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Die Chronik der Magdalena Kremerin im interdisziplinären Dialog

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Institut für Geschichtliche Landeskunde und Historische Hilfswissenschaften, Universität Tübingen; Stadtarchiv Kirchheim unter Teck; Geschichtsverein der Diözese Rottenburg-Stuttgart
Datum, Ort:23.05.2013–24.05.2013, Kirchheim unter Teck

Bericht von:
Frederic Menke / Agnes Müller, Tübingen
E-Mail: <frederic.menkeuni-tuebingen.de>; <agnes.muellerstudent.uni-tuebingen.de>

Im Zentrum der Tagung, die am 23. und 24. Mai 2013 im Großem Sitzungssaal des Rathauses in Kirchheim unter Teck stattfand, stand mit Magdalena Kremerin eine außergewöhnlich gebildete Dominikanerin und die von ihr im späten 15. Jahrhundert verfasste Chronik. Als Veranstalter traten das Institut für Geschichtliche Landeskunde und Historische Hilfswissenschaften der Universität Tübingen, das Stadtarchiv Kirchheim und der Geschichtsverein der Diözese Rottenburg-Stuttgart auf. Ziel der Veranstaltung war die Zusammenführung bisher alleinstehender Forschungen um Chronik und Person der Magdalena Kremerin, einer Reformnonne aus dem Dominikanerinnenkloster Silo. Mit sechs Mitschwestern war sie 1478 aus dem Elsass ins Kloster Kirchheim gekommen, wo man der angestrebten Reform teilweise heftigen Widerstand entgegenbrachte; der Landesherr Graf Eberhard der Jüngere von Württemberg ließ das Kloster zeitweise sogar belagern.

In ihrem öffentlichen Abendvortrag bot SIGRID HIRBODIAN (Tübingen) einen Überblick über die in Magdalenas Chronik geschilderten Ereignisse. Ihr Hauptaugenmerk lag auf der Geschichte des Kirchheimer Klosters, seiner Belagerung durch Eberhard den Jüngeren und dem Alltag im Dominikanerinnenkloster in der Zeit der Reform. Darüber hinaus thematisierte Hirbodian die Frage, welche Rolle die württembergischen Gräfinnen Barbara Gonzaga, Margaretha von Savoyen und ihre Schwiegertochter Elisabeth von Brandenburg für die Initiierung und Durchführung der Reform spielten. Dass auch die Nonnen selbst eine aktive Rolle während der Reform einnahmen, skizzierte Hirbodian am Beispiel der Barbara Bernheimerin, die als Kind in das Kloster Kirchheim gegeben wurde. Sie wechselte von dort nach Schlettstadt in das Kloster Silo, um die Gewohnheiten der Observanz kennen zu lernen, und kehrte nach zwölf Jahren mit Magdalena Kremerin und fünf anderen Reformschwestern nach Kirchheim zurück.

Die weitere Tagung gliederte sich in drei Sektionen; die erste Sektion unter Leitung von SABINE VON HEUSINGER (Köln) widmete sich der landesherrschaftlichen Situation in Württemberg im ausgehenden 15. Jahrhundert und dem Verhältnis von Kloster und Stadt. Die zweite, von CHRISTINA ANDENNA (Dresden) geleitete Sektion befasste sich mit dem geistlichen Leben der Nonnen und der Klosterreform, die durch ein im deutschen Südwesten einmaliges Reformnetzwerk getragen wurde. Den Abschluss bildete unter WOLFGANG ZIMMERMANN (Karlsruhe) die Sektion zu Bildung und Kunst im Kloster.

GEORG WENDT (Tübingen) untersuchte im ersten Vortrag, inwiefern die Chronik der Magdalena Kremerin als ein typisches Element spätmittelalterlicher Landeskirchenpolitik gewertet werden kann. Die württembergischen Grafen pflegten traditionell enge Beziehungen zum Landesklerus und engagierten sich im Kontext der Territorialisierung im 15. Jahrhundert intensiv bei der Reform der Klöster im Württemberg, so auch im Falle des Dominikanerinnenklosters in Kirchheim 1478. Durch diese enge Verknüpfung des Klosters mit der Landesherrschaft wurde der Konvent 1487/1488 in den Konflikt zwischen den beiden konkurrierenden Grafen Eberhard im Bart und Eberhard dem Jüngeren hineingezogen. Eberhard im Bart unterstützte dabei mit Erfolg den Konvent in der Auseinandersetzung mit seinem jüngeren Cousin. Dies war ein rechtlich äußerst fragwürdiges Vorgehen, da der Konvent vertraglich eindeutig Eberhard dem Jüngeren zugesprochen worden war. Möglicherweise, so die These Wendts, lasse sich in diesem Kontext eine Entstehungsintention der Chronik der Magdalena Kremerin verstehen: als eine nachträgliche Legitimierung, als Manifest für den bedenklichen Einsatz Eberhards im Bart gegen seinen Cousin vor der Reichsöffentlichkeit.

