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Die Performanz der Mächtigen. Rangordnung und Idoneität in höfischen Gesellschaften des späten Mittelalters

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Cristina Andenna, Dresden; Gert Melville, Dresden; Klaus Oschema, Heidelberg; Jörg Peltzer, Heidelberg
Datum, Ort:14.06.2013–15.06.2013, Dresden

Bericht von:
Anuschka Gäng / Friederike Pfister, Heidelberg
E-Mail: <anuschka.gaengzegk.uni-heidelberg.de>; <f.pfisterstud.uni-heidelberg.de>

Inwiefern spielte die Performanz eines mittelalterlichen Herrschers für seine Idoneität und Legitimation eine Rolle und was ist überhaupt unter Performanz zu verstehen? Diese Fragen standen im Zentrum des zweitägigen Workshops „Die Performanz der Mächtigen. Rangordnung und Idoneität in höfischen Gesellschaften des späten Mittelalters“, der von der Fondation pour la protection du patrimoine historique, culturel et artisanal (Lausanne), dem SFB 804 „Transzendenz und Gemeinsinn“ (Dresden) und der Forschungsgruppe RANK (Heidelberg) gefördert wurde.

In seiner Begrüßung hob GERT MELVILLE (Dresden) hervor, dass der Workshop an die Tagung „Die Performanz der Macht. Spätmittelalter und Gegenwart im Vergleich“ von 2011 anknüpfe. Der diesjährige Workshop wolle nun aber nach der Performanz von Herrschern im Verhältnis von Rangordnung und Idoneität in mittelalterlichen Gesellschaften fragen.

KLAUS OSCHEMA (Heidelberg) eröffnete den inhaltlichen Teil der Tagung mit Überlegungen zu Konzept und Gebrauch des Performanzbegriffs. Er stellte zunächst die Frage, ob und inwiefern das Performanzkonzept der Mittelalterlichen Geschichte neue Anstöße geben könne. Ziel des Workshops sei dabei nicht, eine exakte und umfassende Definition des Performanzbegriffs zu liefern, sondern sich dieser durch die Diskussion „produktiver Widerständigkeiten“ anzunähern. Im Hintergrund dieses Zuschnitts stehe die Beobachtung, dass das in der Forschung etablierte Konzept des Rituals Gefahr laufe, den Aspekt des individuellen Handelns auszuklammern, obwohl doch gerade dieser die Geschichtswissenschaft interessiere. Hier verspreche das Konzept der Performanz weiter zu tragen, erfordere aber zunächst eine detaillierte Diskussion seines Zuschnitts und seiner Grenzen, um eine schlichte Ersetzung des Vokabulars zu vermeiden. In diesem Sinne, so Oschema, sollten die Fallstudien des Workshops Anregungen zu einer methodischen Diskussion bieten.

CRISTINA ANDENNA (Dresden) griff dies am Beispiel Karls von Anjou und Manfreds von Sizilien auf, indem sie nach dem Zusammenhang von Idoneität und Performanz bei diesen Herrschern fragte, deren Ansprüche umstritten waren. Am Beispiel der Descriptio victoriae Caroli des Andrea d’Ungheria zeigte Andenna die Bedeutung auf, die den performativen Sprechakten Karls und Manfreds zugewiesen wurde: Aus ihnen leite der Autor Herrschaftslegitimation und somit Idoneität ab. Während sich Karl durch seine Gottesfürchtigkeit und Abstammung qualifiziere und es ihm gelinge, sein Heer zu motivieren, delegitimiere sich Manfred durch seinen Aberglauben und das Fehlen einer charismatischen Ausstrahlung. Da der Sprechakt selbst über das Situative hinausreiche, so Andenna, würden damit die Qualitäten Karls herausgestellt und innerhalb der Erzählung Idoneität gestiftet.

