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1. Tagung zur Oldenburgischen Regionalgeschichte: Oldenburg im Ersten Weltkrieg

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Oldenburg
Datum, Ort:25.10.2013, Oldenburg

Bericht von:
Christian Westerhoff, Bibliothek für Zeitgeschichte in der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart
E-Mail: westerhoffwlb-stuttgart.de

Das Weltkriegs-Gedenkjahr 2014 wirft seine Schatten voraus. Bereits in diesem Jahr werden zahlreiche Ausstellungen und Veranstaltungen zum 100jährigen Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges ausgerichtet. Am 25. Oktober 2013 fand in Oldenburg eine Tagung zur Geschichte der Stadt im Ersten Weltkrieg statt, die auch überregional interessante neue Erkenntnisse hervorgebracht hat.

Den Anfang machte JOACHIM TAUTZ (Vechta), der die Erinnerung an den Weltkrieg in Oldenburg in der Zwischenkriegszeit darstellte. Das Erinnern an den Krieg war vor allem in den frühen 1920er-Jahren von großer Bedeutung in der Stadt. So gehörte Oldenburg zu den Gründerzellen des „Stahlhelm. Bund der Frontsoldaten“. Außerdem waren hier zwei Traditionsregimenter stationiert, das Oldenburgische Infanterie-Regiment Nr. 91 und das Oldenburgische Dragoner-Regiment Nr. 19. Das Erstere ist insofern von Bedeutung, als es zeitweilig von Paul von Hindenburg geführt wurde, der die Stadt 1927 als Reichspräsident besuchte. Tautz wies darauf hin, dass die Kriegerdenkmäler – entgegen weitläufiger Annahmen – nicht in erster Linie dem Gedenken an die Gefallenen dienten, sondern dass sie die Opferbereitschaft der Kriegsteilnehmer würdigen sollten. Damit verbunden waren politische Forderungen und Zukunftsvisionen insbesondere des rechten politischen Spektrums.

MARKUS EVERS (Oldenburg) analysierte die soziale Herkunft, den gesellschaftlichen Status und die Selbstwahrnehmung von Unteroffizieren unter anderem aus Oldenburg. Dieser militärische Rang, der eine Zwischenstellung zwischen den einfachen Mannschaften und den Offizieren einnahm, wurde von der Forschung bisher vernachlässigt. Je nach Herkunft und Ambitionen der Unteroffiziere wurde er entweder als Aufstieg oder als unzureichend wahrgenommen.

ALBRECHT ECKHARDT (Oldenburg) stellte dar, wie sich der oldenburgische Landtag in den Jahren 1914-1919 mit dem Krieg auseinandersetzte. Behandelte Themen waren unter anderem der Einsatz von Kriegsgefangenen für die innere Kolonisation (Meliorationsarbeiten im Moor) und die kriegsbedingten Schwierigkeiten der Landwirtschaft. Bemerkenswert ist, dass es während des Krieges kaum zu parteipolitischen Auseinandersetzungen über die Kriegführung kam. Den Grund hierfür sieht Eckhardt darin, dass die SPD-Fraktion im oldenburgischen Landtag nicht zum linken Flügel der Partei gehörte, der den Krieg ablehnte. Der 1914 zwischen den Parteien vereinbarte „Burgfrieden“ reichte soweit, dass 1916 beschlossen wurde, die im selben Jahr stattfindende Landtagswahl solle keinen Einfluss auf die Mandatsverteilung haben. Selbst nach der Novemberrevolution 1918 und dem damit einhergehenden Sturz der Monarchie im Land Oldenburg ging der Großherzogliche Landtag unverändert seinen Geschäften nach und änderte nicht einmal seinen Namen. Wünschenswert wäre ein Vergleich mit den in anderen Landesparlamenten des Deutschen Reichs geführten Diskussionen, um die oldenburgischen Besonderheiten herausstellen und einordnen zu können. Hierfür wäre es sehr hilfreich, wenn die oldenburgischen Landtagsprotokolle digitalisiert würden, wie dies zurzeit für die badischen[1] und württembergischen Protokolle[2] geschieht.

CHRISTIAN WESTERHOFF (Stuttgart) stellte die Sammlungen der Bibliothek für Zeitgeschichte in Stuttgart zum Ersten Weltkrieg vor. Die Bibliothek, die während des Ersten Weltkrieges entstanden ist, besitzt nicht nur Bücher und Zeitschriften zum Thema, sondern verfügt in ihren Sondersammlungen auch über große Bestände an zeitgenössischen Zeitungen, Fotos, Postkarten, Plakaten, Flugblättern, Briefen und Tagebüchern. Teile der Bestände wurden digitalisiert und sind über das Themenportal Erster Weltkrieg online zugänglich.[3] Digitalisierte Tagebücher, unter anderem aus dem ehemaligen Land Oldenburg, geben Einblick in das individuelle Kriegserlebnis. Sie illustrieren, wie unterschiedlich die Kriegsteilnehmer den Krieg wahrnahmen und darstellten, abhängig von Herkunft, Alter, Stellung und Schreibstil. Die Tagebücher werden sowohl als Faksimile des Originals als auch als Transkription angeboten, angereichert mit Hintergrundinformationen. Die Bibliothek wird das Themenportal weiter ausbauen und ist interessiert, ihre Sammlung um weitere Tagebücher zu ergänzen.

