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Geisteswissenschaftliche Forschung an Universitäten – ein Gespräch

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:School of History des Freiburg Institute for Advanced Studies (FRIAS)
Datum, Ort:28.06.2013, Freiburg im Breisgau

Bericht von:
Marcus Schröter, Freiburg im Breisgau
E-Mail: <MarcuSchroeterweb.de>

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„Windows for Research“ – dieses Bild symbolisierte ausdrucksstark die Idee, mit der die Albert-Ludwigs-Universität Freiburg in der dritten Förderlinie der Exzellenzinitiative, dem Zukunftskonzept, mit dem Freiburg Institute for Advanced Studies (FRIAS) und seinen vier Schools im Jahr 2007 erfolgreich war. Erst der Erfolg in allen drei Förderlinien – Graduiertenschule, Exzellenzcluster, Zukunftskonzept – verleiht bekanntlich das Prädikat „Exzellenzuniversität“. Als Zukunftskonzept der Universität konnte sich das FRIAS nach der Evaluation durch den Wissenschaftsrat im Nachfolgeantrag jedoch nicht wie erhofft durchsetzen. Anlässlich des Auslaufens der Förderung im September 2013, richtete die FRIAS School of History am 28. Juni 2013 ein Gespräch über das Thema „Geisteswissenschaftliche Forschung an Universitäten“ aus.[1]

2. Warum scheiterte FRIAS?
ULRICH HERBERT, einer der Direktoren der School of History, fokussierte in seiner Einführung auf folgende Punkte der Begründung des Wissenschaftsrats: FRIAS (und insbesondere die School of History) sei zu elitär, zu disziplinär, zu wenig auf die Universität orientiert und zu sehr von der Lehre abgekoppelt – gleiche daher Max-Planck-ähnlichen Strukturen. Dennoch, so Herberts Position, habe dieser Befund ein Stückweit auch in der Natur der Sache gelegen, wollte man doch mit internationalen „Elite“-Universitäten konkurrieren. Auch die disziplinäre Orientierung der School of History sei „richtig und zielführend“ gewesen, um einen fruchtbaren Diskurs unter den Fellows überhaupt erst zu ermöglichen, da diese häufig über weit voneinander entfernte Gebiete forschten. „Interdisziplinarität“, so Herberts Überzeugung, brauche „gemeinsame Fragestellungen. Interdisziplinarität als Selbstzweck führt zu Beliebigkeit und ist Zeitverschwendung.“ Die von der FRIAS School of History verfolgte „Halbdistanz“ zur Universität habe ebenfalls einen Grund gehabt: „Die Universitäten sind in ihrem Dauergeräusch von Betriebsamkeit und Massenlehre wie ein schwarzes Loch, in dem verschwindet, wer sich ihm zu sehr nähert.“ Daher sei die Forschung zunehmend aus den Universitäten heraus in außeruniversitäre Institute hinein verlagert worden. Die FRIAS-Idee wollte dagegen bewusst einen Ort kreieren, der innerhalb der Universität geisteswissenschaftliche Forschung für eine begrenzte Zeit konzentriert ermögliche. Insgesamt skeptisch sah Herbert neoliberale Hochschulreformen, die Wissenschaft verbessern wollten, indem sie Universitäten „wie Fußballclubs“ in Wettbewerb treten ließen. „Wissenschaft“, so Herbert, „organisiert sich nicht nach dem Standortprinzip, sondern überregional und international.“

Schließlich positionierte sich Herbert zur Forderung, ein Forschungsinstitut wie FRIAS müsse der universitären Lehre unmittelbar zu Gute kommen: FRIAS-Fellows haben Vorträge vor Doktoranden gehalten, diese häufig auch beraten und unterrichtet. Primäres Ziel der Fellows jedoch sei das Verfassen eines Buches gewesen, nach dessen Abschluss sie „mit neuem Wissen, mit neuen Ideen, mit neuer Dynamik“ in die Lehre ihrer Heimatuniversitäten zurückkehren könnten. Dies sei in den meisten Fällen auch erreicht worden. Die Universität Freiburg plane eine Fortführung des FRIAS nach den Vorgaben des Wissenschaftsrates – ohne das differenzierte fachliche Profil unterschiedlicher Schools.

