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Der Beitrag von Schulen und Hochschulen zu Erinnerungskulturen. Kolloquium anlässlich der Eröffnung des Zentrums Geschichtsdidaktik und Erinnerungskulturen (ZGE) der Pädagogischen Hochschule Luzern (PH Luzern)

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Zentrum Geschichtsdidaktik und Erinnerungskulturen (ZGE) der Pädagogischen Hochschule Luzern (PH Luzern)
Datum, Ort:20.09.2012–21.09.2012, Luzern

Bericht von:
Barbara Sommer Häller, Zentrum Geschichtsdidaktik und Erinnerungskulturen, Pädagogische Hochschule Luzern
E-Mail: <barbara.sommerphlu.ch>

Aus Anlass der Eröffnung des Zentrums Geschichtsdidaktik und Erinnerungskulturen führte die Pädagogische Hochschule Luzern am 20. und 21. September 2012 mit Unterstützung des Staatssekretariats für Bildung und Forschung (SBF) sowie des Bildungs- und Kulturdepartements des Kantons Luzern ein Kolloquium unter dem Titel „Der Beitrag von Schulen und Hochschulen zu Erinnerungskulturen“ durch. Ziel des Kolloquiums war es, Rolle und Verpflichtung von Schule und Hochschule bei der Herausbildung eines kollektiven Gedächtnisses zu reflektieren.

Eröffnet wurde die Tagung mit einer Begrüßung durch den Prorektor der einladenden Hochschule, MICHAEL ZUTAVERN (Luzern). Das einleitende Hauptreferat hielt anschließend CHRISTOPH CORNELISSEN (Frankfurt am Main). Er machte in seinem Beitrag den Vorschlag, im Unterricht an Schule und Universität das Spannungsfeld familialer, nationaler und universalistischer Erinnerungen auszuloten, also gemeinsam mit Studierenden und auch mit Schülerinnen und Schülern den widerstreitenden Erinnerungsansprüchen vor Ort nachzugehen. Hernach markierte er ausgewählte Problembereiche, welche möglicherweise Hindernisse bei der Erfüllung der angeführten Ziele darstellen.

Der darauf folgende erste Teil stand unter dem Titel „Erinnerungskulturen in der Gesellschaft“. ARAM MATTIOLI (Luzern) zeichnete in seinem Beitrag den sich seit 1989 manifestierenden Umbau der staatlich getragenen Erinnerung an die Zerstörung des ersten Amerika nach und kam zum Schluss, dass dieser mit einem komplexen Ursachenbündel zu erklären sei. Neben der Globalisierung, dem demografischen und gesellschaftlichen Wandel in den USA sowie der neuen Sensibilität für Anliegen indigener Völker spiele auch die Etablierung des Holocaust-Gedenkens als kulturell-globale Norm im Umgang mit historischem Unrecht beim Umbau der amerikanischen Gedenkkultur eine entscheidende Rolle. Im Anschluss an das Referat von Mattioli analysierte BEATRICE ZIEGLER (Aarau) das Verhältnis von Wissenschaft und Geschichte als Erinnerung. MARKUS RIES (Luzern) schloss diesen Teil der Veranstaltung mit dem Referat „Zivilreligiöse Anamnese? Erinnerungskulturen in der bürgerlichen Gesellschaft“ ab.

Im zweiten Teil der Tagung stand mit dem Theaterprojekt „act-back“ exemplarisches Erinnerungsgeschehen im Zentrum. In szenischen Darstellungen beschäftigten sich die Schauspielerinnen und Schauspieler unter der Regie von Franz Dängeli mit der Bedeutung des Holocausts im 21. Jahrhundert. Der Historiker Stefan Mächler begleitete die Szenen mit wissenschaftlichen Inputs. Neben den Kolloquiumsteilnehmenden waren auch Schülerinnen und Schüler mehrerer Kantonsschulklassen im Publikum. Dieses wurde von Beginn an immer wieder dazu aufgefordert, die Vorstellung mittels Interventionen mitzugestalten.

Der dritte Teil beleuchtete ausgewählte Aspekte des Umgangs mit Erinnerungskulturen in der Schule. BERNHARD WICHT (Bern) eröffnete diesen Teil mit einer Bilanz aus Sicht der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren. BODO VON BORRIES (Hamburg) ging anschließend grundsätzlichen Fragen zum Verhältnis von Geschichtsunterricht und Erinnerungskulturen nach. Ausgehend vom Schicksal von Bruno Schulz, einem jüdischen Künstler und Opfer der Shoa, beleuchtete NOA MKAYTON (Jerusalem) das Verhältnis von Lehre und Gedenken in Israel. Sie erläuterte am Beispiel des Kaddisch-Gebots, dass in der jüdischen Gedenkkultur die Erinnerung traditionell vom Partikularen ins Universelle überführt wird. Mkayton zeigte, dass diese Form des Gedenkens auch in der säkulären israelischen Gedenkkultur vorherrschend ist und bis heute die pädagogische Arbeit in Israel und damit auch diejenige von Yad Vashem prägt. Als zunehmend problematisch beschrieb die Referentin den Umstand, dass bis heute der Umgang mit den Tätern und damit auch eine differenzierte Auseinandersetzung mit allen Grauzonen menschlicher Handlungsweisen in Israel nicht oder nur bedingt möglich scheint.

