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Die Dobrudschadeutschen und der Erste Weltkrieg in Selbst- und Fremdbildern

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Johannes-Künzig-Institut für ostdeutsche Volkskunde, Freiburg im Breisgau; Deutsches Kulturforum östliches Europa, Potsdam; Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas, München
Datum, Ort:06.05.2013, Freiburg im Breisgau

Bericht von:
Susanne Clauß, Archiv und Dokumentation, Institut für Volkskunde der Deutschen des östlichen Europa
E-Mail: <Susanne.Claussjki.bwl.de>

Am 06. Mai 2013 fand im Johannes-Künzig-Institut für ostdeutsche Volkskunde (JKI), das sich mit Wirkung vom 01. August 2013 in Institut für Volkskunde der Deutschen des östlichen Europa (IVDE) umbenannt hat, in Freiburg im Breisgau ein Themenabend zur Geschichte der Dobrudschadeutschen im Ersten Weltkrieg statt. Neben dem JKI bzw. IVDE gehörten auch das Deutsche Kulturforum östliches Europa in Potsdam sowie das Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas in München zu den Mitveranstaltern des Themenabends.[1]

Die Dobrudschadeutschen sind auf Grund der kurzen Siedlungsperiode in der Dobrudscha von nur knapp einhundert Jahren und der geringen Anzahl von knapp 14.000 Personen, die 1940 in die damaligen deutschen Gebiete umgesiedelt wurden, weit weniger im gesellschaftlichen Gedächtnis verankert als andere deutsche Bevölkerungsgruppen im südöstlichen Europa. So werden sie mitunter auch als „vergessene deutsche Minderheit“ bezeichnet. Vor diesem Hintergrund fand der Themenabend in der Veranstaltungsreihe des Deutschen Kulturforums „Von D wie Dobrudscha bis Z wie Zips – Vergessene Regionen im östlichen Europa“ statt.

Der Themenabend gliederte sich inhaltlich in zwei Blöcke: im ersten Teil stand der Blickwinkel der Dobrudschadeutschen auf die Ereignisse während des Ersten Weltkrieges im Vordergrund. Im zweiten Teil wurden demgegenüber die Sichtweisen der deutschen Besatzer sowie der rumänischen Mehrheitsbevölkerung thematisiert.

Eröffnet wurde der Themenabend durch den Vortrag „100 Jahre zwischen Donau und Schwarzem Meer. Kurzer Überblick zur Geschichte der Dobrudschadeutschen“ von JOSEF SALLANZ (Magdeburg/Berlin). Anders als es der Vortragstitel vermuten lässt, standen nicht nur die Geschichte der deutschen Siedlungen in der Dobrudscha von den Anfängen um 1840 bis zur Umsiedlung der Dobrudschadeutschen 1940 im Vordergrund des Referates, sondern auch die Neuanfänge in der Bundesrepublik und in Übersee nach 1945 sowie die aktuellsten Entwicklungen.

In Bezug auf den Schwerpunkt des Themenabends hielt Sallanz fest, dass sich die Dobrudschadeutschen während des Ersten Weltkrieges gegenüber dem rumänischen Staat loyal verhielten und zum Teil Militärdienst in der rumänischen Armee leisteten. Dennoch wurden einige Männer interniert. Da hiervon auch die Eliten der dobrudschadeutschen Siedlungen betroffen waren, führte die Internierung zu einem „jähen Ende des deutschen Gemeindelebens“. Laut Sallanz konnte sich das dobrudschadeutsche Gemeindeleben erst mit dem Einzug deutscher Soldaten allmählich wieder erholen, da sie die Gottesdienste in deutscher Sprache übernahmen und die Kinder auf Deutsch unterrichteten.

