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The role of objects - creating meaning in situations / Welche Rolle spielen Objekte in religiösen Praktiken?

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:ERC research project: Lived Ancient Religion: Questioning “cults” and “polis religion
Datum, Ort:09.10.2013–11.10.2013, Erfurt

Bericht von:
Weiß Lara, Max Weber Center for Advanced Cultural and Social Studies, Universität Erfurt
E-Mail: <lara.weissuni-erfurt.de>

Im Rahmen des von Jörg Rüpke initiierten Projekts Lived Ancient Religion (LAR) zur religionswissenschaftlichen Grundlagenforschung fand vom 9. bis 11. Oktober im Eisenacher Hotel Haus Hainstein die von Rubina Raja und Lara Weiß organisierte internationale Tagung “The role of objects-creating meaning in situations” statt und war Richard Gordon zum 70. Geburtstag gewidmet.

Hintergrund für die Tagung war die Beobachtung, dass religiöse Objekte in der Antike einen gegenständlichen und visuellen Rahmen für gelebte Religion bildeten. Je nach Situation und Person konnten z.B. dieselben Dinge unterschiedliche Rollen spielen oder auch selbst zu bestimmenden Faktoren von religiösen Handlungen werden. Das Spektrum der Vorträge der Tagung des Max-Weber-Kollegs der Universität Erfurt umfasste jedoch nicht nur die mitteleuropäische Antike, sondern auch den vorderen Orient, Indien und Mesoamerika. Genauso international waren die geladenen Sprecher, die aus zehn Ländern (USA, Frankreich, Niederlande, Schweiz, Spanien Bulgarien, Großbritannien, Italien, Dänemark und Israel) angereist waren und in regen Diskussionen der Frage auf den Grund gingen, wie genau verschiedene Dinge je nach Gebrauchskontext Sinn stifteten und wie sie bestehende Bedeutungen veränderten oder auch verstärkten.

In vier thematischen Folgen wurden jeweils verschiedene Themenkomplexe abgearbeitet. Die erste Sektion „Identifying Objects in Contemporary Discourse“ konzentrierte sich auf den Diskurs verschiedener Objekte. Während PATRICIA MCANANY (Chapel Hill) die unterschiedlichen Bedeutungen von Knochenresten in verschiedenen Grabtypen diskutierte, zeigte IOANNA PATERA (Paris) die Undefinierbarkeit von Opfergaben bzw. eben gerade nicht deren Ersatz auf. Die zweite Sektion „Transferable Meanings in Space and Time“ zeigte den Imperator Augustus als religiöses Objekt (FRANK DAUBNER/Stuttgart) sowie Keramikware, aber auch -scherben als sichtbare Erinnerung an die im Tempel vollzogenen Opfer (ANNA-KATHARINA RIEGER/Erfurt). In der dritten Sektion „Objects, Spaces and Time“ diskutierte RICHARD GORDON (Erfurt) die Rolle von Fluchtafeln und DREW WILBURN (Oberlin) die Bedeutung von Straußeneiern als religiöse Objekte. In „Multiple Meanings“ konnte gezeigt werden, in welchen Situationen und unter welchen Bedingungen Objekte auch verschiedene Bedeutungen annehmen können. Unter anderem gelten solche vielfache Bedeutungen für Opfergaben im Sanktuar der Magna Mater in Ostia (ALISON COOLEY, Warwick), die Gürtelschnalle römischer Soldaten (STEPHANIE HOSS, Sheffield), beim Abendmahl ausgeteiltes Brot/Eucharistie (VOLKER MENZE/Budapest), Textilfigürchen aus Ägypten (KAREN JOHNSON, Ann Arbor), Terrakottas aus Beit Nattif (ACHIM LICHTENBERGER, Bochum), die sogenannten Bankett-tesserae aus Palmyra (RUBINA RAJA, Aarhus) sowie die Amtstracht der jüdischen Hohepriestern (GIDEON BOHAK, Tel Aviv). Die Sektion „Mobility and Immobility as Change Factors“ schließlich ging der Frage nach, ob (Im)mobilität einen konzeptuellen Unterschied im Gebrauch von Objekten macht, was anhand von goldenen Glasmedallions im Grab- bzw. Hauskontext (HALLIE MEREDITH, Dartmouth), der Ikonographie der Göttin Tyche auf phönizischen Münzen (ANDREAS KROPP, Nottingham), dem Banner von Indra im altvedischen Ritual (ANGELIKA MALINAR, Zurich) sowie für feste und bewegliche Hausaltare im römischen Ägypten (LARA WEISS, Erfurt) gezeigt werden konnte. Den Festvortrag hielt FRANCISCO MARCO SIMON (Zaragoza) zu Objekten, die Freundschaftsverträge zwischen Städten religiös symbolisierten.

