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Politics and Society in Central America

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Center for Area Studies, Leipzig; German Institute of Global and Area Studies (GIGA), Universität Bielefeld
Datum, Ort:08.03.2013–09.03.2013, Leipzig

Bericht von:
Thomas Plötze, Universität Leipzig
E-Mail: <thomas.ploetzeuni-leipzig.de>

In der wissenschaftlichen Diskussion ist Zentralamerika in den letzten Jahrzehnten zwar stärker in den Fokus des Interesses gerückt, allerdings spiegelte sich diese wissenschaftliche Aufmerksamkeit bislang nicht in einer Institutionalisierung der Zentralamerikaforschung wider. In der bisherigen europäischen und deutschen Forschungslandschaft sind die Zentralamerikanisten nur unzureichend vernetzt. Darüber hinaus nimmt Zentralamerika insgesamt in den einschlägigen Foren deutscher und internationaler Lateinamerikaforschung bisher nur eine Randstellung ein. Dies zeigt sich vor allem im geringeren wissenschaftlichen Stellenwert Zentralamerikas gegenüber den südamerikanischen Flächenstaaten (u.a. Brasilien, Venezuela, Argentinien) in der europäischen und internationalen Forschung. Diese Einsicht wirkte als Motor zur Organisation einer interdisziplinären Nachwuchstagung über die zentralamerikanische Region, die am 08. und 09. März 2013 am Center for Area Studies (CAS) Leipzig veranstaltet wurde. Mit dem Ziel, ein europäisches Netzwerk unter Zentralamerikaforschern aufzubauen, wurde die Konferenz „Politics and Society in Central America“ („Políticas y Sociedad en Centroamérica“) von Wissenschaftlern der Universität Leipzig, Universität Bielefeld und dem German Institute of Global and Area Studies (GIGA) Hamburg organisiert. Unterstützung fand die Tagung außerdem durch die Fritz Thyssen-Stiftung.

Neben der Etablierung eines Netzwerkes stand zudem die Aufarbeitung des gegenwärtigen Standes der Zentralamerikaforschung auf der Tagesordnung der Konferenz. Dadurch konnten zum einen die beteiligten Wissenschaftler ihre jeweiligen Forschungsagenden vorstellen. Zum anderen sollten auch Antworten auf die für Zentralamerika besonders drängenden Probleme angeboten werden.

Für die Brisanz und Notwendigkeit einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Zentralamerika spricht zunächst die Erkenntnis, dass sich in dieser geographisch kompakten Region signifikante Disparitäten zwischen den einzelnen Ländern hinsichtlich ihrer Entwicklung herausgebildet haben: Historisch lassen sich beispielsweise unterschiedliche Verläufe in Zentralamerika, einerseits in Richtung Demokratie und Entwicklung, andererseits orientiert auf Autokratie und Unterentwicklung, festhalten. Ähnliche historische Konfigurationen (Integration in den Weltmarkt über Agrarexportgüter) führten aufgrund unterschiedlicher innergesellschaftlicher Konstellationen (u.a. die Rolle des Militärs[1] bzw. der ökonomischen und politischen Eliten[2] zu divergierenden Verläufen: Während die Entwicklung Guatemalas, El Salvadors und Nicaraguas durch Systemkrisen, innergesellschaftliche Konflikte sowie Revolution[3] geprägt waren, zeichneten sich Costa Rica und Honduras durch Systemstabilität aus[4]. Gleichzeitig lässt sich nur für Costa Rica ein demokratischer Entwicklungsweg festhalten. Trotz der Friedensprozesse und Transitionen der 1990er-Jahre sind die drängendsten Probleme wie Unterentwicklung, Armut und politische Exklusion für einen Großteil der zentralamerikanischen Staaten noch längst nicht gelöst. Auch die in den 1990er-Jahren begonnenen demokratischen Transitionen konnten bisher keine nachhaltigen Veränderungen hervorrufen[5]. Im Gegenteil zeigen sich doch besonders für Honduras (Putsch von 2009) und zum Teil auch für Nicaragua Tendenzen einer weiteren politischen Exklusion breiter Bevölkerungsschichten und der Rückkehr autoritärer Herrschaftselemente. Daneben ist Zentralamerika durch ein hohes Gewaltniveau und eine zunehmende Perzeption von Unsicherheit innerhalb breiter Bevölkerungsschichten zu charakterisieren. Speziell die Länder des nördlichen Dreiecks (Guatemala, El Salvador und Honduras) weisen im internationalen Vergleich die höchsten Mordraten auf[6]. Im Jahr 2010 betrug die Homizidrate (Morde pro 100.000 Einwohner) in Guatemala 38 und in El Salvador 69 Morde. Mit noch deutlichem Abstand dazu steht jedoch Honduras mit 91 Morden an der Spitze der internationalen Gewaltstatistik[7]. Darüber hinaus ist Migration eng mit Zentralamerika verbunden. Migrationsprozesse nahmen nicht nur einen wesentlichen Bestandteil in der historischen Entstehung und Entwicklung Zentralamerikas ein, sondern besonders in den letzten drei Dekaden haben Wanderungsbewegungen gen Norden (vor allem in die USA) in erheblichem Maße zugenommen[8]. Die Ursachen der verstärkten Migration in die USA sind zunächst in den internen bewaffneten Konflikten und Bürgerkriegen Zentralamerikas zu sehen. Die Migrationsströme ebbten auch nach der Transition in den 1990er-Jahren nicht ab. Vielmehr verstärkten sich die Migrationsströme in die USA rapide, weil sich in Zentralamerika die ökonomische Situation für weite Teile der Bevölkerung auch in den Nachkriegsjahrzehnten nicht verbesserte, wobei die Geldzurücküberweisungen (remittances) mittlerweile eine wichtige Rolle für die zentralamerikanischen Ökonomien spielen[9].

Die Annäherung an sowie Diskussion über diese Herausforderungen hatte sich die Tagung „Politics and Society in Central America“ zum Ziel gesetzt. Die geringe Größe und historische Nähe der Länder dieser Region prädestinieren Zentralamerika gerade dafür, in der Untersuchung der drängenden Herausforderungen vergleichende Area-Forschung zu forcieren und die Vergleichsergebnisse mit verschiedenen theoretischen Perspektiven zu konfrontieren. Somit stellt Zentralamerika ein ideales empirisches Forschungsfeld für interdisziplinäre und vergleichende Studien in der Area-Forschung dar. Diese Erkenntnis floss in die Gestaltung und Durchführung der Konferenz ein.