3. Welche Organisationsform benötigt geisteswissenschaftliche Forschung?
Herbert verdeutlichte die eindrucksvolle „Fülle, Dichte und Vielfalt geisteswissenschaftlicher Forschungseinrichtungen“ in Deutschland und den hohen Stellenwert der Geisteswissenschaften in der Öffentlichkeit.[2] Seiner Auffassung nach zu Recht, böten doch die Geisteswissenschaften das „Rüstzeug zum Verständnis der Welt, der vergangenen wie der gegenwärtigen.“ Eine Gefährdung der Geisteswissenschaften sah Herbert in den Universitäten: Hier sei die Betreuungsrelation Studierender – Professor inzwischen erheblich schlechter als im nicht-geisteswissenschaftlichen Bereich. Da inzwischen 20 Prozent aller Studierenden aus den Geisteswissenschaften stammten, seien diese zu Massenfächern geworden. Erschwerend komme hinzu, dass die Bologna-Reform Lehrende stärker durch Studienorganisation beanspruche als ihnen zum Forschen Raum zu geben. Die Grundausstattung der Universitäten werde zunehmend ersetzt durch ein immer komplexeres System von Drittmitteln, die von Professoren, die nicht mehr selbst forschten, verwaltet würden. Wissenschaftliche Reputation durch Publikation werde ersetzt durch Delegation und Organisation von Projekten: „Ausgerechnet diejenigen, die in unseren Fächern die besten Forschungsleistungen erbracht und eine Professur erhalten haben, können nach Antritt einer Professur nicht mehr oder nur noch unter erschwerten Bedingungen forschen.“

Während der Anteil der Geisteswissenschaften an den Fördersummen in den letzten Jahrzehnten mit 10 Prozent konstant geblieben sei, habe sich nach Herbert die Förderstruktur geändert, indem die Einzelförderung zugunsten der Förderung kooperativer Projekte wie Sonderforschungsbereiche, Graduiertenkollegs und Forschergruppen zurückgenommen worden sei – ganz nach dem Vorbild der Naturwissenschaften. Bei diesen stelle aber die individuelle Verschriftlichung der Ergebnisse als Forschungsleistung nur einen Bruchteil des Forschungsprozesses dar, während in den Geisteswissenschaften die Niederschrift ein langer, „konstitutiver Teil des Forschungsprozesses sei und nicht nur Zusammenfassung der auf andere, meist experimentelle Weise gewonnenen Einsichten.“ Der Forschungsprozess in den Geisteswissenschaften sei nur begrenzt arbeitsteilig organisierbar, bedeute vielmehr noch immer „meist einsame Arbeit bei der Lektüre hunderter und tausender von Artikeln und Büchern oder bei der Arbeit in den Archiven“. Herbert interpretierte daher kooperative Forschungsstrukturen in den Geisteswissenschaften eher als „von außen gesetzten Rahmen“, „den man vielfach akzeptieren muss, um überhaupt Forschungsgelder zu ergattern.“

Mit folgenden Fragen eröffnete Herbert das gemeinsame Gespräch: Unter welchen Bedingungen ist geisteswissenschaftliche Forschung erfolgreich, unter welchen nicht? Sind Universitäten für sie noch der richtige Ort? Welche alternativen institutionellen Bedingungen sind denkbar? Welche nationalen und internationalen Erfahrungen gibt es? In welchem Verhältnis sollten in den Geisteswissenschaften individuelle und kooperative Forschungsstrukturen stehen? Oder ist geisteswissenschaftliche Forschung auch unter den kooperative Arbeit erleichternden Bedingungen der Digital Humanities ein im Wesentlichen individueller Prozess?[3]

4. Institute und Institutionen geisteswissenschaftlicher Forschung
In drei „Runden“ näherte sich das Gespräch dem Problem geisteswissenschaftlicher Forschung an Universitäten – zunächst ging es um „Institute und Institutionen“. Den Auftakt machte der renommierte deutsche Sozialhistoriker JÜRGEN KOCKA (Freie Universität Berlin) mit seinem Statement über „Geisteswissenschaftliche Forschungsinstitute in Universitäten: Leistungen und Grenzen“. Kocka hatte gemeinsam mit Hans-Ulrich Wehler die so genannte „Bielefelder Schule“ begründet, die eine Historische Sozialwissenschaft als Gegenmodell und Ergänzung zu etablierten Methoden der Geschichtswissenschaft entwarf. Seine eigene Forschertätigkeit an den bekanntesten geisteswissenschaftlichen Instituten der Welt wie Harvard, Stanford, Oxford, dem Institute for Advanced Study in Princeton und dem Berliner Wissenschaftskolleg, prädestinierte ihn zur Reflexion der Problematik der Auswanderung geisteswissenschaftlicher Forschung aus den Universitäten, die dafür keine einladenden Orte mehr seien, und des hohen Individualisierungsgrads geisteswissenschaftlicher Forschung, die andererseits aber den wissenschaftlichen Diskurs auch in seiner nicht spezialisierten Ausprägung dringend benötige.

