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The Affective Foundations of Contemporary Chinese Society: An Explorative Dialogue between the Humanities, Social Sciences, and Psychotherapy

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Sascha Klotzbücher / Susanne Weigelin-Schwiedrzik, Institut für Ostasienwissenschaften, Universität Wien; Ban Wang, Department of East Asian Languages and Cultures, Stanford University
Datum, Ort:12.10.2012–14.10.2012, Wien

Bericht von:
Sascha Klotzbücher, Institut für Ostasienwissenschaften, Universität Wien
E-Mail: <sascha.klotzbuecherunivie.ac.at>

Emotion und Affekt als wissenschaftliche Konzepte erfahren in den Geschichts-, Kultur- und Sozialwissenschaften eine enorme Renaissance. Historische und sozialwissenschaftliche Forschungen zum modernen China sind davon weitgehend unbeeindruckt geblieben.

Emotionale Faktoren für die Erklärung von politischen Prozessen in China erscheinen hier indifferent oder vernachlässigbar. Rational choice, interessenbasierte und strukturalistische Ansätze blenden die Bedeutung von Emotion für das Verständnis der politischen Kampagnen der Kulturrevolution und auch für das heutige politische Geschehen aus.

Dieser Workshop, der von 12.-14.10.2012 am Institut für Ostasienwissenschaften stattfand, hatte das Ziel, die Bedeutung von Emotionen als ein weitgehend übersehener Faktor zur Analyse von verwirrenden politischen Brüchen, dynamischen Verwerfungen sowie Kontinuitäten innerhalb der Gesellschaft und politischen Kultur der VR China herauszuarbeiten. Finanziert vom österreichischen Fonds für wissenschaftliche Forschung (FWF) (Projekt J3023), der Universität Wien und dem Konfuzius-Institut an der Universität Wien führten die Veranstalter die bisher weitgehend getrennt verlaufenden wissenschaftlichen Diskussionen in den Asienwissenschaften, die psychologische und psychoanalytische Theorien auf China anwenden, sowie unter Psychotherapeuten, die in/zu China arbeiten, zusammen.

BAN WANG (Stanford) hielt den Eröffnungsvortrag, in dem er betonte, dass auch die chinesische Revolution und Kampagnen nicht Emotionen unterdrückt, sondern der Maoismus diese mobilisiert und für sich zu nutzen wisse. Seine theoretischen Überlegungen fokussieren auf eine positive Sublimation von Libido in der chinesischen maoistischen Gesellschaft, die dazu dient, die Energien in einer gesellschaftlich konstruktiven Form zu kanalisieren, was er am Beispiel von gesellschaftlichen und literarischen Beispielen wie Ding Lings „Im Krankenhaus“ darlegte.

SUSANNE WEIGELIN-SCHWIEDRZIK (Wien) unterstrich, dass die Sinologie selbst keine wirkliche Routine und Praxis in der Reflexion über Emotionen habe, die den ausländischen Forscher in China begegne. Diese zuzulassen und in den Forschungsprozess zu integrieren könne Ausgangspunkt zu einer theoretischen und methodischen Weiterentwicklung der Sinologie sein.

Das erste Panel “Conceptualizations of Affects and Emotions” eröffnete HAIYAN LEE (Stanford). Das Individuum in der traditionellen chinesischen Gesellschaft zeichne sich vor allem durch eine Unterordnung und Präsentation in den Riten aus, so dass individuelle Emotionen für die soziale Ordnung belanglos seien. Die Emotion als Repräsentation des Individuums und die daraus folgende Introspektion sind Merkmal der sich individualisierten kapitalistischen Gesellschaft. Daran anschließend analysierte LEE das Konzept von Glück anhand seiner Repräsentation in chinesischen Filmbeispielen. CLAUS LAMM (Wien), der im Feld der sozialen Neurowissenschaften forscht, gab einen umfassenden Überblick über den Forschungsstand im Feld der Emotions- und Affektforschung aus der Perspektive der Neurowissenschaften, wobei auch diese Abgrenzung zwischen Affekt und Emotion neurowissenschaftlich nicht scharf zu ziehen sei. Daran analysierte er diese Beziehungen im Spannungsfeld von Automatismus/Kontrolle, Bewusstsein/Unbewusstsein und ihre Anwendung auf soziales Verhalten.

