousseauschen Primitivismus, da die vermeintliche Utopie Tahitis sich im Laufe der Auseinandersetzung mit ihr als konfliktbeladen und keineswegs herrschaftsfrei herausstelle. So führe die absolute Priorität der Fortpflanzung dazu, dass es zu sexuellen Gemeinschaftsbildungen und sozialer Ächtung nicht Reproduktionsfähiger käme, was neue Herrschaftsverhältnissen hervorbringe. Die sexuelle Ordnung auf Tahiti büße ihre vordergründige Natürlichkeit ein. Die Grenzen der Übersetzbarkeit des jeweils eigenen kulturellen Vokabulars führten nun dazu, dass die Gesellschaften Tahitis und Europa nicht miteinander verglichen werden könnten und deshalb dessen kulturelles Modell als Vorbild nicht gelten könne. Damit zeige Diderot eine Stimmenvielfalt, was sich nicht auf den Inhalt des Supplements beschränke, sondern eben direkt in dessen Form wiedergefunden werden könne. Anstatt eine einheitliche Perspektive zu präsentieren, liefere er also eine Pluralität der Sichtweisen, ohne eine davon zu privilegieren.

ISABELLE DEFLERS (Freiburg) legte Diderots Auseinandersetzung mit dem „aufgeklärten Despotismus“ Preußens dar. Der im 18. Jahrhundert neue Typus des „aufgeklärten Monarchen“, der sich als erster Diener des Staates verantwortlich für das Wohl seines Volkes zeige, habe in Wirklichkeit diesen Herrschaftsanspruch selten in der Praxis durchgesetzt und vor allem aus Kalkül und Machstreben Reformen veranlasst. Ein Meister der Inszenierung als Philosophenkönig sei Friedrich II. gewesen, der in Diderots Augen aber als Friedenszerstörer gesehen werden müsse. Diderots tiefe Abneigung gegen den preußischen Monarchen habe sich auch aus seiner Frustration über Katharina II. gespeist, nachdem diese seine Reformvorschläge ignoriert hatte. Diderot zeigte Widersprüche im preußischen Regierungssystem auf und sah in Friedrich II. einen tyrannischen Despoten. Der friderizianische Staat sei für ihn ein grausamer Militärstaat gewesen, der voller Mängel und Widersprüche sei und nur dazu diene, die monarchische Macht zu steigern und nicht das Wohl der Untertanen zu gewährleisten. Diderot habe Friedrich II. sogar machiavellistische Züge attestiert. Der Philosoph selbst habe dagegen für ein System plädiert, in welchem die individuelle Ausbildung der Bürger eine fundamentale Rolle spielte. Er habe hier also moderne demokratische Vorstellungen gehegt.

Wie Diderot die erste polnische Teilung 1772 beurteilte, erklärte MARTIN FABER (Freiburg). Die französische Aufklärung habe sich differenziert zu diesem Teilungsvorgang geäußert, der allgemein unter Zeitgenossen – gleich welche politische Sympathien sie hegten – als unerhörtes Ereignis galt; so stand der Perspektive Voltaires, welcher Stanislaw August als reformorientierten aufgeklärten Monarchen nach der Teilung unterstützte, die Ansicht Rousseaus gegenüber, der sich stattdessen für die Adelsopposition öffentlich einsetzte. Bei Diderot selbst fänden sich wiederum nur wenige direkte Aussagen über die Teilung und deren Folgen, am ehesten in den Mémoires pour Catherine II. Er hebe vor allem hervor, dass ein Monarch nicht das Recht habe, seine Bevölkerung umzusiedeln und absolut über sie zu bestimmen. Seine Herrschaft müsse klar begrenzt werden. In diesem Bild folge Diderot Rousseaus Konzeption von Macht. In Polen aber hätten auch die Adligen despotisch über die Bauern geherrscht und so hätte Polen auf derselben Stufe wie die anderen europäischen Staaten gestanden. Damit stimme Diderot mit Voltaires Meinung überein, dass Polen selbst an der Teilung Schuld sei. Dennoch sei diese Teilung aus Diderots Perspektive ein herrschsüchtiges Verbrechen der Nachbarn Polens gewesen, das zu verurteilen sei. Seine Ablehnung der Teilung sei also despotismuskritisch motiviert – aus eben dieser Motivation heraus konnte Diderot den Vorzustand jedoch nicht für besser befinden.

