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Osteuropaforschung. Vergangenheit, Gegenwart, Perspektiven. XI. Ostblick-Jahreskongress

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Ostblick – Initiative OsteuropaStudierender Deutschland e.V.; in Kooperation mit dem Herder-Institut Marburg und dem Gießener Zentrum Östliches Europa
Datum, Ort:11.07.2013–14.07.2013, Marburg

Bericht von:
Sven Mörsdorf, Ostblick Deutschland e.V., Berlin
E-Mail: <vorstandostblick-deutschland.de>

Vom 11. bis 14. Juli 2013 fand am Herder-Institut Marburg der XI. Ostblick-Jahreskongress „Osteuropaforschung. Vergangenheit, Gegenwart, Perspektiven“ statt, den Ostblick – Initiative OsteuropaStudierender Deutschland e.V. in Kooperation mit dem Herder-Institut Marburg und dem Gießener Zentrum Östliches Europa sowie mit freundlicher Unterstützung des Verbands der Osteuropahistorikerinnen und -historiker e.V. und der Stadt Marburg veranstaltete. Mehr als 30 Teilnehmende aus ganz Deutschland sowie aus Österreich und Ungarn kamen während dieser Nachwuchstagung zusammen. In acht Workshop-Panels konnten Studierende und Promovierende ihre laufenden und kürzlich abgeschlossenen Qualifikationsarbeiten oder andere wissenschaftliche Projekte präsentieren und zur Diskussion stellen. Ein Teil der Beiträge wird in der nächsten Ausgabe der Vereinszeitschrift „Ostblicke“ auf www.ostblick-deutschland.de publiziert werden.

Am Abend des 11. Juli wurde der Kongress im Vortragssaal des Herder-Instituts eröffnet. Nach der Begrüßung durch den Vereinsvorstand und durch den stellvertretenden Direktor des Herder-Instituts, Dr. Jürgen Warmbrunn, folgte der erste Eröffnungsvortrag von REINHARD IBLER (Gießen). In seinem Beitrag „Zu aktuellen Fragen der Holocaustliteratur und -kultur“ skizzierte Ibler einen Abriss über die literatur- und kulturwissenschaftlichen Forschungen zum Holocaust in den letzten Jahrzehnten und stellte dabei James E. Youngs „Writing and Rewriting the Holocaust“ (1983) ebenso wie die Ergebnisse neuerer Forschung wie etwa im Tagungsband „Šoa v české literatuře a v kulturní paměti“ (2011) vor. Ibler zeigte hierdurch auf, in welch unterschiedlicher Art und Weise an den Holocaust erinnert werden kann, und widmete sich insbesondere den verschiedenen Formen von Memoiren, sowohl solchen von Überlebenden als auch von Tätern. Als ein anderes, aktuelles Beispiel bezog Ibler außerdem Arnošt Goldflams Drama „Sladký Theresienstadt“ in seine Untersuchung ein.

Daraufhin stellte PETER HASLINGER (Marburg), der Direktor des Herder-Instituts, in einem zweiten Eröffnungsvortrag „Das Wissenschaftssystem in Deutschland und die Osteuropaforschung – aktuelle Entwicklungen und Zukunftsperspektiven“ vor. Im Allgemeinen bewertete Haslinger die Osteuropaforschung im deutschsprachigen Raum als institutionell und inhaltlich gut aufgestellt. Dabei betonte er, dass insbesondere die Osteuropäische Geschichte, obwohl eine auf einen verhältnismäßig kleinen Raum zentrierte Wissenschaft, in der deutschsprachigen Forschung hervorragend vertreten sei, wobei jedoch eine noch weitergehende Einbettung der verschiedenen Regionalgeschichten notwendig sei. Institute für Osteuropäische Geschichte und Slavistik seien trotz einiger Schließungen weiterhin in der Fläche vertreten, darüber hinaus bildeten sich einige Zentren mit Leuchtturmcharakter heraus.

Daraufhin wurden während der zwei Kerntage des Kongresses insgesamt zwanzig Vorträge zu Abschlussarbeiten und Dissertationsprojekten in verschiedensten Themenfeldern der Osteuropaforschung gehalten. Die Beiträge werden im Folgenden gemäß ihrer Abfolge auf dem Kongress knapp zusammengefasst.

