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Helmut Claß und die EKD in den 1970er-Jahren

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Lehrstuhl für mittlere und neuere Kirchengeschichte / Reformationsgeschichte, Theologische Fakultät, Humboldt-Universität zu Berlin; Landeskirchliches Archiv Stuttgart
Datum, Ort:20.09.2013, Stuttgart

Bericht von:
Andreas Stegmann, Lehrstuhl für mittlere und neuere Kirchengeschichte / Reformationsgeschichte, Theologische Fakultät, Humboldt-Universität zu Berlin
E-Mail: <andreas.stegmannstaff.hu-berlin.de>

Am 1. Juli 2013 wäre der ehemalige württembergische Landesbischof und Vorsitzende des Rats der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Helmut Claß (1913-1998), 100 Jahre alt geworden. Aus Anlass dieses Geburtstags fand unter der Leitung von ANDREAS STEGMANN (Berlin) und NORBERT HAAG (Stuttgart) eine wissenschaftliche Kurztagung unter dem Titel "Helmut Claß und die EKD in den 1970er-Jahren" statt. Ziel der Tagung war es, die zeitgeschichtliche Forschung zum westdeutschen Protestantismus der 1970er-Jahre durch die Thematisierung einer seiner kirchlichen Leitungspersönlichkeiten und einer seiner zentralen Institutionen voranzutreiben.

In seinem einleitenden Referat gab ANDREAS STEGMANN (Berlin) einen Überblick über das Leben und Werk von Helmut Claß und ordnete beides in die weiteren Zusammenhänge der Geschichte und Kirchengeschichte des 20. Jahrhunderts ein. Claß wirkte vom Ende der 1940er- bis zum Ende der 1970er-Jahre auf unterschiedlichen kirchlichen Arbeitsfeldern und gestaltete dabei zuerst die volkskirchliche Restauration der Nachkriegszeit und dann die volkskirchliche Stabilisierung und Neupositionierung angesichts der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Umbrüche der 1960er- und 1970er-Jahre mit. Die beiden folgenden Referate beschäftigten sich mit Claß in seinen Funktionen als württembergischer Landesbischof (1969-1979) und Vorsitzender des Rats der EKD (1973-1979). SIEGFRIED HERMLE (Köln) zeichnete ein lebendiges Bild der württembergischen Landeskirche in den 1970er-Jahren und würdigte Claß als Vermittler in den zahlreichen die Landeskirche bis an den Rand der Spaltung führenden Konflikten. KARL-HEINRICH LÜTCKE (Berlin) richtete den Blick auf die Ebene des westdeutschen Protestantismus insgesamt und bestätigte, dass Claß auch hier durch seine vermittelnde Rolle und seine biblische Theologie die evangelische Kirche stabilisiert und neu orientiert hat.

Die weiteren Referate beschäftigten sich mehr mit der Institution EKD als mit der Person Claß. Aus der Fülle der zeitgeschichtlich relevanten Themen wurden vier ausgewählt, die bislang wissenschaftlich kaum bearbeitet wurden. CLAUDIA LEPP (München) stellte das Verhältnis von Evangelischer Kirche in Deutschland und Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR (BEK) dar: Nachdem die ostdeutschen Landeskirchen 1969 auf staatlichen Druck hin die EKD verlassen und den BEK gegründet hatten, ging es einerseits darum, dass der BEK seine Eigenständigkeit gegenüber der EKD demonstrierte und sich deshalb in manchen Fragen wie der Ökumene anders positionierte, andererseits aber auch darum, die "besondere Gemeinschaft" mit dem westdeutschen Protestantismus zu pflegen und zu vertiefen. ANNE KÄFER (Hannover) behandelte das Verhältnis des westdeutschen Protestantismus zu den linken Bewegungen und Gruppen in der Bundesrepublik der 1970er-Jahre. Sie zeigte, dass sich auf dem Feld der politischen Ethik ein alternativer Diskurs etablierte und dass dieser auch in die Kirche hineinwirkte, dass aber diese linksorientierte "politische" bzw. "kontextuelle Theologie" damals sehr kontrovers beurteilt wurde, bevor sie in den Folgejahrzehnten immer stärker das kirchliche Selbstverständnis und Agieren bestimmte. Über die deutschen Verhältnisse hinaus ging der Blick im Referat von MARTIN ILLERT (Hannover) zum Verhältnis der EKD zu den "orthodoxen" Kirchen des Ostens. Der Referent zeigte die beiden Ebenen dieses Verhältnisses: zum einen die ökumenischen Kontakte innerhalb der Bundesrepublik zu den hiesigen orthodoxen Kirchen, etwa der zahlenmäßig großen Gruppe der griechisch-orthodoxen Christinnen und Christen; zum anderen die Kontakte zu den Kirchen im Ausland, mit denen die EKD zum Teil intensive Dialoge führte. ANDREAS FELDTKELLER (Berlin) behandelte das Verhältnis der EKD zu den Kirchen in Afrika und Asien. Er zeigte, dass in den 1970er-Jahren eine neues Verständnis von Mission immer stärker die ökumenischen Beziehungen bestimmte, und beschrieb, wie der westdeutsche Protestantismus versuchte, seine partnerschaftliche ökumenische Verantwortung etwa gegenüber den evangelischen Kirchen im südlichen Afrika wahrzunehmen.

