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Weltvorstellungen im Widerstreit? Spannungsfelder zwischen säkularen und religiösen Überzeugungen

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Graduiertenklasse „Säkularitäten: Konfigurationen und Entwicklungspfade“, Graduiertenzentrum Geistes- und Sozialwissenschaften, Universität Leipzig
Datum, Ort:27.09.2013–28.09.2013, Leipzig

Bericht von:
Beate Backe / Maria Jakob / Susanne Kimmig-Völkner / Stephan Kokew, Universität Leipzig
E-Mail: <beate.backeuni-leipzig.de>; <maria.jakobuni-leipzig.de>; <susanne.kimmig-voelkneruni-leipzig.de>; <stephan.kokewuni-leipzig.de>

Die Graduiertenklasse „Säkularitäten: Konfigurationen und Entwicklungspfade“ an der Universität Leipzig lud am 27. und 28. September 2013 zur Tagung „Weltvorstellungen im Widerstreit? Spannungsfelder zwischen säkularen und religiösen Überzeugungen“ ein. Analog zum Motto der Universität „Aus Tradition Grenzen überschreiten“ widmete sich die interdisziplinär ausgerichtete Tagung vielfältigen Grenzziehungen zwischen Säkularem und Religiösem. Das aus europäischer Perspektive als spannungsreich postulierte Verhältnis zwischen diesen beiden Sphären galt es, durch Blicke in außereuropäische und vormoderne Kontexte zu hinterfragen. Dazu traf sich in Leipzig eine Gruppe von jungen Wissenschaftlern aus Europa und Nordamerika.

In ihrem Impulsvortrag setzte sich MONIKA WOHLRAB-SAHR (Leipzig) zunächst mit dem Titel der Tagung auseinander. „Weltvorstellungen“ erläuterte sie als Weltbilder mit grundlegendem, holistischem Anspruch, die oft in Bezug zu Transzendenzen stehen. Die „Spannungsfelder zwischen säkularen und religiösen Überzeugungen“ könnten, müssten sich dabei aber keineswegs entlang konkurrierender Weltsichten entwickeln. Daran anschließend empfahl Wohlrab-Sahr drei analytische Perspektiven für die Betrachtung dieser Spannungen: zum Ersten den Blick auf gegenwärtige globale Entwicklungen, die Konflikte zwischen religiösen und säkularen Weltsichten wahrscheinlicher machen, wie die „Migration der Religion“, die Spannung zwischen Religion als Glaube und Religion als kulturelles Erbe, globale Menschenrechtspolitiken sowie die „säkulare Kondition“. Zum Zweiten den Blick auf unterschiedliche gesellschaftliche Settings, die als dominante Normierungen das Konfliktfeld säkular / religiös mit prägen. Und drittens wies Wohlrab-Sahr auf einige der Konfliktarenen hin, in denen sich der Konflikt manifestieren könne: an den Rändern der gesellschaftlichen Funktionsbereiche, wenn es etwa um die Autonomie der Kunst oder der Wissenschaft gehe, sowie im Recht und in der öffentlichen medialen Kommunikation.

Das erste Panel zu „Identitätskonstruktionen zwischen Säkularität und Religion“ eröffnete HULYA ARIK (Toronto) mit einem Einblick in ihre Feldforschung in den Gated Communities des türkischen Militärs. Die dortigen Spannungen zwischen offiziellem Säkularismus und der religiösen Prägung vieler Familien erörterte sie mit Fokus auf den Umgang mit dem weiblichen Körper. Als „secular affect“ beschrieb Arik die säkularistische Prägung von Emotionen, Räumen und Urteilen im privaten Umgang miteinander, die als „secular bodyscapes“ insbesondere das Tragen eines Kopftuchs regulierten.

Ebenfalls auf eigener Feldforschung beruhte der Vortrag von PETRA KLUG (Leipzig), der sich dem gesellschaftlichen Umgang mit Atheisten in den USA widmete. Als idealtypische Konfliktkonstellation beschrieb Klug dabei die Interaktion eines von der absoluten Wahrheit qua Offenbarung überzeugten Gläubigen mit einem Atheisten, der Religion als menschliches Bedürfnis anerkenne, aber über deren Wahrheitsgehalt zweifele. Während sich dieser Konflikt auf den Feldern von Politik, Schulunterricht, Arbeitswelt und vor allem innerhalb von Familien entzünden könne, zögen es viele Atheisten vor, sich nicht als solche zu „outen“.