ALWINE GLANZ (Tübingen) untersuchte in ihrem Vortrag „Aus dem Lager in die Wissenschaft. Der Geograph Adolf Karger in der Zeit des Kalten Kriege“ den wissenschaftlichen Lebensweg des langjährigen Tübinger Lehrstuhlinhabers für Geographie Osteuropas und der Sowjetunion. Adolf Karger war von 1952 bis Ende 1955 im GULag, weil er als Student wegen angeblicher antisowjetischer Umtriebe in Halle/Saale verhaftet und zu 25 Jahren Zwangsarbeit in Sibirien verurteilt wurde. In ihrer Magisterarbeit möchte Alwine Glanz anhand dieses Beispiels weitere Erkenntnisse zu den politischen und institutionellen Rahmenbedingungen der westlichen und westdeutschen Osteuropaforschung während des Kalten Krieges gewinnen. Die Person Adolf Kargers, dessen Laufbahn die Zeit des Ost-West-Konfliktes fast komplett umfasste, und der als ehemaliger Lagerhäftling einen besonderen Bezug zu seinem Arbeitsgebiet einbrachte, ist hierfür in besonderem Maße geeignet.

In seiner Staatsexamensarbeit „Der Weg zur Auflösung der Griechisch-Katholischen Kirche in Russland 1828-1839“ fragte TONY SCHMIDT (Greifswald) nach den Hintergründen, Motiven und Ursachen für den staatlichen Angriff gegen eine Konfession, der nach den polnischen Teilungen immerhin zwei Millionen russländische Untertanen angehörten. Dabei arbeitete er heraus, dass vor allem theologische Motive hinter den repressiven Maßnahmen standen, und letztere keineswegs nur als Reaktion auf die polnischen Aufstände von 1830 zu verstehen sind.

PAVLA ŠIMKOVÁ (München) sprach über „Das Budweiser Bier in der Geschichte der böhmischen Länder und der USA“. Mit ihrem Dissertationsprojekt möchte sie herausfinden, welchen Einfluss Budweiser als Exponent des böhmischen Biers in der tschechischen Kultur spielte und wie es sich im Vergleich dazu mit den namensgleichen Bier in den USA verhielt. Mit der Untersuchung dieses kulturell zentralen Konsumguts sollen verschiedenste Wechselwirkungen zwischen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungen, Produktion und materieller Kultur aufgezeigt werden.

In ihrem Vortrag „Vorstellungen von ‚gerechter Herrschaft‘ in bäuerlichen Bittschriften im späten Zarenreich“ stellte ANNA LENKEWITZ (Bochum) einen Teilaspekt ihres Dissertationsvorhabens „Gerechte Herrschaft und sozialer Wandel in Russland um 1900“ vor. Sie machte deutlich, dass russische Bauern in ihren Klagen an den Zaren, aber auch an Ministerien, Behörden und die Duma, aktiv Vorstellungen von Gerechtigkeit äußerten, und sich dabei durchaus kenntnisreich auch auf das positive Recht stützten. Mittels Bittschriften nötigten sie die Obrigkeit zu Reaktionen, sodass bislang immer wieder genutzte Top-Down-Modelle zur Analyse politischer Herrschaft im Zarenreich revidiert werden müssen.

„Das Selbst- und Fremdbild der polnischen Neuansiedler in Wrocław/Breslau 1945-1948 aus Sicht der historischen Stereotypenforschung“ ist der Titel des Masterprojekts von MAGDALENA KAMIŃSKA (Oldenburg), in dessen Zentrum das Verhältnis der Neusiedler zu der verbliebenen deutschen Bevölkerung vor der Beeinflussung der öffentlichen Meinung durch kommunistische Propaganda steht. Mithilfe der Methodik der historischen Stereotypenforschung wird die Arbeit sich mit den Selbst- und Fremdbildern der Siedler und ihrer Identitätsbildung beschäftigen, wozu vor allem schriftliche Zeugnisse wie Tagebuchaufzeichnungen und Chroniken herangezogen werden sollen.