Als Veranstaltungsort für die Tagung bot sich besonders Leipzig an, weil die dortige Universität auf eine lange Tradition interdisziplinärer Lateinamerika- und insbesondere Zentralamerikaforschung zurückblicken kann. Dies wurde eindrücklich durch den von HEIDRUN ZINECKER (Universität Leipzig) gehaltenen Eröffnungsvortrag veranschaulicht. Zinecker zeichnete in ihrem Vortrag „América Latina como objeto de investigación en la Universidad de Leipzig – Raíces y protagonistas” nicht nur die Entwicklungsgeschichte der Lateinamerikaforschung an der Universität Leipzig seit dem Zweiten Weltkrieg nach, sondern verortete zudem die Entstehung und theoretische Ausrichtung der Lateinamerikaforschung in die Leipziger Schule der Global- (Universal-)geschichtsschreibung. Der Ansatz der Universalgeschichtsschreibung geht auf Karl Lamprecht (1856-1890) zurück, der dem damaligen vorherrschenden deskriptiven ereignisgeschichtlichen Ansatz eine Perspektive der Kultur- und Wirtschaftsgeschichtsschreibung entgegensetzte, die durch universalgeschichtliche Vergleiche versuchte, zugrundeliegende Gesetzmäßigkeiten unterschiedlicher historischer Verläufe zu erarbeiten. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und mit dem Aufbau universitärer Strukturen in der DDR verlagerte sich die Leipziger Universalgeschichtsschreibung zum einen auf die Untersuchung zeitgenössischer Phänomene, jedoch ohne die Analyse historischer Geschehnisse zu vernachlässigen. Zum zweiten wurde hier der Grundstein für die Leipziger Area Forschung gelegt, indem die empirischen Untersuchungsfelder ausschließlich auf Entwicklungen in den Ländern des „Südens“ konzentriert und innerhalb des Rahmens komparativer Universalgeschichtsschreibung verankert wurden. Institutionell (unter Leitung von Walter Markov 1909-1993) wurden dazu verschiedene regionale Institute (u.a. Orientalisches, Südostasiatisches oder Afrikanisches Institut) gegründet. Grundlegende Maxime war laut Zinecker dabei, die Area-Forschung mit verschiedenen Disziplinen (u.a. Ökonomie, Ethnologie und Geschichte) zu verknüpfen. Für das Lateinamerikainstitut in Leipzig zeichnete sich in einer historischen Perspektive das Seminar unter Leitung von Manfred Kossok (1930-1993) und für revolutionstheoretische Untersuchungen das Seminar unter Leitung von Jürgen Kübler (1931-2009) aus. Die zentralamerikanische Area-Expertise in Leipzig war dabei besonders im Seminar Küblers verortet, da in diesem Seminar die Transformationsversuche innerhalb einzelner zentralamerikanischer Länder auch vergleichend untersucht wurden.

Letztlich eröffnete sich durch den Vortrag von Heidrun Zinecker nicht nur ein Einblick in die Geschichte der Lateinamerika- respektive Zentralamerikaforschung an der Universität Leipzig, sondern bot zugleich einen geeigneten Einstieg in den Workshop, indem die Leipziger Tradition der Area Forschung mit Interdisziplinarität der thematischen Agenda des Treffens verbunden wurde.

Die thematische Agenda der vier Panels wurde entlang der alten und neuen Problematiken Zentralamerikas gewählt:

Das erste Panel der Tagung widmete sich den Themen Gewalt, Unsicherheit und Kriminalität. In der wissenschaftlichen Diskussion wird das hohe bzw. ansteigende innergesellschaftliche Gewaltniveau zeitlich mit dem Ende der bewaffneten Auseinandersetzungen und den stagnierenden Transitionen in den jeweiligen Ländern verknüpft sowie zu einem überwiegenden Maße als kriminelle Gewalt beschrieben. Die Beschreibungen und Untersuchungen zur Gewalt in dieser Region betonen eher einen Bruch gegenüber der Gewalt in Zeiten der innergesellschaftlichen Konflikte (kriminelle vs. politische Gewalt). Als zwei wesentliche Phänomene werden in Zentralamerika zumeist die Jugendbanden (Maras) und die organisierte Kriminalität in Verbindung mit dem Gewaltniveau gesetzt. Zwar existieren beide Phänomene auf dem Isthmus nicht erst seit dem Ende der bewaffneten Konflikte, aber besonders für den jüngsten Zeitraum sind Maras und organisierte Kriminalität (hier insbesondere Menschen- und Drogenhandel) als untersuchte Phänomene wohl die prominentesten. Dieser allzu einseitigen temporären und zu spezifischen Betrachtung einzelner Gewalt(-formen) trat das Panel „Violence, Crime and Insecurity“ entgegen. Dabei näherten sich die vier Vorträge dem Thema Gewalt aus unterschiedlichen theoretischen Linien und Disziplinen. Trotz der vermeintlich heterogenen theoretischen Ausgangslagen der vier Vorträge stach der Gedanke der Historisierung von Gewalt in Zentralamerika als leitende und verbindende Erkenntnis besonders hervor: SEBASTIAN HUHN (Universität Bielefeld) stellte in seinem Vortrag die diskursive und historische Komponente von Gewalt und Kriminalität in den Mittelpunkt seiner Überlegungen. Dabei skizzierte Huhn in der Präsentation seines zukünftigen Forschungsprojektes, dass eine historische Betrachtung der Gewalt- und Kriminalitätsdiskurse eine Verortung und Kontrastierung der derzeitigen Sprechakte über Gewalt in sowie mit früheren Gewaltdiskursen ermögliche. Denn die bisherigen historischen Abhandlungen über Gewalt in Zentralamerika zögen oftmals keine Parallelen zur heutigen Gewalt. Außerdem fehle den kontemporären Analysen von Gewalt sowie Kriminalität oft der historische Bezug. Huhn vertrat demgegenüber die These, dass die derzeitigen Diskurse über Gewalt und deren Bekämpfung gerade Ausdruck eines historisch entwickelten Diskurses über Kriminalität und deren Bekämpfung seien. Mit dem Forschungsprojekt verfolge er deshalb das Ziel, Diskurse und historische Prozesse in verschiedenen zentralamerikanischen Ländern zu untersuchen.

