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Nationalsozialismus und Biografie

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Evangelische Akademie Tutzing; in Kooperation mit dem NS-Dokumentationszentrum München; finanziell unterstützt von der Bundeszentrale für politische Bildung.
Datum, Ort:20.06.2013–23.06.2013, Tutzing

Bericht von:
Brigitte Zuber, München
E-Mail: <brigitte-zuberarcor.de>

Im Mittelpunkt der Tagung stand der spezifisch biografische Zugang zur Geschichte des Nationalsozialismus. Demgemäß wurden Täterprofile, Typisierungen, Funktionen und Rollen von weiblichen und männlichen Tätern exemplifiziert und dabei ihr individuelles Verhalten und ihre jeweiligen äußeren Lebensumstände sowie die Gesellschaftsgruppen, in denen sie agierten, thematisiert.

Den Anfang machte PETER LONGERICH (München / London) mit Überlegungen für eine neue Hitler-Biografie: Ausgehend davon, dass in der modernen Geschichte noch nie jemand so schnell an die Macht kam und dann so zäh an dieser festhielt und dabei Millionen Tote mit sich riss, dürfe die persönliche Verantwortung Hitlers nicht hinter der Vorstellung einer Marionettenfigur verschwinden. Das zentrale Problem stelle sich im Zusammenwirken äußerer Umstände und persönlichem Handeln. Hier positionierte sich Longerich zur Hitler-Biografie Ian Kershaws[1]: Dessen Modell der kumulativen Radikalisierung bis zur Selbstvernichtung des Systems, das sehr viel erkläre, habe doch einen entscheidenden Konstruktionsfehler. So sei Hitler als handelnder Politiker auf mehr Sektoren tätig gewesen als bisher angenommen, das Charisma Hitlers sei als Produkt einer ausgeklügelten Herrschaftstechnik in Wechselwirkung mit einer durchaus nicht geschlossenen „Volksgemeinschaft“ zu erklären, und die Persönlichkeitszüge Hitlers seien im Zusammenwirken mit den zeitgenössischen Erwartungshaltungen seiner Anhänger zu analysieren. Longerich betonte, die gesellschaftlichen und politischen Strukturen und Strömungen der Epoche ebenso zu berücksichtigen, sodass sein Ansatz nicht als Hitlerzentrismus wahrgenommen werden könne. Am Beispiel der frühen Aufstiegsjahre Hitlers exemplifizierte er seinen Ansatz. Die anschließende Diskussion beinhaltete Fragen des Quellenfundus, die Problematik, aus der Disziplin der Psychiatrie Begriffe zu übernehmen, zum „Intellekt“ Hitlers und zu einzelnen Episoden der Frühgeschichte.

HANS GÜNTER HOCKERTS (München) führte in das erste Panel ein. Er charakterisierte die Denkschulen der Strukturalisten, Intentionalisten und Kulturalisten und ihren alten Streit um die Erklärungskraft von Strukturen und Akteuren. Inzwischen gelte, dass diese Ansätze produktiv zu verbinden sind. Leitbegriffe wie Handlungsspielraum, Habitus und Selbstmobilisierung markierten dabei das Ziel, die Bedeutung des Subjekts zurückzugewinnen. So fokussierten die Referate dieses Panels das aktive Handeln und die breite Streuung von eigenen Initiativen und Motivlagen von NS-Täterinnen und -Tätern. In Fallbeispielen wurde die Genese der Täterschaft nachgezeichnet.