JÖRG PELTZER (Heidelberg) rundete die einführenden Beiträge ab, indem er die These diskutierte, dass hierarchisch strukturierte Gesellschaften eines ideologischen Überbaus bedürften, um sich zu legitimieren. Für das spätmittelalterliche Reich identifizierte Peltzer „Rang“ als zentrale Ordnungskategorie, welche die soziale Identität des Einzelnen definiere und somit den eigenen Platz in einer sozialen Gruppe bzw. die Zuordnung zu einer solchen anzeige. Besonders für den Adel stelle sich im Verlauf des Spätmittelalters aber verstärkt die Frage nach der Bedeutung der individuellen Performanz für die Konstituierung von Rang.

TORSTEN HILTMANN (Münster) eröffnete die Reihe der Fallstudien, indem er nach der Bedeutung von herrscherlicher Performanz im Turnier fragte sowie nach ihrem Einfluss auf die Idoneität des Herrschers, der sich in einem Spannungsfeld zwischen seiner Rolle als Fürst und Ritter bewege. Am Beispiel der Herzöge von Burgund zeigte Hiltmann, dass sie als junge Männer durchaus begeistert selbst an Turnieren teilgenommen hatten. Mit der Übernahme des Herzogstitels wechselten sie aber vorrangig in die Rolle des Richters oder Zuschauers, wodurch sie ihre herrscherlichen Tugenden unter Beweis stellen konnten. Bei erfolgreichen Turnierteilnahmen der Herrscher stellt sich jedoch generell die Frage, ob tatsächlich ihr Geschick ausschlaggebend für den Sieg war, oder nicht doch vielmehr ihr Rang. Unabhängig davon, wie man diese Frage nach der performativen Qualität des Fürsten beantwortet: das Turnier gehörte zweifelsfrei zu den Topoi der herrscherlichen Selbstinszenierung als Ritter. Dabei widerspreche die Bezeichnung als Inszenierung keinesfalls der Annahme, dass die beteiligten Fürsten mit realer Begeisterung bei der Sache gewesen sein dürften.

Stärker in den Bereich politisch kodifizierten Verhaltens führte der Beitrag von STÉPHANE PÉQUIGNOT (Paris), der die Krönungen der aragonesischen Könige im 13. und 14. Jahrhundert nach dem Performanzparadigma untersuchte. Er stellte fest, dass die Könige beim Krönungsritual bisweilen mit erwartetem Verhalten gebrochen und gerade dadurch Herrschertugenden ausgedrückt hatten: War Peter II. 1204 noch vom Papst gekrönt worden, lehnte sein Sohn Jakob I. dies ab, da der Papst fällige Tributzahlungen als Bedingung einforderte. Damit habe Jakob seinen Anspruch auf die Gestaltung und Deutung des Rituals unterstrichen. Performative Aspekte treten in der Überlieferung zu den Krönungen des 14. Jahrhunderts stärker in den Vordergrund, etwa mit der Selbstkrönung Alfons‘ IV. und der Schaffung einer neuen Zeremonie im Moment der Krönung Peters IV. In beiden Fällen brachen die Herrscher mit den etablierten Erwartungen und rückten auf diese Weise ihre individuelle Eignung und Legitimität in den Vordergrund.

KARL-HEINZ SPIESS (Greifswald) fragte danach, wie herrschaftliche Macht generiert wurde und welche Rolle Performanz dabei spielte. Nach einer Antwort suchte Spieß, indem er den Blick darauf richtete, wie das höfische Umfeld auf mangelnde oder ungenügende Performanz eines Herrschers reagierte. Aus der Vielfalt der beobachtbaren Phänomene griff er dabei die Reaktion auf den Einsatz von körperlicher Kraft, Zorn und „Leutseligkeit“ des Fürsten heraus. Grundsätzlich, so hob Spieß selbst hervor, sei zwar bei keinem dieser Aspekte eine Stilisierung in den verfügbaren Quellen auszuschließen. Allerdings könne gerade der Tadel aus dem Umkreis des Fürsten als weitgehend glaubhaft betrachtet werden, und auch Verweise auf den Zorn des Herrschers dürften nicht als reine Stilisierung abgetan werden. Im Hinblick auf die Fürstinnen stellte Spieß einige Besonderheiten fest: Werde gewöhnlich die Tugend und Schönheit der Herrscherinnen gelobt, trete bei einigen von ihnen große körperliche Kraft hinzu, die aber durchaus positiv bewertet worden sei. Mit diesen Aspekten könne die Forschung durch die Frage nach der Performanz weitere Perspektiven des individuellen Handelns erschließen.