In der Quintessenz griff der Vortrag von HANNES WARNECKE (Universität Leipzig) den Gedanken einer historischen Verortung der Gewalt auf. Warnecke ging mit seinem Vortrag über den engen Zentralamerikafokus hinaus, indem er urbane Gewaltformen in San Salvador mit denen in Belize City verglich. In beiden Städten ist das Gewaltniveau in den letzten Jahren massiv angestiegen. In der bisherigen Gewaltforschung wurde dies bisher allein mit einem Wandel der Gewaltformen hin zu krimineller Gewalt (Jugendbanden und organisierte Kriminalität) beschrieben. Ausgehend von diesem Befund kritisierte Warnecke aber, dass in den Analysen die Ursachen der Gewaltformen durch einen einseitigen Fokus auf kriminologische Theorien und quantitative Methoden nur unzureichend erklärt werden könnten. Aber gerade in einer langfristigen historischen Betrachtung der Gewaltniveaus – unabhängig von den Gewaltformen – sei Gewalt, so Warneckes These, ein spezifisches Kennzeichen der beiden Länder gewesen. Gewaltformen seien demnach Ausdruck einer spezifischen historischen Konfliktlage und der jeweiligen sozialen Organisation der Gewalt. Eine historisch fundierte Analyse der Ursachen der Gewaltformen erfordere, Warnecke zufolge, die Konzentration auf verschiedene critical junctures, in denen das Gewaltniveau besonders hoch ist und sich in spezifischen Gewaltformen ausdrückt. Zur Analyse und Differenzierung unterschiedlicher Gewaltformen bot der Referent eine Gewalttypologie an, in der er die Gewaltformen auf horizontaler und vertikaler Ebene verortete. Methodisch untermauerte Warnecke seine Argumentation mit der Verknüpfung von bisher unberücksichtigten historischen Polizeistatistiken und Gewaltnarrationen.

Welche Rolle Gewalt in Zentralamerika des 19. Jahrhunderts einnahm, zeigte CLARA PÉREZ FABREGAT (Universität Barcelona) in ihrem Vortrag „Violencia y guerra en la formación del Estado salvadoreño, 1840“ auf. In einer ähnlichen Perspektive wie Warnecke versuchte Pérez durch eine historische Betrachtung die Bedeutung der Gewalt für zentralamerikanische Gesellschaften herauszustellen. Ausgehend von dem Zerfall der zentralamerikanischen Konföderation mit der Niederlage von Francisco Morazáns und den zeitweiligen Versuchen einer Wiederherstellung föderaler Strukturen zwischen El Salvador, Nicaragua und Honduras, markierten die zahlreichen territorialen Konflikte El Salvadors mit Guatemala einen quasi-permanenten Kriegszustand. Dabei zeigte Pérez auf, dass Gewalt und der Kriegszustand für die Staatswerdung El Salvadors von eminenter Wichtigkeit gewesen sei. Besonders die spezifischen sozialen und politischen Organisationsformen für den Krieg (Rekrutierung und Abschöpfen ökonomischer Ressourcen) seien für die Staatsbildung El Salvadors kennzeichnend gewesen. Pérez betonte hierbei, dass die Analyse der Gewalt in Form von Kriegen als soziales Phänomen ein Schlüssel sei, um die institutionelle und legitime Konfiguration des salvadorianischen Staates zu verstehen. Ähnlich wie Warnecke untermauerte Pérez ihre Argumentation mit der Analyse von Gewaltdarstellungen u.a. aus Zeitungs- und Botschaftsberichten.

Die Perspektive der Verbindung von Gewalt und Staat griff OTTO ARGUETA (GIGA Hamburg) in der Vorstellung seines Forschungsprojektes „Political-criminal Nexus in El Salvador, Guatemala and Nicaragua“ auf. Hierbei konzentrierte sich Argueta auf ein spezifisches Phänomen zentralamerikanischer Gewalt – organisierte Kriminalität. Der bisherige Forschungsstand verbände, so Argueta, die Entstehung organisierter Kriminalität in Zentralamerika mit der Emergenz internationaler krimineller Organisationen und den schwachen öffentlichen Nachkriegsinstitutionen in der Region sowie der besonderen Lage Zentralamerikas auf der internationalen Drogenroute. Ähnlich argumentierend wie die drei Referenten zuvor, reklamierte Argueta die fehlende historische Verortung und Analyse der organisierten Kriminalität. Insbesondere vertrat er die Ansicht, dass die Betrachtung organisierter Kriminalität in Verbindung mit dem Staat bzw. den politischen Eliten zu sehen sei. In seinem Forschungsprojekt geht er der Frage nach, welche institutionellen Mechanismen den Aufstieg, die Konsolidierung und den Niedergang eines politisch-kriminellen Nexus erklären können. Zur Analyse des für die Entstehung der organisierten Kriminalität zentralen politisch-kriminellen Nexus zog Argueta den historischen Institutionalismus heran und versuchte damit – ähnlich wie Warnecke –, über critical junctures des politischen Regimewandels die spezifische Konfiguration und den Verlauf des politisch-kriminellen Verbindungen in El Salvador, Guatemala und Nicaragua nachzuzeichnen. Als entscheidende Dimensionen zur Bestimmung der politisch-kriminellen Verbindung sah Argueta die patrimoniale Politik der politischen Parteien und des Militärs auf drei Ebenen (polit-ökonomischer Kontext, institutioneller Rahmen und kriminelle Aktivitäten) an.

Letztlich wurde aus dem ersten Panel des Workshops deutlich, dass aus unterschiedlichen theoretischen Perspektiven eine historische Analyse der Gewalt – ihrer Formen und Akteure – zum Verständnis der derzeitigen Entwicklungen in Zentralamerika unumgänglich erscheint.