BASTIAN HEIN (Rosenheim / Regensburg) konfrontierte den Eliteanspruch der SS mit den realen Ergebnissen. Er nannte zunächst drei Beweggründe aus Sicht der Reichsführung SS: Eigenständigkeit gegenüber der SA; Anwerbungs-Anreize für die SS und den hohen Erziehungs- und Bindungseffekt nach innen. Ausführlich widmete sich Hein den Methoden, wie die Reichsführung-SS ihr Elitekonzept nach außen und innen kommunizierte. Aber das rassistische Ausleseverfahren brach sich an der Wirklichkeit. Die Erhebung der unzähligen Abstammungs-Dokumente erwies sich nach Hein als „organisatorische Katastrophe“. Hinsichtlich der bevölkerungspolitischen Ziele konstatierte er ein quantitatives Scheitern „auf ganzer Linie“. Ähnliche Diskrepanzen stellte Hein beim Dienstsportprogramm der SS fest. Die bekannte äußerst „erfolgreiche“ Tätigkeit der SS in der unterdrückerischen Polizeiarbeit, Besatzung und eliminatorischen „Rassenpolitik“ lagen nach Hein demnach „im hohen Selbstbindungseffekt des Elite-Images, die die SS-Mitglieder funktionsfähig und funktionswillig machten“.

KATRIN HIMMLER (Berlin) stellte „Herrenmenschenpaare“ vor. Am Ehepaar Rudolf und Elisabeth Hartung zeigte sie deren gemeinsame Radikalisierung. Der Mann, Mitglied in einem Hallenser Freikorps, die Frau Mitglied im deutschnationalen Königin-Luise-Bund, der bereits 1923 einen „Arierparagrafen“ hatte. Gemeinsam traten sie 1930 der NSDAP bei. – Das zweite Fallbeispiel betraf Herbert Hagen, einen Hauptverantwortlichen für die Judendeportationen aus Frankreich, und Marianne Birresborn, BDM-Aktivistin, Sekretärin bei der deutschen Besatzung in Paris. K. Himmler thematisierte hier den sozialen Aufstiegswunsch von Frauen und die Mittäterschaft von Sekretärinnen „aus untergeordneter Position“. – Auch am Beispiel der Ehefrau und Zweitfrau Himmlers verdeutlichte die Referentin deren soziale Motivlagen. Nach 1945 – so in allen Fallbeispielen – schweißte offensichtlich die einvernehmliche Mitwirkung an den Verbrechen die Beteiligten wie mit „Blutkitt“ zusammen.

MICHAEL VON CRANACH (München) sprach über Valentin Faltlhauser (1876-1961), der als Direktor im Bezirkskrankenhaus Kaufbeuren sein Amtsvorgänger war und ebenfalls antrat, um die Psychiatrie zu reformieren. Doch vom Modernisierer wurde Faltlhauser zum Mörder. Cranach pointierte dessen Wegbiegungen bei der schleichenden Eugenisierung der 1920er-Jahre, die ambivalente Haltung zur Sterilisation 1931-34 und die noch ablehnende Reaktion 1939 auf die Krankenmorde Hoche/Binding. Doch am 26.8.1940 ging der erste Transport im Rahmen der „Aktion T4“ von Kaufbeuren ab: Faltlhauser war in die Zentraldienststelle des Reichsinnenministeriums einbezogen worden. Am 5.12.1941 eröffnete Faltlhauser die Kinderfachabteilung und tötete demonstrativ das erste Kind selbst – Hauptschleuse für die weitere Radikalisierung: Ermordung 210 Kinder / TBC-Versuche, Hungererlass / „Sammelstelle für unheilbar geisteskranke Ostarbeiter“ / Einweihung eines Krematoriums. Cranach fasste zusammen: Faltlhausers „Lebensprojekt war die Offene Fürsorge. Um dieses Ziel zu erreichen, hat er sich in entscheidenden Situationen – wissend um die ethische Verwerflichkeit der Kompromisse und im Bewusstsein der ihm zur Verfügung stehenden Spielräume – für die Teilnahme an den Verbrechen entschieden. Seine extreme Radikalisierung war sein Weg, die inneren Ambivalenzen und Widersprüche zu überwinden. Den möglichen Weg des Widerstandes oder zumindest des Rückzugs konnte er wohl auf Grund seiner narzisstischen Persönlichkeitszüge nicht gehen.“

