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Religion und Geschlecht. Epochenübergreifende Perspektiven

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Arbeitskreis für Historische Frauen- und Geschlechterforschung e.V. (AKHFG), Sektion Mitte
Datum, Ort:11.10.2013, Jena

Bericht von:
Ole Fischer, Landesarchiv Baden-W├╝rttemberg/Archivschule Marburg
E-Mail: <o-figmx.de>

Am 11. Oktober 2013 lud die Sektion Mitte des Arbeitskreises für Historischen Frauen- und Geschlechterforschung e.V. (AKHFG) zu ihrer diesjährigen Jahrestagung nach Jena. Mit dem Thema „Religion und Geschlecht. Epochenübergreifende Perspektiven“ hatten die Organisatorinnen vom Lehrstuhl für Geschlechtergeschichte der Universität Jena die Tagung einem Forschungsbereich gewidmet, der in den letzten Jahren zunehmend Interesse weckt. Sowohl in der Theologie als auch in den Geschichtswissenschaften und weiteren Geistes- und Sozialwissenschaften wurden und werden Forschungen unternommen, die sich dem Zusammenhang von Religion und Geschlecht auf verschiedene Weise nähern. So werden etwa die erweiterten Handlungsräume analysiert, die sich Frauen durch Aktivitäten im religiösen Bereich geboten haben.[1] Es wird der Einfluss von religiösen Traditionen auf Geschlechterordnungen zu verschiedenen Zeiten untersucht.[2] Oder es wird mit eher praxisorientiertem Ansatz der Beitrag religiöser Bildung zu vergeschlechtlichten Identitäten diskutiert.[3] Die Jahrestagung des AKHFG bot Forscherinnen und Forschern, die in diesem Bereich tätig sind, ein Forum zur Diskussion ihrer Projekte.

Nachdem die Tagung von Gisela Mettele (Jena) eröffnet worden war, skizzierte JULIA A. SCHMIDT-FUNKE (Jena) den gegenwärtigen Forschungsstand zum Thema „Religion und Geschlecht“ und stellte bisherige Ergebnisse, Thesen, aber auch Desiderate vor. Als Querschnittsthema sei es dazu geeignet, sowohl epochen- als auch religions- bzw. konfessionsübergreifende Fragen zu stellen. Trotz der Fülle an Einzelstudien, die mittlerweile vorliegt, sei dies bisher jedoch zu wenig geschehen, da sich die Mehrheit der Forschungen auf einzelne Epochen und darüber hinaus überwiegend auf das Christentum konzentriere. Auch stehe etwa die Zeitgeschichte bei ihrer Beschäftigung mit dem Thema noch sehr am Anfang. Hier habe zwar der Aspekt „Religion“ in den letzten Jahren stark an Relevanz gewonnen, doch seien entsprechende Forschungen nur wenig in Beziehung zum Aspekt „Geschlecht“ gesetzt worden.

Die Präsentationen der einzelnen Forschungsprojekte waren chronologisch angeordnet. Im Zentrum standen dabei überwiegend Frauen, die über eine Beschäftigung mit religiösen Themen ihren Handlungsbereich erweitern konnten oder dieses zumindest versuchten. So beschäftigte sich KATHARINA MERSCH (Göttingen) in ihrem Vortrag mit der Frage, welche Möglichkeiten und Strategien von Frauen im Mittelalter genutzt wurden, um ihren religiösen Standpunkt in der Öffentlichkeit zu vertreten. Dies tat die Referentin anhand der Beispiele Hildegard von Bingen (1098-1179) und Margaretha Ebner (1291-1351), die beide insbesondere als Kritikerinnen der mittelalterlichen Exkommunikationspraxis hervorgetreten sind. Beide hätten sich auf ihr Gewissen und eine direkte Beziehung zu Gott berufen, um ihre religiösen Überzeugungen zu äußern und offizielle Praktiken der Kirche zu kritisieren. Beide wussten, worüber sie sprachen und waren gut informiert über die theologischen Diskussionen ihrer Zeit. Erst die Argumentation über das eigene Gewissen habe ihnen jedoch die Tür zu einem von Männern dominierten theologischen Diskurs geöffnet.