Die Tagung wurde mit einem einstündigen öffentlichen Abendvortrag beschlossen, in dem MATTHIAS DEUSCHLE (Herrenberg/Berlin) das besondere Verhältnis von Claß' württembergischer Heimatkirche zur EKD nachzeichnete. Die evangelische Landeskirche in Württemberg setzte sich im 19. und 20. Jahrhundert für eine stärkere Verbindung der evangelischen Kirchen ein. So war Theophil Wurm, Claß' Amtsvorgänger als Landesbischof und EKD-Ratsvorsitzender, in den 1940er-Jahren der Initiator und Architekt der EKD gewesen. Nach dem Ende der institutionellen Gemeinschaft mit den östlichen Gliedkirchen 1969 wurde der Weg frei für eine Organisationsreform der nunmehr auf die Bundesrepublik beschränkten EKD. Doch diese 1970 ambitioniert begonnene Reform erwies sich angesichts der föderalen Struktur der EKD und der theologischen Vorbehalte der theologisch konservativen EKD-Kritiker als schwierig. Am Ende waren es die evangelikalen EKD-Kritiker in der württembergischen Landessynode, die 1976 die im Laufe der Jahre immer stärker zusammengestrichene Reform scheitern ließen und damit ihrem eigenen Landesbischof, dem EKD-Ratsvorsitzenden Claß in den Rück fielen.

Die Tagung fand eine erfreuliche Resonanz. Unter den etwa siebzig Teilnehmern war nicht nur Fachpublikum. Wertvoll waren die Kommentare und Ergänzungen der Zeitzeugen und der Angehörigen der Familie Claß. Mit ihrer Konzentration auf die Person Helmut Claß und die Institution EKD hat die Tagung zahlreiche neue Erkenntnisse erbracht und die Erforschung zur "Übergangsphase und Inkubationszeit" des deutschen Protestantismus in den sechziger und siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts (Wolf-Dieter Hauschild) vorangebracht. Vor allem hat sie gezeigt, dass der westdeutsche Protestantismus die "Zeitenwende" (Eckart Conze) der siebziger Jahre als Herausforderung nicht nur erkannte, sondern auch zu bewältigen und gestalten versuchte.

Konferenzübersicht

Andreas Stegmann (Berlin): Überblick zu Leben und Werk von Helmut Claß

Siegfried Hermle (Köln): Helmut Claß als württembergischer Landesbischof

Karl-Heinrich Lütcke (Berlin): Helmut Claß als EKD-Ratsvorsitzender

Claudia Lepp (München): Die EKD und der Bund evangelischer Kirchen in der DDR (BEK) in den 1970er-Jahren

Anne Käfer (Hannover): Der westdeutsche Protestantismus und die linken Bewegungen und Gruppen in den 1970er-Jahren

Martin Illert (Hannover): Die EKD und die Ostkirchen in den 1970er-Jahren

Andreas Feldtkeller (Berlin): Die EKD und die afrikanischen und asiatischen Kirchen in den 1970er-Jahren

Matthias Deuschle (Herrenberg/Berlin): Württemberg und die EKD in den 1970er-Jahren

ZitierweiseTagungsbericht Helmut Claß und die EKD in den 1970er-Jahren. 20.09.2013, Stuttgart, in: H-Soz-u-Kult, 25.10.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=5086>.

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