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Method(olog)ische Herausforderungen der Migrationsforschung

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Sektion für Migrations- und Rassismusforschung der Österreichischen Gesellschaft für Soziologie (ÖGS); Doktoratsprogramm "Migration-Diversität-Globale Gesellschaften", Karl-Franzens-Universität Graz; Forschungsschwerpunkt "Heterogenität und Kohäsion", Karl-Franzens-Universität Graz
Datum, Ort:18.04.2013-19.04.2013, Graz

Bericht von:
Andrea Ploder, Rechts- und Sozialphilosophie, Paris Lodron Universität Salzburg; Ute Sonnleitner, Institut für Geschichte/Zeitgeschichte, Karl Franzens Universität Graz
E-Mail: <andrea.plodersbg.ac.at>; <ute.sonnleitneruni-graz.at>

Am 18. und 19. April 2013 fand in Graz ein Workshop zu method(olog)ischen Herausforderungen der Migrationsforschung statt. Hintergrund der Veranstaltung war der Befund, dass die Migrationsforschung zwar seit mehreren Jahren in vielen Disziplinen boomt, eine systematische Auseinandersetzung mit ihren spezifischen methodischen und methodologischen Problemen aber bisher fehlt. Die Sektion für Migrations- und Rassismusforschung der Österreichischen Gesellschaft für Soziologie (ÖGS) hat deshalb gemeinsam mit dem Doktoratsprogramm "Migration-Diversität-Globale Gesellschaften" und dem Forschungsschwerpunkt "Heterogenität und Kohäsion" der Karl-Franzens-Universität Graz ein Forum eröffnet, in dem diese Fragen über zwei Tage hinweg intensiv diskutiert werden konnten.

Herzstück der Veranstaltung war die Keynote-Lecture von SABINE HESS (Göttingen). Unter dem Titel "Forschungsperspektive Migration – Skizze einer kritischen migrationswissenschaftlichen Forschungsprogrammatik" stellte sie die Frage, was Migrationsforschung eigentlich zu kritischer Forschung macht. Die Antworten reichten von einem "mutigen Zurückweisen von Themen und Kategorien" (im Anschluss an Maria do Mar Castro Varela) wie beispielsweise den "methodologischen Kulturalismus" genauso wie die viele Migrationsstudien bestimmende "integrationistische Perspektive". Um Migration nicht länger als Problemthema und "Migrant/innen" nicht als homogene Gruppe zu reproduzieren, stellte sie außerdem die Idee in den Raum, Migration als eigenes Forschungsthema überhaupt aufzugeben und stattdessen – analog zum gender mainstreaming – eine Berücksichtigung der Kategorie in allen anderen Forschungsfeldern anzustreben. Als Antwort auf die nach wie vor dominante herrschaftsstabilisierende Migrationsforschung plädierte sie für die Stärkung von Gegennetzwerken, die eine kritische Perspektive auch innerhalb staatlicher Institutionen stärken können, sowie eine kritische Offenheit für die Zusammenarbeit verschiedener Fachrichtungen und – über den akademischen Tellerrand hinaus – mit künstlerischen Zugängen.