Den zweiten Themenkreis der Tagung leitete MARITA KRAUSS (Augsburg) ein. „Sozialisation, Generation und Geschlecht“ als sozial bestimmte Kategorien böten hilfreiche Angebote zur Beantwortung des zentralen Problems „Person und Struktur“. Insbesondere spielten sie bei der noch defizitären Erforschung der sozialen Basis des Nationalsozialismus eine zunehmende Rolle. Krauss sprach hier die intensive Beschäftigung mit der Sozialisation in Jugendgruppen und schlagenden Verbindungen, in wissenschaftlichen Communities oder in Behörden und Ministerien an. Zum Forschungsstand „Geschlecht und NS“ betonte sie, die Rolle der Frauen suche man immer weniger im „Opfer eines patriarchalischen Systems“, sondern in der Frage der Mitverantwortung.

THOMAS KÜHNE (Worcester, USA) leitete seinen Vortrag mit der von Sebastian Haffner 1939 gegeißelten Verkameradschaftung der Deutschen ein. Nach Haffner war die Kameradschaft das Kodewort des Dritten Reichs, Leitbild unbedingter Vergemeinschaftung, gegen jede Selbstverantwortung gerichtet, ein „Dezivilisierungsmittel“. Kühnes Argumentationskern war, dass der Aufstieg der Kameradschaft als moralische Leitkategorie in der bürgerlichen, kollektiven Erinnerung an den Ersten Weltkrieg lag. Am Konstanzer Veteranentreffen 1925 eines badischen Infanterieregiments und gestützt auf Frontromane verschiedener Couleur entrollte Kühne die Genese des Kameradschaftsmythos. Er knüpfte an die binäre Kodierung des frühbürgerlichen „Bürger-Soldaten“ an, die nach den 1.Weltkrieg-Schlachtfeldern als Persönlichkeitsspaltung des „seiner zivilen Umgebung entrissenen Frontsoldaten“ wahrgenommen wurde. Erst Ende der 1920er-Jahre habe die NSDAP im Zusammenhang mit ihrer neuen Konsenspolitik den Kameradschaftsmythos entdeckt und die Frontkameradschaft „zur Zauberformel einer soziale Wärme ausstrahlenden Volksgemeinschaft“ gemacht. In Vorbereitung des neuen Kriegs war die Kameradschaft gefragt, die zur Aktion ruft und die den „Gemeinschaftsschädling“ gnadenlos verfolgt. Die Kameradschaftshistorie zeige, wie sich die Bedeutungen von „männlich“ und „weiblich“, jeweils als Gegensätze aufgefasst und „weiblich“ stets unter Kontrolle des Männlichen, als „sozialer Kitt“ der NS-Volksgemeinschaft ausformten.

Eine zweite sozialhistorische Grundkategorie – „Generation“ – wurde von BARBARA STAMBOLIS (Paderborn) thematisiert. In einem großen Bogen behandelte sie die zwei Alterskohorten der „Jugendbewegten“, die Geburtsjahrgänge ungefähr zwischen 1890 und 1900 sowie 1900 und 1914, wobei Generation „nicht allzu streng und im Sinne eines heuristisch wertvollen Analyseinstruments“ verstanden sein sollte. In Text, Bild und Liedern verdeutlichte Stambolis, wie sich das Männerbündische der zweiten Altersgruppe stark von den in den Anfangsjahren der Jugendbewegung mehr sozialromantischen Leitbildern unterschied. – Obwohl die Jugendbewegung beider Generationen aus einer nahezu unüberschaubaren Fülle von Gruppen bestand, seien überall Autonomie und Selbstbestimmung des Individuums großgeschrieben gewesen. Auf dieser Grundlage fragte Stambolis nach kollektivbiografischen Gemeinsamkeiten. In vielen Autobiografien fänden sich Hinweise auf „Linien, die einen Lebensweg durchzogen haben“; Stichworte seien „Haltung“, „Menschenbild“, „Welt- und Selbstsichten“, die nach 1945 noch einmal orientierungs- und sinnstiftend erschienen. Stambolis’ Ergebnis: „Jugendbewegte waren nicht mehr oder weniger als andere Angehörige der hier im Mittelpunkt stehenden Altersgruppen Nationalsozialisten oder irgendwie im Dritten Reich Angepasste.“