Anders als bei Hildegard von Bingen und Margaretha Ebner, deren Streben nach Einfluss insbesondere auf den theologischen Bereich und die damit verknüpften religiösen Praktiken abzielte, vermischten sich im frühen 16. Jahrhundert religiöse Überzeugungen auch für Frauen mit politischen Erwägungen. Dies zeigte zunächst ERIK RICHTER (Magdeburg) am Beispiel Annas II. zu Stolberg (1504-1574). Anna II. zu Stolberg wurde 1515 bereits im Alter von 11 Jahren zur Äbtissin des Reichsstiftes Quedlinburg ernannt. Sie habe Sympathien für die Lehren Luthers gehabt, wagte es jedoch zunächst nicht, diese offiziell in ihrem Territorium einzuführen, weil sie ein Eingreifen des katholischen Fürsten Georg von Sachsen (1471-1539) befürchtete, der Schutzherr des Klosters Quedlinburg war. Es vermischte sich im politischen Handeln der Fürstin stets „konfessionell“ geprägte Machtpolitik mit der Inszenierung religiöser Überzeugungen. Letztlich sei es daher heute kaum noch möglich zu beurteilen, ob die Fürstin bis zu ihrer öffentlichen Konversion im Jahr 1539 überzeugte Katholikin geblieben ist. Im Hinblick auf die Einflussmöglichkeiten der Fürstin auf die Entwicklung der Stadt Quedlinburg äußerte Richter die These, dass sie als Landesherrin zwar eine wichtige Akteurin gewesen sei, trotz ihrer reichsrechtlichen Herrschaftslegitimation jedoch nur eine unter mehreren mächtigen Personen gewesen sei.

Die Rolle von Frauen im Kontext der Reformation analysierte auch KONRAD MINKNER (Magdeburg), der sich mit Glaubenswechseln von adligen Frauen im mitteldeutschen Raum im Konfessionellen Zeitalter beschäftigt. In seinem Vortrag konzentrierte sich Minkner auf Ursula von Münsterberg (1491/95-1534), die gemeinsam mit drei weiteren Frauen 1528 aus dem Kloster Freiberg geflohen und von Luther in dessen Haus in Wittenberg aufgenommen worden war. Bereits seit 1523 seien Nonnen aus sächsischen Klöstern geflohen, obwohl es sogar die Möglichkeit gegeben habe, trotz Konversion im Kloster zu bleiben. Weil sich Ursula von Münsterberg aber auch publizistisch betätigte, erfuhr die Klosterflucht von Frauen nun gesteigerte Aufmerksamkeit und zog auch politische Auseinandersetzungen nach sich. Insbesondere im Hinblick auf die politischen Aspekte wurden Parallelen zu den etwa zeitgleich stattfindenden Auseinandersetzungen um Argula von Grumbach (ca. 1492-1568) deutlich. Angesichts dieser bedeutenden Rolle von Frauen in der Frühzeit der Reformation betonte Minkner abschließend, es sei traurig, dass die Bedeutung von Frauen im Hinblick auf die Durchsetzung der Reformation von der Forschung so lange unterschätzt wurde.

Einer anderen Epoche wandte sich MAREIKE SÄCK (Magdeburg) zu. In ihrer Dissertation untersucht die Referentin die Durchsetzung des Pietismus in der Grafschaft Stolberg-Wernigerode, die im Wesentlichen auf Initiative des Grafenpaares vollzogen worden sei. Einen Schwerpunkt ihres Vortrags legte Säck auf die Frage, inwieweit auch die Gräfin Sophie-Charlotte zu Stolberg-Wernigerode (1695-1762) Anteil an der Entfaltung pietistischen Glaubens in der Grafschaft hatte. Auf der Grundlage von umfangreichem Quellenmaterial, unter anderem Tagebücher der Gräfin sowie zahlreiche Korrespondenzen, kam die Referentin zu dem Ergebnis, dass am Hof nicht nur weitgehende Gleichberechtigung bei der Ausführung religiöser Praktiken geherrscht habe, sondern die Gräfin auch auf die Durchsetzung des Pietismus in der Grafschaft großen Einfluss gehabt habe. So habe sie sich beispielsweise darum bemüht, Bekehrungsgeschichten von Einwohnern der Grafschaft zu dokumentieren (davon etwa 90 Prozent Frauen). Auch habe sie zahlreiche Kontakte zu pietistischen Zirkeln unterhalten, unter anderem nach Kopenhagen. Darüber hinaus wollte Sophie-Charlotte in der Grafschaft ein Waisenhaus nach hallischem Vorbild gründen und ließ sich aus Halle religiöses Informationsmaterial schicken. Im Hinblick auf die Frage, ob man von einem spezifischen Wernigeröder Pietismus sprechen könne, stellte sich in der Diskussion erneut heraus, dass sich im 18. Jahrhundert in der Regel keine klaren Grenzen zwischen verschiedenen Arten des Pietismus ziehen lassen, sondern dass vielfach eklektische Mischformen aus verschiedenen Richtungen generiert worden sind.