Das zweite Panel fragte nach den Beziehungen zwischen Säkularitäten und staatlichen Institutionen. ULRICH BRANDENBURG (Zürich) veranschaulichte den Diskurs über die Religionspolitik Japans zu Beginn des 20. Jahrhunderts, der die säkulare Ausrichtung des Staates als gesellschaftspolitisches Defizit der japanischen Gesellschaft aufgefasst habe. Die säkulare Tradition eines nichtwestlichen Staates sei in der fernöstlichen wie in der westlichen Diskussion als unzureichend betrachtet worden, was sich in der Debatte um die Einführung einer monotheistischen Staatsreligion gezeigt habe. Brandenburg belegte damit recht überzeugend, wie im nichtwestlichen Kontext entstandene säkulare Traditionen zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Opposition zu den eigenen Weltvorstellungen aufgefasst wurden.

THOMAS CLAES (Berlin) thematisierte das Verhältnis zwischen Säkularismen und Institutionen am Beispiel der konfliktreichen gemeinsamen Geschichte der ägyptischen Azhar-Universität und dem ägyptischen Staat. Claes machte deutlich, dass die vielen Versuche diverser ägyptischer Machthaber, die Azhar staatlich zu kontrollieren, die Ausformung fundamentalistischer islamischer Gruppen in Ägypten stark begünstigt hätten, die bis heute jenseits des „offiziellen“ Staatsislams existierten. Gerade die Folgen des „Arabischen Frühlings“ haben Claes zufolge gezeigt, dass säkulare wie auch fundamentalistisch-islamische Weltsichten innerhalb der ägyptischen Gesellschaft eine bedeutende Rolle spielen und auch in der Suche nach einem möglichen Konsens zwischen den verschiedenen Lagern von immensem Belang sind.

Das dritte Panel wandte sich Aspekten des Verhältnisses von Säkularem und Religiösem in Kultur und Wissenschaft der frühen Neuzeit zu. ANTONIA PUTZGER (Berlin) sprach zunächst über die Praxis des Kopierens von Altarbildern in der Frühen Neuzeit. Anhand der Kreuzabnahme Rogier van der Weydens und Dürers Paumgartner Altar zeigte sie die Unmöglichkeit einer klaren Grenzziehung zwischen sakraler und säkularer Funktion auf, was sich unter anderem in der Präsentation in frühneuzeitlichen Kunstsammlungen ausdrückte. So veranschaulichte Putzger ihr Modell eines Ineinandergreifens der Bereiche (säkulare) Kunst und (religiöser) Kult und deren andauernde Interaktion.

JOHANNA REETZ (Halle) ging in ihren Untersuchungen der Frage nach, inwieweit aus archäologischen Befunden von Grabungen in der Wittenberger Altstadt Ableitungen hinsichtlich der Identifikation und Distinktion von Einzelpersonen und sozialen Gruppen vorgenommen werden können. Am ikonographischen Programm von Ofenkacheln zeigte sie, wie sich dieses im 16. Jahrhundert nach der Reformation wandelte und so zur Repräsentation einer konfessionellen Identität der Akteure im sozialen und politischen Bereich diente. Dabei hob auch sie die Interaktion vermeintlich weltlicher und sakraler Bildthemen hervor.

ANNE MARISS (Kassel / Tübingen) beleuchtete aus historischer Perspektive die Frage nach einer Säkularisierung in Johann R. Forsters „Theorie der Erde“ (1798). In ihren Ausführungen beleuchtete sie das dynamische Zusammenspiel von religiösen und säkularen Naturdeutungsmodellen im Bereich der Naturgeschichte. Forsters Vorstellungen vereinten verschiedene der für die Aufklärung typischen Ideen, wie die einer großen Flut und von Vulkanismus, auch habe er göttliches Wirken nicht ausgeschlossen. Mariss konnte darlegen, dass die Naturbeobachtung der ausgehenden Frühen Neuzeit sicherlich säkular geprägt gewesen seien, aber dass Gelehrte wie Forster dabei nicht unbedingt vollkommen auf Gott als einem „Deus ex machina“ für die Entstehung der Welt verzichtet hätten.

Den Abschluss der Tagung im vierten Panel zu Säkularitäten in Religionen eröffnete JAN LEICHSENRING (Erfurt) mit seiner philosophischen Untersuchung zum Naturrecht. Diese befasste sich mit seiner internen Systematik und seiner Ideengeschichte. Leichsenrings Kategorisierung in ein gütertheoretisches und ein personales Naturrecht ermöglichte die Distinktion verschiedener Herleitungen von Menschen- oder Grundrechten. Diese artikulierten verschiedene Weltvorstellungen, die sich sowohl auf religiöse als auch säkulare Begründungen stützen könnten. Also könne Naturrecht sowohl als säkulare Basis für religiöse normative Sachverhalte dienen als auch umgekehrt.