Im Verlauf der beiden Workshoptage wurden einige methodologische Fragen aufgeworfen und diskutiert, die in vielen Migrationsforschungsprojekten eine Rolle spielen: Ein wiederkehrendes Thema ist Sprache – als "Integrations"-Marker, verbindendes oder trennendes Element in der Forschungssituation oder Analysekategorie in der Arbeit mit Interviews. Oft wird in der Methodenliteratur auf die Sprache der Beforschten fokussiert, aber auch die Sprachkompetenz der Forschenden beeinflusst Forschungssituationen ganz erheblich. Sollen wir Forschungssettings anstreben, in denen alle Beteiligten "dieselbe Sprache" sprechen? SARA DE JONG und ANDREA FRITSCHE (beide Wien) haben in ihren Beiträgen auf die Vor- und Nachteile einer Gesprächssituation hingewiesen, in der die Forscherin nicht ihre Erstsprache verwenden kann. Neben dem offensichtlichen Problem, dass ein Interview in einer Zweit- oder Drittsprache die Grenzen des Verstehens noch enger stecken kann, als sie ohnehin schon sind, bietet diese Konstellation auch einige Vorteile: Sie kann einen gemeinsamen Erfahrungshorizont der "Sprachlosigkeit" erzeugen, die das Machtungleichgewicht zwischen den Forschungsteilnehmer/innen entschärfen und kommunikative Brücken zu Themen wie Stigmatisierung, Identität oder Integrationsimperativen ermöglichen können. Die Präsenz des Themas in der Forschungssituation erleichtert es, über assoziativ verwandte Themen zu sprechen. In stark institutionell überformten Forschungskontexten ist es außerdem wesentlich, die "Sprache der Institution" zu kennen bzw. zum Gegenstand zu machen – in Forschungen zu Asylverfahren beispielsweise die Rechts- aber auch die institutionelle Alltagssprache dieses Verfahrens.

Der Bezug zum Recht ist ebenfalls in vielen Migrationsforschungsprojekten relevant. Hier stellt sich unter anderem die Frage, wie rechtliche Grundlagen – zum Beispiel zum Aufenthaltsstatus und zum Ablauf von Asylverfahren – als relevante Rahmenbedingung einer sozial- oder kulturwissenschaftlichen Untersuchung berücksichtigt werden können, wenn sie nicht gerade, etwa im Rahmen einer Diskursanalyse, selbst zum Gegenstand gemacht werden. Diese und andere spannende Fragen wurden anhand der Beiträge von JULIA DAHLVIK, IRENE MESSINGER (beide Wien) und SABINE GATT (Innsbruck) diskutiert, die sich mit unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen mit staatlicher Migrationspolitik und -verwaltung auseinandergesetzt haben.

Migrationsforschung ist ein überaus breites Feld, an dem viele verschiedene Disziplinen beteiligt sind. Eine Stärkung des interdisziplinären Dialogs bereichert deshalb nicht nur die einzelnen Projekte, sondern kann auch zu methodischen und theoretischen Verknüpfungen führen, die für alle Beteiligten fruchtbar sind. Konkrete Überlegungen hierzu wurden nicht nur am Beispiel des Rechts, sondern auch anhand des Problems der Übersetzung angestellt, vor allem anhand der Beiträge von KATHARINA SCHWABL und RALF VOLLMANN (beide Graz) zur "Mehrsprachigkeitsforschung unter Migrationsbedingungen" und MAJA ZWICK (Berlin) zu "Interventionen von Übersetzer/innen in Interviews in der qualitativen Migrationsforschung".

Als Migrationsforschende laufen wir häufig Gefahr – und sind nicht selten explizit dazu aufgefordert – herrschaftsstabilisierendes Wissen zu produzieren, das bestehende staatliche Migrationsregime stützt und zum staatlich gewünschten Monitoring "problematischer Migrant/innengruppen" beiträgt. Insbesondere in der Drittmittel- und Auftragsforschung kann das zu ernsten forschungsethischen Konflikten für die Forscher/innen führen. Wie können wir diesem Problem mit Hilfe einer kritischen und subversiven Methodologie begegnen? Die politische Verantwortung von Migrationsforschenden und mögliche Wege kritischer Forschung wurden insbesondere anhand der Beiträge von ELLI SCAMBOR, JOHANNA STADLBAUER, PATRICK WOHLKÖNIG (alle Graz) sowie ALBERT KRALER und DAVID REICHL (beide Wien) diskutiert. Neben der Thematisierung herrschender Migrationsdiskurse im Zuge von Diskursanalysen und der Reflexion der eigenen Positionierung als Forscher/in wurde auch das Potenzial künstlerischer Ansätze zur Brechung, Verfremdung und evokativen Inszenierung von Forschungsergebnissen diskutiert, die Möglichkeit der ethnopsychoanalytischen Supervision und eine Kombination qualitativer und quantitativer Zugänge.