Ein weiterer Punkt, der in Jena diskutiert wurde, war die Frage, mit welchen Quellen sich Fragestellungen im Spannungsfeld von Religion und Geschlecht erforschen lassen. In diesem Zusammenhang stellte HENDRIKJE CARIUS (Gotha) den Tagungsteilnehmerinnen und -teilnehmern die an der Forschungsbibliothek Gotha angesiedelte Studienstätte zur Kulturgeschichte des Protestantismus vor und beleuchtete dabei insbesondere, in welchen Beständen der Bibliothek Quellen überliefert sind, die sich für geschlechtergeschichtliche Fragestellungen eignen. Die Forschungsbibliothek Gotha gehört zu den bedeutendsten frühneuzeitlichen Gelehrtenbibliotheken Deutschlands. Heute beherbergt sie etwa 4.000 Bände zur Geschichte des Protestantismus sowie unikales Schriftgut in bedeutender Menge, so etwa 25 Prozent aller überlieferten Originalbriefe Luthers. Insbesondere die Nachlässe verschiedener Fürstinnen und Fürsten böten sich für geschlechtergeschichtliche Forschungen an, so Carius. Alle Handschriften können über die Datenbank der Bibliothek recherchiert werden.[4] Carius betonte, dass geschlechtergeschichtliche Forschungsansätze bei den Projekten der Studienstätte Protestantismus gezielt mit einbezogen werden sollen. Sie stellte einige mögliche quellenbasierte Forschungsansätze vor, so etwa eine Analyse des Briefwechsels zwischen der Fürstin Christina von Sachsen-Weimar und dem Theologen Johann Gerhard. Als weiteres mögliches Forschungsfeld thematisierte Carius den Buchbesitz von Frauen in der Frühen Neuzeit. Auch zu dieser Fragestellung ließe sich in Gotha aufschlussreiches Quellenmaterial finden. Es wurde deutlich, dass Forscherinnen und Forscher, die mit geschlechtergeschichtlichem Fokus Nachlässe von adligen Frauen und Männern im Hinblick auf den Aspekt Religion untersuchen wollen, in Gotha umfangreiches Material für ihre Projekte finden können.

Im Anschluss an die Vorträge wurde von Gisela Mettele eine Grußadresse von HANNELORE SCHRÖDER (Leipzig) verlesen, die selbst nicht an der Tagung teilnehmen konnte. In dieser Adresse skizzierte Schröder ihre Überlegungen und bisherigen Unternehmungen zur Gründung der Olympe de Gouges-Stiftung, die auf Schöders Initiative hin mit Sitz in Leipzig aufgebaut werden soll. Im Andenken an Olympe de Gouges, die 1791 die Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin verfasste, verfolgt die gemeinnützige Stiftung das Ziel der Förderung von „Menschenrechten für weibliche Menschen“. Um dieses Ziel umsetzen zu können, rief Hannelore Schröder alle Interessierten zur Mitarbeit in der Stiftung auf.

