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Das virtuelle Archiv des Deutschen Ordens

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Landesarchiv Baden-Württemberg; ICARus (International Centre for Archival Research) im Staatsarchiv Ludwigsburg
Datum, Ort:11.04.2013–12.04.2013, Ludwigsburg

Bericht von:
Maria Magdalena Rückert, Landesarchiv Baden-Württemberg / Staatsarchiv Ludwigsburg
E-Mail: <maria-magdalena.rueckertla-bw.de>

Am 11./12. April 2013 fand im Staatsarchiv Ludwigsburg eine internationale Tagung zu einem „virtuellen Archiv des Deutschen Ordens“ statt. Anlass für das Symposium war die Digitalisierung der Urkundenüberlieferung des Deutschen Ordens im Staatsarchiv Ludwigsburg und deren vernetzte Präsentation im Internet. Auf dem vom Verein ICARus betriebenen Webportal monasterium.net wird erstmals versucht, einige der durch die politische Entwicklung nach 1800 in Europa zerstreuten Bestände des Deutschen Ordens – und hier insbesondere des ehemaligen Zentralarchivs des Deutschen Ordens in Mergentheim – virtuell zusammenzuführen. Neben den 2000 Ludwigsburger Urkunden finden sich dort jetzt auch Digitalisate der Urkunden im Staatsarchiv Marburg (4500 Stücke) und im Deutschordenszentralarchiv in Wien (12.000 Stücke).

Ziel der Tagung war es, einen verstärkten Dialog über die Ausgestaltung eines "virtuellen Archivs des Deutschen Ordens" in Gang zu bringen. Neben neuesten Erkenntnissen zur Archiv- und Überlieferungsgeschichte wurde in Ludwigsburg die Überlieferungssituation in verschiedenen Ländern Europas vorgestellt, insbesondere aber über die Perspektiven für die Forschung, die sich aus der Bereitstellung digitalisierter Quellen ergeben, diskutiert. Auch andere bereits laufende virtuelle Editionsvorhaben kamen zur Sprache.

Eröffnet wurde die Tagung durch ein Grußwort von ROBERT KRETZSCHMAR, Präsident des Landesarchivs Baden-Württemberg, der die Digitalisierungsstrategie des Landesarchivs Baden-Württemberg vorstellte, das über jahrzehntelange Erfahrungen im Bereich der Digitalisierung von Findmitteln und Archivalien verfügt. Anschließend führte MARIA MAGDALENA RÜCKERT (Ludwigsburg) in das Thema der Tagung ein und erläuterte die Onlinestellung der 150 Findbehelfe und 2000 Pergamenturkunden zum Deutschen Orden im Staatsarchiv Ludwigsburg, wo heute die auf Württemberg bezüglichen Reste des im 19. Jahrhundert aufgelösten Deutschordensarchivs von Mergentheim aufbewahrt werden.

UDO ARNOLD (Bad Münstereifel) widmete sich der Archivgeschichte des Deutschen Ordens von seinen Anfängen vor Akkon bis zur Entstehung des Deutschordens-Zentralarchivs in Wien infolge der „Napoleonischen Flurbereinigung“. Dabei zeigte er auf, wie eng die Geschichte des zentralen Archivs des Deutschen Ordens mit den Geschicken des Hochmeistertums in über 800 Jahren verbunden war. Mit dem meist erzwungenen Wechsel der Ordenszentralen – Akkon, Montfort, Venedig, Marienburg, Königsberg, Mergentheim, Wien – ging immer auch ein mit Verlusten begleiteter Umzug des Archivs einher, das dennoch heute nicht nur das interne Archiv einer Ordenskorporation, sondern ein Archiv von europäischer Bedeutung ist.

Vor dem Hintergrund der Verschiebung der Forschungsperspektive von Preußen auf den Orden als gesamteuropäisches Phänomen, die eine neue Untersuchung der Kommunikationswege der Ordenshäuser untereinander und der Ordenhierarchie erfordert, beschrieb GEORG VOGELER (Graz) die Vorteile der Digitalisierung der Deutschordensurkunden für ihre Erforschung. Er zeigte dabei verschiedene Perspektiven auf, die die digitale Diplomatik anbietet. Neben einer inhaltlichen und einer textbezogenen Perspektive führte er die Vorteile der bildbezogenen Analyse näher aus, die z. B. die Identifikation von Schreiberhänden anhand großer Mengen von auf verschiedene, weit entfernt liegende, Archive verteilten Urkunden am Bildschirm ermöglicht. Die ebenso mögliche kollaborative Ebene der digitalen Edition führte er am Beispiel von monasterium.net näher aus.

ICARus und seine Zielsetzung unter besonderer Berücksichtigung von monasterium.net stand im Zentrum des Beitrages von KARL HEINZ (St. Pölten/Wien). Das mittlerweile 130 Partner aus 26 europäischen Staaten umfassende Netzwerk ICARus (International Centre for Archival Research) präsentiert auf der Plattform monasterium.net derzeit über 250.000 Urkunden und über 500.000 digitale Bilder von über 100 archivischen Institutionen mit Metadaten in unterschiedlicher Tiefe. Für den Deutschen Orden wurde nun eine „Collection“ angelegt, die 20.500 Urkunden aus 22 Deutschordensbeständen verschiedener Archive in chronologischer Folge anbietet, um übergreifende Fragestellungen bequem bearbeiten zu können.