PHILIPP VENGHAUS (München) untersucht in seiner Dissertation „Die Erinnerungen der Überlebenden des Holocausts in Rumänien und Moldawien“. Mithilfe biographischer Interviews mit Überlebenden sollen deren Erinnerungen an den Holocaust dokumentiert werden und auf dieser Grundlage unterschiedliche Erfahrungen und daraus resultierende abweichende Erzählweisen analysiert werden. Ein wichtiges Augenmerk richtet sich hierbei auf die Frage, inwieweit die nach 1945 fehlende öffentliche Auseinandersetzung mit dem Holocaust die Erzählung der eigenen Lebensgeschichte und die Tradierung der eigenen kulturellen Identität beeinflusste.

In ihrem Promotionsvorhaben „‚To jest nasza Polska.‘ Die polnische Exilgemeinde in Großbritannien“ beschäftigt sich GABRIELE BLASKI (Marburg) mit jenem Teil der polnischen Exilanten, der im Zuge des Zweiten Weltkriegs nach Großbritannien floh. Mittels Zeitzeugeninterviews, Beispielen aus der materiellen Kultur (Grabsteine, Denkmäler) sowie schriftlichen Quellen in Form von zeitgenössischen britischen Tageszeitungen stellte der Vortrag nicht nur ein vielfältiges Panorama der polnischen Selbstreflexion und Identitätsentwicklung im Exil vor, sondern fragte auch nach dem Polenbild der britischen Bevölkerung.

EVA SCHÄFFLER (Salzburg) zeichnete in dem auf ihrem Dissertationsprojekt basierenden Vortrag „Die Tschechoslowakei und die DDR im historischen Vergleich: Pronatalistische Politiken ab den 1970er-Jahren – Motivationen und Manifestationen“ die Entwicklung der Geburtenförderung in der DDR und der Tschechoslowakei nach. In ihren Vergleich des Umgangs der beiden Staatssozialismen mit der demographischen Entwicklung, zu deren Beeinflussung sowohl in der DDR als auch in der ČSSR enorme Summen aufgewendet wurden, bezog sie insbesondere auch die im Hintergrund liegenden politischen Motive der Systemstabilisierung und Bevölkerungspazifizierung mit ein.

NAZARII GUTSUL (Gießen) referierte über „NS-Forschungen zum Dnipro, dem Hauptstrom der Ukraine (1941-1943): Karten, Namen, Publikationen“. Die Mitte der 1930er-Jahre beginnende nationalsozialistische Erforschung der ukrainischen Flüsse und Seen erfuhr während der Besatzungszeit eine enorme Ausdehnung, da für die längerfristig geplante Okkupation das wirtschaftliche Potential der Ukraine tiefer erforscht werden sollte. Das neue Forschungsfeld war zugleich ein Karrieresprungbrett für viele Wissenschaftler. Im Vortrag wurden vor allem die Erkundung des Oberlaufs des Dnipro und seiner Nebenflüsse sowie archäologische Ausgrabungen auf der Insel Chortycja vorgestellt.

KATHARINA HABERKORN (Budapest) präsentierte ihr Promotionsprojekt „Vergangenheitsbewältigung und ihre kulturellen Praktiken. Eine empirische Untersuchung von Denkmalkulturen und deren Auswirkungen in der Bukowina“ und sprach im Besonderen über geschichtliche Spuren in Černivci und deren öffentliche Beachtung und Bewertung. In der Hauptstadt der Bukowina vermischten sich demnach ukrainisch-nationale und bukowinisch-regionale Erinnerungskulturen, wobei der Umgang mit dem multikulturellen Erbe der Stadt zwischen Vernachlässigung, Wiederentdeckung und dem Rückgriff auf rigide ethnische Separierungen schwanke.

„Russischsprachige Bevölkerung in Osteuropa – von der Titularnation zur Minderheit. Die ethnische Transformation in den baltischen Staaten und der Ukraine“ ist der Titel des Dissertationsprojekts von ANNE JÜRGENS (Heidelberg). Mittels politikwissenschaftlicher, soziologischer und historischer Zugänge wird die Entwicklung der russischsprachigen Einwohner während des Transformationsprozesses in den genannten vormaligen Sowjetrepubliken verglichen, wobei deren soziale Stellung im Spannungsfeld zwischen Assimilation und Segmentierung besondere Aufmerksamkeit erhält und weiterführende Fragen über den Erfolg der Demokratisierung aufgeworfen werden.