Insgesamt machte die Tagung erneut deutlich, wie viel Potenzial der Forschungskomplex Religion und Geschlecht hat und wie viele Aspekte aus diesem Zusammenhang noch weitgehend unerforscht sind. Je nachdem, welchen Stellenwert Religion in bestimmten sozialen und historischen Kontexten genoss, konnten Frauen durch eine Beschäftigung mit religiösen Themen ihren politischen und/oder sozialen Handlungsbereich zum Teil erheblich erweitern. Dass Frauen durch eine Teilhabe an theologischen Diskursen häufig sehr viel größeren Einfluss auf religiöse, theologische und kirchliche Entwicklungsprozesse hatten, als dies von der Forschung lange Zeit angenommen wurde, das haben die Vorträge in Jena eindrücklich gezeigt. Solche Forschungen sind wichtig und sollten auch in Zukunft intensiv betrieben werden. Das Potenzial des Forschungskomplexes Religion und Geschlecht ist damit jedoch keineswegs erschöpft. Wie etwa steht es um die Religiosität von Männern und welche Entwicklungen im Verhältnis von Religion und Männlichkeit lassen sich historisch beobachten? Welchen Stellenwert nimmt Religion zu bestimmten Zeiten und in bestimmten sozialen Kontexten bei der Konstruktion von Geschlechtervorstellungen ein? Wie werden bestimmte Frömmigkeitspraktiken bewusst oder unbewusst Teil von Geschlechterdarstellungen im Sinne des Doing Gender? Welchen Einfluss haben unterschiedliche religiöse (also auch nichtchristliche) Traditionen auf Geschlechterordnungen? Diese und zahlreiche weitere Fragestellungen sind ebenfalls keineswegs erschöpfend untersucht, womit abschließend festzuhalten bleibt: Bei der historischen Erforschung des Verhältnisses von Religion und Geschlecht bleibt noch sehr viel zu tun.

Konferenzübersicht:

Gisela Mettele (Jena): Eröffnung

Julia Schmidt-Funke (Jena): Einführung

Katharina Mersch (Göttingen): Hildegard von Bingen und Margaratha Ebner – zwei Kritikerinnen der mittelalterlichen Exkommunikationspraxis

Hendrikje Carius (Gotha): Die Forschungsbibliothek Gotha als Forschungs- und Studienstätte zur Kulturgeschichte des Protestantismus in der Frühen Neuzeit und ihre Bestände. Potentiale und Perspektiven für die frauen- und geschlechtergeschichtliche Forschung.

Erik Richter (Magdeburg): Anna II., eine Äbtissin von Quedlinburg im Widerstreit zwischen Herrschaft und Konfession

Konrad Minkner (Magdeburg): Ursula von Münsterberg. Eine hochadlige Konvertitin verteidigt ihre Klosterflucht

Mareike Säck (Magdeburg): Die Gräfin Sophie-Charlotte zu Stolberg-Wernigerode (1695-1762). Ihr bedeutender Einfluss bei der Einführung und Konsolidierung eines Pietismus „von oben“ in der Grafschaft Stolberg-Wernigerode im 18. Jahrhundert

Grußworte von Hannelore Schröder (Leipzig): „Menschenrechte für weibliche Menschen“. Vorstellung der Olympe-de-Gouges-Stiftung (in Gründung)

Interne Sitzung der Vereinsmitglieder: Austausch über Aufgaben, Initiativen, Probleme der Region Mitte des AKHFG e.V.

Anmerkungen:
[1] So etwa Ruth Albrecht / Anette Bühler-Dietrich / Florentine Strzelczyk (Hrsg.), Glaube und Geschlecht. Fromme Frauen – Spirituelle Erfahrungen – Religiöse Traditionen, Köln/Wien/Weimar 2008.
[2] So etwa Martin Fischer, Männermacht und Männerleid. Kritische theologische Männerforschung im Kontext genderperspektivierter Theologie als Beitrag zu einer Gleichstellung der Geschlechter, Göttingen 2008.
[3] So etwa Antje Roggenkamp / Michael Wermke (Hrsg.), Gender, Religion. Heterogenität. Bildungshistorische Perspektiven gendersensibler Religionspädagogik, Leipzig 2013.
[4] Handschriften, Autographen und Nachlässe (HANS) - Universität Erfurt / Universitäts- und Forschungsbibliothek Erfurt/Gotha , URL: <hans.uni-erfurt.de/hans>‎.

ZitierweiseTagungsbericht Religion und Geschlecht. Epochenübergreifende Perspektiven. 11.10.2013, Jena, in: H-Soz-u-Kult, 04.12.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=5125>.

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