Ein Beiträger zur Deutschordenssammlung auf monasterium.net ist das Staatsarchiv Marburg. FRANCESCO ROBERG (Marburg) stellte die Aktivitäten seines Hauses im Hinblick auf die Erschließung und Digitalisierung der Urkunden vor. Neben der Digitalisierung der Urkunden des Deutschen Ordens verfolgte das Staatsarchiv Marburg die Digitalisierung der Urkunden der Klöster Fulda und Hersfeld und deren Onlinestellung im Archivportal HADIS, woran sich nun das archivübergreifende DFG-Projekt „Digitale Urkundenlandschaft Fulda“ anschließt. Ein weiteres Digitalisierungsprojekt gilt dem Landgräflichen Archiv. Geplant ist ferner eine vernetzte Präsentation hessischer Adelsarchive im Internet.

Einen weiteren Bericht aus der archivischen Praxis lieferte P. FRANK BAYARD (Wien). Der Archivar des Deutschordens-Zentralarchvis in Wien stellte nach der Onlinestellung der dortigen Urkunden einen Zuwachs an regionalgeschichtlichen Fragestellungen bei den Recherchen fest. Der Schwerpunkt der Arbeiten liege auf der Erschließung der neuzeitlichen Urkunden, deren Regesten noch nicht vollständig im Netz abrufbar sind, deren Erforschung er jedoch als besonderes Desiderat herausstellte.

Forschungsdesiderate formulierte auch JÖRG SEILER (Frankfurt), der der komplizierten Geschichte des ehemaligen Deutschordenszentralarchivs in Mergentheim vom frühen 17. bis zu seiner Zerschlagung im 19. Jahrhundert nachging. Infolge des Mergentheimer Hauptvertrages von 1815 wurde das Archiv bis zum Jahr 1907 auf über 20 Staatsarchive innerhalb und außerhalb Deutschlands ausgefolgt. Als Stichjahr für eine virtuelle Rekonstruktion dieses bedeutenden Archivs, die Seiler für absolut wünschenswert erachtete, schlug er das Jahr 1809 vor. Mithilfe der Digitalisate könnte nicht nur die Erforschung des Deutschen Ordens in großem Rahmen befördert werden, sondern anhand der mitgescannten Dorsualvermerke auch neues Licht auf die teilweise verworrene Geschichte seines Archivs geworfen werden.

Der Forschungsstelle zur Erforschung des Deutschen Ordens an der Universität Würzburg galt das Referat von HELMUT FLACHENECKER (Würzburg). Neben Forschung und Lehre soll die Kernaufgabe der im Aufbau befindlichen und von Rechtsanwalt Dr. Dieter Salch, seit 2012 Ehrenritter des Deutschen Ordens, geförderten Forschungsstelle in der Vernetzung bereits bestehender Forschungseinrichtungen bestehen. Eine verstärkte internationale Zusammenarbeit bei der Erforschung und Darstellung der Geschichte des Deutschen Ordens wird z. B. mit der seit 2009 an der Universität Würzburg angesiedelten „Polnischen Historischen Mission“ angestrebt, die von der Nicolaus-Copernicus-Universität Toruń/Thorn getragen wird.

KRISTJAN TOOMASPOEG (Lecce) lieferte einen Überblick über die italienischen Archive, in denen Urkunden des Deutschen Ordens aufbewahrt werden und teilweise noch ihrer Erforschung harren. Er beschrieb die Archivsituation in Venedig, das nach dem Fall von Akkon für 20 Jahre Sitz des Hochmeisters war und wo heute noch die ältesten Urkunden des Deutschen Ordens im Staatsarchiv (70 Stück) lagern. Die dem Deutschmeister unterstellten italienischen Balleien Apulien, Sizilien und Lombardei (Lamparten) verfügten über Archive in Barletta (1943 zerstört), Palermo und Padua. Im Staatsarchiv Padua sind die circa 400 Deutschordensurkunden in das Archiv des Jesuitenordens eingegangen, während in Palermo noch circa 800 Urkunden des Deutschen Orden lagern. Die Aufnahme der italienischen Deutschordensurkunden in ein virtuelles Archiv des Deutschen Ordens würde die diplomatische Untersuchung des teilweise schwer zugänglichen Materials deutlich befördern.

Der in polnischen Archiven lagernden Überlieferung mit Bezug zum Deutschen Orden war der Vortrag von ANDRZEJ RADZIMINSKI und JANUSZ TANDECKI (Thorn) gewidmet. Die zwischen dem Deutschen Orden und Polen geschlossenen Verträge lagern heute im Staatsarchiv in Warschau, während in den Thorn, Danzig und Allenstein die Mehrzahl der Urkunden das Alltagsleben und wirtschaftliche Beziehungen betreffen. Da nicht zuletzt wegen der jüngeren Archivgeschichte infolge des Zweiten Weltkrieges nicht immer nachzuvollziehen ist, welche Urkunden heute in Polen und welche im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz in Berlin aufbewahrt werden, wäre eine Einbeziehung der polnischen Urkundenbestände in ein virtuelles Archiv des Deutschen Ordens sehr zu begrüßen.

