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Scriptorium II: Hebrew Manuscript Workshop

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Research Unit Intellectual History of the Islamicate World; Orientabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin
Datum, Ort:15.07.2013–19.07.2013, Berlin

Bericht von:
Jonas Müller-Laackman, Research Unit Intellectual History of the Islamicate World, Freie Universität Berlin
E-Mail: <j.mueller-laackmanfu-berlin.de>

Vom 15. bis 19. Juli 2013 fand der zweite Workshop [1] der Reihe „Scriptorium“, organisiert von der Research Unit Intellectual History of the Islamicate World [2] und der Orientabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin statt. Dessen Thema war nach arabischen im letzten Jahr diesmal hebräische Handschriften. Eine Woche lang führten MALACHI BEIT-ARIÉ von der Hebräischen Universität in Jerusalem und JUDITH OLSZOWY-SCHLANGER von der Universität Paris-Sorbonne im Haus der Staatsbibliothek an der Potsdamer Straße in die Kodikologie und Paläographie hebräischer Manuskripte ein. Hierzu reisten Studierende und Forschende aus Deutschland, Italien, England, den USA und sogar Armenien an.

Nach einführenden Vorlesungen zur Relevanz der Kodikologie für die wissenschaftliche Erschließung von Handschriften und den Texten, die sie enthalten, wurde der erste, einleitende Tag durch einen Festvortrag des Genizah-Forschers BEN OUTHWAITE (Cambridge) zu der Frage „What is Medieval Hebrew? The View from the Cairo Genizah“ abgeschlossen. Eine Genizah ist eine Art Lagerstätte für nicht mehr genutzte liturgische Dokumente. Oftmals wurde dieser Raum vermauert und sorgte so für die Konservierung von Handschriften über Jahrhunderte, heutzutage eine reichhaltige Quelle für die Erforschung des mittelalterlichen Hebräisch. Anhand der in der berühmten Kairoer Genizah gefundenen Manuskripte kann man zu Erkenntnissen über die Stilelemente und den sprachlichen Charakter dieser Schriften kommen. Einige dieser Erkenntnisse stellte Outhwaite in einem mit viel Humor angereicherten Vortrag überblicksartig dar.

In den folgenden Tagen schließlich wurden jeweils am Morgen zwei Sitzungen zur Kodikologie hebräischer Manuskripte gehalten, am Nachmittag lag der Fokus in zwei weiteren Sitzungen auf der Typographie des Hebräischen in verschiedenen Schriften. Schon zu Beginn betonte MALACHI BEIT-ARIÉ (Jerusalem) die Individualität der Buchherstellung, die es ermöglicht, relativ genaue Datierungen und regionale Einordnungen vorzunehmen. Dies wurde in ihrer Einführung zu Schreibmaterialien besonders offensichtlich. Zunächst sei hauptsächlich Pergament genutzt worden, bis dieses vom Papier abgelöst wurde. Der Wechsel habe sich aber nicht überall gleichzeitig vollzogen: Die Sepharden, die spanischen Juden, verwendeten Papier schon ab der zweiten Hälfe des 14. Jahrhunderts, während die Ashkenazim, die europäischen Juden, erst Mitte des 15. Jahrhunderts begannen auf Papier zu schreiben. Bei Pergament unterscheidet man nach Haar- und Fleischseite. Während die erstere dunkler ist und bei schlechterer Qualität noch Folikeln aufweist, ist die zweite heller und glatter, was an den zur Verfügung gestellten Manuskripten deutlich erfühlt werden konnte. Bei Papier war für die regionale Einordnung vor allem das Muster in der Papierstruktur wichtig, da dies sich in islamischen und christlichen Gebieten unterscheidet. Sei keine Struktur zu erkennen, stamme das Papier vermutlich aus dem Yemen, so Beit-Arié.

Je nach Schreibmaterial variierte auch die Linienziehung, um einen möglichst geraden Satz zu gewährleisten: Pergament wurde seitlich gelocht, diese Einstiche wurden dann mit geraden Linien verbunden. Wenn das „Pricking“ nicht außerhalb des Schnittbereichs einer Seite lag, kann man auch heute noch die winzigen Einstiche am Rand der Seite erkennen. Die Linien selbst konnten etwa mit farbiger Tinte oder mit einem Graphitstift gezogen werden. Eine andere Möglichkeit des „Ruling“ bei Papier war das Nutzen einer speziellen Tafel, der sogenannten Mastara, auf der die Linien als Relief eingearbeitet waren. Auf diese wurde die Seite aufgelegt und so lange angedrückt bis die Relieflinien sich auf das Papier übertrugen. Neben einer Einführung in die Schreibmaterialien und die Linienziehung wurde weiterhin die Bindung erläutert, anhand derer weitere Einordnungen vorgenommen werden konnten: Enthielt ein Buch ein sogenanntes „mixed quiring“, eine gemischte Bindung aus Pergament und Papier, sei es aller Wahrscheinlichkeit nach entweder italienisch oder sephardisch, andernorts sei entweder ausschließlich Pergament oder Papier verwendet worden. Auch anhand der Signaturen und „catchwords“, die für die richtige Sortierung der Seitenbündel wichtig waren, könnten regionale Zuordnungen vorgenommen werden. Anhand von ausgewählten Manuskripten aus der Orientabteilung der Staatsbibliothek konnten die Teilnehmer/innen des Workshops die Erläuterungen von Beit-Arié am Objekt nachvollziehen und gerade Gelerntes anwenden, indem sie selbstständig Handschriften lokalisierten. Dies fiel, je nach Alter und Qualität der Handschrift, mal mehr oder weniger leicht.