NICOLE STROBEL (Stuttgart) widmet sich im Rahmen ihrer Promotion „Loyalitäten im Widerstreit. Protestantische Geistliche zwischen Brandenburg-Preußen und Polen-Litauen im 18. Jahrhundert“. Sie fragt im Kontext einer Beziehungsgeschichte beider Länder nach den äußeren und innerlichen Konflikten, denen protestantische Geistliche in einer gemischtkonfessionellen Grenzregion ausgesetzt waren. Der Prediger und Kirchenfunktionär Johann Gottlieb Elsner (1717-1782), der eine weitgespannte Korrespondenz mit zahlreichen weiteren Akteuren unterhielt, bietet dabei den Ausgangspunkt für eine mikroperspektivische Fallstudie.

KATHARINA KICKINGER (Wien) verglich in ihrer literaturwissenschaftlichen Diplomarbeit „‚Am Rande Europas‘. (Forschungs-) Reisen ins Kaukasusgebiet während des 19. Jahrhunderts“ die Darstellung der Region und ihrer Bewohner in einer Auswahl bekannter zeitgenössischen Reiseberichte. Dabei unterzog sie den häufig anzutreffenden Topos der „Wildheit” des kaukasischen Natur- und Kulturraums einer Analyse, indem sie dessen Konstruktion und die daraus resultierende Abgrenzung zum „zivilisierten” westlichen Europa darstellte, was zugleich eine weitgehend befürwortende Haltung der Berichte gegenüber den russischen Hegemonieansprüchen als „Kulturbringer“ innerhalb der Region nachvollziehbar macht.

Unter dem Titel „‚Sammlung Georg Leibbrandt‘ und ‚Publikationsstelle Ost‘. Bevölkerungswissenschaftliche Forschungen im Dienste des Nationalsozialismus“ referierte MARTIN MUNKE (Chemnitz) über die Verstrickung von Demographen in die nationalsozialistischen Verbrechen in der Sowjetunion. Viele solcher „Männer der zweiten Reihe“ trugen erheblich zur Effizienz der Vernichtungspolitik bei, konnten jedoch nach oberflächlichen juristischen Untersuchungen in der frühen Bundesrepublik ihre Forschungen oft fast nahtlos fortsetzen – wenn auch nicht immer im Rahmen des Wissenschaftssystems, wie im Falle von Georg Leibbrandt, dessen politisch-biographischen Werdegang der Vortragende in seinem Promotionsprojekt untersucht.

FLORIAN SANDER (Tübingen) hielt den auf seiner Masterarbeit aufbauenden Vortrag „Dreckige Helden des gasgetriebenen Sozialismus. Die DDR-Erdgastrassenbauten in der Sowjetunion als Fluchtpunkt osteuropäischer Integration, ökonomischer Stabilisierung und ideologischer Mobilisierung“. Dabei skizzierte er die politisch-ideologische Hintergründe und die öffentliche Rezeption dieses bedeutenden Infrastrukturprojektes und verknüpfte dies mit Einblicken in die Lebenswelten der in der Sowjetunion eingesetzten ostdeutschen Arbeiter. Anhand dieses Fallbeispiels werde deutlich, dass die wissenschaftliche Erforschung der wirtschaftlichen Kooperation innerhalb der Ostblockstaaten nicht nur erhebliche Lücken aufweise, sondern im Kontext der fortschreitenden Einbindung der osteuropäischen Staaten in westeuropäische Strukturen einen größeren Stellenwert in der öffentlichen Diskussion erhalten sollte.

VIKTOR SCHNEIDER (Gießen) diskutierte in seinem Beitrag mit dem Titel „Völkermord oder Kriegsnotwendigkeit? Präventive Ethnodeportationen im Hochstalinismus am Beispiel der Sowjetdeutschen 1935-1941“ die Möglichkeit einer Neubetrachtung dieser Thematik vor dem Hintergrund des mittlerweile publizierten Archivmaterials und neuerer Forschungsergebnisse. Statt wie in vielen Untersuchungen vorexerziert von einem kulturellen Genozid oder einer kriegsüblichen Notstandsmaßnahme auszugehen, erscheint es ihm zentral, ein stärkeres Augenmerk auf Aspekte wie die militaristische Belagerungsmentalität und die kulturelle Autochthonisierung des Sowjetregimes in den 1930er-Jahren zu richten. Im Rahmen dieser Bachelorarbeit sollen außerdem Ansatzpunkte für Vergleichsmöglichkeiten zu Deportationen anderer sowjetischer Ethnien während des Stalinismus und darüber hinaus aufgezeigt werden.