Eine lebhafte Diskussion löste der Beitrag von MAREIKE WITKOWSKI (Oldenburg) aus, der der Frage nachging, inwieweit es in Oldenburg zu Beginn des Krieges eine Kriegsbegeisterung gegeben hat. Über einige offizielle Anlässe hinaus hat sie wenige Hinweise dafür gefunden, dass die Oldenburger den Kriegsausbruch freudig begrüßten. Von mehreren Teilnehmern wurde die Frage aufgeworfen, wie es um die Kriegsbegeisterung auf dem Lande stand. Es wurde die Vermutung geäußert, dass viele Bauern wenig erfreut gewesen sein dürften über den Kriegsausbruch, da er in die Erntezeit fiel und somit die Einbringung der Ernte gefährdete. Knechte hingegen, die kein eigenes Land besaßen, hätten in der Einberufung eventuell eine Chance für den beruflichen Aufstieg gesehen. Hier liegt ein Ansatzpunkt für weitere Forschungen, die allerdings mit dem Problem konfrontiert sein könnten, dass große Teile der ländlichen Bevölkerung, insbesondere die unterbäuerlichen Schichten wie Knechte und Heuerleute, nur wenig Quellen hinterlassen haben. Als potentielle Quelle kommt gegebenenfalls die Feldpost in Frage, die während des Ersten Weltkrieges ein Massenphänomen darstellte und von allen Schichten genutzt wurde, um mit den Angehörigen in Kontakt zu bleiben.

Viele Vorträge der Tagung konzentrierten sich entweder auf die Stadt Oldenburg oder nahmen allgemeine historischen Entwicklungen während des Ersten Weltkrieges in den Blick. Das ehemalige Land Oldenburg, das bis 1946 bestand, war jedoch in erster Linie eine stark agrarisch geprägte Region. Zahlreiche Teilnehmer forderten daher, dass die Forschung zukünftig die Erfahrungen und Reaktionen der ländlichen Bevölkerung stärker mit einbeziehen sollte, um ein vollständigeres Bild des Kriegserlebnisses in diesem ehemaligen Teilstaat des Deutschen Reiches zu erhalten. Insbesondere der Beitrag von Albrecht Eckhardt hat gezeigt, dass sich die Verhältnisse im Großherzogtum durchaus von denjenigen in anderen deutschen Staaten unterschieden. Es wäre zu begrüßen, wenn eine weitere Tagung im Jahr 2018 diese Anregungen aufgreifen und sich mit Kriegsende, Revolution und Nachkriegszeit im gesamten Land Oldenburg auseinandersetzen würde.

Konferenzübersicht:

Begrüßung (Dietmar von Reeken)

1. Arbeitssitzung (Moderation: Matthias Nistal)

Joachim Tautz (Vechta): Der Erste Weltkrieg in der Erinnerungskultur der Stadt Oldenburg

Markus Evers (Oldenburg): Oldenburger Unteroffiziere im Ersten Weltkrieg

Albrecht Eckhardt (Oldenburg): Der Erste Weltkrieg in den Oldenburger Landtagsdebatten

2. Arbeitssitzung (Moderation: Dietmar von Reeken)

Martin Teller (Oldenburg): Kriegsaufzeichnungen eines Husaren aus Brake

Christian Westerhoff (Stuttgart): Digitalisierte Tagebücher und andere Quellen zu Oldenburg im Ersten Weltkrieg aus der Bibliothek für Zeitgeschichte, Stuttgart

Mareike Witkowski (Oldenburg): Kriegsbegeisterung allenthalben? Der Beginn des Ersten Weltkrieges in Oldenburg

Gerhard Wiechmann (Oldenburg): „...ein echter deutscher Seemannsfilm“: „Zwei blaue Jungen. Film-Darstellung der Kriegsabenteuer zweier deutscher Schiffsjungen vom Schulschiff des Deutschen Schulschiff-Vereins ´Großherzog Friedrich August´“ (D 1917, Regie Alwin Neuss) als Quelle zur Propaganda im Ersten Weltkrieg.

Schlussdiskussion

Anmerkungen:
[1] <digital.blb-karlsruhe.de/Drucke/nav/classification/792873> (15.11.2013).
[2] <www.wlb-stuttgart.de/sammlungen/alte-und-wertvolle-drucke/bestand/landtagsprotokolle/> (15.11.2013).
[3] <www.wlb-stuttgart.de/sammlungen/bibliothek-fuer-zeitgeschichte/themenportal-erster-weltkrieg/> (15.11.2013).

ZitierweiseTagungsbericht 1. Tagung zur Oldenburgischen Regionalgeschichte: Oldenburg im Ersten Weltkrieg. 25.10.2013, Oldenburg, in: H-Soz-Kult, 29.11.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=5119>.

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