Wie Jürgen Kocka ist auch HANS JOAS, der anschließend über das Thema „Geisteswissenschaftliche Forschungsinstitute an Universitäten: Gemischte Erfahrungen“ sprach, ein profunder Kenner dieser Problematik: Als einer der einflussreichsten deutschen Soziologen hatte er Professuren im In- und Ausland inne und war Fellow und Leiter von Institutes for Advanced Studies in den USA, Schweden und Deutschland. An der Universität Erfurt leitete er das Max-Weber Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien, das ein Institute for Advanced Study mit einem Graduiertenkolleg verbindet. Danach forschte Joas als Permanent Fellow am FRIAS. Im Gespräch vertrat er unter anderem die Ansicht, das Berliner Wissenschaftskolleg hätte als Teil der Humboldt-Universität nicht den Erfolg gehabt, den es als eigenständige Einrichtung inzwischen international besitzt. Andererseits könnten in Universitäten integrierte Institutes for Advanced Studies einer Hochschule ein besonderes Profil verleihen. Immer aber sollten diese selbst scharf disziplinär profiliert sein. Wie Kocka sah auch Joas die Schwierigkeiten universitätsbasierter Institutes for Advanced Studies, die gerade durch diese Einbettung in komplexe Strukturen und die Konfrontation mit den unterschiedlichsten Anforderungen entstünden.

5. Europäische Erfahrungen
Die zweite Runde des FRIAS-Gesprächs widmete sich den „Europäischen Erfahrungen“ und wurde von BO STRÅTH (Universität Helsinki) moderiert. Hier sprachen CHRIS LORENZ (Freie Universität Amsterdam) über „Förderung geisteswissenschaftlicher Forschung an niederländischen Universitäten: Stärken, Schwächen, neue Entwicklungen“, JOHN HORNE (Trinity College Dublin) über „Erfahrungen aus Frankreich und Großbritannien“ und JAKOB TANNER (Universität Zürich) über „Erfahrungen aus der Schweiz“. Es wurde einerseits deutlich, dass auch im internationalen Bereich Wissenschaft verstärkt an ihren ökonomischen Vorteilen und ihrer „social relevance“ gemessen werde, andererseits dürfe durch die Fixierung auf nationale und internationale Rankings nicht die Begeisterung vernachlässigt werden, die letztlich Motor jeder Wissenschaft bleibe. Die Geisteswissenschaften, so eine These, wandelten sich gegenwärtig zu Digital Humanities, die – wie in der Schweiz – überregionale Kooperationen besonders beförderten und einen Hochschullokalpatriotismus verhinderten. Tanner nannte als Beispiel ein Projekt zum Ersten Weltkrieg, das von vier Schweizer Universitäten getragen werde.

6. Kooperative und individuelle Forschung
Die dritte und letzte Gesprächsrunde zum Thema „Kooperative und individuelle Forschung“ wurde von der israelischen Historikerin SHULAMIT VOLKOV (Universität Tel Aviv) moderiert. JÖRG BABEROWSKI (Humboldt-Universität zu Berlin), renommierter Osteuropahistoriker und Sprecher des Sonderforschungsbereichs 640 „Repräsentationen sozialer Ordnungen im Wandel“, formulierte provokante Thesen zum Thema „Sind geisteswissenschaftliche Sonderforschungsbereiche der geisteswissenschaftlichen Forschung dienlich oder nicht?“ Seiner Auffassung nach sei diese Frage mit einem klaren „Nein“ zu beantworten – ein Geisteswissenschaftler benötige vor allem vier Dinge: 1. Bücher, 2. Papier, 3. einen Stift und 4. einen klaren Verstand. Während die Punkte 2 und 3 mittlerweile durch digitales Arbeiten abgelöst würden, gälten die Punkte 1 und 4 jedoch auch unter den Bedingungen von Digital Humanities und kooperativer Forschung. Baberowski griff damit Herberts Gedanken auf, dass geisteswissenschaftliche Forschung naturgemäß primär auf den individuellen Lese- und Schreibprozess ausgerichtet sei, den der Geisteswissenschaftler in der Regel separiert von anderen Forschern konzentriert an einem individuellen Arbeitsplatz durchzuführen habe: „Man braucht keine Verbundforschung, um ein Buch zu schreiben, sondern Zeit“ – so Baberowski pointiert. Diese Phasen der Konzentration würden selbstverständlich unterbrochen durch Phasen des Diskurses mit Wissenschaftlern derselben sowie fachfremder Disziplinen, weswegen Institutionen wie Graduierten- und Forschungskollegs notwendig seien. Die komplexen Strukturen riesiger Sonderforschungsbereiche, so Baberowski, verhinderten dagegen Phantasie und Kreativität sowie die Möglichkeit, seine Auffassung zu einem Thema auch einmal kurzfristig zu ändern. Baberowski zitierte den Universitätshistoriker Rüdiger vom Bruch, der das Ende der Geisteswissenschaften durch den Sieg des Managements, das für die Steuerung komplexer Forschungsinfrastrukturen notwendig sei, markiert sah.