Das zweite Panel „The affective foundations of Chinese politics” eröffnete AARON W. MOORE (Manchester). Er präsentierte die Ergebnisse seiner Studie, die nach der Entwicklung von sozialem Bewusstsein bei Kindern und Jugendlichen fragte. Dazu verglich er ihre Tagebucheinträge des Zweiten Weltkriegs aus China mit denen von ähnlich alten Kindern aus Russland, England und Japan, in der sich das Selbst in einer ständigen Auseinandersetzung mit den emotional aufgeladenen Objekten der sozialen Umwelt entwickelt. FEIYU SUN (Beijing) analysierte die Beteiligung der ländlichen Bevölkerung an den sogenannten “Klage-Versammlungen” anhand von Dokumenten und Zeitzeugeninterviews. Er warf die Frage auf, inwieweit diese alle von der Kommunistischen Partei im Zuge der Landreform nach 1949 gesteuert waren oder ob der sich dort entladene Hass der Landbevölkerung nicht auch mit dem psychoanalytischen Konzept des Ödipus-Komplexes untersucht werden sollte. AUDREY MIN YANG (Hongkong/Harvard) beendete das zweite Panel mit der Darstellung der Ergebnisse ihres Oral History-Forschungsprojekts zu den Auswirkungen des Großen Sprung nach vorn (1958-60) auf die kollektive sowie individuelle Psyche der ländlichen Bevölkerung in der Provinz Anhui. Sie entwarf eine Typologie, das Leid (ku) in seinen verschiedenen Varianten zu ordnen.

Das dritte Panel des ersten Tages („Affects in Chinese contemporary society“) begann mit einem Vortrag von XUDONG ZHAO (Shanghai) über seine praktischen Erfahrungen mit der Anwendung der Familientherapie in der Volksrepublik China, wobei besonders die kulturell aufgeladene Familie als eine basale Institution Chinas auch weitgehende Änderungen im psychotherapeutischen Setting möglich macht. Der zweite Sprecher, TOMAS PLÄNKERS vom Sigmund Freud-Institut in Frankfurt am Main, präsentierte Ergebnisse einer Studie, die der Frage der Übertragung von Traumata der Kulturrevolution auf die nächste Generation nachging. Der letzte Beitrag des ersten Tages kam von SASCHA KLOTZBÜCHER (Wien). Emotionen und damit Möglichkeiten der Selbstwahrnehmung und Wahrnehmung von Gesellschaften seien politisch konstruiert, im damaligen repressiven Umfeld vereinheitlicht und verstärkt. Am Beispiel der in den Kampagnen von den Individuen abverlangten Toleranz von Leid (chiku) als Teil eines Selbstopfers und Negation von eigenen Bedürfnissen zeichnete er nach, wie dieses Gefühl, mit dem man sich in der post-maoistischen Zeit nicht mehr in Relation zum Politischen wahrnehmen kann, nun in transgenerationalen Beziehungen innerhalb des Familiengesprächs neue Wahrnehmungsmöglichkeiten eröffnet.

Der zweite Tag des Workshops wurde mit dem Panel „Cultural and institutional boundaries of affect interpretation“ von TAO LIN. (Anding Spital in Beijing/ Travistock Institute in London) eröffnet. In seinem Vortrag diskutierte er Raum und Möglichkeiten für die Psychoanalyse im Kulturraum China, um so die emotionale Welt der heutigen Patienten besser analysieren zu können. Diese Sicht auf die Sinisierung der Psychoanalyse wurde erwidert von NING WANG (Peking), der einen Überblick über die Wahrnehmung, Entwicklung und Integration der Psychoanalyse in der VR China im Zusammenhang in den chinesischen Geisteswissenschaften bot. Er analysierte daran anschließend die Geschichte Fuxi Fuxi von Liu Heng, die Ausgangsstoff des auch im Ausland bekannten Filmes Judou von Zhang Yimou ist.

Die hier stellvertretend in zwei Disziplinen initiierte Diskussion über die Sinnhaftigkeit der Psychoanalyse als Methode und Theorie für chinesische Fallstudien wurde auch im fünften Panel „Cultural boundaries of affect production“ fortgesetzt, in dem der philologische Blick auf Emotionen in historischen Texten und im psychoanalytischen Setting fortgesetzt wurde. Die Psychoanalytikerin ANTJE HAAG (Hamburg) analysierte Scham aufgrund ihrer langjährigen Erfahrungen in der Supervision von Fachkollegen aus der VR China. ANGELIKA MESSMER (Kiel) zeigt durch eine Analyse literarischer Texte aus der Übergangszeit zwischen der Ming- und Qing-Dynastie, dass es entgegen der allgemeinen Auffassung ausreichend Vokabular in der chinesischen Sprache gibt, um Schmerz und Leid zu differenzieren.

