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In eigener Sache: (Politik-)Wissenschaft als erinnerungspolitischer Akteur. 2. Passauer Symposium für Geschichtspolitik

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Arbeitskreis Politik und Geschichte in Kooperation mit dem Vorstand der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft (DVPW)
Datum, Ort:28.06.2013–29.06.2013, Passau

Bericht von:
Susanne Ehrlich, Philosophische Fakultät, Universität Passau
E-Mail: <Susanne.Ehrlichuni-passau.de>

Seit Rainer Eisfelds Veröffentlichung zum Leben von Theodor Eschenburg in der NS-Zeit wird ausführlich die Geschichte der Politologie im Nationalsozialismus sowie die Aufarbeitung dieser Epoche diskutiert. Schon die Podiumsdiskussion beim Kongress der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft (DVPW) im Jahr 2012 in Tübingen zeigte deutlich, dass dies nur der Anfang eines großen Diskurses über das Wirken deutscher Nachkriegspolitologen in der Zeit des Nationalsozialismus sein kann. Um diese Debatte fortzuführen luden der Arbeitskreis Politik und Geschichte in Kooperation mit dem Vorstand der DVPW und der Universität Passau zum Zweiten Passauer Symposium Geschichtspolitik ein, um neue Zugänge über den disziplinären und inhaltlichen Umgang mit Elitenkontinuitäten des NS-Regimes intensiv und quellennah zu diskutieren. Den Rahmen für das Symposium bildete die Diskussion um den Theodor-Eschenburg-Preis der DVPW und das Wirken des Namensgebers vor 1945. Die Referate führten zu einer breiten inhaltlichen Diskussion des Themas. Aus interdisziplinärer Perspektive wurde nach Antworten gesucht, welche Kriterien es uns ermöglichen, das Wirken eines Faches während der Diktatur zu beurteilen.

Mit ihrem Vortrag „Aufarbeitung wissenschaftlicher Fachgeschichte nach der Diktatur – im Kontext von Transitional Justice“ eröffnete ANJA MIHR (Utrecht) die Vortragsrunde. Aus der Perspektive der Forschung zur Transitional Justice machte sie deutlich, dass Transitionsprozesse nach Terrorregimen lang dauern würden, insbesondere auch deshalb, weil verbindliche Definitionen von Täterschaft und Opfersein nicht existierten. Zudem müsse als Vorbedingung zur Transitional Justice auch die Bereitschaft einer breiten Bevölkerungsschicht vorliegen, sich der Vergangenheit zu stellen.

MATTHIAS BERG (Berlin) setzte sich mit seinem Beitrag „Geschichtswissenschaft und die Last der Vergangenheit“ mit der Frage auseinander, wie deutsche Historiker diese „Last“ ihrer disziplinären wie jeweiligen biographischen Vergangenheit in eine zeitgenössisch tragfähige Geschichtsschreibung umwandelten. Er stellte die mühsame Art und Weise, in der sich die deutsche Historiographie mit ihren Verstrickungen in den Nationalsozialismus befasste in den Fokus seines Vortrags und zeigte, wie schwer es der Geschichtswissenschaft über Jahrzehnte gefallen sei, die eigene Vergangenheit aufzuarbeiten. Noch jüngste Kontroversen belegten, dass dieser Prozess noch in vollem Gange sei.

Im Anschluss an Bergs Vortrag folgte als nächstes eine von SONJA BEGALKE (Münster) und CLAUDIA FRÖHLICH (Berlin) gemeinsam gehaltene Präsentation mit dem Titel „Der halbierte Rechtsstaat. Überlegungen zur Zeitgeschichte personeller Kontinuitäten von NS-Eliten in der Bundesrepublik“. Mit dem Schlagwort des „halbierten Rechtsstaats“ bezogen sich die Vortragenden darauf, dass es in der Nachkriegszeit nicht mit der Schaffung eines formalen materialen Rechtsstaats getan war. Der Beitrag betonte die langwierige Habitualisierung von neuen Werten, da in der Nachkriegszeit nicht sogleich die neuen Werte der BRD von allen verinnerlicht worden waren.

Anschließend referierte GERHARD GÖHLER (Berlin) zum Thema „Die deutsche Politikwissenschaft und der Nationalsozialismus“. Göhler konzentrierte sich in seinem Vortrag explizit auf die Geschichte der Politikwissenschaft. Er stellte die Frage, inwieweit eine disziplinäre Vergangenheit der Politikwissenschaft vorhanden sei. Nach der Erarbeitung gebräuchlicher Kriterien, die ermöglichen, Politikwissenschaft als solche zu identifizieren und einer Darstellung von institutionellen Gebilden im nationalsozialistischen Deutschland kam Göhler zu dem Schluss, dass es neben der Politikwissenschaft im Exil auch, im Anbetracht der Relationen, in Deutschland zur NS-Zeit eine Politikwissenschaft gegeben habe.