Baberowskis Fazit: Sonderforschungsbereiche seien der geisteswissenschaftlichen Forschung keineswegs dienlich, sie ersetzten lediglich diejenigen Strukturen, die eine Universität oft selbst nicht mehr bereitstellen könne, wodurch man sich andererseits von den universitären Strukturen emanzipiere. Sonderforschungsbereiche tendierten daher dazu, als „Jobmaschinen“ unter dem Dach häufig viel zu unspezifischer Themen zwar den wissenschaftlichen Nachwuchs zu fördern, die wissenschaftlichen Leiter jedoch von der Möglichkeit, eigene Forschungen zu betreiben, weitgehend ausschließen, wenn diese auch an Einfluss innerhalb der Universität und des Faches gewönnen.

RALF VON DEN HOFF (Albert-Ludwigs-Universität Freiburg), Sprecher des Sonderforschungsbereiches 948 „Helden und Heroismen“, bezog in seinem Redebeitrag „SFB-Erfahrungen“ gegen Baberowski eine bewusst positive Position: Sonderforschungsbereiche seien sehr wohl der geisteswissenschaftlichen Forschung dienlich, da sie Forschungspotenzial und Forschungsstärke durch Kooperationsbereitschaft beförderten, der Forschungsverbund sich insgesamt positiv auf die Universität auswirke und dem Nachwuchs Möglichkeit zu eigener Forschung in einem geeigneten und anregenden Umfeld biete. In Freiburg, so von den Hoffs engagiert vorgetragene Gegenposition zu Baberowski, habe nicht das Thema des Sonderforschungsbereiches am Anfang gestanden, sondern der Wunsch von Wissenschaftlern, kooperativ mit einer gemeinsamen Fragestellung zu forschen.

Den Abschluss der dritten Gesprächsrunde machte RONALD G. ASCH (Universität Freiburg) mit seinem Statement „Vom Nutzen und Nachteil der Graduiertenkollegs“. Asch war Sprecher des Freiburger Graduiertenkollegs 1288 „Freunde, Gönner und Getreue“ und akzentuierte folgende Aspekte: Kleine Graduiertenkollegs seien flexibel und nicht so schwerfällig wie komplexe Sonderforschungsbereiche, erzögen zur Toleranz, ohne die Verbundforschung nicht denkbar sei, und wirkten persönlichkeitsbildend für Nachwuchsforscher, die sich beispielsweise der Konkurrenz in der Bewerbung um eine Juniorprofessur stellen müssten. Asch brachte schließlich einen Begriff in die Diskussion, den die Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel als Forschungsbibliothek für die Frühe Neuzeit geprägt habe: das „Forschungsmilieu“. Um in dieses den wissenschaftlichen Nachwuchs einzuführen, sei die Einbindung in Graduiertenkollegs und Sonderforschungsbereiche außerordentlich wichtig.