In der Diskussion der Gewalt und Kriminalität des ersten Panels wurden politische und ökonomische Eliten bereits als erklärende Faktoren einbezogen. Diese Überlegung rückte in den darauffolgenden Panels stärker in den Fokus der Betrachtung, indem das Agieren der zentralamerikanischen Eliten in anderen Themenfeldern wie Politik, Gesellschaft und Ökonomie analysiert wurde. Gerade im Hinblick auf die politischen Veränderungen seit den 1990er-Jahren zeigt sich, dass, abgesehen vom Musterbeispiel Costa Rica, in den meisten zentralamerikanischen Ländern Stagnation bzw. sogar Rückschritte in der demokratischen Transition festzustellen sind. Politische Parteien wehrten sich erfolgreich gegen weitere Demokratisierungsprozesse und die drängenden sozioökonomischen Probleme (u.a. Armut und ungleiche Einkommensverteilung) Zentralamerikas konnten nicht durch ökonomische Reformen oder regionale Zusammenarbeit (u.a. SICA und CAFTA) nachhaltig gelöst werden. Diesem breiten sozio-ökonomischen und politischen Komplex versuchten sich die vier Vortragenden des zweiten Panels „Contemporay Politics in Central America“ in spezifischen Politikfeldern zu nähern.

JUSSI PAKKASVIRTA (Universität Helsinki) ordnete die sozioökonomischen und politischen Entwicklungen Zentralamerikas in seinem Vortrag „Centroamérica: unidad, particularidad y el desarrollo“ überblicksartig ein. Die Präsentation bot eine geeignete thematische Grundlage für die drei folgenden Beiträge des Panels an: Pakkasvirta verdeutlichte dabei nicht nur die topografische Verortung Zentralamerikas (zwischen USA und Karibik), sondern auch zusammenfassend die historischen Entwicklungen in politischer (US-Interventionen, Bürgerkriege) und ökonomischer Hinsicht (Agrarexportgüter und Maquiladoras) in der zentralamerikanischen Region. Weiterhin veranschaulichte Pakkasvirta mit seinem Vortrag zusammenfassend die neuen Herausforderungen Zentralamerikas – und dies nicht allein im Hinblick auf Gewalt, Kriminalität und Drogenhandel, sondern auch hinsichtlich der Vertiefung und weiteren Verschränkung der regionalen Integration.

Genau diese offene Herausforderung griff PEDRO CALDENTEY DEL POZO (Universität Córdoba) in seinem Vortrag auf. Der Vortragende verfocht dabei die These, dass SICA – als eine Form des neuen Regionalismus – und der zentralamerikanische Integrationsprozess dynamischer seien als viele andere Regionalisierungen in Südamerika. Besonders bei der Gestaltung und Umsetzung der Entwicklungspolitik übernehme SICA eine herausragende Rolle. In den letzten fünf Jahren seien sehr viele wirtschaftliche, politische und soziale Akteure dem regionalen Integrationsprozess mit mehr Dynamik und Esprit begegnet. Caldentey betonte, dass genau dies die Glaubwürdigkeit und Legitimität des zentralamerikanischen Integrationssystems stärke. Denn trotz der jüngsten Dynamiken im institutionellen Reformprozess von SICA und der langen historischen Erfahrungen regionaler Integration in Zentralamerika mangele es SICA weniger an institutioneller Ausgestaltung und Konfiguration als vielmehr an der tatsächlichen Implementierung der regionalen Beschlüsse aufgrund von Kompetenz- und Machtstreitigkeiten zwischen nationaler und regionaler Ebene.

Neben der regionalen Herausforderung für Zentralamerika griff YURI KASAHARA (Universität Oslo) eine zweite von Jussi Pakkasvirta eingeführte Problematik auf: ökonomische Eliten und deren Verschränkung mit der Politik. Wurde dieses Feld bereits im ersten Panel von Argueta in einer historischen Betrachtung vorgestellt, stellte Kasahara in seinem Vortrag ein Forschungsprojekt vor, in dem die politischen Strategien der ökonomischen Eliten Zentralamerikas näher untersucht werden. Je nach spezifischer politischer Strategie könnten Businessgruppen, so die These Kasaharas, als ein entscheidender Destabilisator für die politischen Regime wirken. Dieser These lag der Gedanke einer polit-ökonomischen Symbiose zwischen Businessgruppen und politischen Eliten zu Grunde, die in den 1990er-Jahren besonders intensiv gewesen sei: Regierungen hätten die ökonomischen Eliten durch liberale Strukturreformen unterstützt, die den Businessgruppen neue Investitionen und Diversifizierungen ermöglichte. Aber durch Wahlsiege linksorientierter politischer Kräfte in verschiedenen Ländern Zentralamerikas sei diese Symbiose gestört worden. Empirisch wurden die politischen Strategien der Businessgruppen in allen fünf zentralamerikanischen Ländern untersucht.

Während Kasahara die Strategien der ökonomischen Gruppen vis à vis der Politik untersuchte, bot EVA KALNY (Universität Hannover) mit ihrem Vortrag „Los movimientos sociales y el Estado“ einen Einblick in Strategien sozialer Bewegungen gegenüber dem guatemaltekischen Staat. Guatemala diene dabei als gutes empirisches Untersuchungsfeld, weil, so Kalny, besonders in der Region Petén nach der Implementierung der Freihandelszone (DR-CAFTA) zivilgesellschaftlicher Aktivismus gegen transnationale Wirtschaftsprojekte – u.a. gegen Staudammprojekte – entstanden sei. Doch die „Widerstandsbewegungen“ seien in dieser Region weniger – wie bisher angenommen – als soziale Bewegungen zu klassifizieren. Stattdessen sei der Aktivismus Ausdruck von Klientelismus und Parteipolitik. Kalny untermauerte ihre These mit dem Argument, dass durch die Einführung der zentralamerikanischen Freihandelszone die bäuerliche Subsistenz verloren gegangen sei und lokale NGO’s vor allem nach parteipolitischen und ökonomischen Interessen agierten sowie Anbindung an lokale und nationale Parteien gesucht hätten.

Das zweite Panel bot somit einen Einblick in die kontemporären Politikprozesse Zentralamerikas. Ohne letztlich den historischen Fokus ganz außer Betracht zu lassen, zeigten sich in den Vorträgen verschiedene Prozesse, die auf den Staat oder politische Eliten auf verschiedenen Ebenen einwirken. Interessanterweise deuteten Kasahara und Kalny mit ihren Beiträgen darauf hin, dass gesellschaftliche Gruppen (Businessgruppen und Bauern bzw. NGO’s) vor allem aus ökonomischen Interessen auf den Staat einwirken. Gleichzeitig verdeutlichten die beiden Vorträge von Caldentey und Kalny in konträrer Weise die Chancen und Risiken regionaler Integration in Zentralamerika: Während der Vortrag von Caldentey die Vorteile und Möglichkeiten des zentralamerikanischen Integrationsprozesses hervorhob, veranschaulichte Kalny – unter Berücksichtigung der DR-CAFTA Freihandelszone – die mit regionaler Integration verbundenen Kosten für die lokale Bevölkerung sowie deren Anpassungsstrategien. Letztlich wurde aber im lokalen Widerstand oder Aktivismus gegen den drohenden Subsistenzverlust der breiten Bevölkerung nur eine Strategie der Anpassung angesprochen. Eine zweite – für Zentralamerika entscheidende Strategie gegen die Armut – ist Migration, der sich im Workshop ein ganzes Panel widmen sollte.