Stärker in die Politikbegriffe und -konzeptionen nach 1945 führte der Abendvortrag von HELMUT KÖNIG (Aachen). Über interne Entwicklungen und Leistungen einzelner Nachkriegspolitikwissenschaftler deckte er auf, dass die Politikwissenschaft durchaus einen Beitrag zur Aufarbeitung der Vergangenheit geleistet habe. Während für Politikwissenschaftler der ersten Generation der Begriff der Politik eher auf Moral und Humanität begründet worden sei verstünden folgende Generationen die NS-Analyse als Kapitalismus- und Klassenanalyse. Jedoch betonte König auch die Begrenzungen im Demokratie- und Politikverständnis, die in enger Verbindung mit der geringen Beachtung der Shoah stünden. An diesem Eskapismus gegenüber dem Nationalsozialismus habe die gesamte Politikwissenschaft ihren Anteil.

Das Themenfeld „Vergangenheit, Erinnerung, Entscheidung: auf der Suche nach Maßstäben der Orientierung“ gab einen Einstieg in die nachfolgende Podiumsdiskussion. JOACHIM PERELS (Hannover) setzte in seinem Vortrag „Wer ist würdig, erinnert zu werden? Konflikte um Namensgebungen“ mit der grundlegenden Frage nach Kriterien auseinander, um Personen durch Namensgebungen hervorheben zu dürfen. Anhand von Beispielen zeigte er auf, dass klare Kriterienkataloge weder zur Namensgebung noch zur Umbenennung von öffentlichen Orten usw. bestünden. Er hob zudem die Folgen einer Umbenennung hervor, da sie immer mit einer gesellschaftlichen Aberkennung einer Leistung einher gehe.

Die abschließende Podiumsdiskussion mit Gabriele Abels (Tübingen) Joachim Perels (Hannover), Anne Rohstock (Luxemburg) und Harald Schmid (Kiel) unter der Leitung von Christian Thies (Passau), widmete sich explizit der Frage nach der Namensgebung des Theodor-Eschenburg-Preises. Zunächst wurden mit der Einbeziehung des Publikums zwar die allseits bekannten Argumente ausgetauscht, doch lösten sich die Fronten in der sehr offenen Diskussion. Grundsätzlich wurde deutlich, dass wir weitere historische Fakten zu Eschenburgs Person wie auch seinem Handeln benötigen, um eine abgewogene Entscheidung treffen zu können. Allerdings bestand auch darin breiter Konsens, dass wir auch dann kein abschließendes Urteil treffen können, wenn die von Bernd Wendts geplante Biographie vorliegen wird. Von dieser Basis ausgehend wurden als Ergebnis der Diskussion Handlungsalternativen für den DVPW-Vorstand formuliert.

Insgesamt darf die Tagung als voller Erfolg gelten: Das von Abels anvisierte Ziel der Veranstaltung, „Brücken zu bauen statt Gräben zu vertiefen“, konnte dadurch erreicht werden, dass sich Lösungswege im Umgang mit dem Eschenburg-Preis der DVPW abzeichneten. Insbesondere einer der Vorschläge, ein Moratorium des Preises, wurde von fast allen Teilnehmenden als akzeptable Herangehensweise angesehen. Die Bedeutung dieses Passauer Symposiums für Geschichtspolitik für das kollektive Gedächtnis der deutschen Politikwissenschaft ist deshalb nicht zu unterschätzen, weil hier nach den DVPW-Kongressen in Hannover (1991) und Tübingen (2012) zum dritten Mal ausführlich die Geschichte der Disziplin im Nationalsozialismus sowie die Aufarbeitung dieser Epoche verhandelt wurden.

Konferenzübersicht

Begrüßung
Horst-Alfred Heinrich (Passau), Arbeitskreis Politik und Geschichte; Wolfgang Hau (Passau), Vizepräsident der Universität Passau; Gabriele Abels (Tübingen), Vorsitzende der DVPW

Einführung in das Tagungsthema
Nina Leonhard (Hamburg)

Wissenschaft und Diktaturerfahrung

Anja Mihr (Utrecht): Aufarbeitung wissenschaftlicher Fachgeschichte nach der Diktatur

Matthias Berg (Berlin): Geschichtswissenschaft und die Last der Vergangenheit

Politikwissenschaft: Vergangenheit und Gegenwart des Kontinuitätsproblems

Gerhard Göhler (Berlin): Die deutsche Politikwissenschaft und der Nationalsozialismus

Sonja Begalke (Münster), Claudia Fröhlich (Hannover): Der „halbierte Rechtsstaat“. Überlegungen personeller Kontinuitäten zur Zeitgeschichte von NS-Eliten in der Bundesrepublik

Helmut König (Aachen): Kontinuitäten des Denkens: Politikbegriffe in der Politikwissenschaft nach 1945

Joachim Perels (Hannover): Wer ist würdig, erinnert zu werden? Konflikte um Namensgebungen

Podiumsdiskussion:
Fachvergangenheit und Fachvertreter: Aufklärung, Bewertung und Konsequenzen

Moderation: Christian Thies (Passau)

Gabriele Abels (Tübingen); Joachim Perels (Hannover); Anne Rohstock (Luxemburg); Harald Schmid (Kiel).

ZitierweiseTagungsbericht In eigener Sache: (Politik-)Wissenschaft als erinnerungspolitischer Akteur. 2. Passauer Symposium für Geschichtspolitik. 28.06.2013–29.06.2013, Passau, in: H-Soz-u-Kult, 21.11.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=5113>.

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