In der engagierten Diskussion der drei Gesprächsrunden kehrten folgende Themen und Thesen immer wieder: Geisteswissenschaftliche Forschung sei gegenwärtig mit der paradoxen Situation konfrontiert, dass zwar einerseits genug Mittel zur Verfügung stünden (Herbert), andererseits ein Problem der Forschungsfinanzierung darin liege, dass die Grundausstattung von Universitäten zu knapp bemessen sei (Wolfgang Eßbach). In Deutschland werde, so der Islamwissenschaftler Maurus Reinkowski, deutlich zu viel wissenschaftlicher Nachwuchs ohne Perspektive auf Weiterbeschäftigung an Universitäten produziert. Deutliches Indiz sei, dass in Deutschland allein in der Geschichtswissenschaft jährlich 6.000 Monographien publiziert würden, von denen allerdings nur ein Drittel rezensiert und damit in der scientific community bekannt gemacht werde. Hinsichtlich der Sonderforschungsbereiche und der in den Geisteswissenschaften beantragten Projektmittel stelle sich immer wieder die Frage, wie viele Drittmittel eine Universität eigentlich „aushalten“ könne und ob nicht eine Stärkung der Grundfinanzierung sinnvoller sei. Für Eßbach habe die Exzellenzinitiative vielfach eine „ziellose Mobilisierung“ initiiert.

Als Argument für Sonderforschungsbereiche, Graduiertenkollegs und Institutes for Advanced Studies wurde vorgetragen, dass ohne deren Motivation ein interdisziplinärer Diskurs in Universitäten vielfach erst gar nicht stattfinde. Der bekannte US-amerikanische Altphilologe Glenn W. Most, der nach einer zehnjährigen Lehrtätigkeit in Heidelberg seit 2001 an der Scuola Normale in Pisa unterrichtet, brachte dagegen den kritischen Einwand: Selbst in Forschungsverbünden zu einem bestimmten Thema könne häufig allenfalls von „Pseudointerdisziplinarität“ gesprochen werden.

7. Ausblick
Das Format der Tagung, die nicht als formelle Konferenz mit Vorträgen und Plenumsdiskussion, sondern als eher informelles Gespräch mit thesenartigen „Einwürfen“ von Experten in drei Runden zu drei sich ergänzenden Themenbereichen konzipiert war, war dem Ziel der Veranstalter sehr angemessen und ermöglichte auch „ungefilterte“ Statements der Diskutanten, die in formellerem Rahmen so nicht möglich gewesen wären.

Das engagierte Gespräch machte in sehr unterschiedlichen Facetten deutlich, welche konkreten Anforderungen Geisteswissenschaftler an ihre unmittelbare Arbeitsumgebung und die wissenschaftliche Infrastruktur stellen – zentrale Themen innerhalb der aktuellen, in zahlreichen forschungspolitischen Empfehlungen von Deutscher Forschungsgemeinschaft und Wissenschaftsrat deutlich werdenden Diskussion insbesondere auch über kollaboratives Forschen in eScience-Umgebungen oder Virtuellen Forschungsumgebungen. Es wurde immer wieder deutlich, dass geisteswissenschaftliche Forschung zwar immer wieder mit naturwissenschaftlicher Forschung verglichen wird, dass Forschungsinhalte, organisatorische Rahmenbedingungen und Instrumente jedoch nicht immer unmittelbar vergleichbar sind und oft sehr spezifischen disziplinären Regeln und Traditionen folgen. Diese oft sehr individuellen Fächerkulturen wären bei künftigen strukturellen Weichenstellungen in der Forschungsförderung und bei der Konzeption und Gestaltung von Forschungsräumen – physisch wie virtuell – besonders zu berücksichtigen.

Konferenzübersicht:

Begrüßung und Einführung (Ulrich Herbert, Freiburg i. Br.)

Erste Runde – Institute und Institutionen
Moderation: Ulrich Herbert, Freiburg i. Br.

Einwürfe von:
Jürgen Kocka (Berlin): Geisteswissenschaftliche Forschungsinstitute in Universitäten: Leistungen und Grenzen
Hans Joas (Freiburg i. Br.): Geisteswissenschaftliche Forschungsinstitute an Universitäten: Gemischte Erfahrungen

Zweite Runde – Europäische Erfahrungen
Moderation: Bo Stråth, Helsinki

Einwürfe von:
Chris Lorenz (Amsterdam): Förderung geisteswissenschaftlicher Forschung an niederländischen Universitäten: Stärken, Schwächen, neue Entwicklungen
John Horne (Dublin): Erfahrungen aus Frankreich und Großbritannien
Jakob Tanner (Zürich): Erfahrungen aus der Schweiz

Dritte Runde – Kooperative und individuelle Forschung
Moderation: Shulamit Volkov, Tel Aviv

Einwürfe von:
Jörg Baberowski (Berlin): Sind geisteswissenschaftliche Sonderforschungsbereiche der geisteswissenschaftlichen Forschung dienlich oder nicht?
Ralf von den Hoff (Freiburg i. Br.): SFB-Erfahrungen
Ronald G. Asch (Freiburg i. Br.): Vom Nutzen und Nachteil der Graduiertenkollegs