THOMAS KLINKERT (Freiburg) verschob in seinem Vortrag zu Diderots subversiver Ästhetik die Perspektive hin zu jener der Literaturwissenschaft. Dazu untersuchte der Romanist Diderots vielleicht innovativsten Texte, Jacques le fataliste et son maître sowie Le neveu de Rameau. Diese Werke las Klinkert einerseits als Texte über soziale Hierarchien, also Machtverhältnisse, andererseits als Reflexionen zur Rolle der Kunst in einem Zeitalter beginnender funktionaler Ausdifferenzierung der Gesellschaft, in deren Folge – nach Luhmann – die autonom gewordenen Funktionssysteme nicht mehr hierarchisierbar seien. Diderot sei ein Seismograph jener beginnenden Veränderung gewesen, an der sein Schreiben selbst Anteil gehabt habe. In Le neveu de Rameau stelle Diderot eine Künstlerfigur mit Distanz zu sich selbst vor, die gerade durch ihre Widersprüchlichkeit die Wahrheit erst hervortreten lasse. Die amoralische Haltung der Titelfigur, ihre Trennung moralischer und ästhetischer Qualitäten sowie ihre Abkehr von der überlieferten Ästhetik mache sie zu einer Vorwegnahme der Figur des autonomen modernen Künstlers. Mit dieser emblematischen Figur des künstlerischen Scheiterns, dem Künstler ohne Werk, liefere Diderot die Grundzüge einer doppelt subversiven modernen Kunst: Diese sei sowohl subversiv gegenüber tradierten Machtverhältnissen als auch gegenüber sich selbst. Bei Jacques le fataliste wiederum handele es sich um einen Text, der seine Textualität selbst thematisiere, da im Wesentlichen das Erzählen darin erzählt werde. Der Leser, der ebenso wie der Herr der Titelfigur als ein hinderlicher Faktor beim Erzählen erscheine, sei für dieses zugleich notwendig. Damit werde die Aufmerksamkeit des Lesers von der Erzählung auf den Akt der Narration verschoben. Diese Reflexion über die Mechanismen des Erzählens in Form einer Störung der Erzählung sei ein weiterer Zug von Diderots subversiver Ästhetik am Beginn der Moderne.

MICHEL KERAUTRET (Paris) kehrte im letzten Vortrag der Tagung zum Thema Außenpolitik zurück. Speziell widmete er sich der Frage nach der Haltung Diderots gegenüber der amerikanischen Revolution. Den Standpunkt des Philosophen und Schriftstellers zur Zeit des Unabhängigkeitskonflikts, der in etwa dessen letzte zwanzig Lebensjahre umfasste, charakterisierte er als den eines gereiften und weitsichtigen Beobachters, der nach der kräftezehrenden Arbeit an der Encyclopédie zwar von unmittelbarem politischen Engagement Abstand genommen und sich zurückgezogen habe, in dieser Phase aber intellektuell umso produktiver gewesen sei. Insbesondere habe sich Diderot in einer Zeit rascher Umbrüche in Frankreich rege für die Politik nicht nur des eigenen Landes, sondern auch anderer Staaten interessiert, wie aus seiner privaten Korrespondenz, aber auch aus anonymen Veröffentlichungen hervorgehe. Auf die Ereignisse in Nordamerika sei er durch die Übersetzungstätigkeit eines Freundes früh aufmerksam geworden, und habe ihren Folgenreichtum für Europa auch schon bald vorhergesehen. Seine Bewertung sei dabei nuanciert ausgefallen. Einerseits habe er sie im Lichte des für ihn höchst bedeutsamen Gegensatzes zwischen Freiheit und Despotismus gelesen und folglich heftige Kritik an der Besteuerungspolitik, der Korruption und der Dekadenz der englischen Monarchie geübt. Die amerikanischen Kolonien habe er als Opfer einer Unterdrückung bezeichnet, die noch schlimmer als die eines Tyrannen sei, da sich in einer „nation despote“ die Schuld auf die gesichtslose Menge verteile. So habe er sich nach anfänglicher Zurückhaltung später auch klar für eine französische Beteiligung am Unabhängigkeitskrieg ausgesprochen. Andererseits habe er auch die entstehenden Vereinigten Staaten durchaus mit Skepsis betrachtet. Denn sein Bild der Kolonialisten in Nordamerika sei auch von seinen generellen Positionierungen gegen Kolonialismus und Sklaverei, sowie seiner Wachsamkeit gegenüber religiösem Fanatismus geprägt gewesen. Vorrangig habe er die Entwicklung Nordamerikas besonders in Hinblick auf ihre potentielle Vorbildfunktion für andere Revolutionsbewegungen aufmerksam verfolgt.

Die interdisziplinäre Tagung konnte aus unterschiedlichen Fachperspektiven zahlreiche Stränge von Diderots Denken über Macht und Politik herausarbeiten, darunter etwa die Transnationalität und Globalität der Felder, denen sich der Aufklärer vor allem nach dem Siebenjährigen Krieg widmete. Dass eine originelle, aufgeklärte Auffassung von Macht sowohl Form als auch Inhalt seiner Werke bestimmte, zeigten die Referent/innen ausnahmslos. Damit konnte deutlich gemacht werden, dass Diderot, gerade in seinem Jubiläumsjahr, endlich stärker als der politische Aufklärer gesehen werden muss, der er war.

Konferenzübersicht:

Isabelle Deflers (Freiburg):Begrüßung und Einführung

Gerhardt Stenger (Nantes): Diderots Beitrag zu Raynals Geschichte beider Indien: Das erste Donnergrollen der Revolution

Sven Externbrink (Heidelberg): Diderot und das europäische Staatensystem

Theo Jung (Freiburg): Diderot und Tahiti: Europa im Spiegel einer außereuropäischen Gesellschaft

Isabelle Deflers (Freiburg): Diderots Auseinandersetzung mit dem „aufgeklärten Despotismus“ Preußens

Martin Faber (Freiburg): Diderots Kritik der ersten polnischen Teilung 1772

Thomas Klinkert (Freiburg): Diderots subversive Ästhetik: Le neveu de Rameau und Jacques le fataliste

Michel Kerautret (Paris): Diderot et la Révolution américaine

ZitierweiseTagungsbericht Diderot und die Macht – Diderot et le pouvoir. 28.10.2013, Freiburg im Breisgau, in: H-Soz-Kult, 11.12.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=5134>.

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