In Diskussionsbeiträgen wurden die Begriffe Kameradschaft und Freundschaft als selbstgewählter Beziehung abgegrenzt. – Zwischen den beiden letztgenannten Vorträgen wurden Einzelbiografien vorgestellt:

SUSANNE WANNINGER (München) referierte über Rudolf Buttmann, NSDAP-Mitgliedsnummer 4; seine spezifische Rolle charakterisierte sie als „social broker“. Die aus der soziologischen Netzwerkforschung stammende Kategorie sei Buttmann angemessen, da er an der Schnittstelle der NSDAP und (rechts-)konservativen Kräften für das Ansehen der NSDAP geworben habe und als Vermittler wirkte. Als prädestinierende Faktoren für diese Rolle wurden Buttmanns bildungsbürgerlicher Habitus, seine Ausbildung als wissenschaftlicher Bibliothekar, eine Gewandtheit im Auftreten und sein Tugendkanon wie etwa „Redlichkeit und Zuverlässigkeit“ angeführt. Wanninger interpretierte Buttmanns Tätigkeit als NSDAP-Landtagsfraktions-Vorsitzender, sein Eintreten für die Einbürgerung Hitlers, seine Beratungen mit den Deutschnationalen 1928 und der BVP 1932 ebenso wie seine Funktion 1933/34 beim Vatikan zum Reichskonkordat als Vermittlertätigkeit. Gleichermaßen wurde gedeutet, dass Buttmann 1933 nicht bayrischer Kultusminister, sondern Ministerialdirektor im Reichsinnenministerium und 1935 Direktor der Bayrischen Staatsbibliothek wurde.

SUSANNE MEINL (Münster) referierte über fünf Münchner „alte Kämpferinnen“: Elisabeth von Ardenne (Fontanes literarische Figur Effi Briest) und Hermine Hoffmann (das „Hitler-Mutterl“) als die älteren Damen, die in den ersten Mitgliederlisten der NSDAP häufig vorkommen. Für die jüngere Generation standen Hildegard Königsbauer (die 1937 den Leiter der Münchner „Arisierungs“stelle Gotthold Dziewas heiratete) und Adelheid Klein (die 1925/26 als Geliebte Hitlers galt und später den Euthanasie-Arzt Walter Schultze heiratete). Als fünfte Biografie stellte Meinl die Sängerin Maria Wutz vor, die mit ihrem Ehemann Max Wutz eine jener frühen NS-Familien bildete. Es waren jene Wutz’s, die ihr Vermögen in den 1980er-Jahren der Hanns Seidel Stiftung für einen nach ihnen benannten Volksmusikpreis vermachten. Meinl resumierte, dass es sich stets um „stark und unabhängig geltende Frauen“ handelte, die in Situationen, wo „eine Vakanz in ihrer bürgerlichen Lebensplanung und der politische Umbruch aufeinandertrafen“, die Gelegenheit zu „neuartigen Artikulationsformen und Partizipationsmöglichkeiten“ ergriffen. Sie betonte, dass dies keine spezifisch Münchner Prägungen seien. Den Anteil der alten Kämpferinnen an der NSDAP München könne man auf 10 bis 20 Prozent ansetzen, aber über deren politische Wirksamkeit gebe es keine Untersuchung.

ULRIKE HAERENDEL (Tutzing) rekurrierte zum dritten Themenkreis auf den Film von Katrin Seybold „Die Widerständigen – Zeugen der Weißen Rose“ und betonte die unterschiedlichen katalysatorischen Funktionen des Kriegserlebens.