Das rege Interesse an der Veranstaltung hat einmal mehr gezeigt, dass eine gesellschafts- und forschungskritischen Haltung in der Migrationsforschung methodische, aber auch methodologische Fragen aufwirft, deren systematische Behandlung bislang aussteht: Wie kann sich die Reflexion über die gesellschaftspolitische Verortung und das Verhältnis der Forschenden zu ihrem Gegenstand in den Forschungsergebnissen niederschlagen, statt als isolierter Teil in den Methodenkapiteln von Dissertationen zu verschwinden? Was kann es bedeuten, Migration als gesellschaftswissenschaftliche Perspektive zu denken und wie kann eine Berücksichtigung des Migrations-Aspekts sich auch in anderen Forschungen – im Sinn eines migration-mainstreaming – niederschlagen? Welche Spielräume für kritische Perspektiven gibt es im Rahmen von drittmittelfinanzierter und/oder staatlich beauftragter Forschung? (Wie) Können künstlerische Zugänge dabei helfen, starre analytische Kategorien aufzubrechen und zugleich den gesellschaftlichen Impact von Migrationsforschung zu erhöhen? Was geht dabei verloren? Wie gerät die Unterscheidung von Insider- und Outsider-Research in Forschungen durcheinander, wenn Forscher/innen selbst unter privilegierten Bedingungen migriert sind oder den Feldzugang über ein Praktikum am Asylgerichtshof bekommen haben? Wie können die Expertisen der Sprach- und Rechtswissenschaften sinnvoll in kultur- und sozialwissenschaftliche Migrationsforschungskonzepte eingebunden werden, um etwa die Relevanz von code-switching im Interview oder die juristischen Details zum Asylprozess besser zu verstehen? Welche methodischen Alternativen gibt es für eine Migrationsforschung, die keine Forschung über Migrant/innen sein will? Viele dieser Fragen konnten nur andiskutiert werden. Eine weitere systematische Auseinandersetzung im Rahmen zukünftiger Veranstaltungen und Publikationen ist daher dringend geboten.

Konferenzübersicht:

Session 1

Sara de Jong (Wien): The native informant? Methodological considerations about positioning and positionality
Andrea Fritsche (Wien): Unsicherheit, Verrechtlichung, Mehrsprachigkeit und Ressourcenknappheit… – Herausforderungen empirischer Forschung im Asylkontext

Session 2

Julia Dahlvik (Wien): Perspektivenwechsel. Ein Blick in und durch den Staatsapparat
Sabine Gatt (Innsbruck): Sprachenpolitik inszeniert. Methodologische Fragestellungen
Irene Messinger (Wien): Methoden zur Analyse der Akteure staatlicher Migrationspolitik und -verwaltung

Keynote-Lecture

Sabine Hess (Göttingen): Forschungsperspektive Migration. Skizze einer kritischen migrationswissenschaftlichen Forschungsprogrammatik

Session 3

Elli Scambor (Graz): Methodische Herausforderungen der intersektionalen Makroanalyse Beispiel der Studie zur Intersectional Map in Graz
Johanna Stadlbauer (Graz): "Research up" im Kontext einer kritisch positionierten Forschung zu Gender und Migration

Session 4

Albert Kraler & David Reichel (Wien): Migration Statistics in Europe – A Core Component of Governance and Population Research
Patrick Wohlkönig (Graz): Methodische Probleme und aktuelle Trends der quantitativen (ethnischen) Segregationsforschung
Ken Horvath (Karlsruhe): Quantitative Methoden und kritische Migrationsforschung – sieben Thesen zu einem spannungsreichen Verhältnis

Session 5

Katharina Schwabl & Ralf Vollmann (Graz): Methodische Probleme der Mehrsprachigkeitsforschung unter Migrationsbedingungen
Maja Zwick (Berlin): Language matters – Interventionen von ÜbersetzerInnen in Interviews in der qualitativen Migrationsforschung

ZitierweiseTagungsbericht Method(olog)ische Herausforderungen der Migrationsforschung. 18.04.2013-19.04.2013, Graz, in: H-Soz-u-Kult, 29.09.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=5071>.

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