Die Ausformung spezifischer Erinnerungskulturen war Thema im vierten Teil der Veranstaltung. ULLA KUX (Berlin) berichtete von ihren Erfahrungen in der Erinnerungsarbeit in multikulturellen Kontexten, und VERENA LENZEN (Luzern) erläuterte die Charakteristika der jüdischen Gedächtniskultur am Beispiel Walter Benjamins Interpretation des „Engel der Geschichte“, dem „Angelus Novus“ von Paul Klee.

Nach einer Begrüßung durch BENEDIKT HAUSER (Bern), dem stellvertretenden Leiter für den Bereich Bildung im Staatssekretariat für Bildung und Forschung, wurden schließlich im fünften Teil erinnerungskulturelle Funktionen an ausgewählten Beispielen thematisiert. MARKUS FURRER (Luzern) ging in seinem Referat dem Verhältnis von Erinnerung und Aufarbeitung am aktuellen Fall der vom Kanton Luzern in Auftrag gegebenen Untersuchung der Geschichte der Luzerner Kinderheime nach. Er legte dar, dass solche Aufarbeitungen für die Betroffenen aus mehreren Gründen wichtig sind: So erfahren diese oft zum ersten Mal dank solchen Forschungen, dass ihrer Geschichte Glauben geschenkt wird und dass sie mit ihrer Geschichte nicht alleine sind. Damit die Aufarbeitung überhaupt erst möglich wurde, brauchte es eine Wende des kollektiven Erinnerns. Angestoßen wurde diese, so Markus Furrer, durch den 2010 im Schweizer Fernsehen ausgestrahlten Dokumentarfilm „Das Kinderzuchthaus“. Eine wichtige Rolle spielten zudem der zunehmende zeitliche Abstand zum Geschehenen und der Umstand, dass viele ehemals Verantwortliche verstorben oder inzwischen pensioniert worden sind.

MONIQUE ECKMANN (Genf) widmete ihr Referat Erinnerungskonflikten im Bildungsraum und stellte eine psycho-politische Typologie und deren pädagogischen Implikationen vor. Der Filmproduzent und Regisseur PETER REICHENBACH (Zürich) ging in seinem Beitrag den Entstehungsbedingungen des von ihm produzierten Spielfilms „Der Verdingbub“ nach, und KARIN FUCHS (Luzern) sowie SABINE ZIEGLER (Luzern) erörterten die didaktisch-pädagogischen Möglichkeiten des Filmes.

Abgeschlossen wurde das Kolloquium mit Grußworten von HANS-RUDOLF SCHÄRER, dem Rektor der Pädagogischen Hochschule Luzern, und einem Referat von WERNER DREIER (Bregenz), in dem Fragen nach der Repräsentanz der NS-Zeit in der Gegenwart unter der besonderen Berücksichtigung der Schule nachgegangen wurden. LUKAS BÄRFUSS (Schriftsteller, Zürich) beschäftigte sich in seinem Beitrag mit dem Verhältnis von Erinnerung und Vorstellung. Einsteigend kritisierte Bärfuss, dass in unserem Land die Formen des Erinnerns unterentwickelt seien, was in letzter Zeit immer wieder zu größeren Krisen geführt habe. Allerdings hätten auch die teilweise obsessiven Erinnerungskulturen in anderen Ländern zum Teil erhebliche Nachteile, so Bärfuss. Erinnerungen seien Scherben, die durch die Vorstellung zusammengehalten werden, darum solle eine öffentliche Erinnerungskultur nicht Rituale des gemeinsamen Gedenkens organisieren. Deshalb wünschte sich Bärfuss für das Zentrum Geschichtsdidaktik und Erinnerungskulturen, dass nicht Gedenken gefeiert werde, sondern dass das Zentrum vielmehr ein Ort werde, an dem verschiedene Erinnerungen ihren Platz haben sollen.

Zum Abschluss der Veranstaltung machte PETER GAUTSCHI, Leiter des Zentrums Geschichtsdidaktik und Erinnerungskulturen, deutlich, dass angesichts der jüngsten bildungspolitischen, gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen ein Zentrum für Geschichtsdidaktik und Erinnerungskulturen unabdingbar ist. Er skizzierte die Perspektiven des neuen Zentrums und charakterisierte es als Ort, an dem Theorie und Praxis in ein ausbalanciertes Verhältnis gebracht werden und wo sich Menschen aus unterschiedlichen Arbeitsfeldern zu einer sach- und problembezogenen Diskussion treffen werden.