Die wissenschaftliche Diskussion über Migration in Zentralamerika fokussiert vor allem auf die Wanderungen aus Zentralamerika gen Norden (vor allem in Richtung USA) und wird zu einem großen Teil nur unter polit-ökonomischen und /oder kriminellen Gesichtspunkten analysiert. Dieser etwas verkürzten Sichtweise auf zentralamerikanische Migrationsprozesse setzten die vier Vorträge des dritten Panels „Migration Processes“ drei wesentliche Kontrapunkte entgegen, indem (1) die Strategien der politischen Elite zur Verstetigung der Migrationsprozesse gen Norden analysiert, (2) die zentralamerikanische Binnenmigration zwischen Costa Rica und Nicaragua untersucht und (3) in zwei Vorträgen eine historische Betrachtung Zentralamerikas als Zielland von Migration vorgenommen wurde.

ISABEL ROSALES (GIGA Hamburg) untersuchte in ihrem Beitrag „’Bienvenido a Casa’: The Paradoxes of Transnational Migration Policies and Sending States in Central America” die Strategien der Politik, Migranten in den USA an die zentralamerikanischen Staaten zu binden. Rosales stellte ihrem Vortrag die Frage voran, wie die zentralamerikanischen Länder versuchen, Migranten als politische und ökonomische Ressource in das jeweilige nationale politische System zu integrieren. Sie bezeichnete die Versuche der Einbindung als staatlich initiierten Transnationalismus, weil hier die Grenzen traditioneller Begriffe wie Souveränität, Nationalstaat und Staatsangehörigkeit verschwimmen würden. Als zentrale politische Strategien nannte Rosales die Versuche der Ausweitung des Wahlrechts auf Migranten, die Einrichtung politischer Ämter in Zentralamerika, die ausschließlich den Kontakt zu Migranten pflegen, und Anstrengungen, den Aufenthaltsstatus der in den USA ansässigen Migranten über bilaterale Abkommen mit den USA zu verbessern. Rosales untersuchte und verglich empirisch Politiken dreier zentralamerikanischer Entsendeländer: El Salvador, Honduras und Guatemala.

Eine ähnliche Untersuchungsperspektive auf Migration unternahm KOEN VOOREND (Universität Costa Rica) in seinem Vortrag „¿Universal o Excluyente? Derechos sociales y control migratorio interno en Costa Rica”, indem er ebenfalls politische Strategien auf Migration untersuchte. Allerdings stellte Voorend in seinem Beitrag innerzentralamerikanische Migrationsprozesse zwischen Costa Rica und Nicaragua als Untersuchungsbeispiel vor. Er verdeutlichte anhand der Diskussion um den Umgang der nicaraguanischen Einwanderer in Costa Rica, dass sich das gesellschaftliche Klima gegenüber den nicaraguanischen Einwandern besonders infolge der Finanzkrise und ihrer ökonomischen Effekte für Costa Rica verschlechtert habe. Sozialdienstleistungen seien aufgrund der ökonomischen Krise gekürzt und nicaraguanische Migranten seien nun weniger als billige Arbeitskräfte denn vielmehr als eine Bedrohung für Arbeitsplätze angesehen. Nicaraguanische Migranten würden dadurch, Voorend zufolge, nicht nur exkludiert, sondern vor allem verstärkt in einen illegalen Status gedrängt.

Den Versuch, Zentralamerika auch als Zielregion für Migration zu betrachten, unternahm LIRIO GUTIÉRREZ RIVERA (Freie Universität Berlin) in ihrem Beitrag. Zentralamerikanische Migrationsprozesse werden in der Literatur hauptsächlich mit der Wanderung in die USA gleichgesetzt. Die Erklärungen für die Ursachen der Migrationsbewegungen setzen hierbei vor allem an politische und ökonomische „Push-Faktoren“ in der zentralamerikanischen Geschichte an. Diese Sichtweise kontrastierte Gutiérrez in ihrem Beitrag, indem sie Migration aus dem Mittleren Osten nach Zentralamerika im 20. Jahrhundert und insbesondere deren Einfluss auf die Herausbildung politischer Eliten untersuchte. Sie ging dabei nicht, wie in der bisherigen Forschung dazu angenommen, von einer weitestgehenden Assimilierung der Migranten in Zentralamerika aus. Anhand palästinensischer Migration nach Honduras, die bereits im 19. Jahrhundert einsetzte, zeigte Gutiérrez, dass diese Migranten nicht – wie Europäer und Indigene – ethnisch vermischt seien. Durch den exkludierten (ethnischen) Status sei die kulturelle Differenz nach außen (vor allem als Händler) und Inklusion nach innen sowie soziale Mobilität gewahrt. Die palästinensischen Migranten seien eine wichtige Fraktion innerhalb der heutigen politischen und ökonomischen Eliten in Honduras und kämen alle, so Gutiérrez, aus drei Orten in Palästina, die bereits seit Jahrhunderten transregionalen Handel miteinander betrieben.

Ähnlich wie Gutiérrez untersuchte CHRISTIANE BERTH (Universität St. Gallen) in ihrem Vortrag Zentralamerika als Einwanderungsregion. In ihrer vergleichenden Studie der deutschen Migration nach Guatemala und Costa Rica vertrat Berth die These, dass der Kaffeehandel zwischen Zentralamerika und Deutschland im 19. Jahrhundert der grundlegende „Pull-Faktor“ für die deutsche Migration gewesen sei. Deutsche Migranten spielten, so Berth, nicht nur eine wesentliche ökonomische Rolle in der damaligen Zeit, sondern seien auch aufgrund ihrer wirtschaftlich starken Position im Kaffeehandel Teil der politischen und ökonomischen Elite in Zentralamerika geworden. Die Referentin offerierte in ihrem Beitrag eine Analyse der deutschen Gemeinden in zwei spezifisch historischen Kontexten: In der Phase um die Weltwirtschaftskrise seien die beiden Länder zunächst noch Ziel einer neuen Ausreisewelle aus Deutschland gewesen, die darauffolgend – krisen- und kriegsbedingt – zu einem Rückgang des Kaffeehandels führte. Enteignungen deutscher Kaffeeplantagen während des Krieges hätten, so Berth, zu einer Diskussion über Boykott zentralamerikanischen Kaffees in Deutschland geführt.