ROLAND DEIGENDESCH (Reutlingen) machte die Gebetsgemeinschaft des Dominikanerinnenklosters in Kirchheim zum Gegenstand seiner Untersuchung. Neben der Chronik stützte sich Deigendesch auf den Nekrolog des Klosters. Beide Überlieferungen ermöglichten ihm eine genauere regionale und soziale Einordnung der sieben Reformnonnen: Sie entstammten alle dem elsässischen Niederadel und waren in ganz unterschiedlichem Alter, als sie von Silo nach Kirchheim zogen. Bei der Frage nach den Entstehungsgründen beider Quellen konnte Deigendesch Gemeinsamkeiten feststellen: Der Nekrolog, so die These, könne als Ergebnis der Reform verstanden werden, indem er zeige, dass man einerseits bestrebt war, Gebetsverpflichtungen des Konvents einzuschränken und andererseits gerade durch wenige Ausnahmen dafür sorgte eine Haustradition zu formen, die auf die Gründungserzählung des Klosters ebenso abhebt wie auf die Förderer der Reformpartei – beides Elemente, die auch für die Chronik konstitutiv gewesen seien.

MARIA MAGDALENA RÜCKERT (Ludwigsburg) stellte in ihrem Vortrag zu Schenkungen, Stiftungen und Kaufgeschäften das Wirtschaftsgebaren der Dominikanerinnen dar und stellte die Kirchheimer Dominikanerinnen denen von Gotteszell bei Schwäbisch-Gmünd, die beide dem Dominikanerkloster Esslingen unterstellt waren, vergleichend gegenüber. Zentral für ihre Betrachtung war die Frage, wie es den Nonnen möglich war, trotz strenger Klausurvorschriften so erfolgreich zu wirtschaften; Gotteszell galt im 15. Jahrhundert als eines der reichsten Klöster im deutschen Südwesten. Auch das Kloster Kirchheim stand in dieser Zeit wegen seines Wohlstandes ganz oben auf der Steuerliste des Herzogtums Württemberg. Dazu nahm Rückert unterschiedliche Möglichkeiten des Besitzerwerbs in den Blick und schaffte es, anhand von Schenkungsurkunden einen Einblick in die sozialen Verflechtungen der Nonnen zu bieten. Auch zog sie zu den Gründen für die Reform des Klosters die spätmittelalterliche Praxis der Zuwendungen an einzelne Nonnen hinzu und hinterfragte die wirtschaftlichen Interessen der jeweiligen Landesherrschaft für bzw. gegen die Reform.

GISELA MUSCHIOL (Bonn) setzte in ihrem Vortrag zur Eröffnung der zweiten Sektion den Fokus auf die direkt oder indirekt an der Reform beteiligten Parteien und deren Interessen. Sie unterschied in ihrem Beitrag zwischen vier Gruppierungen, der Landesherrschaft, den Familien der Konventualinnen, der Ordensleitung sowie den Klosterfrauen selbst. Es gelang ihr, die Reform in ein Netzwerk einzubetten, das durch die bereits reformierten – und von ihr als „geistliche Migrantinnen“ bezeichneten – Nonnen im deutschen Südwesten gespannt wurde. Reform bedeutete für sie nicht die Rückkehr zu einem vormals bestehenden Ideal, sondern die Umgestaltung des Klosterlebens nach den Vorstellungen der Reformer. Zentrale Anliegen der Reformer waren vor allem Neuordnungen in der Klausur, gottesdienstlicher Abläufe und eine Neufassung der Gesangsbücher. Auch die Intention der Reform wurde von Muschiol hinterfragt in Hinblick auf eine sich wandelnde Frömmigkeit und/oder wirtschaftliche Interessen verschiedener Parteien.