THOMAS HARDTKE (Berlin) analysierte den Diskurs zu Erscheinungen religiösen Wahns im 19. und 20. Jahrhundert. Seine chronologische literaturwissenschaftliche Analyse akzentuierte die sich wandelnde Argumentation verschiedener Akteure seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert. Dabei konstatierte er den wechselseitigen Nutzen, den sowohl Medizin als auch religiöse Institutionen aus der Pathologisierung von religiösen Erscheinungen und Visionen zogen. Hardtke sah den Diskurs nicht als Marker einer linearen Säkularisierung der Medizin, sondern vielmehr einer wellenförmigen Entwicklung dieser.

Die heterogenen Beiträge der interdisziplinären Tagung ermöglichten einen Überblick über Interaktionen zwischen säkularen und religiösen Bereichen in verschiedensten Regionen und Epochen. Der Tagungstitel regte – auch hinter der Folie des Impulsvortrages – zur Diskussion über deren Konflikthaftigkeit an, wobei konstatiert werden konnte, dass Konflikte oft entstehen, aber nicht zwingend sind. Bei der Analyse der Spannungen muss vor allem die zeitliche Perspektive mitgedacht werden. Es scheint, dass in der Gegenwart Konflikte gesteigert auftreten, da tendenziell stärkere Polarisierungsbemühungen zwischen den säkularen und religiösen Bereichen wahrnehmbar anmuten. Für die Rekonstruktion der historischen Begebenheiten zeigten die Beiträge die Wichtigkeit des Infragestellens und Neuverhandelns mittlerweile traditionell festgelegter Grenzziehungen.

Die Auswertung der Vorträge im Plenum ergab auch, dass es sinnvoll, wenn nicht gar notwendig sei, zwischen den Begriffen der prozesshaften Säkularisierung und der Säkularitäten als Zustand zu unterscheiden. So können Säkularitäten durchaus in religiösen Feldern vorkommen, ohne dass auch ein Säkularisierungsprozess abläuft. Die Aufteilung der Panels, die auf die konkrete Sortierung nach Epoche oder Region verzichtete und stattdessen thematisch vorgenommen wurde, trug dazu bei, Konfigurationen von Spannungen sichtbar zu machen und Entwicklungen sowie Pfade aufzuzeigen.

Konferenzübersicht:

Beate Backe (Leipzig): Begrüßung

Gert Pickel (Leipzig): Grußwort und thematische Heranführung

Monika Wohlrab-Sahr (Leipzig): Impulsvortrag – „Weltvorstellungen im Widerstreit?“

Panel 1 – Identitätskonstruktionen zwischen Säkularität und Religion / Constructions of Identities between Secularity and Religion

Hulya Arik (Toronto): ‘Secular’ Bodyscapes and ‘Secular’ Affect: A feminist analysis of the ‘secular’ and the ‘religious’ within Turkish military families

Petra Klug (Leipzig): Religion, Atheism and Secularity in the US. Areas of societal conflict in regard to the perception of atheists

Panel 2 – Säkularitäten und Institutionen / Secularities and Institutions

Ulrich Brandenburg (Zürich): Secularism contested: Japan in the first decade of the 20th century

Thomas Claes (Berlin): Religious Institutions and the Question of Secularism in Egypt

Panel 3 – Religiosität und Säkularität in Kunst und Wissenschaft der Frühen Neuzeit / Religiousness and the Secular in Early Modern Art and Natural Science

Antonia Putzger (Berlin): Kunst und/oder Kult? Das Substitut zwischen religiöser Funktion und Konstitution des Meisterwerks

Johanna Reetz (Halle): Verbildlichung protestantischer Identität im Wittenberger Ofenkachelmaterial

Anne Mariss (Kassel): „Es muß also alles natürlich aus dem ersten rohen Zustande unserer Erde erklärbar seyn…“ – Johann R. Forsters Theorie der Erde (1798) im Spannungsfeld säkularer und theologischer Naturdeutungsmodelle

Panel 4 – Säkularitäten in Religionen / Secularities within Religions

Jan Leichsenring (Erfurt): Gegenwärtige Naturrechtstheorien und ihr Umgang mit Religion und Säkularität

Thomas Hardtke (Berlin): Religiöser Wahn im psychiatrischen und theologischen Diskurs

Abschlussdiskussion

ZitierweiseTagungsbericht Weltvorstellungen im Widerstreit? Spannungsfelder zwischen säkularen und religiösen Überzeugungen. 27.09.2013–28.09.2013, Leipzig, in: H-Soz-u-Kult, 28.10.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=5089>.

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