ANDRADA SAVIN (Cluj-Napoca/Klausenburg) setzte sich im zweiten Vortrag des Abends mit der Erfahrung des Ersten Weltkrieges bei den Deutschen in der Dobrudscha auseinander. Dabei ging sie insbesondere auf das Verhältnis des rumänischen Staates zur ethnischen Minderheit der Dobrudschadeutschen ein. Savin führte aus, dass die Dobrudschadeutschen auf der einen Seite zwar Ehrungen und Auszeichnungen für ihren Dienst in der rumänischen Armee erhielten, ihnen der rumänische Staat auf der anderen Seite aber mit starkem Misstrauen gegenübertrat. Letzteres fand in der Internierung eines Teils der dobrudschadeutschen Männer seinen Ausdruck. Savin vertritt in Bezug auf die Internierung die Auffassung, dass durch diese gemeinsam erlebte Krisensituation vorher bestehende Unterschiede in Konfession oder sozialem Stand überwunden wurden und die Dobrudschadeutschen als Gemeinschaft näher zusammengerückt sind. Am Schluss ihres Referates ging Savin auf das 1937 errichtete Denkmal für die gefallenen rumänischen und dobrudschadeutschen Soldaten des Ersten Weltkrieges in Cogealac ein, welches einerseits dem rumänischen Staat die Möglichkeit gab, nach außen das Bild der erfolgreichen Integration der ethnischen Minderheiten zu vermitteln und andererseits den Dobrudschadeutschen dazu verhalf, sich durch die Beteiligung an der Errichtung des Denkmals als loyale Staatsbürger zu präsentieren.

An das Referat schloss sich ein Dialog zwischen Savin und SUSANNE CLAUß (Freiburg im Breisgau) an. Darin wurden verschiedene Dokumente von Dobrudschadeutschen zum Ersten Weltkrieg und dessen Folgen, die aus den Nachlässen von Otto Klett und Johannes Niermann stammen, vorgestellt. Anhand von zahlreichen Fotos, Tondokumenten und schriftlichen Quellen wurde verdeutlicht, wie die Dobrudschadeutschen den Ersten Weltkrieg erlebt und wie sie sich an ihn erinnert haben. Zentrale Themen waren dabei insbesondere die Internierungen, die Kampfhandlungen und Zerstörungen in den dobrudschadeutschen Dörfern sowie die Begegnungen mit den deutschen Besatzern in der Dobrudscha.

Die deutschen Besatzer waren auch das Thema des Referates von GUNDULA GAHLEN (Berlin), die mit ihrem Vortrag den zweiten Teil der Veranstaltung einleitete. Gahlen analysierte Briefe deutscher Soldaten, Publikationen der deutschen Besatzer sowie Veröffentlichungen deutscher Wissenschaftler über die Dobrudschadeutschen. Sie stellte dabei fest, dass die Beurteilung der Dobrudschadeutschen wesentlich von der Intention und der Funktion des Verfassers der jeweiligen Quelle abhing. So war es das Ziel des Wissenschaftlers Paul Traeger, mit seiner Publikation das Gefühl der Verbundenheit der Reichsdeutschen zu den Dobrudschadeutschen zu fördern, weshalb er vor allem die Gemeinsamkeiten zwischen den Reichs- und den Dobrudschadeutschen herausstellte. Demgegenüber stellte der Ortskommandant Fritz Kaphan, der unter den Dobrudschadeutschen auch unpopuläre Maßnahmen wie Requirierungen für die Armee durchsetzen musste, die deutschen Siedler als streitsüchtig dar und bemängelte, dass die Dobrudschadeutschen sich schon zu sehr eingelebt hätten, als dass man sie noch als „Volksgenossen“ hätte bezeichnen können. Gahlen stellte in diesem Zusammenhang fest, dass die deutschen Soldaten die Dobrudschadeutschen nicht auf den ersten Blick als Deutsche erkannten, sondern erst als sie mit den deutschen Siedlern zu sprechen begannen. Nach Gahlen war dies ein wesentlicher Unterschied zu den Siebenbürger Sachsen, deren Siedlungen der Heimat der deutschen Soldaten weitaus ähnlicher waren als die der Dobrudschadeutschen. Abschließend kam Gahlen so zu dem Schluss, dass die Dobrudschadeutschen für die deutschen Soldaten zwar eine „Brückenfunktion“ zwischen der fremden Umgebung und der Heimat übernahmen, sich aber aufgrund der stärker ausgeprägten kulturellen Unterschiede nie dasselbe Verbundenheitsgefühl wie zu den Siebenbürger Sachsen entwickeln konnte.