Das dritte Panel des Workshops setzte den eingeschlagenen Weg der interdisziplinären Area Forschung konsequent fort. Der Vortrag von Rosales veranschaulichte, dass über Institutionen und Policies zur Verstetigung des Migrationsstromes gen Norden und der politischen sowie ökonomischen Integration bereits Migrierter in ihre Heimatländer, Migration in vielen Ländern Zentralamerikas weniger nur als Problem denn vielmehr auch als politische und ökonomische Ressource für die Entsendeländer genutzt wird. Gleichzeitig zeigten die drei anderen Vorträge eingängig auf, dass der Themenkomplex Migration und Zentralamerika vielschichtiger und abwechslungsreicher ist, als bisher angenommen. Neben der innerzentralamerikanischen Migration (Voorend) legten die Beiträge von Gutiérrez und Berth in ihrer historischen Perspektive die besondere Rolle Zentralamerikas als Einwanderungsregion dar. Dabei wurde aus den beiden Vorträgen ersichtlich, dass die Einwanderung nach Zentralamerika in der jüngeren Geschichte für die Herausbildung der politischen und ökonomischen Eliten von außenordentlicher Bedeutung war.

Politik und Ökonomie bildeten auch im vierten Panel „Politics in Central America“ der Konferenz den thematischen Ankerpunkt der Beiträge. Die Vorträge des ersten Panels „Contemporary Politics in Central America“ zu Politik in Zentralamerika legten neben der regionalen Vernetzung besonderes Augenmerk auf das Agieren sowie die Strategien privatwirtschaftlicher und zivilgesellschaftlicher Akteure gegenüber dem Staat in Zentralamerika. Dem gegenüber richtete das zweite thematische Panel zur Politik in Zentralamerika das Untersuchungsinteresse stärker auf das Handeln des Staates selbst und dessen Akteure. Im ersten Teil des Panels rückten die Beiträge alternative Entwicklungsstrategien der Staaten zur Diversifizierung der Einkommensquellen in den Fokus der Betrachtung, die im Folgenden kurz vorgestellt werden sollen.

FLORENCIA QUESADA AVENDAÑO (Universität Helsinki) stellte in ihrem Beitrag die Tourismuspolitik an der südlichen Karibikküste Costa Ricas vor. Demnach versuche die Regierung Costa Ricas im Rahmen des nationalen Tourismusplans (2010-2016) eine massive touristische Erschließung und Entwicklung der karibischen Region, um die lokale ökonomische Entwicklung zu forcieren und darüber hinaus die staatlichen Einnahmequellen zu diversifizieren. Die Referentin konzentrierte ihre Fragestellung auf die Ziele, Gestaltung und Umsetzung des Tourismusentwicklungsplanes anhand der empirischen Analyse von Puerto Viejo. Gleichzeitig floss auch die Wahrnehmung des Entwicklungsplans durch die lokale Bevölkerung in den Beitrag ein. Besonders in der Umsetzung des Tourismusplanes zeige sich, so Quesada, dass aufgrund überschneidender Befugnisse zwischen kommunalen, regionalen und nationalen Institutionen eine schwierige Koordination der und Konflikte über die Landnutzung aufträten. Steigende Grundstückspreise und Landverlust für die lokale Bevölkerung seien ebenfalls Versatzstücke der Auswirkungen dieses Tourismusplanes.

Einen zweiten Fall nachhaltiger Entwicklungsstrategie in Zentralamerika veranschaulichte der Beitrag von DANIELA GARCÍA SÁNCHEZ (GIGA Hamburg). Costa Ricas hauptsächliche alternative Energiequelle ist bisher Wasserkraft, welche aber aufgrund ihrer Produktionsbedingungen mittel- bis längerfristig Umweltprobleme (Staudammbau) und soziale Konflikte (Landverlust) hervorrufe. Zwar verpflichtete sich Costa Rica, bis 2021 aus der Nutzung fossiler Energiequellen auszusteigen, zog aber gleichzeitig andere nachhaltige Energiequellen – wie Solarstrom – als Alternative nicht in Betracht. Nach den Umständen und Bedingungen, die die Entwicklung eines neuen Energiepfades hemmen, fragte García in ihrem Beitrag. Mit einem eklektischen Analysemodell aus historischem Institutionalismus – insbesondere Pfadabhängigkeit – und institutionellen entrepreneurs konnte die Referentin zeigen, dass die Wahl von Wasserkraft als wesentlicher Energiepfad Costa Ricas aus politischen und ökonomischen Gründen resultiere: politisch, weil sich durch den Bau der Wasserkraftwerke, der durch Weltbank und IDB (Inter-Amerikanische Entwicklungsbank) unterstützt wurde, viele Wähler- und Unterstützerstimmen für die Politik und herrschenden Parteien hätten kaufen lassen; ökonomisch hätten die politischen Entscheidungsträger bei der Realisierung dieser Projekte profitiert.

Der Beitrag von García zeigte somit eine recht differenzierte Einsicht abseits der musterdemokratischen Proklamationen in die Entwicklungsstrategien und -pfade Costa Ricas.