Welche konkreten Spielräume hatten die Teilrepubliken sozialistischer Staaten bei der Gestaltung einer (Kultur-)Außenpolitik? Dieser Frage stellte sich BRIGITTA TRIEBEL (Leipzig) in ihrem Beitrag „Kultur als Argument? Die Kulturbeziehungen der slowakischen Republik mit Afrika und Asien in den 1970er- und 1980er-Jahren im Vergleich“. Besonders beachtenswert sei hierbei die nationale Selbstvermarktung der Slowakei, sowohl nach außen gegenüber einer als rückständig gesehenen Dritten Welt, als auch nach innen gegenüber der Hauptstadt Prag bzw. der Tschechischen Sozialistischen Republik. In ihrer Dissertation sollen diese Aspekte außerdem einem Vergleich mit der Jugoslawischen Teilrepublik Kroatien unterzogen werden.

ESTHER ABEL (Gießen) stellte mit ihrem Vortrag „Zwischen Ostforschung und Osteuropaforschung – Versuch einer kritischen Einordnung des Osteuropahistorikers Peter Scheibert“ erneut den thematischen Bezug des diesjährigen Kongressortes zu seinem Thema heraus. Der Osteuropahistoriker Scheibert, aufgrund seiner Verstrickungen im Nationalsozialismus eine umstrittene Person, prägte maßgeblich das Fach Osteuropäische Geschichte an der Philipps-Universität Marburg sowie über viele Jahre hinweg auch die Arbeit des Herder-Instituts. Mit ihrer Dissertation will Esther Abel nicht nur eine Biographie dieses Historikers verfassen, sondern sein Wirken innerhalb der Entwicklung der Wissenschaftslandschaft in der frühen Bundesrepublik verorten.

MAŁGORZATA POPIOŁEK (Berlin) promoviert über den „Wiederaufbau des historischen Stadtzentrums von Warschau nach dem Zweiten Weltkrieg im Kontext der städtebaulichen Denkmalpflege in Europa der ersten Hälfe des 20. Jahrhunderts“. Bei der Rekonstruktion und Sanierung der ursprünglichen Bebauung wurde großer Wert sowohl auf eine strukturelle Verbesserung der Wohn- und Lebensverhältnisse gegenüber den Vorkriegsverhältnissen als auch auf eine Vereinheitlichung der historischen Fassaden gemäß zeitgenössischer ästhetischer Vorstellungen gelegt. Hierbei folgten die verantwortlichen polnischen Architekten einer gesamteuropäischen Entwicklung in der Stadt- und Raumplanung.

CHRISTIAN BÜLOW (Greifswald) stellte seine wirtschaftsgeographische Magisterarbeit „Eine Regionalanalyse der Oblast’ Kaliningrad unter Berücksichtigung der Bedeutung für Russland“ vor. Er hob dabei besonders die Vor- und Nachteile der besonderen Lage und der daraus resultierenden Standortverhältnisse der russischen Exklave an der Ostsee hervor, und bezog in seine Betrachtung auch die verschiedenen, seit den 1990er-Jahren getroffenen Maßnahmen der russischen Regierung zur Verhinderung einer wirtschaftlichen Isolation des Gebiets ein.

Auch in diesem Jahr gab der Ostblick-Kongress Einblick in die Vielfalt der deutschsprachigen osteuropabezogenen Nachwuchsforschung – in der Osteuropäischen Geschichte und Slavistik wie auch im Austausch mit anderen Disziplinen. Die methodisch oft komparatistisch und kulturwissenschaftlich angelegten Fragestellungen deckten dabei eine Fülle an Themen ab und ermöglichten den Teilnehmenden neben der Diskussion des eigenen Forschungsinteresses auch dessen weitere Vertiefung im Vergleich mit verwandten Forschungsprojekten.