Unter dem Titel „Frömmigkeit im Kirchheimer Konflikt“ widmete sich STEFANIE MONIKA NEIDHARDT (Tübingen) der Spiritualität der Schreiberin, deren weitreichende theologische Kenntnisse sich in der Chronik widerspiegeln; deutlich wird dies durch eine Fülle von biblischen Zitaten, Allegorien und die Einbindung liturgischer Textpassagen in die Chronik. So stellte die Kremerin selbst einen Vergleich an, in dem Eberhard der Jüngere, während der Belagerung Kastvogt des Klosters, mit dem Pharao und Eberhard im Bart mit Moses gleichgesetzt wurden, um das Eingreifen Eberhards im Bart im Landesteil seines Cousins theologisch zu legitimieren. Neidhardt konnte zeigen, wie sich gerade durch den Konflikt und die daraus resultierende Not des Konvents ein theologisches Konzept entwickelte, das die Frömmigkeit der Zeit und besonders der Observanz in der Chronik widerspiegelt und den Kirchheimer Konvent zu einem Vorbild für spätere Nonnen machte.

In der dritten Sektion zeigte WERNER WILLIAMS-KRAPP (Augsburg) den Bildungshintergrund Magdalenas auf. Es gelang ihm anhand der Chronik nachzuzeichnen, welche Ausbildung die Schreiberin während ihrer Zeit im Elsass genossen haben muss. Neben Lateinkenntnissen, die eine Grundvoraussetzung für observante Frauen waren, um in die Gemeinschaft der Chorschwestern aufgenommen zu werden, zeichnete sich Magdalena Kremerin durch außergewöhnlich gute Kenntnisse liturgischer Schriften und Predigten aus, die in ihrer Chronik Niederschlag fanden. Die Grundlagen, die es Nonnen wie Magdalena Kremerin oder Caritas Pirckheimer ermöglichten, ein hohes Bildungsniveau zu erreichen, sind Williams-Krapp zufolge zum einen in der im 15. Jahrhundert weiten Verbreitung von Papier als Beschreibstoff zu suchen, aber auch darin, dass die Förderung von Bildung ein zentrales Anliegen der Ordensreformer war. Unter Verweis auf die Bibliothek der Nürnberger Dominikanerinnen, die im 15. Jahrhundert über 600 Handschriften umfasste, zeigte Williams-Krapp das hohe Bildungsniveau der Nonnen, das außerdem durch reisende Beichtväter, die die Frauen zur Weiterbildung anregten, und durch die Verbreitung von Handschriften aufrecht erhalten wurde.

NIGEL PALMER (Oxford) griff in seinem literaturwissenschaftlich geprägten Vortrag die Frage nach der Autorenschaft auf. Anhand eines Vergleichs der Chronik mit einer zweiten, heute in Wien befindlichen Handschrift diskutierte er außerdem die Frage nach dem Entstehungsgrund beider Fassungen. Palmer konnte darlegen, dass eine Autorenzuweisung schwierig ist, da innerhalb der Chronik keine Verfasserin genannt wird; die Autorin stellt sich selbst lediglich als Nonne des Kirchheimer Konvents dar. Die Zuweisung der Autorenschaft an Magdalena Kremerin ist also eine Fremdzuschreibung, die Palmer anzweifelte und anregte, dieser Frage weiter nachzugehen; seinen Ausführungen folgend stützt sich die gängige Meinung, die Chronik sei von Magdalena Kremerin verfasst, auf einen einzigen und wenig gehaltvollen Nebensatz innerhalb der Handschrift. Zur Frage nach dem Zweck der Chronik stellte Palmer die These auf, dass sie der Leserin helfen sollte, sich selbst als Teil des Konvents zu verstehen.