In einem zweiten Teil des Panels konzentrierten sich die Referenten auf eine Analyse der politischen Parteien in Zentralamerika. Dies geschah aus ganz unterschiedlichen theoretischen und zeitlichen Blickwinkeln: Während der Vortrag von CECILIA GOSSO (Universität Turin) die Verarbeitung und Erinnerung an den Bürgerkrieg anhand des FMLN – einer politischen Partei El Salvadors – untersuchte, fokussierte ABELARDO BALDIZÓN (Universität Bremen) in seinem Beitrag auf eine systemtheoretische Analyse politischer Parteien. Beide Vorträge konzentrierten sich in den empirischen Analysen auf Länder mit Bürgerkriegen (El Salvador und Nicaragua). Baldizón stellte in seinem Vortrag die Frage nach den Gründen für das Defizit an ideologischem und programmatischem Profil heraus, welches die nicaraguanischen Parteien in bemerkenswerter Weise auszeichne. Besonders in einer historischen Betrachtung, so der Referent, erscheine dies als wesentliche Konstante der nicaraguanischen Parteien. Mit einem systemtheoretischen Analyserahmen nach Luhmann betrachtete Baldizón die nicaraguanischen Parteien und kam dabei zu dem Schluss, dass diese als eine Errungenschaft der funktional differenzierten Gesellschaft zu betrachten seien und somit gerade durch eine historische Verortung der Parteien in der gesellschaftlichen Entwicklung die Formung und Beeinflussung der politischen Parteien verständlicher werde.

Einen anderen historischen und theoretischen Bezug wählte Cecilia Gosso mit ihrem Beitrag „Violencia, transiciones y memoria en El Salvador. Las políticas entre revolución y democracia“. Das grundsätzliche Erkenntnisinteresse ihres Beitrages lag in der Frage, wie sich eine Gesellschaft mit ihrer Vergangenheit nach einem Bürgerkrieg auseinandersetze. Anhand des FMLN – ehemalige Guerilla im internen Konflikt und derzeit Regierungspartei El Salvadors – ergründete Gosso den Zusammenhang zwischen demokratischer Transition und öffentlicher Verarbeitung kollektiver Kriegs- und Gewalterfahrungen aus dem Bürgerkrieg. Durch die Analyse des FMLN sei es möglich, so Gosso weiter, den Umgang mit der vergangenen Gewalt wie auch den Konflikten herauszustellen und dabei Kontinuitäten oder Brüche der Konfliktverarbeitung zu dokumentieren. Ihre bisherigen Ergebnisse demonstrierten dabei eine Tendenz der Privatisierung kollektiver Erinnerungen innerhalb der ehemaligen Guerilla: Das kollektive Gedächtnis des FMLN scheine Fragen über ihre Rolle im Bürgerkrieg sowie ihre kritische Auseinandersetzung mit Krieg und Frieden verstärkt in einer privaten Sphäre zu beantworten.

Letztlich bot der Beitrag von Gosso nicht nur allein einen aufschlussreichen Einblick in die Konfliktverarbeitung eines ehemaligen Gewaltakteurs, sondern war in zweifacher Hinsicht ein gelungener Ausgang, der den Kreis der Tagung schloss: Zum einen schloss der Beitrag den Kreis der Tagung thematisch, weil dieser eine Verbindung von Gewalt, politischer und ökonomischer Transition sowie dessen Verarbeitung anbot. Gewalt und Transition in politischer sowie ökonomischer Weise waren eine der wesentlichen inhaltlichen Schwerpunkte dieser Tagung. Besonders die Herausforderungen, die aus diesem Themenkomplex entstehen, standen durchweg im Mittelpunkt des Forschungsinteresses. Fragen zu den Themen Gewalt, Kriminalität, Migration, stockende demokratische Transition und vor allem Persistenz ökonomischer Ungleichheit in weiten Teilen der zentralamerikanischen Gesellschaften konnten auf der Tagung zwar nicht abschließend beantwortet werden, doch bot die Konferenz in einer Vielzahl der Beiträge neue und innovative Wege zur Erforschung der zentralamerikanischen Herausforderungen an. Auch hier schloss der Beitrag von Gosso die Tagung ab, indem dieser zum anderen in theoretisch-methodischer Perspektive mit einem Mix aus positivistischer und post-positivistischer Theorien den Bogen zwischen Geschichte und Gegenwart spannte. Genau diese Spannbreite an Theorien zur Untersuchung der drängenden Probleme Zentralamerikas bildete ein zentrales Element dieser Tagung. Die Interdisziplinarität kam dabei nicht allein in den jeweiligen Beiträgen und Forschungsagenden zum Tragen, sondern auch im wissenschaftlichen Austausch der Forscherinnen und Forscher untereinander. Neben der Interdisziplinarität überzeugte vor allem die historische Betrachtung und Verortung gegenwärtiger Probleme Zentralamerikas als übergreifende Methode und Sichtweise. Indem beispielsweise Gewalt oder organisierte Kriminalität in ihrer historischen Genese und Ausbreitung betrachtet werden, verlieren viele Mainstreamthesen – die diese Phänomene vor allem als neue Post-Konfliktprobleme betrachten – an Erklärungskraft. Gleichzeitig ermöglichen historische Analysen und Einordnungen gegenwärtiger Probleme Vergleichsdesigns in synchroner sowie diachroner Perspektive. Darüber hinaus bieten sich Ländervergleiche als Vergleichsdesigns neben der zeitlichen Dimension an. Dies ist in besonderem Maße für Zentralamerika zutreffend. Einerseits konnte die Tagung hierbei wichtige Einblicke anbieten, da viele Beiträge vergleichsorientiert arbeiteten. Andererseits wurde auf der Tagung deutlich, dass zu Honduras, Panama und Belize bisher nur wenig Forschung geleistet wurde. Eine vertiefende Forschungsarbeit zu diesen drei Ländern hat sich das auf dieser Konferenz gegründete europäische Zentralamerikanetzwerk zur inhaltlichen Aufgabe gemacht.

Lassen sich inhaltliche (Gewalt, politische und ökonomische Transition) und theoretisch-methodische (interdisziplinäre historische Betrachtung) Gemeinsamkeiten aus der Konferenz festhalten, so ist das institutionelle Ergebnis der wichtigste Ertrag der Tagung.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Konferenz waren sich einig, dass es für Forscherinnen und Forscher mit einem spezifisch sozialwissenschaftlichen Interesse an Zentralamerika bislang in Europa keinen gemeinsamen Raum zur Diskussion und Zusammenarbeit gibt. Während beispielsweise die Kultur- und Literaturwissenschaften über gemeinsame Netzwerke der Zentralamerikaforschung verfügen, bestehen Arbeitskontakte zwischen Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftlern auf diesem Gebiet eher auf bilateraler und persönlicher Ebene. Daher wurden die Organisatorinnen und Organisatoren der Tagung in ihrem Vorhaben bestärkt, ein Central American Research Network als Plattform für die sozialwissenschaftliche Zentralamerikaforschung zu initiieren. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren sich dabei auch einig, dass ein solches Netzwerk in Zukunft nicht auf die europäische Forschung beschränkt bleiben solle, sondern vielmehr der Versuch unternommen werden müsse, auch zentralamerikanische und andere außereuropäische Kolleginnen und Kollegen für das Netzwerk zu gewinnen. Mit Tagungsgästen aus El Salvador und Costa Rica wurde in Leipzig auch hierzu der Grundstein gelegt.