So stellte THOMAS KÜHNE eingangs fest, dass im Gegensatz zu den Auseinandersetzungen um die Wehrmachtsausstellung heute allgemein außer Frage stünde, dass wesentliche Teile der Armee, von der Generalität bis zu den Mannschaften, in den Holocaust und andere Massenverbrechen verwickelt waren, und ebenso, dass noch größere Teile rassistisch und insbesondere antisemitisch geprägt waren. Gleichzeitig stehe außer Frage, „dass die Wehrmacht, anders als die SS, äußerst unterschiedliche ideologische Positionen vereinte und ein nicht unbedeutender Teil der Soldaten dem Nationalsozialismus im allgemeinen und den Verbrechen im besonderen ablehnend gegenüberstanden“. Kühne zeigte in seinem Vortrag, in dem er sich auf ein breites Spektrum „subjektiver Quellen“ (Feldpostbriefe, Tagebücher, Erinnerungsliteratur) auswertender Forschung bezog, wie sich die Wehrmachtsoldaten „trotz divergierender, individueller Einstellungen vergemeinschafteten und enorme soziale Kohäsion erzeugten“.

NICOLE KRAMER fokussierte die Mobilisierung von Frauen an der „Heimatfront“ für Kriegsaufgaben am Beispiel des Luftschutzes und der NS-Frauenschaft. Obwohl wenig Frauen Nachlässe hinterlassen oder ihr Wissen publizistisch verarbeitet hätten, sei die Quellenlage reichhaltig (Fallakten in Sozialbehörden und Gerichten; sozialwissenschaftliche empirische Studien; „Erinnerungsschleuse Zweiter Weltkrieg“). Am Luftschutz könne gezeigt werden, wie früh die Mobilisierung für den Krieg begonnen hat und wie umfassend die Frauen in der Kriegsvorbereitung standen – angefangen von den Luftschutz-Diskussionen unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg bis zu den zwölf Millionen Mitgliedern des Reichsluftschutzbundes 1939, wovon 70 Prozent weiblich waren. „Mit der Einberufung zum zivilen Luftschutz gewann die propagandistisch betriebene Militarisierung konkrete Bedeutung im Alltag des Einzelnen.“ Kramer gab viele Beispiele, auch über die Möglichkeiten von Frauen, das Luftschutzgesetz von 1935 als Wehrpflicht für alle für sich abzulehnen. – Die NS-Frauenschaft thematisierte sie ebenfalls unter dem Gesichtspunkt der Kriegsvorbereitung.

CONSTANTIN GOSCHLER (Bochum) fragte, was wir eigentlich mit den Befunden anfangen, die gegenwärtig Ministerien, Sicherheitsbehörden, Parlamente etc. über ihre hohe Kontinuität „NS-Belasteter“ fast gleichlautend erheben. Er plädierte dafür, „Biografien als Ergebnisse sozialer Kommunikationen zu begreifen“. Wenig überraschend sei, dass sich die zeitgenössischen Selbst- und Fremddefinitionen vor und nach 1945 stark voneinander abheben. Doch sie veränderten sich auch nach 1945 im Wechselverhältnis mit den politischen und juristischen Ereignissen und den jeweiligen Forschungsergebnissen der verschiedenen Disziplinen. Zugleich verändere die Anpassung der individuellen Identitätsentwürfe an die veränderte Situation auch die Deutung der jeweiligen Epochen und Zäsuren. Am geflügelten Wort der „gewissen Stille“ der 1950er-Jahre versuchte Goschler seinen Ansatz zu erläutern: So still sei es nicht gewesen. Zumindest in den bundesdeutschen Amtsstuben verstummten die Gespräche der Ehemaligen über ihre Vergangenheit erst mit Ende der 1950er Jahre einsetzenden „Skandalisierungswelle“ und den darauf folgenden personellen Überprüfungen auf etwaige kriminelle NS-Belastungen. „Damit brach zugleich das ‚kommunikative Gedächtnis’ der betroffenen Institutionen ab“. Deshalb müsse mehr gefragt werden: Wie verändern sich biografische Erzählungen nach 1945? – Die Diskussion war kontrovers: Wie die „Belasteten“ mit ihrer Verantwortung umgingen, sei nicht nur von „außen, sondern auch „von innen“ her zu erforschen. Goschler äußerte seine Skepsis, vom Individuellen auf das Gesamtgesellschaftliche zu schließen.