Das Kolloquium näherte sich dem Thema von zwei Seiten her: Zum einen beschäftigten sich die fachwissenschaftlichen Beiträge mit dem kollektiven Umgang mit Vergangenheit (Furrer, Lenzen, Mattioli, Reichenbach, Ries), zum anderen setzten sich die geschichtsdidaktisch-pädagogischen Beiträge mit der Rolle von Schule und Unterricht im Umgang mit Vergangenheit auseinander. Zwei der drei fachwissenschaftlichen Beiträge zeigten, dass und wie sich der kollektive Umgang mit Vergangenheit und das Vergangenheitsbild im Laufe der Zeit verändern und wie sich zuvor verdrängte Erinnerungen allmählich durchsetzen und Teil der kollektiven Erinnerung werden. Mit den Beiträgen von Verena Lenzen und Lukas Bärfuss wurde deutlich, dass der Umgang mit Vergangenheit von Kultur zu Kultur sehr unterschiedlich ist, obwohl Erinnern an sich eine anthropologische Konstante ist.

Die Referate zum Umgang mit Erinnerungskulturen in der Schule zeigten zunächst einmal, dass die Begrifflichkeit nach wie vor umstritten ist. Das hängt auch damit zusammen, dass im pädagogisch-didaktischen Diskurs lange Zeit in erster Linie von Geschichtskultur die Rede war und dass das Konzept „Erinnerungskulturen“ zurückhaltend rezipiert wurde. Die Ausführungen von Cornelißen, von Borries, Fuchs und Ziegler sowie von Mächler zeigten aber, dass zielführende Ansätze und konkrete Praxis-Beispiele vorhanden sind. Unbestritten ist zudem das Potenzial der Beschäftigung mit Erinnerungskulturen im Zusammenhang mit der derzeit breit geforderten Kompetenzförderung - darauf haben mehrere Referentinnen und Referenten hingewiesen.

Konferenzübersicht:

Michael Zutavern (Prorektor Pädagogische Hochschule Luzern): Begrüßung

Eröffnungsbeitrag

Christoph Cornelißen (Goethe Universität Frankfurt am Main): Der Beitrag von Schulen und Hochschulen zu Erinnerungskulturen

Teil 1 Erinnerungskulturen in der Gesellschaft

Aram Mattioli (Universität Luzern): Die USA und ihre Erinnerung an die Verdrängung und Vernichtung der Indianerkulturen (1992–2010)

Béatrice Ziegler (Zentrum für Demokratie Aarau, Pädagogische Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz, Aarau):Geschichte als Erinnerung und die Wissenschaft

Markus Ries (Universität Luzern):Zivilreligiöse Anamnese? Erinnerungskulturen in der bürgerlichen Gesellschaft

Teil 2: Erinnerungsgeschehen

Werner Schüpbach (Vorsteher Dienststelle gymnasiale Bildung des Kantons Luzern): Begrüßung

Franz Dängeli, Stefan Mächler und Schauspieler/-innen, act-back-Forumtheater: act-back-Theater zum Thema Holocaust mit Schulklassen

Teil 3: Schulen und Erinnerungskulturen

Bernard Wicht (Chef de l´Unité de coordination Culture & société, Organisations internationales; Conférence suisse des directeurs cantonaux de l'instruction publique, Bern): Ecole, histoire, mémoire: petit bilan de la CDIP

Bodo von Borries (Universität Hamburg): Geschichtsunterricht und Erinnerungskulturen

Noa Mkayton, Yad Vashem (Jerusalem): Zum Verhältnis von Lehre und Gedenken in Israel

Teil 4: Ausformung von Erinnerungskulturen

Verena Lenzen (Leiterin Institut für Jüdisch-Christliche Forschung, Universität Luzern): Zachor! Erinnere Dich! Jüdische Gedächtniskultur

Ulla Kux (Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“, Berlin): Gedächtnisse, Macht und Bildung in multiethnischen Gesellschaften

Teil 5: Erinnerungskulturelle Funktionen

Benedikt Hauser (Stellvertretender Leiter Bildung, Staatssekretariat für Bildung und Forschung, Bern): Begrüßung

Peter Reichenbach (Filmproduzent C-FILMS AG), Karin Fuchs und Sabine Ziegler (Pädagogische Hochschule Luzern): Spielfilme und Erinnerungskulturen: Der Verdingbub

Monique Eckmann (Fachhochschule Westschweiz, Hochschule für Soziale Arbeit, Genf): Erinnerungskonflikte im Bildungsraum. Versuch einer psycho-politischen Typologie und Diskussion ihrer pädagogischen Implikationen

Markus Furrer (Pädagogische Hochschule Luzern): Erinnerung und Aufarbeitung

Feierliche Eröffnung

Werner Dreier (Geschäftsführer erinnern.at, Bregenz): Gedächtnis und Gegenwart

Lukas Bärfuss (Schriftsteller, Zürich): Erinnerungskulturen und Literatur

ZitierweiseTagungsbericht Der Beitrag von Schulen und Hochschulen zu Erinnerungskulturen. Kolloquium anlässlich der Eröffnung des Zentrums Geschichtsdidaktik und Erinnerungskulturen (ZGE) der Pädagogischen Hochschule Luzern (PH Luzern). 20.09.2012–21.09.2012, Luzern, in: H-Soz-Kult, 20.08.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4963>.

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