Konferenzübersicht:

Eröffnungsvorträge

Reinhard Ibler (Gießen): Zu aktuellen Fragen der Holocaustliteratur und -kultur

Peter Haslinger (Marburg): Das Wissenschaftssystem in Deutschland und die Osteuropaforschung – aktuelle Entwicklungen und Zukunftsperspektiven

Vorträge der Teilnehmenden

Alwine Glanz (Tübingen): Aus dem Lager in die Wissenschaft. Der Geograph Adolf Karger in der Zeit des Kalten Krieges

Tony Schmidt (Greifswald): Der Weg zur Auflösung der Griechisch-Katholischen Kirche in Russland 1828-1839

Pavla Šimková (München): Das Budweiser Bier in der Geschichte der böhmischen Länder und der USA

Anna Lenkewitz (Bochum): Vorstellungen von „gerechter Herrschaft“ in bäuerlichen Bittschriften im späten Zarenreich

Magdalena Kamińska (Oldenburg): Das Selbst- und Fremdbild der polnischen Neuansiedler in Wrocław/Breslau 1945-1948 aus Sicht der historischen Stereotypenforschung

Philipp Venghaus (München): Die Erinnerungen der Überlebenden des Holocausts in Rumänien und Moldawien

Gabriele Blaski (Marburg): „To jest nasza Polska.“ Die polnische Exilgemeinde in Großbritannien

Eva Schäffler (Salzburg): Die Tschechoslowakei und die DDR im historischen Vergleich: Pronatalistische Politiken ab den 1970er-Jahren – Motivationen und Manifestationen

Nazarii Gutsul (Gießen): NS-Forschungen zum Dnipro, dem Hauptstrom der Ukraine (1941-1943): Karten, Namen, Publikationen

Katharina Haberkorn (Budapest): Vergangenheitsbewältigung und ihre kulturellen Praktiken. Eine empirische Untersuchung von Denkmalkulturen und deren Auswirkungen in der Bukowina

Anne Jürgens (Heidelberg): Russischsprachige Bevölkerung in Osteuropa – von der Titularnation zur Minderheit. Die ethnische Transformation in den baltischen Staaten und der Ukraine

Nicole Strobel (Stuttgart): Loyalitäten im Widerstreit. Protestantische Geistliche zwischen Brandenburg-Preußen und Polen-Litauen im 18. Jahrhundert

Katharina Kickinger (Wien): „Am Rande Europas“. (Forschungs-) Reisen ins Kaukasusgebiet während des 19. Jahrhunderts

Martin Munke (Chemnitz): „Sammlung Georg Leibbrandt“ und „Publikationsstelle Ost“. Bevölkerungswissenschaftliche Forschungen im Dienste des Nationalsozialismus

Florian Sander (Tübingen): Dreckige Helden des gasgetriebenen Sozialismus. Die DDR-Erdgastrassenbauten in der Sowjetunion als Fluchtpunkt osteuropäischer Integration, ökonomischer Stabilisierung und ideologischer Mobilisierung

Viktor Schneider (Gießen): Völkermord oder Kriegsnotwendigkeit? Präventive Ethnodeportationen im Hochstalinismus am Beispiel der Sowjetdeutschen 1935-1941

Brigitta Triebel (Leipzig): Kultur als Argument? Die Kulturbeziehungen der slowakischen Republik mit Afrika und Asien in den 1970er- und 1980er-Jahren im Vergleich

Esther Abel (Gießen): Zwischen Ostforschung und Osteuropaforschung – Versuch einer kritischen Einordnung des Osteuropahistorikers Peter Scheibert

Małgorzata Popiołek (Berlin): Wiederaufbau des historischen Stadtzentrums von Warschau nach dem Zweiten Weltkrieg im Kontext der städtebaulichen Denkmalpflege in Europa der ersten Hälfe des 20. Jahrhunderts

Christian Bülow (Greifswald): Eine Regionalanalyse der Oblast’ Kaliningrad unter Berücksichtigung der Bedeutung für Russland

ZitierweiseTagungsbericht Osteuropaforschung. Vergangenheit, Gegenwart, Perspektiven. XI. Ostblick-Jahreskongress. 11.07.2013–14.07.2013, Marburg, in: H-Soz-u-Kult, 29.10.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=5084>.

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