In der abschließenden Tagungs-Runde wurden WINFRIED NERDINGER (München), Hockerts, Krauss und Longerich als Verantwortliche für die Konzeption des NS-Dokumentationszentrums München befragt, auf welchen Ebenen sie Biografien verwenden werden. Neben der Präsentation in der Ausstellung sei ein Vertiefungsbereich geplant, in dem alle Personen, die in der Ausstellung vorkommen, vorgestellt werden. Hier könnten auch die großen Datensammlungen über Opfer- und Verfolgtengruppen eingesehen werden. Das NS-Dokumentationszentrum sei darüber hinaus als Tagungsort konzipiert, für Seminare, Vorträge, Sonderausstellungen etc., sodass vielfältige Wege für das Lernen anhand von Biografien offen stehen. Es wurde aber auch die Schwierigkeit eingeräumt, in „20 Zeilen stets die Augenhöhe der Zeit“ sowohl in der zeitgenössischen Rekonstruktion als auch im Rückblick des Historikers zu wahren, und gleichzeitig die Besucher „in den Bann zu ziehen“. Hockerts fasste zusammen, dass der biografische Blick als personalisierter Blick zeigen könne, dass Geschichte gemacht wird und immer Handlungsoptionen bestehen.

In der Tat belegten Referate und Diskussionen die vielfältigen Handlungsoptionen. Dies ist umso bemerkenswerter, als sie vorwiegend im Bereich der „Täter“ gesucht wurden. Wie „Geschichte gemacht“ wurde am „Täterort München“, welche spezifischen Wechselwirkungen „Akteure und Strukturen“ im bayrischen München eingingen – das mithilfe von Biografien zu zeigen, war nicht Aufgabe der Tagung. Aber sie lieferte einen Begründungsfundus für diese Aufgabe.

Konferenzübersicht:

Ulrike Haerendel / Winfried Nerdinger: Begrüßung und Einführung

Werner Karg: Grußwort

Peter Longerich: Probleme einer Hitler-Biografie

I. Eliten, Selbstmobilisierung und Karrieren der Gewalt

Hans Günter Hockerts: Einführung und Forschungsüberblick

Bastian Hein: Aufstieg einer neuen Elite? – Die SS

Katrin Himmler: „Herrenmenschenpaare“

Michael von Cranach: Valentin Faltlhauser und die Euthanasie-Verbrechen

II. Sozialisation, Generation, Geschlecht

Marita Krauss: Einführung und Forschungsüberblick

Thomas Kühne: Kameradschaft, Männlichkeit und NS-Ideologie

Susanne Wanninger: Ein „social broker“: Rudolf Buttmann

Susanne Meinl: “Dame, Mädel, Kameradin” – Münchens „Alte Kämpferinnen“ zwischen Revolution und Weltwirtschaftskrise

Barbara Stambolis: Jugendbewegung und Nationalsozialismus

Film von Katrin Seybold, Die Widerständigen – Zeugen der Weißen Rose

III. Krieg, Verbrechen und Nachgeschichte

Ulrike Haerendel: Einführung

Thomas Kühne: Soldaten: Kriegserleben und Verbrechen

Nicole Kramer: Frauen an der Münchner „Heimatfront“

Constantin Goschler: Nachkriegskarrieren – biografische Kontinuitäten und Brüche

Fishbowl, Überlegungen für das NS-Dokumentationszentrum

Anmerkung:
[1] Ian Kershaw, Hitler, 2 Bde., München 2000.

ZitierweiseTagungsbericht Nationalsozialismus und Biografie. 20.06.2013–23.06.2013, Tutzing, in: H-Soz-u-Kult, 06.09.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=5004>.

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