Auch THOMAS SCHARES (Bukarest) thematisierte in seinem Vortrag den Blickwinkel der deutschen Besatzer. Zunächst ging Schares in seinem Referat auf den Verlauf des Dobrudschafeldzuges ein und betonte, dass mit der Besatzung der Dobrudscha durch deutsche Truppen diese Region erstmals in den Blick der deutschen Öffentlichkeit rückte. Um zu verdeutlichen, in welcher Form dies geschah, stellte Schares verschiedene Texterzeugnisse der deutschen Besatzer vor. Dabei wurde deutlich, dass sich die deutschen Soldaten selbst als eine Art „Kulturpioniere“ verstanden und der Bevölkerung im Besatzungsgebiet mit einem Gefühl der „kulturellen Überlegenheit“ gegenübertraten. Dass die Presseerzeugnisse der deutschen Besatzer trotzdem auch auf Rumänisch erschienen, wertete Schares als Versuch der deutschen Militärregierung, Einfluss auf die rumänischsprachige Bevölkerung zu nehmen.

Abschließend ging Schares auf die Publikation „Bilder aus der Dobrudscha“ ein, die von der deutschen Etappenverwaltung in der Dobrudscha 1918 herausgegeben wurde. Dabei handelt es sich um einen Sammelband, in dem sich ebenso Aufsätze über Flora und Fauna wie Beiträge über Altertumsforschungen in der Dobrudscha finden lassen. Besonders interessant war der Beitrag des bereits erwähnten Paul Traeger. 1922 veröffentlichte Traeger eines der Standardwerke zur Geschichte und Kultur der Dobrudschadeutschen. Grundlage dieser Arbeit waren seine Forschungen in den deutschen Siedlungen der Dobrudscha in den Jahren 1917 und 1918. Schares kam zu dem Schluss, dass Traeger eine Art „koloniale Ethnografie“ betrieb und dass seinem Beitrag, ähnlich wie den Presseerzeugnissen der deutschen Besatzer, die Vorstellung von einer kulturellen Überlegenheit der deutschen Siedler gegenüber den anderen Ethnien in der Dobrudscha zugrunde lag.

VASILE CIOBANU (Sibiu/Hermannstadt) beschloss mit seinem Vortrag „Die Wahrnehmung der Dobrudschadeutschen im Ersten Weltkrieg durch die rumänische Bevölkerung“ den Themenabend. Ciobanu führte verschiedene Beispiele für das Verhalten der rumänischen Bevölkerung gegenüber den Dobrudschadeutschen an, die verdeutlicht haben, dass es keine einheitliche Verhaltensweise gegeben hat. Fälle, in denen durch die Intervention eines rumänischen Offiziers die Erschießung dobrudschadeutscher Männer verhindert wurde hat es ebenso gegeben, wie Denunziationen, bei denen Rumänen Dobrudschadeutsche nach dem Abzug der deutschen Truppen als Landesverräter anzeigten. Für die Zeit der deutschen Etappenverwaltung konnte Ciobanu dennoch feststellen, dass die rumänische Bevölkerung zwischen den deutschen Besatzern und den Dobrudschadeutschen eine ethnische Einheit konstatierte und sie der deutschen Etappenverwaltung deshalb eine Bevorzugung der Dobrudschadeutschen unterstellte. Kriegsentschädigungsforderungen der Dobrudschadeutschen gegenüber der deutschen Etappenverwaltung in Höhe von mehreren Tausend Lei lassen dies nicht unbegründet erscheinen.