Zum Aufbau und zur Vertiefung der in Leipzig begonnenen Vernetzung wurden weitere Schritte anvisiert: Unmittelbare Vorhaben sind dabei die Organisation von Panels auf internationalen Konferenzen, gemeinsame Publikationen, eine eigenständige Webpräsenz zur Stärkung der Außendarstellung und die Öffnung des Netzwerkes für interessierte Wissenschaftler. Darüber hinaus setzte sich das Netzwerk in mittelfristiger Perspektive zum Ziel, Kooperationskanäle mit akademischen Institutionen in Zentralamerika zu eruieren und umzusetzen.

Konferenzübersicht:

Panel 1: Violence, Crime and Insecurity

Sebastian Huhn (Universität Bielefeld): The History of the Contemporary Discourse about Urban and Criminal Violence in Central America

Hannes Warnecke (Universität Leipzig): Causes of Forms of Violence in Urban Areas: San Salvador and Belize City in Comparative Perspective

Otto Argueta (GIGA Hamburg): Political-criminal Nexus in El Salvador, Guatemala and Nicaragua

Clara Pérez Fabregat (Universität Barcelona): Violencia y guerra en la formación del Estado salvadoreño, 1840

Panel 2: Contemporay Politics in Central America

Jussi Pakkasvirta (Universität Helsinki): Centroamérica: unidad, particularidad y el desarrollo

Pedro Caldentey del Pozo (Universität Córdoba): El Sistema de la integración centroamericana (SICA) como marco complementario para las políticas del desarrollo en Centroamérica: eficacia y consolidación de su marco jurídico e institucional

Yuri Kasahara (Universität Oslo): To cooperate or not? The political strategies of Central American business groups

Eva Kalny (Universität Hannover): Los movimientos sociales y el Estado

Panel 3: Migration Processes

Isabel Rosales (GIGA Hamburg): ’Bienvenido a Casa’: The Paradoxes of Transnational Migration Policies and Sending States in Central America

Cecilia Gosso (Universität Turin): Violencia, transiciones y memoria en El Salvador. Las políticas entre revolución y democracia

Koen Voorend (Universität Costa Rica): ¿Universal o Excluyente? Derechos sociales y control migratorio interno en Costa Rica

Lirio Gutiérrez Rivera (Freie Universität Berlin): Invisibilizando a los “Turcos” en Centroamérica: Reflexiones sobre el Mestizaje y la Diferencia Cultural

Christiane Berth (Universität St. Gallen): Las comunidades alemanas en Guatemala y Costa Rica: Un estudio comparativo

Panel 4: Politics in Central America

Florencia Quesada Avendaño (Universität Helsinki): Del dicho al hecho, hay mucho trecho. Políticas turísticas, prácticas y realidades en el Caribe Sur de Costa Rica

Daniela García Sánchez (GIGA Hamburg): Solar Energy and the Problem of Path Dependency in Costa Rica’s Energy System

Abelardo Baldizón (Universität Bremen): Partidos Políticos e ideología: un enfoque evolutivo desde la teoría de sistemas

Anmerkungen:
[1] Robert H. Holden, Armies without Nations, Public Violence and State Formation in Central America, 1821 - 1960, New York 2004.
[2] Robert G. Williams, States and Social Evolution. Coffee and the Rise of National Governments in Central America, Chapel Hill 1994; Jeffery M. Paige, Coffee and Power: Revolution and the Rise of Democracy in Central America, Cambridge 1997.
[3] siehe z.B. für Nicaragua: Frederick S. Weaver, Inside the Volcano. The History and Political Economy of Central America, Boulder 1994.
[4] James Mahoney, Radical, Reformist and Aborted Liberalism: Origins of National Regimes in Central America, in: Journal of Latin American Studies: 33, 2 (2001), S.S. 221-256; James Dunkerley, Power in the Isthmus. A Political History of Modern Central America, London 1988; Victor Bulmer-Thomas, The Political Economy of Central America since 1920, Cambridge 1987.
[5] Terry Lynn Karl, The Hybrid Regimes of Central America, in: Journal of Democracy: 6, 3 (1995), S.72–86; Heidrun Zinecker, Kolumbien und El Salvador im longitudinalen Vergleich: ein kritischer Beitrag zur Transitionsforschung, Baden-Baden 2007.
[6] Programa de las Naciones Unidas para el Desarrollo (PNUD) (2009): Informe sobre Desarrollo Humano para América Central, 2009-2010, Abrir Espacios para la Seguridad Ciudadana y el Desarrollo Humano, Colombia: Programa de las Naciones Unidas para el Desarrollo.
[7] United Nations Office on Drugs and Crime (UNODC) (2011): 2011 Global Study on Homicide, Trends, Contexts, Data. United Nations Office on Drugs and Crime (UNODC), Wien (2011); zum Vergleich: Die Mordrate in Deutschland beträgt etwa 0,8 Morde (2010). Und die Weltgesundheitsorganisation spricht ab einer Homizidrate von 9 Morden je 100.000 Einwohnern pro Jahr von einer Pandemie.
[8] Nora Hamilton / Norma Stoltz Chinchilla, Central American Migration: A Framework for Analysis, in: Latin American Research Review: 26, 1 (1991), S.75–110; Alisa Garni, Mechanisms of Migration: Poverty and Social Instability in the Postwar Expansion of Central American Migration to the United States, in: Journal of Immigrant & Refugee Studies: 8, 3 (2010), S.316–338.
[9] Hein de Haas, International Migration, Remittances and Development: Myths and Facts, in: Third World Quarterly: 26, 8 (2005), S.1269–1284; Stephen Castles / Raúl Delgado Wise (Hrsg.), Migration and Development, Perspectives from the South, Geneva: IOM International Organization for Migration, 2008.

ZitierweiseTagungsbericht Politics and Society in Central America. 08.03.2013–09.03.2013, Leipzig, in: H-Soz-u-Kult, 10.09.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=5044>.

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