ANNE WINSTON-ALLEN (Carbondale) legte den Fokus ihres Vortrags auf die Rolle der Magdalena Kremerin als Buchmalerin. Aus dem Dominikanerinnenkloster Kirchheim sind drei große Chorbücher überliefert, die wahrscheinlich von Magdalena Kremerin mit großen Initialen illustriert wurden, und die ihr – im Gegensatz zur Chronik – eindeutig zugeschrieben werden können. Dass es sich bei Magdalena um keinen Einzelfall handelte, veranschaulichte Winston-Allen durch einen Vergleich mit der Nonne Lukardis aus Utrecht, deren Malereien zwar nicht erhalten sind, dafür aber Schriftzeugnisse existieren, die sie als ausgezeichnete Buchmalerin bezeichnen. Durch diese und weitere Vergleiche mit von Nonnen geschaffenen Buchmalereien legte Winston-Allen dar, dass es den Schwestern gelang, eine neue und eigene Text- und Bildgattung zu entwickeln.

EVA SCHLOTHEUBER (Düsseldorf) fasste abschließend die wichtigsten und zumeist kontrovers diskutierten Punkte der Tagung zusammen. So betonte sie besonders die Bedeutung von Frömmigkeit im Kirchheimer Kloster und den ungewöhnlichen Verlauf der Reform in Kirchheim, die sogar eine Belagerung durch den Landesherrn nach sich zog. Auch die Person Magdalena Kremerin, die durch ihre außergewöhnliche Bildung und Kunstfertigkeit für die Tagung von zentraler Bedeutung war, wurde von ihr erneut aufgegriffen. Die Frage nach der vieldiskutierten Autorenschaft der Chronik musste jedoch offen bleiben, Schlotheuber betonte daher, wie wichtig eine noch ausstehende Edition der Chronik zur Klärung dieser Frage sei.

Insgesamt bot die Tagung einen facettenreichen Einblick in die Lebenssituation und das Wirken einer geistlichen Frau in ihrem sozialen, politischen und geistlichen Umfeld. Auf Grund der Engführung der Tagung auf Magdalena Kremerin und die Chronik der Kirchheimer Nonnen gelang es den Teilnehmern, sich interdisziplinär auszutauschen und die Fragen des jeweils anderen Faches auch für die eigene Wissenschaft fruchtbar aufzugreifen und weiterzuführen.

Konferenzübersicht:

Sektion 1: Landesherrschaft, Kloster und Stadt

Sabine von Heusinger, Köln: Moderation

Georg Wendt, Tübingen: Eine Nonne im Dienste Württembergs? Magdalena Kremerin und das Eberhard’sche Landeskirchenregiment

Roland Deigendesch, Reutlingen: Der Konvent des Klosters St. Johannes Baptista in Kirchheim im Spiegel von Reformchronik und Nekrolog

Maria Magdalena Rückert, Ludwigsburg: Schenkungen, Stiftungen, Kaufgeschäfte – Zum Wirtschaftsgebahren der Dominikanerinnen von Kirchheim und Gotteszell

Sektion 2: Geistliches Leben und Klosterreform

Cristina Andenna, Dresden: Moderation

Gisela Muschiol, Bonn: Kloster Kirchheim im Reformnetzwerk der Dominikanerinnen

Sigrid Hirbodian, Tübingen: Gefahr, Entbehrung und Rettung aus höchster Not: Die Reform des Kirchheimer Dominikanerinnenklosters im 15. Jahrhundert aus der Sicht der Magdalena Kremerin (öffentlicher Abendvortrag)

Stefanie Monika Neidhardt, Tübingen: „Aber darnach wurt dem kind das erbe und die rut wurt in das fur geworffen“ – Frömmigkeit im Kirchheimer Konflikt

Sektion 3: Kloster, Bildung und Kunst

Wolfgang Zimmermann, Karlsruhe: Moderation

Werner Williams-Krapp, Augsburg: Ordensreform im 15. Jahrhundert und die Literarisierung dominikanischer Nonnen. Zum Bildungshintergrund der Magdalena Kremerin

Nigel Palmer, Oxford: Die Kirchheimer Chronik der Magdalena Kremerin aus literaturwissenschaftlicher Sicht

Anne Winston-Allen, Carbondale: „Ein swester was vunder den von syl, die konde wol textur schreiben vund ouch molen“. Magdalena Kremerin als Buchmalerin

Eva Schlotheuber, Düsseldorf: Abschlussdiskussion und Zusammenfassung

ZitierweiseTagungsbericht Die Chronik der Magdalena Kremerin im interdisziplinären Dialog. 23.05.2013–24.05.2013, Kirchheim unter Teck, in: H-Soz-Kult, 27.09.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=5040>.

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