Ciobanu führte weiter aus, dass es zwar unmittelbar nach dem Abzug der deutschen Truppen zu Racheakten der rumänischen Bevölkerung an den Dobrudschadeutschen kam, dass die Dobrudschadeutschen dennoch schon wenige Jahre nach Kriegsende in rumänischsprachigen Zeitungen nicht nur für ihren Fleiß und ihre Anständigkeit gelobt, sondern auch als Teil des rumänischen Staates betrachtet wurden. Als Beleg für die praktische Umsetzung dieser Einstellung gegenüber den Dobrudschadeutschen zog Ciobanu abschließend die Errichtung des von Savin bereits erwähnten Denkmals in Cogealac heran, in dem im Jahr 1937 die gefallenen Dobrudschadeutschen für ihren Kampf in der rumänischen Armee ebenso geehrt wurden wie die gefallenen Rumänen.

Im Rückblick auf den Themenabend kann festgehalten werden, dass die Veranstaltung die seltene Möglichkeit bot, ein Stück der Geschichte der Dobrudschadeutschen aus vielen verschiedenen Blickwinken zu betrachten. Dies gilt in vielerlei Hinsicht. Zum einen durch die inhaltliche Ausrichtung der Veranstaltung, indem sowohl der Blick von als auch der Blick auf Dobrudschadeutsche(n) thematisiert wurde. Zum anderen durch die Beteiligung nicht nur deutscher, sondern auch der rumänischer Wissenschaftler wie Savin und Ciobanu. Insbesondere durch die bilinguale Kompetenz der rumänischen Wissenschaftler und deren Zugangsmöglichkeiten zu Archivbeständen in Rumänien konnte das Publikum Einblicke in seltene Quellenbestände bekommen.

Die multidimensionale Sichtweise und die Zusammenarbeit deutscher und rumänischer Wissenschaftler ermöglichten es, authentische Einblicke in die Selbst- und Fremdwahrnehmung der Dobrudschadeutschen während des Ersten Weltkrieges zu erlangen. Es ist der Wunsch der Autorin, dass diese Zusammenarbeit auch in Zukunft fortgesetzt wird. Ein wichtiger Schritt in diese Richtung ist die Veröffentlichung der Ergebnisse des Themenabends in einem gemeinsamen Sammelband, der im Jahr 2014 / 2015 erscheinen soll.

Konferenzübersicht:

Begrüßung

Werner Mezger (Freiburg im Breisgau)

Susanne Clauß (Freiburg im Breisgau)

Ariane Afsari (Potsdam)

Allgemeine Einführung

Josef Sallanz (Berlin/Magdeburg): 100 Jahre zwischen Donau und Schwarzem Meer. Kurzer Überblick zur Geschichte der Dobrudschadeutschen

Sektion 1 Die Selbstwahrnehmung der Dobrudschadeutschen während des Ersten Weltkrieges

Andrada Savin (Cluj-Napoca/Klausenburg): Die Erfahrung des Ersten Weltkrieges bei den Deutschen in der Dobrudscha

Susanne Clauß (Freiburg im Breisgau) im Gespräch mit Andrada Savin: Zeugnisse der Dobrudschadeutschen zum Ersten Weltkrieg und dessen Folgen

Sektion 2 Die Fremdwahrnehmung der Dobrudschadeutschen während des Ersten Weltkrieges

Gundula Gahlen (Berlin): Die Dobrudschadeutschen aus der Sicht deutscher Kriegsteilnehmer 1916-1918

Thomas Schares (Bukarest): Besatzung und Feldzug in der Dobrudscha aus der Sicht deutscher Offiziere

Vasile Ciobanu (Sibiu/Hermannstadt): Die Wahrnehmung der Dobrudschadeutschen im Ersten Weltkrieg durch die rumänische Bevölkerung

Anmerkung:
[1] Dieser Bericht erschien bereits in Mitteilungsblatt des Bessarabiendeutschen Vereins e.V., 68 (2013) H 8, S. 15f.

ZitierweiseTagungsbericht Die Dobrudschadeutschen und der Erste Weltkrieg in Selbst- und Fremdbildern. 06.05.2013, Freiburg im Breisgau, in: H-Soz-u-Kult, 20.08.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4992>.

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