Da die Vortragsblöcke immer interdisziplinär zusammengesetzt und jeweils von einem Asienwissenschaftler und einem Psychologen/Psychotherapeuten kommentiert wurden, waren alle Teilnehmer von den angeregten Diskussionen überrascht und waren sich darüber einig, dass eine stärkere transdisziplinäre Auseinandersetzung allen Disziplinen in hohem Maße zugutekommt. Gleichzeitig wurde aber auch deutlich, dass die Ausgangspunkte für eine Annäherung und einen interdisziplinären Dialog stellenweise sehr weit auseinander liegen. Während gerade von den Neurowissenschaftlern und Psychotherapeuten die teilweise veraltete Rezeption der psychologischen oder psychoanalytischen Konzepte in den Geschichts- und Kulturwissenschaften kritisiert wurden, erschien den Historikern und Kulturwissenschaftlern die Konstruktion von China innerhalb der psychologischen Fachdiskussion hochgradig von einem kulturalistischen Essentialismus geprägt. Die auf Emotion fokussierte Diskussion böte hierbei die Chancen, sich konzeptuell anzunähern.

Nicht zuletzt auch die von Studierenden und Interessierten äußerst gut besuchten Vortragsblöcke machen deutlich, dass Emotionen ein Potential für ein besseres Verständnis von Politik, Gesellschaft und Kultur des modernen Chinas bergen. Um diese zu entdecken, muss sozialwissenschaftliche Chinaforschung auch stärker die Ausrichtung der chinesischen Sozialwissenschaften als Sozialtechnologie zum Gegenstand ihrer Forschung machen. Gerade in dieser „Beobachtung dieser Beobachtungen“ (Niklas Luhmann) wird deutlich, dass die Verbindung von Emotion für Politik, die in der Kulturrevolution (1966-1976) ihren Höhepunkt erfahren hat, für die heutige chinesische politische Führung ein Tabu ist. Die post-maoistische Führung in China ist bemüht, wissenschaftliche Evidenz, materielle Anreize, Überredung und patriarchale Belehrung als Kategorien des staatlichen Handeln sowie ihrer alltäglichen und wissenschaftlichen Wahrnehmung zu propagieren und zu verankern. Die Verbindung von Emotionen und Politik ist heute konsequenterweise nicht Gegenstand der wissenschaftlichen Forschung in der VR China. Emotionale Entgrenzung war immer mit linksextremen Kampagnen verbunden und so eine wichtige Voraussetzung für den maoistischen Voluntarismus. Diese heutige Rationalisierung von Politik als Ideologie verdeckt diese ungeheure Gegenwelt. Es ist die Langlebigkeit der Formen der damals geschaffenen maoistischen Deutungs- und Identitätskonstruktionen, die als normativ verwerflich ins Dunkle gedrängt oder ignoriert werden, weil sie ein nichtgewolltes Erbe der zerstörten politischen Kultur des Maoismus sind.

Konferenzübersicht:

Key-note lecture

Ban Wang (Stanford): Sublimation as a Method for Understanding China's Revolutionary Culture (Vortrag u.a. mit finanzieller Unterstützung durch das Konfuzius Institut an der Universität Wien)

Panel 1: Conceptualizations of affects and emotion

Haiyan Lee (Stanford): Acting Out Happiness: Emotion, Ritual, and the Social Order in a Comparative Perspective

Claus Lamm (Wien): Affects and Emotions in Psychology and Neurosciences

Kommentar: Sascha Klotzbücher

Panel 2: Affective foundations of Chinese politics

Aaron Moore (Manchester): Hijacked Development? Social Consciousness in the Wartime Diaries of Children and Adolescents, 1931-1945

Feiyu Sun (Beijing): A Neurosis Analysis of suku (to confess bitterness): Understanding China’s Revolution with Classical Psychoanalysis

Audrey Min Yang (Cambridge, MA/Hongkong): Trauma, Memory and Identity in the Aftermath of the Great Leap Famine: Findings from Oral History Research in Xuancheng, Anhui

Kommentare: Tomas Plänkers, Angelika Messner

Panel 3: Affects in contemporary Chinese society

Xudong Zhao (Shanghai): Family, Life Course and Mental Health in China

Tomas Plänkers (Frankfurt am Main): Forwarding Trauma to the Next Generation. The Follow-up of the Chinese Cultural Revolution

Sascha Klotzbücher (Wien): "Eating Bitterness" (chiku) as a Resource. Transgenerational Perspectives on Strategies of Maoist Self-manipulation

Kommentare: Ban Wang, Tao Lin

Panel 4: Cultural and institutional boundaries of affect interpretation

Tao Lin (London/Beijing): The Encounter of Psychoanalysis on Chinese Culture

Ning Wang (Beijing): Chinese Culture and Psychoanalysis

Kommentare: Xudong Zhao, Andrea Riemenschnitter

Panel 5: Cultural boundaries of affect production

Antje Haag (Hamburg): On Shame in China

Angelika Messner (Kiel): Pain and Suffering in Concrete Terms

Kommentare: Haiyan Lee, Aaron Moore

ZitierweiseTagungsbericht The Affective Foundations of Contemporary Chinese Society: An Explorative Dialogue between the Humanities, Social Sciences, and Psychotherapy. 12.10.2012–14.10.2012, Wien, in: H-Soz-Kult, 22.07.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4943>.

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