Anmerkungen:
[1] Das Tagungsprogramm: <www.frias.uni-freiburg.de/history/programm-geistesw.-forschung-v27juni2013.pdf>. In der überregionalen Presse wurde ebenfalls über die Tagung berichtet: Franziska Augstein: Eine schöne Leiche: Die Freiburger School of History schließt, in: Süddeutsche Zeitung vom 3. Juli 2013; Bodo Mrozek: Goldfische auf dem Trockenen – „Frias“: Freiburgs Elite am Ende, in: Der Tagesspiegel vom 3. Juli 2013; Jürgen Kaube: Das sind doch nur Spitzenintellektuelle, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 4. Juli 2013. – Der vorliegende Konferenzbericht resultiert ausschließlich aus den persönlichen Beobachtungen des Verfassers und enthält sich einer Wertung.
[2] In der Ausgabe Nr. 4 / 2013 von „Forschung und Lehre“ sind Zahlen zur außeruniversitären Forschung aus dem Jahr 2011 veröffentlicht: Danach hatten außeruniversitäre Forschungseinrichtungen einen Anteil von 14,7 Prozent an den Gesamtausgaben für Forschung und Entwicklung in Deutschland, während auf die Hochschulen 18 Prozent entfielen. Der größte Teil der Ausgaben für Forschung und Entwicklung entfiel mit 67,3 Prozent auf den Unternehmenssektor. Insgesamt betrugen die Ausgaben für Forschung und Entwicklung 2,88 Prozent am Bruttoinlandsprodukt. Innerhalb der außeruniversitären Forschung wurden 5,3 Milliarden Euro für die Naturwissenschaften investiert, 2,9 Milliarden Euro für die Ingenieurwissenschaften, 1,4 Milliarden Euro für die Geistes- und Sozialwissenschaften, 0,9 Milliarden Euro für die Humanmedizin und 0,6 Milliarden Euro für die Agrarwissenschaft. – In seinem Beitrag „Forschungsförderung quo vadis? Effizienz und Komplexitätsbarrieren in den Wissenschaften“ in demselben Heft von „Forschung und Lehre“ (S. 278-279) beschreibt der Physiker Claudius Gros die Problematik der „Komplexitätsbarriere“, die Forschungsprozesse nicht immer exakt planbar mache – auch innerhalb gebündelter und strukturierter Forschungsförderung von Förderinstitutionen, die Forschung nicht mehr „vom Geistesblitz Einzelner“ (S. 278) abhängig mache. Gros empfiehlt: „Man sollte den Effizienzgedanken in der Forschung nicht übertreiben, doch teilweise haben wir heute Strukturen, durch welche Ineffizienz tendenziell belohnt wird […] Wir sollten versuchen […] in der Forschungsförderung Strukturen zu schaffen, welche effizient arbeitende Einrichtungen und Arbeitsgruppen belohnen und nicht bestrafen. Die derzeitig zu beobachtende Tendenz zu vermehrter Programmforschung, Großprojekten und strukturierter Forschungsförderung scheint dabei nicht der geeignete Weg zu sein.“ (S. 279)
[3] In der Ausgabe von „Forschung und Lehre“ (s. o. Anm. 2) widmet sich Ulrich Scheiterer in seinem Artikel „Forschung nur an Universitäten? Amerika ist kein Vorbild“ (S. 364-366) einem kritischen Vergleich zwischen der Forschungsförderung in Deutschland und den USA und stellt fest: „Nicht Deutschland, sondern die USA geben mehr Geld für die außeruniversitäre Forschung als für die an Hochschulen aus.“ (S. 366). Die Mittel seien allerdings unterschiedlich verteilt: „Programmforschung an Großforschungseinrichtungen schlägt in Deutschland viel stärker zu Buche als in Amerika. Dort ist nicht nur die Hochschullandschaft viel bunter und vielgestaltiger als bei uns, sondern auch die außeruniversitäre Forschung […] Festzuhalten bleibt, dass die USA für ein neues institutionelles Design des deutschen Forschungssystems wenig zu bieten haben.“ (S. 366)

ZitierweiseTagungsbericht Geisteswissenschaftliche Forschung an Universitäten – ein Gespräch. 28.06.2013, Freiburg im Breisgau, in: H-Soz-u-Kult, 04.10.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=5062>.

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