Nachmittags führte dann JUDITH OLSZOWY-SCHLANGER (Paris) in die Paläographie hebräischer Handschriften ein. Hierzu wurden verschiedene Textauszüge dargestellt und die typographischen Feinheiten auf ihre Regionalität geprüft. Besondere Relevanz hatte hierbei etwa die Ausrichtung der Grundlinien: Waren die Buchstabenbasen parallel zur Linie, stammte der Schreiber vermutlich aus dem Osten, standen sie schräg, spreche dies für eine westliche Herkunft. Allein schon die Form des Aleph, des ersten Buchstabens des hebräischen Alphabets, gebe erstaunlichen Aufschluss über die Verortung einer Schrift als eher westlich oder östlich. Weiterhin sorgten Ligaturen und persönliche Eigenarten der Schrift für enorme Schwierigkeiten beim Entziffern des Textes und stellten gleichzeitig auch hier wieder die Individualität der Handschriften unter Beweis. Auch, wenn eine generelle Einordnung in Kursiva, Halb-Kursiva, Block- oder Semi-Blockschrift vorgenommen wurde, eine individuelle Differenz ließ sich dennoch ausmachen. Ebenfalls konnten deutlich zeitgenössische Stilelemente ausgemacht werden. Die Verspieltheit gotischer Schrift erinnerte an die späte Fraktur lateinischer Texte und stellte die Frage in den Raum, wie wohl kleinste Verzierungen an den Buchstaben, von Olszowy-Schlanger mit „Fischflossen“ betitelt, realisiert wurden. Auch konnten innerhalb grob einzuordnender Schriften, etwa innerhalb der ashkenazischen Manuskripte, feinere Unterschiede festgestellt werden: Deutsche Handschriften waren im Vergleich mit französischen oder englischen wesentlich massiver und weniger geschwungen.

NURI PASTERNAK (Jerusalem) von der Hebräischen Universität in Jerusalem brachte abschließend die gewonnenen Erkenntnisse des kodikologischen Teils des Workshops anhand einer beispielhaften Handschrift mit außerordentlich schöner Kalligraphie zur Anwendung: Die Teilnehmenden wurden aufgefordert, diese in Bezug auf Bindung, Linienziehung und Schreibmaterial zuzuordnen und ihre ungefähre Herkunft zu bestimmen, was nicht ohne rege Diskussionen ablief. Vor allem die vielfach christlich wirkenden Verzierungen warfen die Frage auf, ob Schrift und Zierde vom selben Urheber stammten oder ob dieser möglicherweise gar ein Konvertit gewesen sei.

IRA RABIN (Berlin) von der Bundesanstalt für Materialforschung stellte in einem Zwischenblock ein Werkzeug namens Dinolite vor, welches für die Bestimmung von Tinte hilfreich sei. Ein kleines Mikroskop, das über USB angesteuert wurde, konnte mit verschiedenen Lichtfrequenzen ausgestattet werden. Je nachdem, mit welchem Licht die Buchstaben beschienen wurden, erschienen diese in verschiedenen Farben oder verschwanden gar völlig, wovon auf die unterschiedlichen Zusammensetzungen und Pigmentierungen der Tinte geschlossen werden konnte.

Im Großen und Ganzen wurde innerhalb dieser Woche eine Menge Grundlagenwissen der Kodikologie und Paläographie vermittelt, die Teilnehmenden haben sicherlich viel gelernt und die Resonanz war überaus positiv. Möglicherweise wird sich nun tatsächlich der ein oder andere nach seiner Rückkehr aus dem sommerlichen Berlin dem riesigen noch unerschlossenen Feld der Manuskriptforschung zuwenden, zu tun gibt es schließlich genug.

Konferenzübersicht

Panel 1

Malachi Beit-Arié: Welcome

Ben Outhwaite: What is Medieval Hebrew? The View from the Cairo Genizah

Panel 2

Malachi Beit-Arié: Writing materials and Quiring

Panel 3

Judith Olszowy-Schlanger: Aims and methods of palaeography. Script typology and handwriting identification

Panel 4

Malachi Beit-Arié: Marking the sequence of quires, bifolia and folios. Scaffolding the copying: Pricking and ruling

Ira Rabin: Identifying Inks

Panel 5

Judith Olszowy-Schlanger: Early Oriental script. Oriental and Byzantine scripts

Panel 6

Malachi Beit-Arié: Continuation of ruling, Line management; Isolating hands

Panel 7

Nurit Pasternak, Malachi Beit-Arié: Conclusion: A detailed analysis of the scribal workmanship of one decorated manuscript and its localising and dating

Panel 8

Judith Olszowy-Schlanger: Yemenite script and Sephardi script

Panel 9

Judith Olszowy-Schlanger: Sephardi script and Italian script

Panel 10

Olszowy-Schlanger: Ashkenazi script

Anmerkungen
[1] Fotos: <www.ihiw.de/w/media/hebrew-manuscripts-studies-an-introduction/> (15.08.2013).
[2] <www.ihiw.de> (15.08.2013).

ZitierweiseTagungsbericht Scriptorium II: Hebrew Manuscript Workshop. 15.07.2013–19.07.2013, Berlin, in: H-Soz-Kult, 21.08.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4999>.

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