Aus germanistischer Perspektive untersuchte MATTHIAS STANDKE (Dresden) drei legendarische Erzählungen über Karl den Großen hinsichtlich ihrer Konstruktionen von Macht und Idoneität. Ausgangspunkt seiner Überlegungen bildete die Schwierigkeit, Herrschaft und Heiligkeit zu verbinden, was sich an der geringen Zahl heiliggesprochener Herrscher zeige. In den Heiligenlegenden um 1400 fänden sich narrative Strategien, die darauf zielten, Karl als zur Heiligkeit geeignet darzustellen. Eine zentrale Rolle nahmen hierbei auf der Ebene des Narrativs die performativen Sprechakte Gottes bzw. seiner Engel ein, die Karl in mehreren Visionen erschienen. Im Sinne der Sprechakttheorie John Austins interpretierte Standke die Ansprachen der Engel als perlokutionäre Sprechakte, die Karls Heiligkeit stifteten. Er habe damit seine sakrale Macht von Gott ableiten können. Durch die Einbindung von institutionalisierten Orten wie Kirchen erhielten die performativen Akte Legitimität, die innerhalb der Erzählung zu herrschaftlicher Idoneität, aber auch Heiligkeit führten. Herrschaft und Heiligkeiten seien hier also keine zwei sich ausschließende Konzepte, sondern würden durch das transzendale Eingreifen in die Immanenz verbunden.

KLAUS VAN EICKELS (Bamberg) untersuchte die „Ermächtigung und Entmachtung“ des englischen Königs Eduards II. und seiner Favoriten. Ausgangspunkt seiner Überlegungen war die Beobachtung, dass dem Herrscher üblicherweise durch sein Amt hinreichend Autorität zukam, um gegebenenfalls mangelnde individuelle Performanz wettzumachen. Bei der Entmachtung Eduards II. setzten die Barone den Träger einer eigentlich unantastbaren Amtsautorität ab – ein Widerspruch, der nicht aufzulösen war, sondern letztlich nur durch die Tötung des Königs beseitigt werden konnte. Ein Gegenbild bietet hier das Beispiel der Favoriten, deren Ermächtigung auf dem Vertrauen und der Gunst des Königs beruhte, zugleich aber durch die Ausstattung mit Lehen und Rangtiteln institutionell abgesichert werden konnte. Das häufig zu beobachtende Scheitern der Favoriten führte van Eickels auf die widersprüchlichen Anforderungen zurück, die Macht zu etablieren und diese zugleich nicht durch allzu große Konkurrenzeffekte zu gefährden.

Da AGOSTINO PARAVICINI BAGLIANI (Freiburg im Uechtland) verhindert war, sprach JÖRG PELTZER anhand zweier Beispiele über veränderte Wahrnehmungen von performativen Handlungsspielräumen: Für die Schilderung des Konflikts zwischen Rudolf von Habsburg und Ottokar von Böhmen im Chronicon Colmariense konnte er zeigen, dass gerade solche performativen Akte rangbildend sein konnten, die dem erwarteten Verhalten widersprachen. Dass gerade dieser Aspekt in den Quellen des 15. Jahrhunderts wegfalle, wertete Peltzer als Hinweis darauf, dass die Handlungsspielräume für regelbrechende performative Akte enger geworden seien.

Für die spätmittelalterlichen Adelsgesellschaften stellte er fest, dass auch sie sich in einem Moment herausbildeten, in dem sich soziale Strukturen verhärteten. Zweck und Bedingung der Gesellschaften sei es gewesen, sich als guter Ritter zu zeigen und sich in eine Gruppe von Gleichen einzufügen. Diese Nivellierung der Mitglieder habe zusätzlich eine Hervorhebung des Gründers bewirkt.