Im Zentrum der Ausführungen von JÜRGEN SARNOWSKY (Hamburg) standen die preußischen Archivbestände. Diese zeichnen sich nicht nur inhaltlich durch eine erhebliche europäische Relevanz aus – für die Geschichte des Ostseeraums und Ostmitteleuropas, des europäischen Adels, der Hanse und der Kreuzzüge –, sondern sie sind dementsprechend auch vielfach im internationalen Zusammenhang erschlossen und ausgewertet worden. Ein Teil dieser Überlieferung findet sich in den städtischen polnischen Archiven (s.o.), den eigentlichen Kern der Deutschordensüberlieferung nicht nur in Preußen aber bilden zweifellos die Archivalien des historischen Staatsarchivs Königsberg, die sich heute als XX. Hauptabteilung im Geheimen Staatsarchiv der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin befinden (Ordensbriefarchiv, Pergamenturkunden sowie Ordensfolianten). Dem Virtuellen Preußischen Urkundenbuch widmete sich JOACHIM LACZNY (Hamburg) in einem zweiten Teil des Vortrags. Es handelt sich um eine offen gestaltete Fortsetzung des Preußischen Urkundenbuchs, die insbesondere die Bestände des 15. und 16. Jahrhunderts erschließt. Sie umfasst derzeit 6280 Dateien, die auch im Rahmen von Lehrveranstaltungen durch Studenten erstellt wurden. Abschließend stellte er das neuere Projekt der Digitalen Edition der Schuldbücher und Rechnungen der Großschäfferei Marienburg vor, das von der DFG gefördert wird und ebenso eine kollaborative Ebene aufweist, die mit der Plattform monasterium.net vergleichbar ist.

Angesichts der großen Bedeutung des in ganz Europa agierenden Deutschen Ordens insbesondere für die Geschichte des Alten Reichs und der komplizierten Geschichte seiner Archive begrüßten alle Teilnehmer die anlaufenden Bemühungen um eine vernetzte Präsentation von Digitalisaten und Erschließungsinformationen über die Archivbestände des Ordens im Internet. Deutlich wurde aber auch, dass die Initiative von ICARus erst den Anfang auf dem Weg zu einem virtuellen Archiv des Deutschen Ordens markiert. Die Teilnehmer der Tagung sprachen sich insbesondere für die Einbeziehung weiterer Überlieferungsformen wie Akten, Amtsbücher und Karten aus, was sowohl hinsichtlich der Technik als auch des Umfangs eine besondere Herausforderung darstellt. Die Diskussion über die weitere Ausgestaltung eines "virtuellen Archivs des Deutschen Ordens" ist durch die Ludwigsburger Tagung eröffnet worden und es bleibt spannend, die weiteren Entwicklungen zu verfolgen. Ein Tagungsbund soll zeitnah in einer Reihe des Landesarchivs Baden-Württemberg erscheinen.

Konferenzprogramm:

Robert Kretzschmar (Stuttgart): Grußwort

Maria Magdalena Rückert (Staatsarchiv Ludwigsburg): Einführung

Udo Arnold (Bad Münstereifel): Das Zentralarchiv des Deutschen Ordens in Wien – Entstehung, Urkundenbestände, Forschungsgrundlage

Georg Vogeler (Universiät Graz): Desiderate der Digitalen Diplomatik bei der Erforschung des Deutschen Ordens

Karl Heinz (Icarus, St. Pölten/Wien): ICARUS und seine Zielsetzung unter besonderer Berücksichtigung von monasterium.net

Francesco Roberg (Hessisches Staatsarchiv Marburg): Erschließung, Digitalisierung und Vernetzung der Urkundenbestände des Hessischen Staatsarchivs Marburg

P. Frank Bayard (DOZA Wien): Erfahrungen aus der Praxis des Deutschordens-Zentralarchivs nach der Digitalisierung der Bestände

Jörg Seiler (Frankfurt am Main): Das Mergentheimer Deutschordensarchiv und seine Auflösung

Helmut Flachenecker (Universität Würzburg): Die Forschungsstelle zur Erforschung des Deutschen Ordens an der Universität Würzburg

Kristjan Toomaspoeg (Universität Lecce): Die Urkunden des Deutschen Ordens in Italien

Andrzej Radziminski/Janusz Tandecki (Universität Thorn): Die Urkunden und Briefe des Deutschen Ordens in den polnischen Archiven (Thorn, Danzig, Alleinstein, Warschau)

Jürgen Sarnowsky/Joachim Laczny (Hamburg): Das Virtuelle Preußische Urkundenbuch und die Erschließung der preußischen Bestände des Deutschen Ordens

ZitierweiseTagungsbericht Das virtuelle Archiv des Deutschen Ordens. 11.04.2013–12.04.2013, Ludwigsburg, in: H-Soz-Kult, 26.07.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4941>.

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