Die einzelnen Vorträge boten untereinander zahlreiche Anknüpfungspunkte, was sich von Beginn an sehr positiv auf die Dynamik der Diskussionen. Durch verschiedene methodische Ansätze konnte zum Teil bekanntes Material neu definiert und verstanden werden. Es wurden einige Fragen für die weitere Forschung aufgeworfen, z.B. inwieweit man Objekte als Konzept jenseits ihrer Dinglichkeit verstehen könnte. Als wichtigstes Ergebnis der Konferenz darf genannt werden, dass die Bedeutung religiöser Objekte keineswegs statisch ist. Im Gegenteil: die Bedeutungen von Objekten unterscheiden sich nicht nur zwischen den jeweiligen Religionen, sondern können auch innerhalb bestimmter Kulturräume je nach Kontext verschieden sein, da die Objekte von den jeweiligen Akteuren in jeder Situation neu angeeignet werden und sich ihre Bedeutung dabei verändern kann. Damit inspirierte die Konferenz nicht nur alle Teilnehmer, sondern auch die laufende Forschung der Lived Ancient Religion-Mitarbeiter auf allen Ebenen, das heißt sowohl die eher archäologisch ausgerichteten als auch die eher historisch und philologisch ausgerichteten Forschungsprojekte.

Konferenzübersicht

Opening Address by Rubina Raja, Lara Weiss and Jörg Rüpke

1st session: Identifying Objects in Contemporary Discourse

Patricia McAnany (Chapel Hill): Death Becomes Her…Heterodoxic Approaches to Human Remains as a Conduit of Social Memoryand Receptacle for the Soul in Ancient Maya Societies

Ioanna Patera (Paris/Erfurt): Objects as Substitutes in Ancient Greek Rituals

2nd session: Transferable Meanings in Space and Time

Frank Daubner (Stuttgart): Augustus as Religious Object Between Private and Civic Use. The Macedonian Small Town Perspective

Drew Wilburn (Oberlin): An Inscribed Ostrich Eggshell from Berenike, Egypt, and the Intersection of Magic and Religious Space

3rd session: Objects, Spaces and Time

Richard Gordon (Erfurt): Showing the Gods the Way: Curse-tablets as Deictic Persuasion

Anja Klöckner (Gießen): Perpetuated Performance. Ritual Objects – Ritual Agents – Ritual Actions

Anna-Katharina Rieger: Ceramics in use and disuse in sacred context

4th session: Multiple Meanings

Alison Cooley (Warwick): Multiple Meanings in the Sanctuary of the Magna Mater at Ostia

Stephanie Hoss (Sheffield): The Roman Military Belt – an Object Conveying Cumulative Meanings

Volker Menze (Budapest): The Magic of the Eucharist

Karen Johnson (Ann Arbor): Affordances, Intentionality, and the Essence of Objects: Cognitive Approaches to Interpreting Artifacts

Achim Lichtenberger (Bochum): Terracottas from Beit Nattif

Rubina Raja (Aarhus): In and Out of Context(s). The Tesserae from Palmyra and Their Multiple Meanings

Gideon Bohak (Tel Aviv): Materiality, Spirituality and Magic: The High Priestly Vestments and the Golden Plate

Festive Evening Lecture by Francisco Marco Simon

5th session: Mobility and Immobility as Change Factors

Hallie Meredith (Dartmouth): Transforming Gold-Glass Medallions through Contexts of Use: Individual vs. Collective Meaning in the Late Roman Period

Andreas Kropp (Nottingham): The Tyche of Berytus: a Phoenician Goddess on Civic Coinage

Angelika Malinar (Zurich): The Banner of Indra and the Demarcation of Ritual and Aesthetic Practices in Ancient India

Lara Weiss (Erfurt): Moving the sacred – negotiating space Roman houses

Final Discussion

ZitierweiseTagungsbericht The role of objects - creating meaning in situations / Welche Rolle spielen Objekte in religiösen Praktiken? 09.10.2013–11.10.2013, Erfurt, in: H-Soz-Kult, 26.10.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=5087>.

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