KLAUS OSCHEMA (Heidelberg) untersuchte abschließend am Beispiel von Feldherrenreden die Bedeutung der körperlichen Präsenz des Fürsten auf dem Schlachtfeld und die Rolle der performativen Qualitäten der historischen Akteure: Mittelalterliche Quellen konzentrierten sich bei den geschilderten Feldherrenreden zwar meist auf deren Wortlaut; zugleich sei den Autoren aber die Bedeutung der performativen Qualitäten bzw. der körperlichen Konstitution eines Heerführers für das Gelingen einer Schlacht durchaus bewusst gewesen. Gewissermaßen als Gegenbild ist dies aus Hinweisen auf eine unzureichende Stimmkraft oder ein ungepflegtes Äußeres zu erkennen, die in der chronikalischen Überlieferung begegnen. Bezeichnenderweise stimmen damit Historiographie und theoretische Reflexion (zumeist in der Tradition des Vegetius) hinsichtlich der Bewertung fürstlicher Performanz auf dem Schlachtfeld weitgehend überein. Die Lehre der klassischen Rhetorik, die hier rezipiert wurde, umfasste dabei auch die performative Umsetzung der (Feldherren-)Reden. Um diesen Komplex angemessen zu beschreiben, genüge das analytische Instrumentarium rund um den Begriff des Rituals nicht, vielmehr werde genau hier der Mehrwert des Performanzkonzepts deutlich.

Die intensiven und teilweise durchaus kontroversen Diskussionen an diesen zwei Tagen zeigten, dass sich der mittelalterlichen Geschichte mit der Frage nach der Performanz der Mächtigen eine durchaus fruchtbare, neue Perspektive bietet. Dabei sollte es zuvorderst darum gehen, etablierte Zugriffe zu ergänzen, indem man geeignete Quellenbestände auch aus der Warte der Performanz deutet. Die Natur des zur Verfügung stehenden Materials bringt allerdings gerade für die Mediävistik eigene methodische Schwierigkeiten mit sich. Wo diese kontrolliert werden können, öffnen sich aber neue Erkenntnis- und Deutungschancen.

Konferenzübersicht:

Hans Vorländer (Dresden): Begrüßung

Gert Melville (Dresden): Begrüßung und einleitende Reflexionen

Klaus Oschema (Heidelberg): Inhaltliche Einführung

Cristina Andenna (Dresden): Idoneität und Performanz im Kontext umstrittener Herrschaftslegitimation

Jörg Peltzer (Heidelberg): Rang und Performanz. Die Signifikanz des Tuns und Lassens für den eigenen Rang

Torsten Hiltmann (Münster): Ideal und Physis. Der spätmittelalterliche Fürst in Turnier und Zweikampf

Stéphane Péquignot (Paris): Die Krönungen der aragonesischen Könige: Überlegungen zu Ergebnissen und Grenzen einer performativen Interpretation

Karl-Heinz Spieß (Greifswald): Königliche und fürstliche Performanz im 15. Jahrhundert

Matthias Standke (Dresden): How to do things with holiness. Legendarisches Erzählen von Karl dem Großen zwischen Macht und Idoneität

Klaus van Eickels (Bamberg): Ermächtigung und Entmachtung Eduards II. von England und seiner Favoriten

Agostino Paravicini Bagliani (Freiburg im Üechtland): Die symbolische Performanz des mittelalterlichen Papsttums zwischen Ambivalenz und Flexibilität

Klaus Oschema (Heidelberg): Performanz und Schlachtenglück: performative Qualitäten als Analysekategorie am Beispiel mittelalterlicher Feldherrenreden

Abschlussdiskussion

ZitierweiseTagungsbericht Die Performanz der Mächtigen. Rangordnung und Idoneität in höfischen Gesellschaften des späten Mittelalters. 14.06.2013–15.06.2013, Dresden, in: H-Soz-u-Kult, 04.09.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4997>.

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